PSYCHOLOGISCHE
DIAGNOSTIK
VON KANDIDATEN
FÜR DEN ORDENSSTAND
Immer mehr Einheiten in der Kongregation stellen
die Eignung ihrer Kandidaten mit der Hilfe
von Psychologen und psychologischen Testverfahren
fest. Da die meisten Ausbilder keine Psychologen
sind, sind sie eben auf die Hilfe von
Fachleuten angewiesen. So ist es vielleicht
nützlich, einige Richtlinien über die
Anwendung von psychologischen Testverfahren
in der Ausbildung vorzulegen. Die folgenden
Ausführungen möchten einige oft gestellte
Fragen und die Antworten darauf behandeln.
Der Aufsatz gliedert sich in zwei Teile: der erste Teil
bringt Fragen und Antworten, die in diesem
Zusammenhang für ein Ausbildungssekretariat,
für Ausbilder oder ein Ausbildungsteam
interessant sind. Der zweite Teil umreißt
die Erwartungen, die Ausbilder und Psychologen
teilen können.
1. Teil:
Häufig gestellte Fragen samt Antworten
für Ausbilder, Ausbildungsteams
und Ausbildungssekretariate
I. Was verstehen wir unter psychologischer Diagnostik?
Der Fachausdruck für psychologische Tests lautet
psychologische Diagnostik. Der Grund dafür liegt darin, dass
der Begriff „Diagnostik“ weiter gefasst
ist, weil die Ergebnisse von Tests immer
interpretiert werden müssen. Außerdem
weist „Diagnostik“ darauf hin, dass Tests
nicht das einzige Kriterium für das psychologische
Profil eines Kandidaten sind.
Es gibt verschiedene Kategorien von psychologischen Tests:
Ø
Leistungs- und Eignungstests: Leistungstests messen das Wissen über ein bestimmtes Wissensgebiet z.B.
Mathematik oder Rechtschreiben. Eignungstests
messen die Fähigkeiten auf einem bestimmten
Gebiet z.B. für ein Handwerk.
Ø
Intelligenztests messen die Intelligenz bzw. die grundsätzliche Fähigkeit, die Welt um sich
zu verstehen, wie sie funktioniert in
sich aufzunehmen und dieses Wissen zur
Verbesserung der Lebensqualität anzuwenden.
Ø
Berufseignungstests vergleichen die Interessen des Kandidaten mit den Interessen von Menschen
in bestimmten Berufslaufbahnen.
Ø
Persönlichkeitstests messen die Persönlichkeitseigenschaften. Zwei der bekanntesten Persönlichkeitstests
sind das MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory), das aus mehreren Hunderten
von „Ja/Nein“ Fragen besteht und der Rorschach-Test
(Tintenkleckstest), der aus 10 Tafeln
mit speziell aufbereiteten Tintenklecksmustern
besteht, die man beschreiben muss.
Ø
Spezielle klinische Tests messen bestimmte klinische Werte, etwa den aktuellen Grad der Angst oder
der Depression.
Ø
Tiefeninterviews decken mehr die Erfahrungen und die Geschichte eines Menschen auf.
Zur Feststellung der Eignung von Kadidaten für das
Ordensleben verwendet man nur Persönlichkeitstests,
Intelligenztests, Berufseignungstests
und Tiefeninterviews. Wegen besonderer Wünsche von Ausbildern herrscht
manchmal auch die Nachfrage nach Leistungs-
und Eignungstests, z.B. für Brüderkandidaten.
Dann wieder werden wegen Lern- oder Leseschwächen
spezielle Tests verlangt.
Man muss sich klar vor Augen halten, dass psychologische
Tests häufig kulturellen
Einflüssen
unterliegen. Das trifft vor allem auf Persönlichkeits-
und Intelligenztests zu. Bei der Durchführung
von Tests muss man auch darauf achten,
dass „culture fair“ Testverfahren zur
Anwendung kommen. Psychologische Testverfahren
sollten nach Möglichkeit immer in der
Muttersprache des Kandidaten sein. Wenn
das nicht möglich ist, zieht man Tests
heran, die als kulturunabhängig gelten,
bzw. sich bemühen, interkulturelle Einflüsse
zu berücksichtigen. Solche Tests sollten
vor Tests den Vorrang haben, die den Kandidaten
wegen Fremdsprachigkeit oder wegen kultureller
Verschiedenheit benachteiligen.
Manche Ausbilder halten den Myers Briggs Inventory oder
das Eneagramm
irrtümlich für einen psychologischen Test.
Diese Tests können zwar zur Erlangung
von Selbsterkenntnis recht hilfreich sein,
sind aber im Rahmen einer psychologischen
Diagnostik unbrauchbar. Der Myers Briggs
Inventory wird „ipsativer“ (intraindividueller)
Test genannt. Er basiert auf der Selbstwahrnehmung
und nicht auf Normen. Mit anderen Worten:
er basiert nicht auf Feldforschung sondern
auf der Theorie Jungs. Das Eneagramm kommt
von einer philosophischen Grundlage und
ist kein wissenschaftliches Instrument.
Das heißt natürlich nicht, dass sie in
einem anderen Zusammenhang nicht ihren
Wert haben, in der psychologischen Diagnostik
mangelt es ihnen aber an strenger Wissenschaftlichkeit.
II. Worin liegt der Zweck einer psychologischen Diagnostik?
Der Hauptzweck der psychologischen Diagnostik liegt
in der Ermittlung des Grads der Anpassung,
Reife und Motivation eines Kandidaten.
Sie sucht die Antwort auf die Frage: Ist
der Kandidat intelligent genug, reif genug
und genügend angepasst und motiviert,
um das Ordensleben auf sich zu nehmen?
Unter der Voraussetzung, dass „die Gnade
auf der Natur aufbaut“, kann die psychologische
Diagnostik die Eignung dieser ganz bestimmten
„Natur“ für ein Wachstum in der „Gnade“
messen (frei übersetzt nach Dr. J. Gill SJ).
Die psychologische Diagnostik kann auch die Stärken,
unterentwickelten Stärken und Schwächen
der Persönlichkeit eines Kandidaten zeigen.
Das kann sich besonders dann als nützlich
erweisen, wann man die weitere Entwicklung
eines Kandidaten am Beginn der Erstinformation
planen will.
Manche erwarten sich von der psychologischen Diagnostik
zu viel, während andere wieder darin nichts
Anderes als eine Pflichtübung sehen. Wahrscheinlich
liegt der Nutzen irgendwo in der Mitte.
Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die
bei der Aufnahme eines Kandidaten in eine
Ordensgemeinschaft berücksichtigt werden
müssen. Die Ergebnisse der psychologischen
Diagnostik sind dabei nur eine Entscheidungshilfe.
Wenn ein Test richtig durchgeführt und
ausgewertet wird, kann er Auskünfte geben,
die sonst nirgends zu bekommen sind. Persönliche
Beobachtungen können ergänzt und Motivationen
können bewertet werden.
Ein psychologischer Test kann helfen, den Grad der Entwicklung,
der Reife, der Anpassung, der Familieneinflüsse
auf die persönliche oder soziale Entwicklung
und der sexuellen Integration festzustellen.
Ferner kann er auch helfen festzustellen,
welches Identitätsgefühl ein Mensch bereits
entwickelt hat, und welches Selbstbild
er in etwa hat. Ein psychologischer Test
kann nie für sich allein stehen, er muss
immer von den Berichten von Menschen modifiziert
werden, die den Bewerber kennen oder mit
ihm zusammengelebt haben. Dazu kommen
persönliche Dokumente, persönliche Interviews,
sein spirituelles Leben, seine religiösen
Gewohnheiten und sein Berufungsverständnis.
III. Auf welcher Ausbildungsstufe ist die psychologische Diagnostik sinnvoll?
Manche Einheiten der Kongregation halten mehrere psychologische
Tests am Beginn der Erstausbildung für
durchaus nützlich. Manche Ausbildungssekretariate
und Ausbilder halten einen mehr allgemeinen
Test vor der Aufnahme ins Postulat für
sinnvoller. Dieser Test würde aus einem
Gespräch zur Feststellung der Motivation
und der grundsätzlichen psychischen Gesundheit
bestehen. Dann würde es vor dem Eintritt
ins Noviziat oder der Ablegung der zeitlichen
Gelübde einen umfangreicheren Test geben.
Manche Einheiten wieder führen einen weiteren
Test während der Theologie durch, um zu
sehen, auf welcher Stufe der Entwicklung
der Student steht, und auf welchem Gebiet
es noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt.
Man darf jedoch nicht vergessen, dass
eine psychologische Diagnostik eines 19-
oder 20-Jährigen noch keine genaue Aussage
über seine Persönlichkeitsstruktur im
Alter von 24 oder 25 Jahren macht. Die
Menschen verändern sich dramatisch im
frühen Erwachsenenalter und man kann nur
hoffen, dass die Ausbildung einen positiven
Anteil daran hat. Ein zweiter Test kann
helfen, diese Veränderungen wahrzunehmen
und neue Ziele für die weitere persönliche
Entwicklung vorzuschlagen sowie Stärken,
Begabungen und etwaige Problemfelder aufzuzeigen.
IV. Was sollte ein solider psychologischer Test
beinhalten?
Ein solider psychologischer Test sollte folgende Punkte
beinhalten:
Ø
Einen Blick auf die Herkunftsfamilie (Gesundheit, Beziehungsmuster), vor
allem das Verhältnis des Kandidaten zu
seiner Familie und seinen Eltern;
Ø
eine ausführliche Geschichte der sexuellen Entwicklung des Kandidaten und
seine Fähigkeit zu gesunden zwischenmenschlichen
Beziehungen;
Ø
eine Bestandsaufnahme seiner religiösen Erfahrung, Praxis und der Entwicklung
seiner Berufung zum Ordensstand;
Ø
den Ansatz, seine Motivation nachzuvollziehen;
Ø
eine Erhebung der emotionalen Stabilität, intellektuellen Fähigkeiten und
persönlichen Reife des Kandidaten;
Ø
einen Blick auf die Stärken und Begabungen der Persönlichkeit;
Ø
einen Überblick über die Entwicklungsmöglichkeiten und Problemfelder.
V. Wie schaut ein typischer psychologischer Test
aus?
Ein typischer psychologischer Test hat folgende drei
Merkmale:
1. Tiefeninterviews
o
Über die Herkunftsfamilie
§
Frühere/jetzige Gesundheit der Familie?
§
Welches Verhältnis bestand zwischen den eigenen Eltern und deren Eltern?
Ist der Kandidat ein außereheliches Kind?
§
Gab es Probleme in der Familie – Alkoholismus, Scheidung, Trennungen, Tod
von Geschwistern, von Eltern, etwaige
Geisteskrankheiten?
§
Elterlicher Kommunikationsstil und Disziplin
zuhause?
§
Religiöse Praxis und religiöse Praktiken zuhause?
§
Wie ist das Verhältnis zur Mutter? Zum Vater?
§
Welche Rolle spielte der Kandidat in der Familie?
§
Hat er sich von seiner Familie getrennt, und sein Leben selbst in die Hand
genommen?
o
Psychosexuelle Entwicklung
§
Ausführliche Geschichte der sexuellen Entwicklung
§
Gibt es in dieser Geschichte etwas außerhalb der Norm – z.B. Missbrauch,
sexuell zu aktive oder asexuelle Verhaltensweisen?
§
Kennt er seine sexuellen Anziehungsmuster?
§
Qualität der Beziehungen zu Freundinnen, Freunden?
§
Einstellung zu Frauen?
§
Was bedeutet es ihm, ehelos zu sein?
o
Religiöse Erfahrungen und Praktiken
§
Darstellung der religiösen Praxis, Gebetsleben, sakramentales Leben, Stabilität
im Glaubensleben
§
Irgendwelche mystische Erlebnisse? (Vorsicht vor ausgefallenen religiösen
Erlebnissen oder unreifem Mystizismus)
§
Wie versteht er seine Berufung?
§
Seine Einstellung zur Autorität
o
Motivation
§
Warum möchte er ein Ordensmann werden?
§
Wie sieht er das Ordensleben? Welches Kirchenbild hat er?
§
Warum will er das Ordensleben gerade jetzt?
§
Hat er versucht, in eine andere Gemeinschaft oder ins diözesane Priesterseminar
einzutreten? Warum ist er ausgetreten?
§
Möchte er den Menschen helfen, ist ihm die soziale Gerechtigkeit ein Anliegen?
§
Was hat er bis jetzt gearbeitet – Schulden?
§
Wenn er von der Gemeinschaft abgewiesen
würde, wie würde er sich fühlen, was tun?
§
Hat er schon im Team gearbeitet?
o
Erhebung des Gesundheitszustandes
2. Durchführung psychologischer Tests
o
Mindestens zwei standardisierte Persönlichkeitstests – mit Normen, die von
der Kultur des Kandidaten ausgehen.
o
Ein Test über die intellektuellen Fähigkeiten (culture
fair Test) und
o
nach Möglichkeit ein projektiver Test (z.B. Rorschachtest)
3. Nachbesprechung
o
Befund mit dem Kandidaten besprechen
o
Diese Besprechung schriftlich bestätigen lassen
o
Weitergabe des Befunds an den Ausbilder oder das Ausbildungsteam, Treffen
mit ebendiesen, falls notwendig
VI. Welche psychologischen Sachverhalte stehen einer Aufnahme entgegen
oder lassen Zweifel aufkommen?
Folgende
Sachverhalte würden in den meisten Fällen
einer Aufnahme entgegenstehen:
1. Klinische Störungen
– Epilepsie muss im Allgemeinen genauer
abgeklärt werden, um ihren Ernst und den
Umgang mit ihr festzustellen. Man wird
keinen Kandidaten aufnehmen, wenn es früher
psychotische Schübe, manisch-depressive
Zustände, Schizophrenie oder vorpsychotische
Zustände gegeben hat (vorpsychotische
Zustände können an überfrommen Aktivitäten
und abgekapselten, exzentrischen Verhaltensweisen
zu erkennen sein).
2. Persönlichkeitsstörungen
– schwere Persönlichkeitsstörungen sollten
einer Aufnahme entgegenstehen, insbesondere
dissoziale Persönlichkeitsstörungen, zwanghafte
Persönlichkeitsstörungen und Skrupulosität.
Essstörungen sind problematisch.
3. Alkoholismus,
Drogensucht, Spielsucht, Kaufsucht oder
Kreditkartensucht
4. Sexuelle Schwierigkeiten
– aktives homosexuelles oder heterosexuelles
Verhalten, von der Norm abweichende sexuelle
Handlungen, z.B. Internet Pornographie,
Transvestitismus, Fetischismus.
Zweifel bestehen in folgenden Fällen:
5. Z.B. zwischenmenschliche
Beziehungen, die von Feindseligkeit oder
Angst geprägt sind; passiv aggressives
Verhalten; keine Impulskontrolle; Schwierigkeiten
im Umgang mit dem Zorn; überempfindliche
und misstrauische Persönlichkeit; Schwierigkeiten
mit der Arbeitsmoral, beständige Arbeitslosigkeit.
VII. Welche Fragen müssen einem Psychologen vorher gestellt werden?
Ausbilder oder Ausbildungsteam müssen sich in etwa darüber im Klaren sein,
was sie sich von einem Psychologen erwarten.
Es gibt Fragen, die der Ausbilder dem
Psychologen stellen muss, bevor er ihm
ein Gutachten über einen Kandidaten in
Auftrag gibt. Klarheit darüber, was gewünscht
wird, und was sich ein Ausbilder oder
ein Ausbildungsteam vom Gutachten erwarten,
ist für einen psychologischen Test unbedingt
notwendig. Der Ausbilder bestimmt den
Umfang und die Ausführlichkeit des Tests
und NICHT
der Psychologe. Sie müssen also wissen,
was Sie wollen, und wenden Sie sich an
jemanden, der Ihr Vertrauen besitzt.
Dabei könnten Ihnen folgende Fragen eine Hilfe sein:
Hat der Psychologe seine Schwierigkeiten,
Kandidaten für das Ordensleben zu begutachten?
Hat er irgendwelche Vorurteile
gegen das Ordensleben?
Wie macht er die psychologischen
Tests?
Führt er auch Tiefeninterviews
und standardisierte Tests durch?
Wird es auch ein schriftliches
Gutachten am Ende des Verfahrens geben?
Ist der Psychologe bereit, eine
Befragung über die Herkunftsfamilie zu
machen, eine psycho-sexuelle Bestandstaufnahme
durchzuführen und einen Blick auf die
Motivation für das Ordensleben und auf
die psychische Qualität der religiösen
Erfahrungen zu werfen (Einzelheiten sind
im Allgemeinen nicht für das Gutachten
bestimmt sondern für den Psychologen für
die klinische Diagnose).
Ist der Psychologe bereit, einen
Intelligenztest und einen Persönlichkeitstest
zu machen?
Kann der Psychologe die emotionale
Stabilität, die psychische Reife, die
Motivation, die Beziehungsfähigkeit, das
Verhältnis zu Vorgesetzten, die Flexibilität
und die Anpassungsfähigkeit des Kandidaten
in seinem Gutachten behandeln?
Ist der Psychologe auch bereit,
die Stärken und Schwächen der Persönlichkeit
und die Entwicklungsbereiche aufzuzeigen?
Ist der Psychologe bereit, die
Testresultate am Ende des Verfahrens mit
Ihnen und dem Kandidaten durchzugehen?
VIII. Worauf sollten Sie in einem psychologischen
Gutachten achten?
Zuallererst: Lassen Sie sich von
einem psychologischen Gutachten und etwaigem
Fachchinesisch nicht einschüchtern.
Vergessen Sie nicht, dass alle
allgemeinen Richtlinien für einen Test
nur einen bestimmten Bereich abdecken.
Verlangen Sie, dass das Gutachten
IHRE Anliegen und Fragen behandelt.
Wahrt das Gutachten die Privatsphäre,
indem es auf zu viele Informationen über
die Familiengeschichte, die Geschichte
der sexuellen Entwicklung oder religiöse
Erfahrungen verzichtet? Es sollte ausreichen,
dass wichtige Bereiche abgedeckt werden
und dass nur angegeben wird, was für eine
fundierte Diagnose notwendig ist.
Stimmt das Gutachten mit Ihrer
Kenntnis des Kandidaten überein?
Enthält das Gutachten Informationen,
die SIE brauchen können?
Beantwortet das Gutachten IHRE
Fragen über die Eignung des Kandidaten
für das Ordensleben?
Hilft Ihnen oder bestärkt Sie das
Gutachten bei der Entscheidung, einen
Kandidaten aufzunehmen?
Enthält das Gutachten Empfehlungen
für Entwicklungsbereiche oder ausbaufähige
Stärken, die man als persönliche Ziele
in die Ausbildung hereinnehmen könnte?
Zum Schluss sei noch angemerkt,
dass psychologische Tests als Hilfen für
die Ausbilder gedacht sind. Sie machen
keine absolut genauen Aussagen über eine
Person, sondern sind nur mehr oder weniger
genaue Hypothesen. Man benötigt Informationen
aus vielen Quellen, wenn man über die
Aufnahme eines Kandidaten für das Ordensleben
entscheiden muss. Wie überall in der Medizin
oder in der Psychologie gibt es mehr als
eine Schlussfolgerung aus denselben Daten.
Es gehört zur Verantwortung des Ausbildungsteams,
die psychologischen Tests klug und weise
und mit dem entsprechenden Hausverstand
zu verwenden.
2. Teil:
Informationen, die ein Ausbildungssekretariat
oder ein Ausbilder
dem Psychologen, der einen Test durchführt,
geben soll
I. Bereiche, die in einem psychologischen Test vorkommen sollten
Ø
Ein Blick auf die Herkunftsfamilie (Gesundheit und die Beziehungsmuster),
insbesondere das Verhältnis des Kandidaten
zu seiner Familie und zu seinen Eltern.
Ø
Eine Geschichte der sexuellen Entwicklung und eine Analyse einer gesunden
Beziehungsfähigkeit des Kandidaten.
Ø
Eine Bestandsaufnahme der religiösen Erfahrungen, der religiösen Praxis
und der Entwicklung der Berufung zum Ordensleben.
Ø
Das Bemühen, die Motivation des Kandidaten zu verstehen.
Ø
Die Erhebung der emotionalen Stabilität, der geistigen Fähigkeiten und der
personalen Reife.
Ø
Ein Blick auf persönliche Stärken und Begabungen.
Ø
Eine Aufstellung der Wachstumsbereiche und der Problembereiche.
Ø
Um zu Ergebnissen in diesen Themenbereichen zu kommen, sind strukturierte
Tiefeninterviews notwendig, ferner mindestens
zwei standardisierte Persönlichkeitstests,
deren Normen von der Kultur des Kandidaten
ausgehen, sowie eine Bewertung der intellektuellen
Fähigkeiten des Kandidaten. Am Ende der
Testreihe soll es ein schriftliches Gutachten
geben. Besprechen Sie das Gutachten mit
dem Kandidaten, lassen Sie sich diese
Besprechung schriftlich bestätigen und
geben Sie das Gutachten an die zuständige
Obrigkeit weiter. Falls notwendig oder
gewünscht, können Sie ein Treffen zwischen
der Obrigkeit und dem Kandidaten arrangieren.
II. Bereiche, die der Psychologe beim Kandidaten
prüfen sollte
Ø
Emotionale Stabilität – die Fähigkeit, mit dem Alltagsstress fertig zu werden,
Ausgeglichenheit, innere Zufriedenheit;
nicht ständig voller Probleme, voll Unruhe
und voller Sorgen; gute Kontrolle der
Wünsche und Gefühle; fröhlich und optimistisch;
guter Sinn für Humor; Selbstakzeptanz;
weiß, was geändert, was angenommen werden
muss; gesunde Einstellung zum Leben und
zur Sexualität.
Ø
Psychische Reife – lebt als Erwachsener; ein guter Arbeiter; kann Entscheidungen
treffen; ist bereit, die Verantwortung
für seine Entscheidungen zu übernehmen,
kann initiativ werden; für das Ordensleben
geeignete Führungsqualitäten; flexibel,
kann zuhören, ist änderungsbereit; besitzt
ein gewisses Maß an Unabhängigkeit; Sinn
für Zweck und Ziel des Lebens; anpassungsfähig;
kann Änderungen mit Gleichmut auf sich
nehmen; nondefensiv. Wie offen und transparent
ist er? Wie flexibel ist er?
Ø
Motivation – eine gesunde lebendige Spiritualität; Hochherzigkeit; kann
sich, seine Zeit, seine Arbeit schenken;
offen und ehrlich; gesundes Verhältnis
zur Autorität; arbeitswillig; kann etwas
zu Ende führen; Transparenz.
Ø
affektive Beziehungsfähigkeit – echtes Interesse an den Menschen und ihren
Problemen; Zartgefühl und Sorge für andere;
menschliche Wärme; akzeptiert andere;
zugänglich und liebenswürdig; kann Gedanken
und Gefühle mitteilen; kann etwas für
sich behalten.
Ø
Intelligenz – ein bestimmtes Minimum an intellektuellen Fähigkeiten; Hausverstand;
Klugheit; Fähigkeit zu überlegen; schöpferisch
zu sein; vielseitig interessiert; kulturell
gebildet.
Ø
Gutes Urteilsvermögen – Fähigkeit, eine Lage ausgewogen zu beurteilen; Fähigkeit,
allgemeine Prinzipien anzuwenden; lässt
sich von emotionalem Druck nicht mitreißen;
praktisch und taktvoll.
Ø
Körperliche Gesundheit – zur Verrichtung von Arbeiten ausreichend gesund.
III.
Bereiche, die in einer psychologischen
Diagnostik nützlich sein können
Ø
Wichtige Punkte der Untersuchungsergebnisse hervorheben
Ø
Vermeiden Sie zu viele Einzelheiten über die Familiengeschichte, die Geschichte
der sexuellen Entwicklung oder der religiösen
Erfahrungen. Es genügt, wichtige Bereiche
aufzuzeigen und nur anzugeben, was für
ein sicheres Urteil notwendig ist.
Ø
Die Resultate und Punkte der Intelligenztests
Ø
Die Resultate und Auswertung aller Persönlichkeitstests und strukturierten
Interviews anführen
Ø
Ist der Kandidat Ihrer Meinung nach für das Ordensleben geeignet?
Ø
Beziehen Sie Empfehlungen für Entwicklungsbereiche oder ausbaufähige Stärken,
die man als persönliche Ziele in die Ausbildung
hereinnehmen kann, mit ein.
Schlussbemerkungen
Das Ausbildungssekretariat und das Ausbildungsteam
möchten vielleicht festlegen, wer zu den
psychologischen Tests eines Kandidaten
Zugang hat, und wie lange das Gutachten
in den Akten aufbewahrt wird. In manchen
Ländern ist der Zugang gesetzlich geregelt,
und nur wer in einer Berechtigungserklärung
ausdrücklich genannt ist, kann das Gutachten
lesen oder eine Kopie erhalten. Dies gilt
für die ganze Zeit, in der ein Gutachten
beim persönlichen Akt bleibt. Klare Regeln
können den Missbrauch psychologischer
Gutachten hintanhalten und den guten Namen
eines Kandidaten schützen. Im Allgemeinen
ist ein psychologisches Gutachten für
das Ausbildungsteam bestimmt und nicht
für den Provinzial und seinen Rat. Doch
hat der Provinzial das Recht zu wissen,
dass eine psychologische Diagnostik erfolgt
ist, und ob wichtige Bereiche abgedeckt
wurden oder nicht. Eine Niederschrift
über diese Mitteilung des Ausbildungsleiters
kann – und in manchen Fällen sollte
– in den Akt des Kandidaten aufgenommen
werden.
Das Ausbildungsteam hat verschiedene Möglichkeiten,
was es nach Erhalt eines Gutachtens über
einen Kandidaten tun kann. Um die psychologische
Diagnostik voll auszunützen, sollten der
Ausbildungsleiter und der Kandidat auf
der Grundlage des Gutachtens sich Ziele
für die weitere Entwicklung setzen und
sich überlegen, in welcher Weise man auf
den vorhandenen Stärken aufbauen könnte.
Der Ausbildungsleiter kann auch bestimmen,
in welcher Weise der Kandidat im Umgang
mit seinen Schwächen zu begleiten sei.
Eine ausführliche Behandlung dieser Themen
würde den Rahmen der vorliegenden Ausführungen
übersteigen. Die Bezugnahme auf andere
Kapitel dieses Manuales über geistliche
Begleitung, Kolloquien und die Erstellung
von Plänen für die persönliche Weiterentwicklung
könnte eine nützliche Hilfe sein.