Ein Brief an
die Mitbrüder
Durch
Gottes Willen zum Apostel Christi Jesu berufen
(1Kor
1,1)
8. September 2009
Mariä Geburt
Prot.
Nr. 0000 159/2009
Liebe Mitbrüder!
1. Im letzen Monat
dieses Sexenniums sind die Augen der Kongregation
auf das XXIV. Generalkapitel gerichtet. Wie
vorgesehen, werde ich dem Kapitel einen Bericht
über den Stand der Kongregation vorlegen, möchte
mich aber im Folgenden direkt an alle Mitglieder
der Kongregation wenden, die den Dienst des
Generaloberen einem unwürdigen Mitbruder anvertraut
haben. Gleichzeitig sende ich meine Grüße an
die Redemptoristinnen und andere Ordens- und
Laienmissionare, die sich unseren Geist zu Eigen
gemacht haben und bitte euch, dass ihr die nun
folgenden Gedanken im Hinblick auf eure Berufung
im Leib Christi lest. Der Leser dieser Zeilen
mag so vielleicht eine Ahnung davon bekommen,
wie sehr ich die Kongregation liebe und welch
große Hoffnungen ich bezüglich ihrer Zukunft
hege.
2. Ich wurde in
den vergangenen zwölf Jahren oft gefragt, was
meine Gründe für die Annahme dieses Amtes waren.
Ich war da oft versucht, mit den drei „C“ zu
antworten, die schon unser heiliger Vater Alphonsus
zu zitieren pflegte: capitolo… cavallo… cieco:
das Kapitel ist ein blindes Pferd! Ich denke
aber auch, dass der liebe Gott 1997 der Meinung
war, dass ich die Kongregation noch nicht genug
liebe, daher durfte ich nach seinem Willen zwölf
Jahre lang intensiv erfahren, wie großartig
unsere Berufung ist.
3. Dieser Brief
möchte eine Einladung wiederholen, die vor zwölf
Jahren an die Mitbrüder ergangen ist: wir mögen
uns unserer Hingabe als Menschen, die sich durch
Gelübde verpflichtet haben, unserem Erlöser
Jesus Christus durch die Verkündigung der Frohen
Botschaft an die Armen nachzufolgen, bewusst
werden. Ich hoffe, dass Sie mit mir darin übereinstimmen,
dass ein ehrlicher Blick auf den Sinn unserer
Ordensprofess nicht nur das logische Ergebnis
der Arbeit der letzten Generalkapitel, sondern
auch eine besonders dringende Aufgabe angesichts
der gegenwärtigen Situation der Kongregation
ist.
4. Im ersten Teil
dieses Schreibens möchte ich einige Umstände
hervorheben, die uns dringend nahe legen, einen
genauen und unerschrockenen Blick auf unsere
Nachfolge Christi zu werfen. Sie werden diese
Bestandsaufnahme sicher aus ihren eigenen Erfahrungen
in Gesellschaft und Kirche vervollständigen
können. Im zweiten Teil werde ich versuchen,
diese Erkenntnisse im Licht des Evangeliums
und unseres spirituellen Erbes zu beurteilen.
Ich möchte nicht versuchen, alle Kriterien aufzuzählen,
von denen wir uns heute bestimmen lassen sollten,
sondern eher auf einen Faktor hinweisen, der
besonders wichtig für die schöpferische Treue
zu unserer Berufung ist. Am Schluss möchte ich
einige gemeinsame Tätigkeitsbereiche nennen,
um euch unter Wahrung der Vielfalt innerhalb
der Kongregation die Einheit in wichtigen Dingen
ans Herz zu legen.
I. HINSCHAUEN
Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit,
wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn
er wird nicht aus sich selbst heraus reden,
sondern er wird sagen, was er hört und euch
verkünden, was kommen wird.
(Joh 16,13)
5. Was könnte uns
der Heilige Geist über unsere spezielle Nachfolge
Christi, die vita apostolica, die „sowohl das
in besonderer Weise Gott geweihte Leben als
auch das missionarische Wirken umfasst“ (Konst.
1), sagen? Was würde der Heilige Geist den heutigen
Redemptoristen sagen? In welcher Weise hören
wir auf den Geist der Wahrheit, der uns verkündet,
was kommen wird? (Joh 16,13).
6. Wo sollen wir
beginnen? Das apostolische Leben der Redemptoristen
ist in erster Linie Leben. Daher ist ein guter Ausgangspunkt
für die Betrachtung unserer Jüngerschaft, dass
wir nach Zeichen der Vitalität bei den heutigen
Redemptoristen suchen. Diese Suche ist für uns
besonders wichtig, da unsere Kongregation von
allem Anfang an ein besonderes Wissen um die
Fülle des Lebens in Jesus Christus besitzt;
daher unser Wahlspruch: Copiosa apud Eum Redemptio. Die Suche nach
der Vitalität in unserem apostolischen Leben
kann keine Phantasieübung bzw. kein Wunschdenken
sein. Obwohl wir noch nicht deutlich sehen,
was der Heilige Geist in Kirche und Welt und
damit auch in der Kongregation hervorbringt,
können wir doch schon Zeichen einer neuen Vitalität
erkennen.
DIE FASZINATION,
DIE JESUS AUF DIE HEUTIGEN REDEMPTORISTEN AUSÜBT
7. Ich bin der Überzeugung,
dass die meisten Redemptoristen Jesus Christus
lieben und diese Liebe durch Großherzigkeit,
Hingabe und Beharrlichkeit ausdrücken. Wenn
wir Redemptoristen predigen, sprechen wir von
Jesus als jemandem, der uns vertraut ist, als
jemandem, der den Überfluss der Schönheit der
Liebe Gottes vom Kreuz her verströmt, und in dessen
Evangelium wir den Weg zu wahrer Befreiung und
Solidarität finden können.
8. Während der Visitationen
der Einheiten der Kongregation haben die Mitglieder
des Generalrats die Gelegenheit gehabt, immer
wieder die Kraft zu spüren, die die Mitbrüder
aus der Verbindung mit dem Erlöser schöpfen.
Diese Visitationen haben gezeigt, dass die Beschreibung
der Redemptoristen in Konstitution 20 kein idyllisches
Phantasiegebilde ist. Die Generalkonsultoren
und ich haben hautnah die heroische Gesinnung
erlebt, die ein Kennzeichen unserer Kongregation
ist: Mitbrüder, die „ selbstlos und opferbereit
immer bereit sind, das zu tun, was getan werden
muss“, ob sie nun eine besonders schwierige
Aufgabe zu erledigen haben oder in ihrer Berufung
ausharren müssen wie Abraham, der „gegen jede
Hoffnung hoffte“ (Röm 4,18).
9. Die Quelle dieser
verwegenen Liebe ist der Erlöser, dem „die Redemptoristen
nach wie vor freudig folgen“ (Konst. 20). Das
erste und wichtigste Zeichen der Vitalität unseres
apostolischen Lebens ist die ständige Erneuerung
der Hingabe an Jesus Christus, der der Weg,
die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6).
DIE
SEHNSUCHT, NEU GEBOREN ZU WERDEN
10. Weit davon entfernt,
eine Art unwandelbarer Bastion zu sein, die
den Anspruch stellt, außerhalb des Rahmens der
Geschichte zu stehen, bemüht sich die Kongregation,
ihre Pilgerreise in schöpferischer Treue zu
den Eingebungen des Heiligen Geistes fortzusetzen.
Das II. Vatikanische Konzil forderte die Ordensleute
auf, einen Erneuerungsprozess gemäß folgenden
Kriterien in die Wege zu leiten: die Rückkehr
zum Wort Gottes, insbesondere in den Evangelien;
die Rückkehr zum Geist des Gründers und die
grundlegenden Werte der Anfänge und die Notwendigkeit,
auf die Zeichen der Zeit eine konkrete Antwort
zu geben. Die Grundsätze des Dekrets
über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens
Perfectae caritatis und die Lehräußerungen
dazu wurden in der Kongregation mit Begeisterung
aufgenommen und haben bis heute zu konkreten
Ergebnissen geführt.
11. Unsere Konstitutionen und Statuten enthalten Bestimmungen,
die ganz klar auf die spirituellen Intuitionen
des hl. Alfons zurückgehen, sind aber flexibel
genug, um die notwendige Inkulturation unseres
apostolischen Lebens in die ganze Palette der
Kulturen zuzulassen, in denen unsere Kongregation
ihre Sendung erfüllt. Einige Mitbrüder haben
Jahrzehnte damit verbracht, unsere Geschichte
und unser spirituelles Erbe zu erforschen, und
haben eine Fülle von neuem Material zum Verständnis
unseres apostolischen Lebens zu Tage gefördert.
In den letzten vierzig Jahren haben wir unser
Verständnis für das Leben und die Grundidee
des hl. Alfons sowie seine Missionsmethoden
und seine Spiritualität vertieft. Wir wissen
auch viel mehr über unsere Heiligen und Seligen
sowie die Gnadenerweise in der Geschichte unserer
Kongregation in den letzten 276 Jahren.
12. Die Früchte dieser
Forschungen verstauben nicht in unseren Bibliotheken.
Viele Mitbrüder nehmen an den Kursen über unsere
Geschichte und Spiritualität in Rom sowie auf
der Ebene der Provinzen und Regionen teil. In
regelmäßigen Zusammenkünften bemühen sich die
höheren Oberen sehr, die Stärken und Schwächen
der diesbezüglichen Bemühungen ihrer Einheiten
zu evaluieren und viele Provinziale ergreifen
entschlossen die Initiative, um auf neue pastorale
Notstände einzugehen. Und ich danke Gott für
ein gewisses Maß an Unzufriedenheit innerhalb
der Kongregation, das durchaus lobenswert ist!
Wir sagen einander, dass wir besser sein könnten,
als der Status quo erkennen lässt, und lassen
uns nicht zur Mittelmäßigkeit verführen. Viele
erwarten sich, dass wir konsequenter zu unseren
Entscheidungen stehen und in unserem Lebensstil
prophetischer sind. Weit davon entfernt, bloß
nutzlose Nörgelei zu sein, kann dieses Unbehagen
ein Zeichen der Vitalität und der Offenheit
für die Bekehrung sein.
DIE FUNDAMENTALE
BEDEUTUNG UNSERER SENDUNG
13. Unsere Konstitutionen
betonen, dass die apostolische Liebe, „durch
welche die Redemptoristen an der Sendung Christi,
des Erlösers, teilhaben“ (Konst. 52), dem Leben
der Redemptoristen seine Einheit verleiht, einem
Leben, das seinen vollen Ausdruck in der vita apostolica findet. Ein Generalkapitel
nach dem anderen mahnte die Kongregation, dass
nicht jede pastorale Tätigkeit oder jeder Lebensstil
als stimmiger Ausdruck unseres Charismas gerechtfertigt
werden kann. 1985 forderte das XX. Generalkapitel
von der Kongregation eine ausdrückliche, prophetische
und befreiende Evangelisation der Armen, wobei
wir unsererseits uns von den Armen evangelisieren
lassen müssen. Das XXI. Generalkapitel betonte,
dass unser Gemeinschaftsleben als solches schon
Verkündigung ist; die Gemeinschaft ist die wirkmächtige
Gegenwart des Reiches Gottes unter den Menschen.
14. Die Überlegungen
der letzen Jahre haben viele Redemptoristen
dazu gebracht, eine Sendung vor Augen zu haben,
die unsere Phantasie beflügelt und uns zu prophetisch-kühnen
Initiativen antreibt, die die traditionellen
Grenzen sprengen, und Jesus Christus durch Inkulturation,
ökumenischen und interreligiösen Dialog sowie
durch die Anwendung neuer Kommunikationsmittel
verkünden, wobei aber immer den Armen und Ausgegrenzten
der Vorzug gegeben wird. Während Gemeindemissionen
und andere Formen der Wanderpredigt bei uns
noch immer einen Ehrenplatz einnehmen, haben
wir auch in der Seelsorge an Wallfahrtsorten,
in Pfarreien und Exerzitienhäusern, an Missionsstationen,
in den Medien, in der geistlichen Begleitung
und in Katechesen neue Möglichkeiten gefunden.
15. Die Auseinandersetzungen
über die unverzichtbaren Merkmale unserer Sendung
(die wegen der Neustrukturierung schärfer geworden
sind) zeigen, dass wir uns vor Entscheidungen
nicht drücken können und uns bemühen müssen,
den Richtlinien zu folgen, die uns das Evangelium
und unser Charisma vorgeben. Wie der hl. Alfons,
der hl. Klemens und alle anderen unserer Vorväter
im Glauben müssen wir wissen, an wen wir gesandt
sind, wie wir leben müssen und welche pastoralen
Methoden zur Erfüllung unserer Sendung geeignet
sind. Ein neues Verständnis für die fundamentale
Bedeutung unserer Sendung hinterfragt natürlich
jede Tendenz, in Passivität zu versinken, oder
„sich an solchen Gegebenheiten und Strukturen
festzuklammern, in denen [unsere] Tätigkeit
nicht mehr missionarisch wäre“ (Konst. 15).
Gleichzeitig haben uns die Überlegungen des
letzten Generalkapitels davor gewarnt, unsere
Sendung auf die pastoralen Tätigkeiten zu reduzieren,
indem es die Bedeutung des Gemeinschaftslebens
und der Spiritualität betonte.
TREUE ZU
DEN VERLASSENEN ARMEN
16. Das Generalkapitel
hat viele Beispiele für die fundamentale Treue
der Redemptoristen zu den verlassenen Armen
festgestellt. So mancher pastoraler Einsatz
hat das Leben von Mitbrüdern in Gefahr gebracht.
Ich denke da an die Mitbrüder, die bei der leidenden
Bevölkerung im Irak geblieben sind, oder an
die Mitbrüder in der Elfenbeinküste, die in
dem von einem mörderischen Bürgerkrieg zerrissenen
Land geblieben sind, das der Klerus, einschließlich
des Bischofs, im Stich gelassen hat. Es gibt
Mitbrüder, die das Evangelium in einem fremden
Land verkünden, in dem der Erfolg ihrer Arbeit
viel bescheidener ist als bei gleichem Arbeitsaufwand
zu Hause, wie z.B. brasilianische Mitbrüder
in Surinam oder polnische Mitbrüder in Sibirien.
Einige Provinzen haben Kommunitäten in neuen
kulturellen Umfeldern gegründet, wie z. B. unter
den Afrokolumbianern in Buenaventura (Kolumbien)
oder die ersten Bemühungen um eine missionarische
Präsenz in Laos. Diese Initiativen zeigen, dass
sich die Kongregation nach wie vor der Armen,
Kleinen und Unterdrückten besonders annehmen
will (Konst. 4) und dass es wichtiger ist, zu
den pastoral Vernachlässigten zu gehen, als
an gut situierten Kirchen mit eindrucksvollen
Besucherzahlen zu bleiben.
DAS STREBEN
NACH DER COMMUNIO MIT DEN LAIEN
17. Von allem Anfang
an ist die Kongregation sehr nahe bei den Menschen
gewesen, denen sie dienen will, und war auf
verschiedene Weise bemüht, Laien in ihre missionarische
Arbeit einzubinden. Diese Tradition hat in den
letzten Jahrzehnten seit dem XXI. Generalkapitel,
das die Notwendigkeit erkannte, für die Zusammenarbeit
mit den Laien offen zu sein, und seine Unterstützung
neuer Initiativen erklärte, einen neuen Auftrieb
erhalten. Eine dieser Initiativen war die Schaffung
eines neuen Mitarbeitertyps in der Kongregation,
nämlich des „Laienmissionars/der Laienmissionarin
des Heiligsten Erlösers“.
18. Obwohl noch viel
zur nachhaltigen Integration der Laien in unsere
Sendung getan werden muss, scheint es in der
Kongregation doch einen wachsenden Konsens hinsichtlich
des Wertes gemeinsamer Initiativen von Redemptoristen
und Laien zu geben. Klarerweise müssen sowohl
Laien als auch Redemptoristen theologisch, pastoral
und spirituell so ausgebildet werden, dass diese
Form der Zusammenarbeit als Zeugnis für unsere
fundamentale Gleichheit vor dem Herrn bei gleichzeitiger
Achtung vor der besonderen Berufung eines jeden
Standes sichergestellt ist. Die Kongregation
wird sich nie mehr vom Streben nach der Communio
mit den Laien zurückziehen, die ein gemeinsames
Arbeiten im Dienst der Kirche und Menschen ermöglicht.
DIE NOTWENDIGKEIT
EINER NEUEN SPIRITUALITÄT
19. Schließlich bemühen
wir Redemptoristen uns auch, das spirituelle
Erbe der Kongregation in die veränderten Umständen
unseres Lebens und Arbeitens einzubringen. Wir
haben das Gefühl, dass der geistliche Weg der
Mitbrüder seit Alphonsus (aber nicht nur er
allein) uns kostbare Einsichten in unsere heutige
Nachfolge Christi vermitteln. Hier müssen wir
klare und zuverlässige Bezugspunkte für die
Richtung unserer missionarischen Spiritualität
haben. Die Wurzeln unserer Visionen müssen in
den Evangelien, im Geist des hl. Alfons und
in den realen Erfahrungen von Redemptoristen
im Laufe der Jahrhunderte liegen. Natürlich
darf sich das Streben nach einer neuen Spiritualität
nicht an der Vergangenheit orientieren bzw.,
was noch schädlicher wäre, versuchen, die Vergangenheit
unkritisch in die Gegenwart zu übernehmen.
20. Der Generalrat
nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass in vielen
Provinzen die gemeinsamen Exerzitien wiederbelebt
werden, und das Interesse an Publikationen,
Workshops und Kursen über die redemptoristische
Spiritualität wächst. Viele (Vize)Provinzen
haben spezielle Veranstaltungen über unser apostolisches
Leben in ihrem Jahresprogramm. Oft hat die Tatsache,
dass sich Laien von unserem spirituellen Erbe
so angezogen fühlen, die Mitbrüder dazu angespornt,
für dieses Erbe dankbarer zu sein und es mehr
zu studieren.
21. Ich sehe schon
viele Beispiele für die Vitalität in unserem
apostolischen Leben, doch durchläuft unsere
Kongregation - wie die Kirche - natürlich verschiedene
Stadien auf ihrer langen Pilgerreise durch die
Geschichte. Wir sind beileibe keine Außerirdischen,
auf die nicht dieselben Kräfte wirken würden,
die die einzelnen Gesellschaften und ihre Institutionen,
ja die ganze Welt, so gründlich verändern. Manche
dieser Kräfte mögen dazu dienen, die Zeichen
der Vitalität in unserem apostolischen Leben
zu verschleiern oder uns dazu verleiten, die
Sendung der Kongregation aus ihrem göttlichen
Ursprung herauszulösen und sie einfach auf die
Statistik, die Demographie und kulturelle Trends
zu reduzieren. Ich möchte im Folgenden einige
der Besorgnis erregenden Seiten dieses Problems
behandeln.
DIE
KONSEQUENZEN AUS DEM DRAMATISCHEN RÜCKGANG
DER
MITGLIEDERZAHLEN IM WESTEN
22. Es gibt genügend
Gelegenheiten, den Optimismus der heutigen Redemptoristen
zu erschüttern. In den letzten fünf Jahrzehnten
haben alle größeren Orden und Kongregationen,
besonders jene in Westeuropa, Nordamerika und
Ozeanien, einen drastischen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen
erlitten. Die Gründe dafür sind zahlreich und
komplex. Für diese Darlegungen möchte ich nur
einige Folgen dieses Rückgangs hervorheben,
statt auf die möglichen Ursachen einzugehen.
23. Die von diesem
Rückgang am meisten betroffenen Einheiten haben
lange eine wichtige und sehr erfolgreiche Rolle
im Sendungsauftrag der Kongregation gespielt.
Sie übten nicht nur einen großen Einfluss auf
die Geschichte der Ortskirche in ihrer Region
aus, sondern verbreiteten die Kongregation in
der ganzen südlichen Hemisphäre. Einige wenige
Provinzen tragen nach wie vor den Löwenanteil
bei der Finanzierung gemeinsamer Projekte in
der Kongregation, wie etwa den Solidaritätsfonds,
die Alfonsianische Akademie und die Generalleitung,
und unterstützen daneben diskret auch noch bedürftige
Einheiten in der ganzen Welt direkt. Die geringer
gewordene Zahl der Mitbrüder und ihr vorgeschrittenes
Alter verringert klarerweise die Möglichkeiten
dieser Einheiten und die steigenden Kosten für
die medizinische Versorgung der älteren Mitbrüder
hat ihre finanziellen Unterstützungen zugunsten
der Kongregation verringert. Darüber hinaus
haben diese Einheiten sich ein wertvolles Wissen
über das komplizierte Verhältnis zwischen Glauben,
Religion und säkularisierter Gesellschaft erworben
und ihr Mitgliederschwund führt zu einer Verarmung
des kirchlichen Lebens in ihren Regionen.
24. Neben diesen direkten
Konsequenzen hat die ins Auge springende mangelnde
Attraktivität unserer Lebensweise für junge
Menschen im Westen bei manchen Bischöfen, Laien
und sogar Redemptoristen ernste Zweifel hinsichtlich
der Zukunft sowohl der Kongregation als auch
des geweihten Lebens geweckt. Viele Einheiten
fühlen sich verpflichtet, das Bewahren des Alten
über unsere Sendung zu stellen, was sowohl ihre
tägliche Lebensgestaltung als auch Zukunftsplanung
betrifft, und statt von Reichhaltigkeit, die
seit jeher mit dem geweihten Leben verbunden
war, zu sprechen, wird von Einschränkung und
Verkleinerung gesprochen.
25. Indem sie sich
mit ihren geringer gewordenen Möglichkeiten
abfinden, verfallen die Mitbrüder oft einer
wehmütigen Resignation und geraten in eine traurige
Stimmung, wenn sie das „goldene Zeitalter“ ihrer
Einheit beschwören. Es ist keine Übertreibung,
wenn man behauptet, dass die Kongregation im
Westen vielleicht das Opfer ihrer früheren Erfolge
ist, wenn die Mitbrüder sich an frühere Zeiten
erinnern, in der es eine ungewöhnlich große
Zahl an Kandidaten gab, deren Aufnahme und späteres
Wirken eine gewaltige Ausweitung des seelsorglichen
Dienstes an den Menschen ermöglichte.
DER
ÜBERGANG VOM LEGALISMUS ZU ???
26. Die Kongregation
lebt noch immer in der Übergangsphase von der
alten Regel zu den überarbeiteten Konstitutionen
und Statuten. Von allem Anfang an haben die
Redemptoristen gewisse Normen, die die kostbarsten
Werte unserer Nachfolge Christi absichern sollten,
kodifiziert. Diese Werte dienten dazu, die Kongregation
bei ihren wichtigsten Entscheidungen zu führen
und zu leiten und die spirituellen Erfahrungen
des apostolischen Lebens an die folgenden Generationen
weiterzugeben. Während des größten Teils ihrer
Geschichte war es das Ziel der Redemptoristen,
als Weg zur Heiligkeit nach den Vorschriften
der Regel zu leben, um so den Zweck der Kongregation
zu erfüllen. Observanz war der größte Wert.
Die Regel bestimmte unsere pastorale Tätigkeit
und unser Gemeinschaftsleben in solchem Maße,
dass man mit Recht sagen konnte, man könne irgendein
Haus irgendwo auf der ganzen Welt besuchen und
würde überall große Ähnlichkeiten im Lebensstil
finden, was bis zu den Möbeln in den Zimmern
der Mitbrüder ging.
27. Im Licht der Erneuerung,
die mit dem Dekret „Perfectae caritatis“ begann,
begann man, die Regeltreue als übertriebene
Betonung von Gesetz und veralteten aszetischen
Übungen, geradezu als Vorrang des Buchstabens
vor dem Geist des Gesetzes zu sehen.
28. Die überarbeiteten
Konstitutionen und Statuten enthalten demgegenüber
eine Fülle theologischer Gedanken sowie eine
echte Flexibilität, die eine „Anpassung an die
apostolischen Erfordernisse und die Eigenart
eines jeden missionarischen Unternehmens, allerdings
unter Wahrung des Charismas der Kongregation“,
erlaubt (Konst. 96). Wenn man die Konstitutionen
und Statuten im Licht der im Punkt 2 des Dekrets
Perfectae Caritatis angeführten Kriterien
betrachtet, wird man kaum bezweifeln, dass „sie
uns mit dem Geist des Ursprung des Instituts“
verbinden und für die „Anpassung an die veränderten
Zeitverhältnisse“ sorgen. Man muss jedoch die
Frage stellen, ob die Konstitutionen tatsächlich
geeignet sind, das Leben der Redemptoristen
weiterzugeben? Ich beziehe mich natürlich auf
die offensichtlich geringe Rolle, die die Konstitutionen
bei den Überlegungen und Entscheidungen und
im täglichen Leben der Kongregation spielen.
29. Mit dem Verlust
der Bedeutung von Traditionen und Normen in
den letzten Jahrzehnten ist man dazu übergegangen,
der persönlichen Erfahrung eines jeden Einzelnen
und seiner Fähigkeit, Gott zu begegnen, eine
entscheidende Aussagekraft zuzumessen. Wenn
sie durch subjektive Kriterien gefiltert werden,
vermitteln ältere Übungen und Formeln keinerlei
für alle gültige Gotteserfahrung mehr. Das erklärt vielleicht auch
die Mühe mancher Hauskommunitäten, zu einem
regelmäßigen Gebetsleben der Gemeinschaft zu
kommen. Das XXI. Generalkapitel wies vor 18
Jahren auf eine Herausforderung hin, die auch
heute noch vorhanden ist: „Als wir die Übungen,
die wir für unpassend und unauthentisch in der
Gegenwart hielten, aufgaben, entstanden keine
neuen, die geeignet gewesen wären, das entstandene
Vakuum zu füllen.“
30. Der mangelnde
Bekanntheitsgrad unserer Konstitutionen und
ihre offensichtliche Bedeutungslosigkeit in
vielen Bereichen des Lebens der Kongregation
bringt die Redemptoristen um eine gemeinsame
Sprache sowie um Grundsätze, mit denen sie ihre
Entscheidungen begründen und an denen sie ihr
Leben messen können.
31. Wenn eine Provinz
bezüglich ihrer pastoralen Methoden Entscheidungen
zu treffen hat, oder Erwartungen für das Gemeinschaftsleben
aussprechen muss, oder Überlegungen bezüglich
der Gründung oder Auflösung einer Niederlassung
anstellen muss, wird die Diskussion darüber
von Überzeugungen, Einstellungen oder Meinungen
beherrscht, die in Verbindung mit den Werten
unserer Konstitutionen stehen können oder nicht.
Nutzlose Gegensätze kommen immer wieder auf,
wenn auch in neuen Formen. Man hört weniger
von „drinnen Kartäuser, draußen Apostel“, sondern
mehr von „Sein“ gegen „Tun“, „Aktivismus“ gegen
„Kontemplation“, „Missionen“ gegen „Pfarreien“.
Mir will scheinen, dass diese und ähnliche Gegenüberstellungen
von einer fundamentalen Entfremdung von der
Spiritualität der Konstitutionen und Statuten
zeugen.
ÜBERBETONUNG
DES PRIESTERTUMS
32. Wir sollten uns
fragen, ob in der Kongregation eine Art Klerikalismus
entsteht oder nicht, der uns von der Wahrheit
von Konst. 54 trennt, die darauf hinweist, dass
die Ordensprofess und nicht die Priesterweihe,
der letztgültige Akt des gesamten missionarischen
Lebens der Redemptoristen ist. Der Klerikalismus
geht auf die Idee zurück, dass alles, was mit
Religion zu tun hat, Sache der Kleriker ist.
Sie treffen die Entscheidungen und geben die
Anordnungen, und die Laien haben die Aufgabe,
sie auszuführen. Diese Art von Klerikalismus
ist der Kongregation fremd. Dennoch gibt es
vielleicht ein subtiles (aber echtes) Wachsen
einer klerikalen Kultur, d.h. eines Umfeldes,
in dem die Berufung zum Redemptoristen auf den
geweihten Priester reduziert wird, und unsere
Sendung für eine kultische Aufgabe gehalten
wird, die den Priestern reserviert ist. Zwei
Phänomene weisen darauf hin:
33. Erstens: Die Zahl
der Brüder nimmt in praktisch allen Einheiten
der Kongregation ab. Dafür gibt es viele Gründe,
aber was mir Sorgen macht, ist die Tatsache,
dass die Einheiten nicht mehr um Brüder werben.
Das ist besonders besorgniserregend in Provinzen
und Vizeprovinzen, die zwar viele Klerikerstudenten
haben, doch ins Treffen führen, dass kulturelle
Gründe für das Fehlen von Brüdern verantwortlich
sind. Man sagt, dass die Leute glauben, dass
ein Bruder weniger ist als ein Priester – eine
Art von verhindertem Priester… Wenn die Leute
das wirklich glauben, dann hat die Kongregation
die Chance, dieses völlig falsches Bild zu korrigieren,
indem sie die Berufung zum Bruder zu einer Lebensweise
erklärt, in der alle auf Grund ihrer Profess
Missionare sind (Konst. 55) und alle Mitglieder
grundsätzlich gleich sind. In Mitverantwortung
tragen alle, jeder auf seine Weise, das Leben
und die Sendung, zu der sie berufen sind (Konst.
35).
34. Ein zweites besorgniserregendes
Zeichen ist die Leichtfertigkeit, mit der geweihte
Mitbrüder die Kongregation verlassen, um sich
in einer Diözese inkardinieren zu lassen. Das
geschieht oft im Leben eines Redemptoristen-Priesters,
der in der Inkardination eine willkommene Lösung
seiner persönlichen Krise sieht. Traurigerweise
gib es Bischöfe, die einen Ordenspriester mit
Freude aufnehmen, vor allem, wenn er jung ist
und eine besondere Ausbildung hat. Das Weltpriestertum
ist sicher eine großartige Berufung, aber es
unterscheidet sich fundamental von unserer Nachfolge
Christi. Wenn ein Mitbruder in einer Diözese
inkardiniert wurde, habe ich oft zu hören bekommen:
„Wenigstens ist er Priester geblieben!“ Was
aber bedeutet es, wenn das Priestertum höher
geschätzt wird als die Lebensweise, in der es
ausgeübt wird, sei es in der Kongregation oder
in einer Diözese?
35. Neben der Überbetonung
des Priestertums kann es noch andere „Etiketten“
geben, die zweierlei Maß in die Kongregation
bringen. Eine Überbewertung des „Professionalismus“
mit einem eigenen Dresscode und einer eigenen
Sprache, oder eine Spaltung in ideologische
Richtungen, die ein Aufeinanderprallen gegensätzlicher
Meinungen über eine theologische oder politische
Frage mit sich bringt, schwächen das gemeinsame
Zeugnis einer Provinz. Nationale, ethnische
oder regionale Unterschiede schaffen Barrieren
zwischen Mitbrüdern. Wie die Überbetonung des
Priesterstandes weisen diese Quellen von Spaltungen
darauf hin, dass es für etliche Mitbrüder stärkere
Identifikationspunkte gibt als unsere gemeinsame
Berufung als Redemptoristen.
DIE FRAGE
DER PROPHETISCHEN DIMENSION
36. Heute sagen viele
Mitbrüder, dass das Zeugnis unserer Lebensweise
schwächer geworden sei, dass die prophetische
Dimension unserer Berufung abgenommen habe oder
überhaupt fehle. Diese Sorge wurde bei verschiedenen
Regionalversammlungen im heurigen Jahr vor allem
in Lateinamerika massiv geäußert. Wenn auch
die Mitbrüder in anderen Regionen sich nicht
so laut zu Wort gemeldet haben, frage ich mich
doch, ob nicht unter den Redemptoristen ein
allgemeines Unbehagen herrscht, ein Gefühl der
Sorge, dass wir zugelassen haben, dass die Radikalität
unserer Berufung in einem bürgerlichen Lebensstil
untergeht, in dem unser gemeinsames Zeugnis
durch persönliche Vorlieben relativiert wird.
Wir spüren, dass das Leben in unserem Orden
niemals als Beruf ohne Höhen und Tiefen mit
regelmäßigen Stunden, einer klaren Arbeitsplatzbeschreibung
und allen möglichen Absicherungen gedacht war.
Aber oft wissen wir nicht, was für Zeugnis wir
abzulegen haben: Was verkünden wir… wovon distanzieren
wir uns?
37. Im ersten Teil
dieses Schreibens habe ich Sie eingeladen, darüber
nachzudenken, was wohl der Heilige Geist uns
über unsere spezielle Nachfolge Christi, die
„vita apostolica“, zu sagen hat. Mit der
Beschreibung einiger Wesenszüge der Kongregation
heute versuchte ich, sowohl Zeichen der Vitalität
als auch Gründe für die Sorge um unsere Jüngerschaft
aufzuzeigen. Aus eigener Erfahrung haben Sie
vielleicht an andere Beispiele für die Vitalität
in unserer Nachfolge und das Nachlassen derselben
gedacht. Ich möchte nun die Realität der Kongregation
beleuchten, indem ich mich dem Gelübde zuwende,
das meiner Meinung nach heute einen äußerst
wichtigen Beitrag zum apostolischen Leben der
Redemptoristen leisten kann, nämlich dem Gelübde
des Gehorsams. Bevor jemand jetzt nervös wird
und autoritäre und zentralistische Gespenster
zu sehen beginnt, möchte ich erklären, was ich
meine.
II. URTEILEN
Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben
in Christus Jesus entspricht… (Phil 2,5)
DIE GELÜBDE
IN DER HEUTIGEN ZEIT
38. Die Ordensprofess
ist ein unwiderruflicher Akt im missionarischen
Leben eines Redemptoristen (Konst. 54). Das
Bedeutsame an der Profess liegt nicht einfach
in dem Versprechen, die drei Gelübde und das
Gelübde und den Eid der Beharrlichkeit mit allen
Konsequenzen zu leben. Mehr als die Übernahme
von Verpflichtungen stellt die Ordensprofess
einen Antrieb des Heiligen Geistes dar, der
die Redemptoristen keine Mühe scheuen lässt,
sich Gott ganz zu übergeben, so dass sie eine
Antwort an den Herrn sind, der sie zuerst geliebt
hat (Konst. 56). Die Gelübde sind gewiss von
großer Bedeutung für den lebenslangen Prozess
der Selbsthingabe, aber das ist die Verpflichtung
auch, in der Gemeinschaft der Mitbrüder ein
Leben zu führen, das von apostolischer Liebe
erfüllt ist, wie es in der Formel für die Gelübde
heißt.
39. Die Redemptoristen
sollen die Gelübde im Lichte der Sendung der
Kongregation leben und deswegen haben die Gelübde
so viel mit der Gemeinschaft zu tun wie die
einzelnen Mitbrüder. Einzeln und für sich genommen
könnte man in den Gelübden Bestimmungen sehen,
wie wir mit der Gesellschaftsordnung, der Sexualität
und dem Eigentum umzugehen haben. Gemeinsam
stellen sie eine frei gewählte und öffentliche
Verpflichtung dar, ein Leben der Selbsthingabe
nach dem Vorbild und Muster der Liebe Christi
zu seiner Kirche zu führen. Wie seine Selbsthingabe
ist auch unsere Selbsthingabe absolut und unwiderruflich.
40. Hilft es weiter,
wenn wir ein Gelübde herausgreifen und ihm einen
besonderen Wert für die vita apostolica im ersten Jahrzehnt des
21. Jahrhunderts beimessen? Wenn ja, welches?
Wenn man das evangelische Zeugnis der Gelübde
vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens heranzieht,
könnte man ins Treffen führen, dass das Gelübde
der Keuschheit ein einzigartiges Zeugnis ablegen
würde angesichts der publik gewordenen sexuellen
Verfehlungen von Weltpriestern und Ordensleuten
sowie angesichts der Reduzierung der Sexualität
auf einen biologischen Trieb. Wenn man hingegen
unsere Option für die Verlassenen, und hier
wieder für die Armen, ins Treffen führt, möchten
wir sicher den evangelischen Rat der Armut mehr
in den Vordergrund stellen und überzeugender
leben. Ich möchte jedoch die Behauptung aufstellen,
dass der Gehorsam eine besonders wichtige Rolle
in unserem apostolischen Leben von heute spielt.
41. Es ist praktisch
schon ein Klischee, wenn man sagt, dass die
Kirche und die Kongregation in einer sich schnell
verändernden Welt leben. Unser Zeitalter wird
als Übergangszeit bezeichnet, die gekennzeichnet
ist „von großen Fortschritten in Wissenschaft
und Technik sowie von einflussreichen Kommunikationsmitteln,
die manchmal den Geist ‚kolonisieren’“. Es gibt zwar das umstrittene
Phänomen der Globalisierung, die uns wirtschaftlich
enger zusammenrücken lässt, aber bestehende
kulturelle Identitäten kaputt macht. Aber es
gibt auch „Augenblicke in unserer Zeit, in denen
wir überrascht erkennen, dass der Gott, der
zu uns spricht, der Herr der Geschichte ist.“
Wir „erleben eine Sinnkrise, aber auch eine
Sehnsucht nach Sinn, die uns tausend Vorschläge
und Versprechen macht.“
42. Gerade in der
„Zwischenzeit“ des gegenwärtigen Augenblicks
kommt die Kongregation um Entscheidungen nicht
herum. Sie kann es sich nicht leisten, launisch
zu sein und nach eigenem Gutdünken die Kriterien
für ihre Optionen festzulegen. Aus der Kakophonie
von Stimmen, die den Geist „kolonisieren“ wollen,
muss sie die Stimme dessen heraushören, der
uns berufen hat, als seine „Gefährten und Gehilfen
im großen Erlösungswerk Jesu Christi den Armen
das Wort des Heiles zu verkünden“ (Konst. 2).
Weil die Redemptoristen berufen sind, „pastorale
Notstände zu bevorzugen“ (Konst. 5), müssen
unsere Entscheidungen regelmäßig überprüft werden,
damit wir „uns nicht an solchen Gegebenheiten
und Strukturen festklammen, in denen [unsere]
Tätigkeit nicht mehr missionarisch wäre“ (Konst.
15).
43. Die stürmischen
Veränderungen in unserem Institut in den letzten
fünf Jahrzehnten sowie der Gang der Welt heute
verlangen, dass die Redemptoristen hörende und
die Zeichen der Zeit erkennende Menschen sind,
die den Eingebungen des Heiligen Geistes bereitwillig
folgen. Deswegen meine ich, dass wir dem Gelübde
des Gehorsams besondere Aufmerksamkeit schenken
müssen, weil wir einer mitverantwortlichen Suche
nach dem Willen Gottes gemäß dem Charisma der
Kongregation verpflichtet sind.
44. Wie wir alle wissen,
muss die rechtmäßige Obrigkeit sowie die Gehorsamspflicht
gegenüber den rechtmäßigen Oberen in unserem
apostolischen Leben eine Rolle spielen. Daher
möchte ich in diesen Überlegungen im radikalen
Zusammenhang Pauls VI. sehen, der geschrieben
hat: „Mehr als das rein formelle und legalistisches
Dienern vor dem Kirchenrecht oder die Unterwerfung
unter die kirchliche Obrigkeit ist [der Gehorsam]
eine Durchdringung und Annahme des Mysteriums
Christi, der uns durch seinen Gehorsam erlöst
hat. Sein Gehorsam ist eine Fortführung seiner
fundamentalen Einstellung: Sein Ja zum Willen
des Vaters“. So verstanden ist der Gehorsam
die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes und
dem reichen spirituellen Erbe unserer Kongregation
und hilft uns, die Stimme unseres Herrn und
den uns geschenkten Kairos
im Chaos unserer Zeit zu erkennen.
EINE FRAGE
UND DIE ANTWORT DARAUF
45. Die Evangelien
erzählen einige Berufungsgeschichten, Berichte,
in denen Jesus Menschen anspricht, die diese
Berufung annehmen oder ablehnen können. Meine
„Lieblingsgeschichte“ ist das ganze Johannesevangelium,
das mit einer Frage beginnt und mit einer Einladung
aufhört. Die ersten Worte Jesu sind: „Was wollt
ihr?“ (Joh 1,38). Das Evangelium schließt mit
dem Wort an Petrus: „Du aber folge mir nach“
(Joh 21,22). Anders als die Berufung der Apostel
bei den Synoptikern waren die ersten Worte Jesu
an Andreas und den anderen Jünger eine Antwort
auf ihre Sehnsüchte, ihre Träume und ihre Ideale:
„Was wollt ihr?“ Das Evangelium ist die Geschichte
der erstaunlichen Begegnung zwischen dem Gott,
der „die Welt so sehr geliebt hat“, und der
tiefsten Sehnsucht des menschlichen Herzens.
Der Ruf zur Nachfolge kommt nach der Offenbarung
des österlichen Mysteriums, in dem der Plan
des Vaters zur Rettung der Welt zur Gänze enthüllt
wird.
46. Die Gottsuche
war schon immer die Suche allen Seins, das nach
dem Absoluten und Ewigen dürstet. Die Traditionen der großen
Religionen spiegeln diese Suche wider, ebenso
die säkularisierten Gesellschaften, in denen
die Menschen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe
und des Leidens fragen, ohne Bezug auf einen
geoffenbarten Glauben zu nehmen. Wie der hl.
Paulus auf dem Areopag können wir viele Altäre
des „unbekannten Gottes“ finden (vgl. Apg 17,23),
wenn wir die Augen für die „Heiligtümer“ dieser
Gesellschaften offen halten.
47. Für die Redemptoristen
findet die Suche nach dem letzten Sinn ihre
endgültige Antwort in Jesus Christus. Mit unseren
Brüdern und Schwestern im Glauben bekennen wir:
„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte
des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen
und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“
(Joh 6,68f). Doch selbst wenn wir zur frohen
und froh machenden Erkenntnis gekommen sind,
dass wir gefunden haben, wonach wir gesucht
haben, geht die Suche weiter.
48. Die Profess ist
ein „unwiderruflicher Akt im unserem gesamten
missionarischen Leben“ (Konst. 54), sie ist
aber auch die Fortsetzung der Suche. Ich habe
da das Bildnis Jesu in der Kapelle der Generalkurie
vor Augen, das ihn im Dreiviertelprofil darstellt.
Es bleibt also immer die verborgene Seite des
Meisters bestehen, so dass wir mit Recht weiterhin
beten müssen: „Dein Angesicht, Herr, will ich
suchen“ (Ps 27,8).
GEHORSAM
WIRD GOTT ALLEIN GESCHULDET
49. Der wichtige Ausgangspunkt
für die Betrachtung des Gehorsams ist der Glaube,
unsere grundsätzliche Antwort auf unsere Berufung
in der Taufe. Theologisch gesehen wird der Gehorsam
Gott allein geschuldet. Jede andere Manifestation
des Gehorsams im Orden ist Betrachtung, ein
Mittel zum Zweck, das auf den einzig wirklich
wichtigen und ausschlaggebenden Willen im Leben
eines Christen, und damit auch eines Redemptoristen,
gerichtet ist.
50. Der Gehorsam anerkennt
den Vorrang Gottes vor jedem und allem. Daher sind die Kongregation
und die Kirche von ihrem fundamentalen Selbstverständnis
her nicht in zwei Klassen geteilt, nämlich in
jene, die befiehlt, und in jene, die gehorcht.
Jesus wendet sich an alle Jünger, wenn er sagt:
„Nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid
Brüder“ (Mt 23,8). Jeder in der Kirche muss
den Willen Gottes suchen und alle sind zum Gehorsam
berufen, denn wer den Willen des Vaters erfüllt,
ist für Jesus „Bruder und Schwester und Mutter“
(Mt 12,50).
CHRISTUS
IST DAS VORBILD DES GEHORSAMS
51. Unsere Konstitutionen
sagen uns, dass uns Redemptoristen ein sichtbares
Vorbild dafür gegeben wurde, wie wir den Willen
Gottes in unserem Leben suchen und verwirklichen
sollen. Die erste Konstitution über das Gelübde
des Gehorsams beginnt mit dem Satz: „Nach dem
Beispiel Christi, der gekommen ist, den Willen
des Vaters zu tun und sein Leben hinzugeben
als Lösegeld für viele…“ (Konst. 71). Der Gehorsam
gegenüber dem Willen Gottes war nicht eine Eigenschaft,
die der Persönlichkeit Christi beigefügt wurde,
sondern ihr voller Ausdruck: „Meine Speise ist
es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt
hat“ (Joh 4,34). Als seine „Gefährten und
Gehilfen im großen Erlösungswerk Jesu Christi“
sind auch wir zu einem Gehorsam berufen, der
die Sendung Christi fortsetzt.
52. Wenn wir daher
von der „Sendung“ der Kongregation reden, sprechen
wir über den Gehorsam, und nicht über abgenützte
Schlagworte oder vorgefertigte Antworten. Mit
diesem Gelübde „suchen wir das Reich Gottes
und werden ins österliche Geheimnis hineingenommen,
das ein Geheimnis des Gehorsams ist“ (Konst.
71).
53. Der Bezugspunkt
ist Christus und das Geheimnis seiner Kenosis.
Der konkrete Ausdruck unserer Sendung ergibt
sich nicht immer von selbst in der Geschichte.
Darum suchen wir den Willen Gottes im Geist
des Glaubens und der Liebe. Der hl. Alfons drängt
uns, diese Suche fortzusetzen, wenn er sagt,
dass die echte Verwirklichung aus der Liebe
zu Gott kommt, der unsere Liebe so sehr verdient,
aber die Vollendung der Liebe zu Gott besteht
in der Vereinigung unseres Willens mit dem Seinen.
WAS IST
DAS „DER WILLE GOTTES“?
54. Was ist dieser
„Wille“ des Vaters, den wir suchen und wie Christus
im Rahmen der Zeitumstände, in denen sich die
Kongregation befindet, erfüllen müssen? Die
Antwort finden wir in den ersten Worten des
Gebets, das uns Jesus geschenkt hat: So handeln,
dass der Vater als der Heilige anerkannt wird,
dass sein Reich in der Geschichte und in der
Endzeit kommt und dass sein Wille geschehe wie
im Himmel so auf der Erde (vgl. Mt 6,9f). Wir beginnen, den Willen
Gottes zu erfüllen, wenn wir an den Sohn glauben,
der vom Vater aus Liebe in die Welt gesandt
wurde (Joh 3,16ff), damit niemand zugrunde geht
(vgl. Joh 6,40). Der unsichtbare Bezugspunkt
für den Willen Gottes ist die verschwenderische
Liebe des Vaters (Mt 5,42-48); der sichtbare
Bezugspunkt für den Willen Gottes ist das Verhalten
den Menschen gegenüber, die er liebte (vgl.
Joh 15,9-17).
55. Der hl. Paulus
zählt eine Reihe nach außen vorbildlicher Handlungen
auf, die ohne Liebe letzten Endes wertlos sind
(1 Kor 13,1-3). Ebenso sagt der hl. Alfons,
dass es nicht genug ist, lobenswerte Dinge zu
tun, wenn es nicht in Übereinstimmung mit dem
Willen Gottes geschieht. Deswegen kann auch nicht
jede pastorale Option eines Mitbruders, einer
Hauskommunität oder einer Provinz dem Charisma
der Kongregation entsprechend angesehen werden,
wenn sie nicht in Übereinstimmung mit dem Willen
Gottes geschieht. Der hl. Augustinus hat kurz
und bündig erklärt: Martyres
non facit poena sed causa („Märtyrer wird
man nicht dadurch, dass man sterben muss, sondern,
warum man sterben muss“).
56. Doch die echte
Gotteserfahrung bleibt immer die Erfahrung,
dass er der „ganz Andere“ ist. Papst Benedikt XVI. sagt
in seiner zweiten Enzyklika, „dass zwischen
dem Schöpfer und dem Geschöpf keine noch so
große Ähnlichkeit festzustellen ist, dass nicht
zwischen ihnen eine noch immer größere Unähnlichkeit
bliebe.“ Der Prophet Jesaja fordert
uns auf, den Herrn zu suchen, solange er sich
finden lässt und anzurufen, solange er nahe
ist (Jes 55,6) und fährt mit der Warnung vor
einer falsch verstandenen Nähe fort: „Meine
Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure
Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn.
So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch
erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine
Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,8f).
57. Dass Gott der
„ganz Andere“ ist, bedeutet, dass wir seinen
Willen auf Wegen suchen müssen, die im Einklang
mit seiner Offenbarung stehen. In erster Linie
besteht der wahre Gehorsam eines jeden Jüngers
in „der Zustimmung zu jenem Wort, mit welchem
Gott sich selbst offenbart und sich mitteilt“.
Die letzte Norm des Ordenslebens
ist die im Evangelium dargelegte Nachfolge Christi
und muss als oberste Regel in unserer Kongregation
gelten.
58. Eine andere Vermittlung
des Willens Gottes ist das Lehramt der Kirche,
dessen Aufgabe darin besteht, das Wort Gottes
authentisch zu interpretieren und im Namen Jesu
verbindlich zu lehren. Das Lehramt steht jedoch
nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm,
indem es nur lehrt, was überliefert ist. Nach göttlichem Auftrag und
mit dem Beistand des Heiligen Geistes hört die
Kirche dieses Wort ehrfürchtig, bewahrt es heilig
und erklärt es treu.
59. Es gibt noch weitere
Vermittlungen des Willens Gottes. Man erkennt
sie an den besonderen Erfordernissen der spezifischen
Berufung im Leben. Gottgeweihte Personen sind
außerdem innerhalb „eines vom Geist angeregten
und von der Kirche anerkannten charismatischen
oder ‚evangelischen’ Projekts in die Nachfolge
des gehorsamen Christus gerufen.“ In seinem Nachsynodalen Apostolischen
Schreiben weist Papst Johannes Paul II. auf
die dringende Notwendigkeit für jedes Institut
zu einer Neubesinnung auf seine Lebensordnung
hin, „da in ihr und in den Konstitutionen ein
Weg der Nachfolge enthalten ist, der von einem
eigenen, von der Kirche beglaubigten Charisma
gekennzeichnet ist.“
60. Die Tragweite
unserer eigenen Normen wird in Konstitution
74 unmissverständlich ausgesprochen, wo es heißt:
„Deswegen müssen die Konstitutionen und Statuten
und die rechtmäßig erlassenen Dekrete von den
Obern und den anderen Mitgliedern in der Gemeinschaft
des Geistes befolgt werden. Sie sind ein gültiges
Mittel, durch das die einzelnen Mitbrüder und
die Gemeinschaft ständig auf den Willen Gottes
ausgerichtet bleiben und die Sendung Christi
erfüllen, der von sich gesagt hat: ‚Ich bin
vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen
zu tun, sondern den Willen dessen, der mich
gesandt hat’ (Joh 6,38).“ Die Unkenntnis der
Konstitutionen und Statuten bzw. ihre Zurückdrängung
an den Rand des Lebens einer Provinz bzw. der
gesamten Kongregation gefährdet eindeutig die
Treue ihrer Mitglieder.
61. Eine besondere
Vermittlung des Willens Gottes für die Kongregation
ist schließlich die Stimme der verlassenen Armen.
Wir denken an die Begegnung des hl. Alfons mit
den Schäfern und Ziegenhirten in den Bergen
hoch über Scala, die sein Leben verändert hat.
Was er da „hörte“, ließ ihn den Willen Gottes
verstehen und annehmen: Dass er die Armen in
den verwahrlosten Seitengassen Neapels zurücklassen
und den Rest seines Lebens bei der verlassenen
Landbevölkerung verbringen solle.
62. Wir wissen, dass
der hl. Alfons – wann immer er sein Institut
den kirchlichen oder weltlichen Behörden nahe
bringen wollte – gern die Tatsache betonte,
dass ein wichtiges charakteristisches Merkmal
dieses Instituts darin bestand, dass die Kommunitäten
mitten unter der verlassenen Landbevölkerung
errichtet würden. Dieser Wesenszug unterschied
die Redemptoristen von den Pii
Operai und anderen missionarischen Gemeinschaften,
die in den Städten blieben und nur gelegentlich
einen Abstecher in die Welt der Verlassenen
machten.
63. Meiner Meinung
nach betonte der hl. Alfons diesen Wesenszug
seines Institutes nicht einfach nur aus pastoralen
Gründen, nämlich, um den Verlassenen mehr Zugang
zu unseren Häusern und seinen Missionaren einen
leichteren Eintritt in verschiedene Diözesen
zu ermöglichen. Da er um die zentrale Rolle
der Stimme der Verlassenen bei seiner eigenen
Suche wusste, meine ich, dass er wollte, dass
seine Gefährten stets den Menschen nahe waren,
denen Jesus klar den Vorzug gegeben hat. Ihre
Stimme würde die Redemptoristen immer wieder
an den Ursprung ihrer Berufung erinnern. Im
Jahre 1778 schrieb er an die Kommunitäten von
Scifelli und Frosinone:
„Nehmt euch
der Seelen an, besonders der Bauern und der
Verlassensten. Vergesst nicht, dass Gott evangelizare
pauperibus misit nos, hier und heute. Prägt
das tief in eure Herzen ein und sucht nur Gott
unter den verlassenen Armen, wenn ihr Jesus
Christus gefallen wollt.“
64. Unsere Konstitutionen
legen uns ans Herz, den Herrn in den Menschen
zu suchen, zu denen wir in besonderer Weise
gesandt sind: Den „am meisten Verlassenen“ (Konst.
3), wobei wir uns in besonderer Weise den „Armen,
Kleinen und Unterdrückten“ (Konst. 4) zuwenden
und pastorale Notstände bevorzugen sollen (Konst.
5). Wir suchen Gott in ganz konkreten Lebensumständen
und bemühen uns, „dem Herrn dort zu begegnen,
wo er schon anwesend ist und auf seine geheimnisvolle
Weise wirkt“ (Konst. 7). Ferner werden wir aufmerksam
prüfen, wie wir gemäß den Umständen einer pastoralen
Situation handeln können (Konst. 8). Die Gaben
des Heiligen Geistes lassen uns Gott in den
Ereignissen des täglichen Lebens (Konst. 24)
und in den „bedrückenden Fragen“ (Konst. 19)
der heutigen Menschen entdecken.
65. Zusammenfassend
kann gesagt werden, dass der Gehorsam die fundamentale
Haltung eines jeden Gläubigen ist, nicht das
Vorrecht einer kleinen privilegierten Gruppe
von Menschen, die ihn als evangelischen Rat
geloben. Auch wir als Redemptoristen sind –
wie jeder andere in der Kirche auch – zum Gehorsam
berufen, indem wir das Beispiel Jesu nachahmen,
der nicht gekommen war, um seinen Willen zu
tun, sondern den Willen seines Vaters (Joh 6,38).
Der Unterschied besteht darin, dass jeder von
uns diesen Gehorsam Gott gegenüber innerhalb
der Kirche gemäß seinem Charisma und seiner
Berufung lebt. Der Wille Gottes existiert nicht
vor der Berufung; erst durch die besondere Berufung
gibt Gott dem Einzelnen seinen Willen kund. Daher haben wir uns mit unserem
Gelübde verpflichtet, auf eine redemptoristische
Weise zu gehorsam zu sein: indem wir den Willen
Gottes suchen, der uns durch sein Wort, die
Normen unseres charismatischen Projekts und
die Stimme der verlassenen Armen vermittelt
wird.
III. HANDELN
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt
es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? (Jes 43,19).
66. Ich wiederhole
die vorhin gemachte Behauptung: Der Gehorsam
ist von wesentlicher Bedeutung für uns Redemptoristen
im Zeitalter des Wandels. Früher war dieses
Gelübde mehr von persönlicher und legalistischer
Bedeutung. Unsere Konstitutionen verstehen den
Gehorsam zwar noch immer als Verpflichtung des
Einzelnen, seinen Willen den rechtmäßigen Obern
unterzuordnen (Konst. 71), es ist aber dringend
notwendig, dieses Gelübde auch als Anruf zu
verstehen, „gehorsame Kommunitäten“ auf allen
Ebenen der Kongregation zu bilden. Gelübde werden
immer von Einzelmenschen, aber auch von Kommunitäten
abgelegt. Es wäre völlig falsch, diese Dimensionen
voneinander zu trennen und sie einfach auf Verpflichtungen
von Einzelmenschen zu reduzieren.
67. Ohne Gemeinschaft,
die sich ernsthaft bemüht, den Willen Gottes
zu suchen, ist es für den Einzelnen schwierig,
wenn nicht unmöglich, im Gehorsam zu bleiben.
Ohne Zweifel kann keiner von uns die Freiheit
des Gehorsamsgelübdes mit ganzer Freude leben,
wenn nicht eine gehorsame Gemeinschaft dahinter
steht, denn der Gehorsam des Einzelnen gegenüber
dem Vater vollzieht sich im Rahmen der kirchlichen
Gemeinschaft. Nicht nur die auf festem Grund
stehende persönliche Beziehung zwischen meinem
Gewissen und Gott zählt; es zählt genauso auch
die Beziehung zu meinen Brüdern. Ja, die Vitalität
einer Gemeinschaft hängt eng mit der Qualität
ihres Gehorsams zusammen.
68. Was können wir
tun, dass unsere Gemeinschaften, ob Hauskommunität,
Provinz oder die ganze Kongregation, im Gehorsam bleiben? Ich
denke, wir müssen die vielen Stimmen auseinander
halten, die unseren Geist zu „kolonisieren“
versuchen, indem wir uns noch intensiver mit
dem Wort Gottes, dem charismatischen Projekt
der Kongregation und der Stimme der verlassenen
Armen beschäftigen.
MEINEM
FUß EINE LEUCHTE… EIN LICHT FÜR MEINE PFADE
69. Das Wort Gottes
ist der Grund unserer Berufung, unsere tägliche
Nahrung und der Inhalt unserer Arbeit als Missionare.
Wir müssen es verkünden, meditieren, weitergeben;
wir müssen im Gehorsam ihm gegenüber beten und
uns bemühen es zur „ersten Quelle unserer Spiritualität“ zu machen. Da das Wort für
Jesu Jünger eine absolut zentrale Rolle spielt,
muss die Kongregation großen Wert auf das Hören
legen, was keine gruppendynamische Übung, sondern
eine ständige Suche nach dem Willen des Vaters
ist.
70. Als gottesfürchtiger
Jude mag Jesus sein tägliches Gebet wohl mit
den Worten aus dem Buch Deuteronomium begonnen
haben: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe
ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen
Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,4-5). Er sagt zu
seinen Jüngern: „Wer aus Gott ist, hört die
Worte Gottes“ (Joh 8,47). Auf welche Weise können
unsere Kommunitäten dieses tägliche aufmerksame
Hören des Wortes Gottes nach außen bekunden?
71. Der Rhythmus des
Kommunitätslebens muss den Mitgliedern eine
Hilfe sein, das Wort aufmerksam zu hören. Tägliche
Schriftlesung und gemeinsame Betrachtungszeiten
sind uns eine Hilfe, das Wort als Gemeinschaft
zu hören und den Heiligen Geist zu bitten, es
zu verstehen. Viele Kommunitäten nehmen sich
wöchentlich die Zeit zur Vorbereitung der Sonntagspredigt
oder einer anderen außerordentlichen Verkündigungstätigkeit.
Wir sollten uns gegenseitig immer wieder ermutigen,
unsere Herzen vom Wort verändern zu lassen,
und dem Empfang des Sakraments der Versöhnung
und der geistlichen Begleitung größeren Wert
beizumessen.
72. Wenn wir mit dem
hl. Hieronymus der Meinung sind, dass „Unkenntnis
der Schrift Unkenntnis Christi bedeutet“, dann könnte die Schwierigkeit,
die prophetische Dimension unserer Berufung
zu entdecken, in der Unkenntnis des Wortes Gottes
begründet sein. Schließlich und endlich hat
Jesus seinen Aposteln einen Auftrag gegeben
mit den Worten: „Ihr sollt meine Zeugen sein“
(Apg 1,8); wir müssen für ihn und sein Reich
Zeugnis ablegen. Der hl. Johannes Chrysostomus
weist darauf hin, dass die Apostel vom Berg
in Galiläa, wo sie dem Auferstandenen begegnet
waren, im Gegensatz zu Mose ohne beschriebene
Steintafeln herunterkommen: ihr Leben sollte
von diesem Augenblick an ein lebendiges Evangelium
sein.
ZENTRUM
DER KOMMUNITÄT… IST DER ERLÖSER SELBST
UND
SEIN GEIST DER LIEBE
73. Es will mir scheinen,
dass wir uns darüber einig sein müssen, dass
es nicht dem Belieben des Einzelnen anheim gestellt
sein kann, ob wir Christus auf die eine oder
andere Weise nachfolgen. Wenn es um die Berufung
geht, ist nichts beliebig. Jeder Christ muss
seine Berufung finden, d.h. den Willen Gottes
in seinem konkreten Fall, und wenn er ihn einmal
gefunden hat, wie der Kaufmann im Gleichnis
die Perle, „voll Freude alles verkaufen“, (Mt
13,44) um in Treue zum Ruf des Herrn zu leben.
Für meine Eltern steht ihre Berufung zu Ehepartnern
über allem Anderen, weil sie ihre
Berufung ist. Für mich ist die Berufung zum
Redemptoristen der beste Lebensweg, weil er
es ist, auf den Gott mich berufen hat.
74. Mit unserer Profess
haben wir dem Herrn mit der totalen Hingabe
unserer selbst geantwortet und haben uns verpflichtet,
seinen Willen in einer ganz konkreten kirchlichen
Gemeinschaft zu suchen, nämlich in der Kongregation.
Unser Gehorsam gegenüber Gott, etwas Unsichtbares,
wird im Rahmen unserer sichtbaren Gemeinschaft
gelebt.
75. Wie wir Redemptoristen
nicht sagen können, dass wir Gott lieben, den
wir nicht sehen können, wenn wir den Bruder
hassen, den wir sehen können (1Joh 4,20f), genauso
können wir auch nicht behaupten, dass wir den
Willen Gottes suchen, wenn diese Suche nicht
innerhalb der sichtbaren Gemeinschaft der Kongregation
geschieht. Daher sind die Normen für die Unterscheidung
der Geister und die Entscheidungsfindung von
großer Wichtigkeit, damit die Gefahr vermieden
wird, die Sendung der Kongregation auf einen
bloßen Job bzw. Beruf zu reduzieren, der hauptsächlich
zur Selbstbestätigung ausgeübt wird, und daher mehr oder weniger
Sache des Einzelnen ist. Unsere Konstitutionen
betonen, dass die Suche nach dem Willen Gottes
eine Aufgabe ist, für die jedes Mitglied der
Kongregation mitverantwortlich ist.
76. Kein Redemptorist
kann sich von der Mitarbeit an einer gehorsamen
Kommunität ausschließen, denn einem jeden ist
die Offenbarung des Geistes geschenkt zum Nutzen
aller (Konst. 92; vgl. 1 Kor 12,7; Konst. 72).
Daher besteht ein wichtiger Dienst der Autoritätsträger
darin, die Gemeinschaft in ihrem Bemühen zu
unterstützen, den Willen Gottes zu hören, zu
erkennen und zu erfüllen, indem „sie ihre Mitbrüder
dahin führen, dass diese in aktivem und verantwortlichem
Gehorsam mitarbeiten, wenn es gilt, Aufgaben
zu erfüllen und neue Dienste zu übernehmen“
(Konst. 72).
77. Ein wichtiger
Faktor in der Übung eines mitverantworteten
Gehorsams ist der Dialog, den Paul VI. als neuen
Namen für „Liebe“ bezeichnet, und für den das geweihte
Leben sich als bevorzugte Erfahrung darstellt. Die Unterscheidung in Gemeinschaft
ersetzt zwar den Dienst der Autorität nicht,
dennoch dürfen die Autoritätsträger nicht übersehen,
dass die Gemeinschaft der bevorzugte Ort ist,
wo der Wille Gottes zu erkennen und anzunehmen
ist.
78. Unsere Konstitutionen
und Statuten sowie die Dekrete der letzten Generalkapitel
zählen etliche Möglichkeiten für die Gemeinschaft
auf, den Willen Gottes zu suchen. Provinzversammlungen
und Provinzkapitel sind bevorzugte Gelegenheiten,
den Willen Gottes zu hören und zu erkennen und
konstruktiv zu befolgen. Allen Mitgliedern einer
(Vize)Provinz soll die Gelegenheit gegeben werden,
ausgiebig zu den Überlegungen des Kapitels beitragen
zu können, entweder als Teilnehmer an einem
gut durchdachten Vorbereitungsprozess, oder
als gewählte Mitglieder des Kapitels. Zu diesem
Zweck müssen sie über die vom Kapitel zu behandelnden
Fragen gut informiert werden und die Möglichkeit
haben, ihre Meinung zu äußern.
79. Das Prinzip der
Mitverantwortung heißt nicht, dass jeder beim
Kapitel physisch anwesend sein muss. Im Gegenteil,
der Generalrat stellt die Effizienz von Kapiteln
mit allzu vielen Teilnehmern als ordentliches
Leitungsorgan besonders in größeren Einheiten
ernstlich in Frage. Es hat sich gezeigt, dass
derartige Gremien oft so allgemein gehaltene
Beschlüsse fassen, dass eine Provinzleitung
wenig effektive Richtlinien für die Ausübung
ihres Mandats bekommt. Das Fehlen einer klaren
Richtung in einer Provinz ist eine Einladung
zu jener Art von übertriebenem Individualismus,
der heute etliche Einheiten so lähmt. Wenn eine
Festlegung der Prioritäten in einer gehorsamen
Gemeinschaft fehlt, dann werden die Mitglieder
ermutigt, „sich etwas zu finden“, und damit
die Zersplitterung der Gemeinschaft beschleunigen.
80. In der Kongregation
sind Wahlen nicht einfach eine Sache der Stimmabgabe
mit anschließender Auszählung der Stimmen; noch
weniger sind sie die Suche nach jemandem, der
die Mitbrüder ungestört ihre eigenen Ziele verfolgen
lässt. Eher sollten die Wahlen eine Übung des
Gelübdes des Gehorsams der Provinz sein, die
von einer demütigen und mitverantworteten Suche
des Willens Gottes geprägt ist. Da der Wahlprozess
in einer Atmosphäre des Gebets stattfinden und
hoffentlicherweise zu gemeinsamen neuen Einsichten
führen wird, sollte die Kongregation manche
nach außen demokratische doch eigentlich privatisierte
Vorgänge kritisch durchleuchten, z.B. die Briefwahl.
Es ist nicht leicht einzusehen, wie ein solches
System den Dialog und die gemeinsame Entscheidungsfindung
der Einheit fördern soll. Der apostolische Zweck
der Kongregation sollte die Ermittlung und Auswahl
ihrer Leiter durchdringen und anregen.
81. Das XII. Generalkapitel
(1997) empfahl der Kongregation, einen Plan
für das Gemeinschaftsleben zu machen. Manche
Provinzen machen regelmäßig Gebrauch von diesem
Mittel und haben festgestellt, dass es bei der
Suche des Willens Gottes in der konkreten Situation
einer Hauskommunität ein schlagkräftiges Mittel
ist. Schon die Vorbereitung provoziert einen
fruchtbaren Dialog, der die persönlichen Talente
eines jeden Mitglieds in ein gemeinsames Projekt
einbringen soll. Die regelmäßige Überprüfung
des Gemeinschaftsplans kann zu einer nützlichen
Überprüfung des Lebens der Mitglieder werden
und die Tür zur ständigen Bekehrung offen halten.
82. Angesichts der
besonderen Rolle des Hausobern in der geistlichen
Begleitung der Kommunität (vgl. z.B. Konst.
72; Konst. 136; Gen. Stat. 037) sind regelmäßige
Zusammenkünfte der Autoritätsträger eine wichtige
Struktur zur Förderung ihrer Mitverantwortung.
Diese Zusammenkünfte dienen ihrer Weiterbildung
hinsichtlich ihrer Aufgaben im Rahmen des charismatischen
Projekts der Kongregation.
DER
GEIST DES HERRN RUHT AUF MIR,
DENN
ER HAT MICH GESALBT…
83. Der Gehorsam gegenüber
dem Wort Gottes, die Befolgung der Konstitutionen
und Statuten, das gehorsame Achten auf die Stimme
der verlassenen Armen sind uns eine Hilfe, dem
Willen Gottes treu zu bleiben. Im Laufe der
Jahre habe ich oft über die Begegnung des Diakons
Philippus mit dem Kämmerer der Königin Kandake
von Äthiopien meditiert, die die Apostelgeschichte
berichtet (Apg 8,27ff). Dieser Kämmerer war
in Jerusalem gewesen, um Gott anzubeten, und
befand sich nun auf der Heimreise. Er las eine
Stelle aus dem Propheten Jesaja, aber er konnte
den Text nicht und nicht verstehen, soviel er
sich auch bemühte. Als Philippus zu ihm auf
den Wagen stieg und ihm die Worte erklärte,
hat der Hofbeamte sie nicht nur verstanden,
sondern bekehrte sich zum Herrn. Sein Leben
hat eine neue Wendung genommen, und er bat um
die Taufe.
84. Könnten auch wir
von dieser Stelle aus der Apostelgeschichte
etwas lernen? Wir Redemptoristen haben ebenfalls
eine „Seite“ vor unseren Augen, ob es nun das
Wort Gottes selbst oder der gegenwärtige Geschichtsaugenblick
ist, und wir sind trotz aller Bemühungen auch
unfähig, sie zu lesen, weil wir sie nicht verstehen.
So wie der Heilige Geist den hl. Philippus dem
Kämmerer helfen ließ, das Gelesene zu verstehen,
hat derselbe Geist die verlassenen Armen der
Kongregation als Lehrer geschenkt. Wenn wir
nicht auf ihre Stimme hören, werden das Wort
Gottes in der hl. Schrift, die Konstitutionen
und Statuten und die Welt um uns für uns größtenteils
nicht zu entschlüsseln sein.
85. Wir hören auf
die verlassenen Armen in erster Linie wegen
Jesus Christus, der seine öffentliche Tätigkeit
mit einer hoffnungsfrohen Botschaft begonnen
hat: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn
der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht; damit ich die
Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr
des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18f). Alfons band die
Sendung der Kongregation an die Sendung Jesu
Christi und benützte diese Stelle aus dem Lukasevangelium,
damit wir verstehen, warum es uns in der Kirche
gibt.
86. Wir predigen den
Menschen nicht einen fernen und gleichgültigen
Gott sondern wollen in ihnen das Verständnis
für einen Anteil nehmenden Gott wecken, der
den ersten Schritt getan hat und bereits unter
ihnen gegenwärtig ist. Wir hören auf die Stimme
der verlassenen Armen, um dem Herrn dort zu
begegnen, „wo er schon anwesend ist und auf
seine geheimnisvolle Weise wirkt“ (Konst. 7),
vor allem unter denen, die am Rand der Kirche
oder der Gesellschaft stehen. Gott hat uns die
Sendung anvertraut, Zeugen seiner eigenen Kenosis
zu sein, die ihn in die Abgründe dieser Welt
und zurück in den Himmel geführt hat. Wir sollen
seine Geschichte auch anderen erzählen, die
sonst kaum eine Chance haben, sie zu hören,
damit auch sie die volle Teilnahme am göttlichen
Leben erlangen.
87. Das Hören auf
die Stimme der verlassenen Armen bringt uns
nicht nur ihren Anspruch an uns nahe, sondern
lässt uns auch verstehen, dass die Armen der
Kongregation etwas zurückgeben können. Durch
sie erleben wir das Geheimnis der Kraft, die
von Gott kommt und in der Schwachheit deutlich
wird (2 Kor 4,7ff), nicht nur was die uns anvertrauten
Menschen, sondern auch was unsere eigenen Ressourcen
betrifft. Die Armen lehren uns, dass man aus
der Gemeinschaft und den menschlichen Beziehungen
Kraft schöpfen kann, und ermutigen uns auf diese
Weise, nach neuen Strukturen der Zusammenarbeit
zu suchen, die unser Missionswerk stützen. Und
nicht zuletzt fordern uns die verlassenen Armen
zur Durchführung einer Aufgabe auf, die immer
eine freiwillig gegebene Antwort auf die überfließende
Liebe Gottes ist: „Umsonst habt ihr empfangen,
umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8). Unsere eigene
Erfahrung des gnädigen Erbarmens Gottes zwingt
uns, uns selber ganz zum Geschenk zu machen.
88. Die Armen brauchen
uns nicht. Wenn wir nicht mehr zu ihnen gehen
wollen, dann wird Gott andere finden, die das
tun, denn er hört auf den Schrei der Armen.
Meine Brüder, es geht darum, dass wir die Armen
brauchen, wenn wir unserem Sendungsauftrag treu
bleiben wollen. Gehorsam gegenüber ihrer Stimme
bedeutet nicht einfach „etwas für sie tun“,
sondern den Beginn eines Bekehrungsprozesses,
in dem wir leer werden und unser Leben zum Geschenk
machen. Um dies tun zu können, müssen wir erkennen,
dass es die Armen wirklich gibt: sie sind kein
Konstrukt, sie sind auch keine Statistik, sondern
haben Gesichter und Namen. Wir gehen, wohin
die Kirche nicht gehen kann oder gehen will,
und hören auf die Stimme der Menschen, die wir
dort finden. Wenn wir auf ihre Stimme hören,
und wenn wir auf das Wort Gottes und unsere
Konstitutionen und Statuten hören, werden wir
wissen, was wir zu tun haben.
SCHLUSSBEMERKUNGEN
Maria sagte zu dem Engel: „Wie soll das geschehen,
da ich keinen Mann erkenne?“ … Da sagte Maria:
„Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie
du es gesagt hast“ (Lk 1,34.38).
89. Der Internationale
Kongress über das geweihte Leben, eine noch
nie da gewesene Versammlung im Jahr 2004 mit
über 800 Teilnehmern (meist Generalober/innen
von männlichen und weiblichen Kongregationen
und von Vorsitzenden von praktisch allen Superiorenkonferenzen
und eine große Zahl von Theologen), verfasste
ein Schlussdokument mit einer Reihe gewagter
Aussagen. Eine von diesen ist Folgende:
„Seit einiger
Zeit ist neben den Manifestationen des Absterbens
(obsolete Traditionen und Stile, absterbende
Institutionen) etwas Neues in unserer Mitte
entstanden. Der Schmerz über das Absterbende
und das Vertrauen in das Neue, das entstehen
wird, gehen uns nahe. Obwohl wir noch nicht
klar sehen, wohin der Geist das geweihte Leben
führen wird… können wir doch… Spuren von etwas
Neuem erkennen…“
90. Ich habe nun 18
Jahre mit Redemptoristen und mit uns verbundenen
Brüdern und Schwestern sowie mit Mitgliedern
anderer Institute des geweihten Lebens gesprochen
und ihnen zugehört, und ich bin mehr denn je
davon überzeugt, dass in der Kongregation etwas
Neues aufbricht. Die Übung des Gelübdes des
Gehorsams wird uns eine Hilfe sein, eine Ahnung
von dem, was der Heilige Geist zum Leben erweckt,
zu bekommen, und wird uns ein Herz geben, das
weit genug ist für unseren Einsatz im großen
Erlösungswerk.
91. Wir müssen so
sein wie Maria bei der Verkündigung: Sie fragt
(Lk 1,34), sie überlegt, sie hält Besinnung.
Sie vertraut auf Gott und überlässt sich ihm
ganz. Sie besaß einen „gläubigen und Antwort
suchenden Gehorsam“ und war
gleichzeitig „bereit im Gehorsam“. Sie „bewahrte alles, was
geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber
nach“ (Lk 2,19) und „fand damit den tiefen Kern,
welcher scheinbar unverbundene Ereignisse, Taten
und Dinge im großen Plan Gottes verbindet.“ Wir ehren in ihr unsere Mutter,
die jederzeit uns zu helfen bereit ist. Sie
ist unser großes Vorbild im Glauben. Möge sie uns helfen, auf
das Wort des Herrn zu hören und die Größe unserer
Berufung zu erkennen. Möge sie uns zu einer
immer größeren Liebe zu ihrem Sohn führen, dem
Erlöser der Welt.
Mit brüderlichen
Grüßen in Christus, dem Erlöser,
JOSEPH
W. TOBIN C.Ss.R.
Generalsuperior