Generalsekretariat
für die
Aus- und Weiterbildung

 

Hinführung zur Ehelosigkeit:
Entwurf eines Programms

Einleitung

Während der letzten Jahre ist die Hinführung zur Ehelosigkeit zu einem großen Anliegen in der Hinführung junger Männer zum Ordensleben und zum priesterlichen Dienst geworden. Der Vatikan hat empfohlen, dieses Anliegen in jedes Ausbildungsprogramm aufzunehmen. Es ist auch zu einem wichtigen Teil seiner Visitationen von Seminarien geworden.

Die Ratio Formationis Generalis enthält Leitlinien für die Hinführung zu unserem apostolischen Leben als Redemptoristen, einschließlich der Hinführung zur Ehelosigkeit. Ein spezielles Konzept zum Entwurf eines derartigen Programms wurde jedoch nicht vorgelegt. Das muss durch das Ausbildungssekretariat jeder (Vize)Provinz bei der Erstellung ihrer eigenen Ratio Formationis erfolgen.

Dies ist eine der großen Herausforderungen, vor der sowohl die Ausbilder als auch die Auszubildenden in der ganzen Kongregation stehen. Wir sind uns bewusst, dass der Umgang mit der Sexualität von Kultur zu Kultur verschieden ist. In manchen Gesellschaften steht die Sexualität stark im Vordergrund des Bewusstseins und es hat den Anschein, dass das schon im frühen Alter beginnt. In wieder anderen Gesellschaften ist die Sexualität reine Privatsache, die nur mit wenigen geteilt wird. Aber es gibt auch Gesellschaften, in denen die Ehelosigkeit keinen kulturellen Wert besitzt und sexuelle Beziehungen offen propagiert werden.

Wo soll man anfangen? Was soll ein Ausbildungsprogramm enthalten? Was ist angebracht, was nicht? Was fällt in die Kompetenz des geistlichen Begleiters bzw. des Beichtvaters? Wird in erster Linie nur informiert oder geht es auch um die Integration der Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit? Solche und ähnliche Fragen werden in Diskussionen mit Ausbildnern immer wieder aufs Tapet gebracht.

Das Generalsekretariat kann kein Programm entwerfen, das für alle Kandidaten in den vielen Kulturen, in denen die Kongregation lebt, geeignet ist. Es herrscht aber allgemeine Übereinstimmung darüber, dass ein Gesamtprogramm für die Erziehung zur Ehelosigkeit Folgendes zu enthalten hat:

a.   Eine unverkrampfte Einstellung zur menschlichen Sexualität und ein gesundes Empfinden für sie (im Abschnitt I gibt es einige Anregungen)

b.   Ehelosigkeit und Keuschheit im Verständnis der kirchlichen Lehre, des Ordenslebens und unserer Konstitutionen mit Schwerpunkt auf Lehre, Spiritualität und Praxis (im Abschnitt II gibt es einige Anregungen für eine mögliche Umsetzung)

c.   Eine unverkrampfte, der Ehelosigkeit angemessene, Einstellung zur menschlichen Nähe und ein gesundes Empfinden für sie (im Abschnitt III gibt es einige Anregungen)

-    in der Gemeinschaft

-    gegenüber Männern und Frauen

-    im Dienst

d.   Praktische und berufliche Grenzen in der Gemeinschaft, in Freundschaft und Dienst - einschließlich beruflicher Qualitäten (was das heißt und wie das Thema anzugehen ist, wird im Abschnitt IV erklärt)

e.   Konkretes Erleben der Ehelosigkeit und Keuschheit in der Kongregation sowohl in der Gemeinschaft als auch im Dienst (Anregungen dazu gibt es in Abschnitt V)

Es liegt in der Gesamtverantwortung der Ausbilder auf den verschiedenen Stufen, dafür zu sorgen, wie diese Hinführung zur Ehelosigkeit erfolgen kann. Ein einziger Ausbilder kann jedoch nicht für das ganze Programm verantwortlich sein. Viele Aspekte dieser Hinführung sollten eher von außenstehenden Fachleuten, wie von Ärzten, Krankenpflegern, Psychologen oder diplomierten Sozialarbeitern behandelt werden. Wir empfehlen dringend, gut ausgebildete Fachleute beizuziehen, wo es geboten ist – aber immer unter der Aufsicht der Ausbilder.

Es scheint angebracht, dass ein Fachmann den Stoff über eine unverkrampfte Einstellung zur menschlichen Sexualität und ein gesundes Empfinden für sie vorträgt (Abschnitt I A). Es wäre günstig, auch für die Abschnitte I B und I C Fachleute beizuziehen – obwohl Teile dieses Stoffes am besten von den Ausbildern selbst vorgetragen werden. Viele Einheiten haben es gut gefunden, den hier genannten Stoff im Zusammenspiel von Fachleuten und dem Ausbildungsteam sowie in internen Konferenzen und interreligiösen Workshops zu vermitteln.

Das nachstehende Lehrprogramm ist in die vorhin genannten fünf Abschnitte gegliedert. Diese sollen eine Hilfe zur Ausarbeitung eines eigenen Programms und Lehrplans sein. Sie können dem Ausbildungssekretariat der (Vize)Provinz helfen, festzulegen, welche Elemente wann, wie und von wem ins Ausbildungsprogramm der Einheit aufgenommen werden können.

Dieses Programm ist nicht nur für eine Stufe gedacht, sondern sollte fortschreitend die gesamte Ausbildung durchdringen. Die verschiedenen Stufen sollten verschiedene Elemente des Programms schwerpunktmäßig behandeln. Solcherart beginnt eine behutsame schrittweise Hinführung zur Ehelosigkeit im Postulat, wird während des Noviziats vertieft, und in den Jahren nach der zeitlichen Profess und während der Vorbereitung auf den Dienst mehr und mehr in die Persönlichkeit der Auszubildenden integriert.

Es besteht die Hoffnung, dass die Ausbildungsschritte dieses Programms vom Allgemeinen zum Spezifischen in den Kandidaten das Vertrauen und den Mut wecken, sich offener über diese Dimension unseres Ordenslebens mitzuteilen. Es kann ihnen auch bei der Aneignung des entsprechenden Vokabulars für eine adäquate Ausdrucksweise eine Hilfe sein. Es geht allerdings nicht darum, die Kandidaten mit Wissen voll zu stopfen, sondern dass die Kandidaten dieses Wissen in ihr Leben in Ehelosigkeit und Keuschheit integrieren.

VORSCHLAG EINES LEHRPROGRAMMS

Abschnitt I: Eine unverkrampfte Einstellung zur                       menschlichen Sexualität und ihre
                      richtige Bewertung

Dieser Abschnitt könnte enthalten:

A.  Basiswissen über Physiologie und Biologie – könnte von einem Arzt vorgetragen werden

B.  Begriffe – könnten ebenfalls von einem Arzt vorgetragen werden

Ø      GESCHLECHT UND GESCHLECHTLICHKEIT – Was ist der Unterschied?

Ø      SEXUELLE ENTWICKLUNG UND GENDER ENTWICKLUNG – Wie entwickelt sich unsere Sexualität? Besteht ein Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Ø      EMOTIONALE NÄHE UND SEXUALITÄT – Was versteht man unter „emotionaler Nähe“? Gibt es emotionale Nähe ohne Sexualität?

Ø      SEXUELLE ORIENTIERUNG – Was versteht man darunter?

Ø      SEXUELLE SCHWIERIGKEITEN UND STÖRUNGEN – Was für sexuelle Schwierigkeiten und Störungen kann es geben?

C.  Psychosexuelle Entwicklung - könnte von einem Fachmann für Entwicklungspsychologie im Ausbildungsteam vorgetragen werden.

a)   Psychosexuelle Entwicklung und pränatales Leben

Einstellung der Familie zur Sexualität

Einstellung der Eltern

Schwangerschaft, Wehen und Geburt

b)   Psychosexuelle Entwicklung in der Kindheit

c)   Psychosexuelle Entwicklung im Jugendalter

Erwachen – sexuelle Aufklärung

Sexuelle Phantasien und körperliche Reaktionen

Masturbation

Psychische Veränderungen und äußere Erscheinung

Beziehungen – sich verlieben

Sexuelles Trauma bzw. sexueller Missbrauch

Sexuell übertragbare Krankheiten und AIDS

d)   Psychosexuelle Entwicklung im Erwachsenenalter

Psychosexuelle Reife

Integration

Geschlechtliche Ausdrucksformen

Emotionale Nähe

e)   Sexuelle Orientierung

Asexualität – Menschen mit geringem oder keinem sexuellen Verlangen

Heterosexualität

Homosexualität

Bisexualität

f)    Psychosexuelle Probleme

Sexueller Missbrauch durch Geistliche

Flucht vor der Sexualität – (Internet, Pornographie usw.)

D.  Sexualität und Ehelosigkeit im sozio-kulturellen Kontext der Kandidaten – dieser Abschnitt könnte von einem Anthropologen, Soziologen oder Sozialarbeiter gemeinsam mit dem Ausbildungsteam behandelt werden.

Gesellschaftliche Einstellungen zur Sexualität

-   der Einfluss der Kultur und von Familientraditionen

-   der Einfluss von Gleichaltrigen

-   der Einfluss der Medien, der Pornographie, des Internets

Wie sie unsere Einstellung zur Sexualität beeinflussen

Wie sie die Art und Weise unseres ehelosen Lebens beeinflussen

Abschnitt II: Ehelosigkeit und Keuschheit

Lehre der Kirche, Ordensleben und unsere Konstitutionen mit Schwerpunkt auf Lehre, Spiritualität und Praxis

Die Vorschläge hier können durchaus erweitert werden:

1)   Ehelosigkeit außerhalb des Christentums

-     die Ehelosigkeit in verschiedenen Religionen (z. B. Hinduismus, Buddhismus)

2)   Ehelosigkeit in der Bibel

-     Sexualität und Ehelosigkeit im jüdischen Volk

-     Sexualität und Ehelosigkeit in den Evangelien (Mt 19)

-     Ehelosigkeit im Hinblick auf die Parusie (Briefe des hl. Paulus)

3)   Ehelosigkeit in Lehre und Praxis der Kirche

-     Entwicklung im frühen Christentum

-     Ehelosigkeit in der Westkirche und in der Ostkirche

-     Ehelosigkeit und Priesterweihe

4)   Ehelosigkeit, Keuschheit u. Jungfräulichkeit im Ordensleben u. Priestertum

5)   Die tiefe Bedeutung der Ehelosigkeit

-     Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen

-     das Kreuz und Glück der Ehelosigkeit

-     die Ehelosigkeit als Zeugnis der Auferstehung

6)   Ehelosigkeit und Keuschheit in unseren Konstitutionen

7)   Gemeinschaft und Freundschaft als Stützen der Ehelosigkeit

Abschnitt III: Emotionale Nähe und Ehelosigkeit

Eine unverkrampfte Einstellung zur menschlichen Sexualität und ihre richtige der Ehelosigkeit entsprechende Bewertung – in der Gemeinschaft, mit Männern und Frauen und im Dienst

1)   Sexualität, emotionale Nähe und Ehelosigkeit

was emotionale Nähe ist und was nicht

reife und unreife emotionale Nähe

Sex und emotionale Nähe

Vertrauen und Selbstoffenbarung

Freundschaft

Sexuelle Spannungen zwischen Personen, die eng zusammenarbeiten

Fragen von Herrschaft und Abhängigkeit

Pornographie und falsche emotionale Nähe

Konflikt und emotionale Nähe

2)   Als Eheloser lieben

Einsamkeit und Zurückgezogenheit

3)   Emotionale Nähe und die redemptoristische Gemeinschaft

Konstitutionen und Statuten 21, 22 und 34

4)   Emotionale Nähe und Spiritualität

religiöse Bilder der emotionalen Nähe

Nähe zu Gott

Entwicklung einer Spiritualität der Ehelosigkeit und Keuschheit

Abschnitt IV: Berufliche und persönliche Grenzen

Praktische und berufliche Grenzen in der Gemeinschaft, in Freundschaft und Dienst – einschließlich beruflicher Qualitäten

1)   Berufliche und persönliche Grenzen

Priestertum und Ordensleben als Beruf und Lebensart

berufliche Beziehungen und Grenzen

persönliche Beziehungen und Grenzen

2)   Sexuelle Verfehlungen von Priestern mit Kindern und Jugendlichen

3)   Sexueller Missbrauch in der Kirche

die Verabscheuungswürdigkeit der Sexualverbrechen

Pädophilie (sexuelle Neigung Erwachsener zu Kindern und sexuelle Handlungen an ihnen)

Ephebophilie (sexuelle Neigung Erwachsener zu Jugendlichen und sexuelle Handlungen mit ihnen)

Besprechung von Protokollen über sexuelle Verfehlungen in der (Vize)Provinz

Therapie und Wiederaufnahme des Dienstes

5)   Die Folgen des Kindesmissbrauchs

6)   Berufliche Grenzen – Verfehlungen mit Erwachsenen

Berührungen, Umarmungen – gute, schlechte Berührungen

sexualisiertes Verhalten – Ungleichgewicht der Kräfte

berufliche Beziehungen und Freundschaften – das Beziehungskontinuum

duale Beziehungen

Verhalten, das zu Grenzverletzungen führen kann

Prävention

Abschnitt V: Erleben der Ehelosigkeit

Konkretes Erleben von Ehelosigkeit und Keuschheit in der Kongregation sowohl in der Gemeinschaft als auch im Dienst

1)   Die ersten fünf Jahre im Dienst

die erste Begeisterung – die Wichtigkeit der Betreuung

Ernüchterung – Einsamkeit, das Gefühl nicht geschätzt zu werden, Missverständnisse mit den Oberen, Schwierigkeiten in der Gemeinschaft, Burn-out-Syndrom, Überarbeitung

Zufriedenheit im Dienst

ein reiches Gebetsleben, Eucharistiefeiern, Predigttätigkeit, Zusammenarbeit mit Priestern und Laien, Unterstützung der Mitbrüder und Erfahrungsaustausch bei gemeinsamen Treffen, ein ausgewogener Lebensstil, psychische Hygiene (Wissen um die Zusammenhänge zwischen Geist und Seele und die Methoden, sich seelisch gesund zu erhalten)

2)   Konflikte bezüglich der Keuschheit

sexuelle Schwierigkeiten – zwanghafte sexuelle Phantasien und Masturbation, Ängste und fragwürdige Verhaltensweisen

sich verlieben

sexuelle Verstrickungen

3)   Reife und vernünftige Prinzipien entwickeln

4)   Pflege der Tugend der Keuschheit und persönlicher Werte

5)   Dienst als Gemeinschaftsarbeit

im Team arbeiten – Einstellungen und Verhaltensweisen

Was sind die Vorteile? – Welche Spannungen und Probleme gibt es?

Wie kann man gesunde Interaktionen fördern?

sexuelle Spannungen im Team

Einübung der Beziehungsfähigkeit

die Bedeutung der Freundschaft im Sinn des Evangeliums und der emotionalen Nähe