Dokumente und Mitteilungen   

 


Zum downloaden dieses Textes im Word-Format,
hier klicken.

Zum downloaden dieses Textes im Adobe PDF-Format,
hier klicken.

 

Ein Brief an die Mitbrüder

Durch Gottes Willen zum Apostel Christi Jesu berufen
(1Kor 1,1)

8. September 2009
Mariä Geburt

Prot. Nr. 0000 159/2009

Liebe Mitbrüder!

1.   Im letzen Monat dieses Sexenniums sind die Augen der Kongregation auf das XXIV. Generalkapitel gerichtet. Wie vorgesehen, werde ich dem Kapitel einen Bericht über den Stand der Kongregation vorlegen, möchte mich aber im Folgenden direkt an alle Mitglieder der Kongregation wenden, die den Dienst des Generaloberen einem unwürdigen Mitbruder anvertraut haben. Gleichzeitig sende ich meine Grüße an die Redemptoristinnen und andere Ordens- und Laienmissionare, die sich unseren Geist zu Eigen gemacht haben und bitte euch, dass ihr die nun folgenden Gedanken im Hinblick auf eure Berufung im Leib Christi lest. Der Leser dieser Zeilen mag so vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wie sehr ich die Kongregation liebe und welch große Hoffnungen ich bezüglich ihrer Zukunft hege.

2.   Ich wurde in den vergangenen zwölf Jahren oft gefragt, was meine Gründe für die Annahme dieses Amtes waren. Ich war da oft versucht, mit den drei „C“ zu antworten, die schon unser heiliger Vater Alphonsus zu zitieren pflegte: capitolo… cavallo… cieco: das Kapitel ist ein blindes Pferd! Ich denke aber auch, dass der liebe Gott 1997 der Meinung war, dass ich die Kongregation noch nicht genug liebe, daher durfte ich nach seinem Willen zwölf Jahre lang intensiv erfahren, wie großartig unsere Berufung ist.

3.   Dieser Brief möchte eine Einladung wiederholen, die vor zwölf Jahren an die Mitbrüder ergangen ist: wir mögen uns unserer Hingabe als Menschen, die sich durch Gelübde verpflichtet haben, unserem Erlöser Jesus Christus durch die Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen nachzufolgen, bewusst werden. Ich hoffe, dass Sie mit mir darin übereinstimmen, dass ein ehrlicher Blick auf den Sinn unserer Ordensprofess nicht nur das logische Ergebnis der Arbeit der letzten Generalkapitel, sondern auch eine besonders dringende Aufgabe angesichts der gegenwärtigen Situation der Kongregation ist.

4.   Im ersten Teil dieses Schreibens möchte ich einige Umstände hervorheben, die uns dringend nahe legen, einen genauen und unerschrockenen Blick auf unsere Nachfolge Christi zu werfen. Sie werden diese Bestandsaufnahme sicher aus ihren eigenen Erfahrungen in Gesellschaft und Kirche vervollständigen können. Im zweiten Teil werde ich versuchen, diese Erkenntnisse im Licht des Evangeliums und unseres spirituellen Erbes zu beurteilen. Ich möchte nicht versuchen, alle Kriterien aufzuzählen, von denen wir uns heute bestimmen lassen sollten, sondern eher auf einen Faktor hinweisen, der besonders wichtig für die schöpferische Treue zu unserer Berufung ist. Am Schluss möchte ich einige gemeinsame Tätigkeitsbereiche nennen, um euch unter Wahrung der Vielfalt innerhalb der Kongregation die Einheit in wichtigen Dingen ans Herz zu legen.

I.   HINSCHAUEN

Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört und euch verkünden, was kommen wird. (Joh 16,13)

5.   Was könnte uns der Heilige Geist über unsere spezielle Nachfolge Christi, die vita apostolica, die „sowohl das in besonderer Weise Gott geweihte Leben als auch das missionarische Wirken umfasst“ (Konst. 1), sagen? Was würde der Heilige Geist den heutigen Redemptoristen sagen? In welcher Weise hören wir auf den Geist der Wahrheit, der uns verkündet, was kommen wird? (Joh 16,13).

6.   Wo sollen wir beginnen? Das apostolische Leben der Redemptoristen ist in erster Linie Leben. Daher ist ein guter Ausgangspunkt für die Betrachtung unserer Jüngerschaft, dass wir nach Zeichen der Vitalität bei den heutigen Redemptoristen suchen. Diese Suche ist für uns besonders wichtig, da unsere Kongregation von allem Anfang an ein besonderes Wissen um die Fülle des Lebens in Jesus Christus besitzt; daher unser Wahlspruch: Copiosa apud Eum Redemptio. Die Suche nach der Vitalität in unserem apostolischen Leben kann keine Phantasieübung bzw. kein Wunschdenken sein. Obwohl wir noch nicht deutlich sehen, was der Heilige Geist in Kirche und Welt und damit auch in der Kongregation hervorbringt, können wir doch schon Zeichen einer neuen Vitalität erkennen.

DIE FASZINATION, DIE JESUS AUF DIE HEUTIGEN REDEMPTORISTEN AUSÜBT

7.   Ich bin der Überzeugung, dass die meisten Redemptoristen Jesus Christus lieben und diese Liebe durch Großherzigkeit, Hingabe und Beharrlichkeit ausdrücken. Wenn wir Redemptoristen predigen, sprechen wir von Jesus als jemandem, der uns vertraut ist, als jemandem, der den Überfluss der Schönheit der Liebe Gottes vom Kreuz [1] her verströmt, und in dessen Evangelium wir den Weg zu wahrer Befreiung und Solidarität finden können.

8.   Während der Visitationen der Einheiten der Kongregation haben die Mitglieder des Generalrats die Gelegenheit gehabt, immer wieder die Kraft zu spüren, die die Mitbrüder aus der Verbindung mit dem Erlöser schöpfen. Diese Visitationen haben gezeigt, dass die Beschreibung der Redemptoristen in Konstitution 20 kein idyllisches Phantasiegebilde ist. Die Generalkonsultoren und ich haben hautnah die heroische Gesinnung erlebt, die ein Kennzeichen unserer Kongregation ist: Mitbrüder, die „ selbstlos und opferbereit immer bereit sind, das zu tun, was getan werden muss“, ob sie nun eine besonders schwierige Aufgabe zu erledigen haben oder in ihrer Berufung ausharren müssen wie Abraham, der „gegen jede Hoffnung hoffte“ (Röm 4,18).

9.   Die Quelle dieser verwegenen Liebe ist der Erlöser, dem „die Redemptoristen nach wie vor freudig folgen“ (Konst. 20). Das erste und wichtigste Zeichen der Vitalität unseres apostolischen Lebens ist die ständige Erneuerung der Hingabe an Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6).

DIE SEHNSUCHT, NEU GEBOREN ZU WERDEN

10. Weit davon entfernt, eine Art unwandelbarer Bastion zu sein, die den Anspruch stellt, außerhalb des Rahmens der Geschichte zu stehen, bemüht sich die Kongregation, ihre Pilgerreise in schöpferischer Treue zu den Eingebungen des Heiligen Geistes fortzusetzen. Das II. Vatikanische Konzil forderte die Ordensleute auf, einen Erneuerungsprozess gemäß folgenden Kriterien in die Wege zu leiten: die Rückkehr zum Wort Gottes, insbesondere in den Evangelien; die Rückkehr zum Geist des Gründers und die grundlegenden Werte der Anfänge und die Notwendigkeit, auf die Zeichen der Zeit eine konkrete Antwort zu geben. [2] Die Grundsätze des Dekrets über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens Perfectae caritatis und die Lehräußerungen dazu wurden in der Kongregation mit Begeisterung aufgenommen und haben bis heute zu konkreten Ergebnissen geführt.

11. Unsere Konstitutionen und Statuten enthalten Bestimmungen, die ganz klar auf die spirituellen Intuitionen des hl. Alfons zurückgehen, sind aber flexibel genug, um die notwendige Inkulturation unseres apostolischen Lebens in die ganze Palette der Kulturen zuzulassen, in denen unsere Kongregation ihre Sendung erfüllt. Einige Mitbrüder haben Jahrzehnte damit verbracht, unsere Geschichte und unser spirituelles Erbe zu erforschen, und haben eine Fülle von neuem Material zum Verständnis unseres apostolischen Lebens zu Tage gefördert. In den letzten vierzig Jahren haben wir unser Verständnis für das Leben und die Grundidee des hl. Alfons sowie seine Missionsmethoden und seine Spiritualität vertieft. Wir wissen auch viel mehr über unsere Heiligen und Seligen sowie die Gnadenerweise in der Geschichte unserer Kongregation in den letzten 276 Jahren.

12. Die Früchte dieser Forschungen verstauben nicht in unseren Bibliotheken. Viele Mitbrüder nehmen an den Kursen über unsere Geschichte und Spiritualität in Rom sowie auf der Ebene der Provinzen und Regionen teil. In regelmäßigen Zusammenkünften bemühen sich die höheren Oberen sehr, die Stärken und Schwächen der diesbezüglichen Bemühungen ihrer Einheiten zu evaluieren und viele Provinziale ergreifen entschlossen die Initiative, um auf neue pastorale Notstände einzugehen. Und ich danke Gott für ein gewisses Maß an Unzufriedenheit innerhalb der Kongregation, das durchaus lobenswert ist! Wir sagen einander, dass wir besser sein könnten, als der Status quo erkennen lässt, und lassen uns nicht zur Mittelmäßigkeit verführen. Viele erwarten sich, dass wir konsequenter zu unseren Entscheidungen stehen und in unserem Lebensstil prophetischer sind. Weit davon entfernt, bloß nutzlose Nörgelei zu sein, kann dieses Unbehagen ein Zeichen der Vitalität und der Offenheit für die Bekehrung sein.

DIE FUNDAMENTALE BEDEUTUNG UNSERER SENDUNG

13. Unsere Konstitutionen betonen, dass die apostolische Liebe, „durch welche die Redemptoristen an der Sendung Christi, des Erlösers, teilhaben“ (Konst. 52), dem Leben der Redemptoristen seine Einheit verleiht, einem Leben, das seinen vollen Ausdruck in der vita apostolica findet. Ein Generalkapitel nach dem anderen mahnte die Kongregation, dass nicht jede pastorale Tätigkeit oder jeder Lebensstil als stimmiger Ausdruck unseres Charismas gerechtfertigt werden kann. 1985 forderte das XX. Generalkapitel von der Kongregation eine ausdrückliche, prophetische und befreiende Evangelisation der Armen, wobei wir unsererseits uns von den Armen evangelisieren lassen müssen. [3] Das XXI. Generalkapitel betonte, dass unser Gemeinschaftsleben als solches schon Verkündigung ist; die Gemeinschaft ist die wirkmächtige Gegenwart des Reiches Gottes unter den Menschen. [4]

14. Die Überlegungen der letzen Jahre haben viele Redemptoristen dazu gebracht, eine Sendung vor Augen zu haben, die unsere Phantasie beflügelt und uns zu prophetisch-kühnen Initiativen antreibt, die die traditionellen Grenzen sprengen, und Jesus Christus durch Inkulturation, ökumenischen und interreligiösen Dialog sowie durch die Anwendung neuer Kommunikationsmittel verkünden, wobei aber immer den Armen und Ausgegrenzten der Vorzug gegeben wird. Während Gemeindemissionen und andere Formen der Wanderpredigt bei uns noch immer einen Ehrenplatz einnehmen, haben wir auch in der Seelsorge an Wallfahrtsorten, in Pfarreien und Exerzitienhäusern, an Missionsstationen, in den Medien, in der geistlichen Begleitung und in Katechesen neue Möglichkeiten gefunden.

15. Die Auseinandersetzungen über die unverzichtbaren Merkmale unserer Sendung (die wegen der Neustrukturierung schärfer geworden sind) zeigen, dass wir uns vor Entscheidungen nicht drücken können und uns bemühen müssen, den Richtlinien zu folgen, die uns das Evangelium und unser Charisma vorgeben. Wie der hl. Alfons, der hl. Klemens und alle anderen unserer Vorväter im Glauben müssen wir wissen, an wen wir gesandt sind, wie wir leben müssen und welche pastoralen Methoden zur Erfüllung unserer Sendung geeignet sind. Ein neues Verständnis für die fundamentale Bedeutung unserer Sendung hinterfragt natürlich jede Tendenz, in Passivität zu versinken, oder „sich an solchen Gegebenheiten und Strukturen festzuklammern, in denen [unsere] Tätigkeit nicht mehr missionarisch wäre“ (Konst. 15). Gleichzeitig haben uns die Überlegungen des letzten Generalkapitels davor gewarnt, unsere Sendung auf die pastoralen Tätigkeiten zu reduzieren, indem es die Bedeutung des Gemeinschaftslebens und der Spiritualität betonte.

TREUE ZU DEN VERLASSENEN ARMEN

16. Das Generalkapitel hat viele Beispiele für die fundamentale Treue der Redemptoristen zu den verlassenen Armen festgestellt. So mancher pastoraler Einsatz hat das Leben von Mitbrüdern in Gefahr gebracht. Ich denke da an die Mitbrüder, die bei der leidenden Bevölkerung im Irak geblieben sind, oder an die Mitbrüder in der Elfenbeinküste, die in dem von einem mörderischen Bürgerkrieg zerrissenen Land geblieben sind, das der Klerus, einschließlich des Bischofs, im Stich gelassen hat. Es gibt Mitbrüder, die das Evangelium in einem fremden Land verkünden, in dem der Erfolg ihrer Arbeit viel bescheidener ist als bei gleichem Arbeitsaufwand zu Hause, wie z.B. brasilianische Mitbrüder in Surinam oder polnische Mitbrüder in Sibirien. Einige Provinzen haben Kommunitäten in neuen kulturellen Umfeldern gegründet, wie z. B. unter den Afrokolumbianern in Buenaventura (Kolumbien) oder die ersten Bemühungen um eine missionarische Präsenz in Laos. Diese Initiativen zeigen, dass sich die Kongregation nach wie vor der Armen, Kleinen und Unterdrückten besonders annehmen will (Konst. 4) und dass es wichtiger ist, zu den pastoral Vernachlässigten zu gehen, als an gut situierten Kirchen mit eindrucksvollen Besucherzahlen zu bleiben.

DAS STREBEN NACH DER COMMUNIO MIT DEN LAIEN

17. Von allem Anfang an ist die Kongregation sehr nahe bei den Menschen gewesen, denen sie dienen will, und war auf verschiedene Weise bemüht, Laien in ihre missionarische Arbeit einzubinden. Diese Tradition hat in den letzten Jahrzehnten seit dem XXI. Generalkapitel, das die Notwendigkeit erkannte, für die Zusammenarbeit mit den Laien offen zu sein, und seine Unterstützung neuer Initiativen erklärte, einen neuen Auftrieb erhalten. Eine dieser Initiativen war die Schaffung eines neuen Mitarbeitertyps in der Kongregation, nämlich des „Laienmissionars/der Laienmissionarin des Heiligsten Erlösers“. [5]

18. Obwohl noch viel zur nachhaltigen Integration der Laien in unsere Sendung getan werden muss, scheint es in der Kongregation doch einen wachsenden Konsens hinsichtlich des Wertes gemeinsamer Initiativen von Redemptoristen und Laien zu geben. Klarerweise müssen sowohl Laien als auch Redemptoristen theologisch, pastoral und spirituell so ausgebildet werden, dass diese Form der Zusammenarbeit als Zeugnis für unsere fundamentale Gleichheit vor dem Herrn bei gleichzeitiger Achtung vor der besonderen Berufung eines jeden Standes sichergestellt ist. Die Kongregation wird sich nie mehr vom Streben nach der Communio mit den Laien zurückziehen, die ein gemeinsames Arbeiten im Dienst der Kirche und Menschen ermöglicht.

DIE NOTWENDIGKEIT EINER NEUEN SPIRITUALITÄT

19. Schließlich bemühen wir Redemptoristen uns auch, das spirituelle Erbe der Kongregation in die veränderten Umständen unseres Lebens und Arbeitens einzubringen. Wir haben das Gefühl, dass der geistliche Weg der Mitbrüder seit Alphonsus (aber nicht nur er allein) uns kostbare Einsichten in unsere heutige Nachfolge Christi vermitteln. Hier müssen wir klare und zuverlässige Bezugspunkte für die Richtung unserer missionarischen Spiritualität haben. Die Wurzeln unserer Visionen müssen in den Evangelien, im Geist des hl. Alfons und in den realen Erfahrungen von Redemptoristen im Laufe der Jahrhunderte liegen. Natürlich darf sich das Streben nach einer neuen Spiritualität nicht an der Vergangenheit orientieren bzw., was noch schädlicher wäre, versuchen, die Vergangenheit unkritisch in die Gegenwart zu übernehmen. [6]

20. Der Generalrat nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass in vielen Provinzen die gemeinsamen Exerzitien wiederbelebt werden, und das Interesse an Publikationen, Workshops und Kursen über die redemptoristische Spiritualität wächst. Viele (Vize)Provinzen haben spezielle Veranstaltungen über unser apostolisches Leben in ihrem Jahresprogramm. Oft hat die Tatsache, dass sich Laien von unserem spirituellen Erbe so angezogen fühlen, die Mitbrüder dazu angespornt, für dieses Erbe dankbarer zu sein und es mehr zu studieren.

21. Ich sehe schon viele Beispiele für die Vitalität in unserem apostolischen Leben, doch durchläuft unsere Kongregation - wie die Kirche - natürlich verschiedene Stadien auf ihrer langen Pilgerreise durch die Geschichte. Wir sind beileibe keine Außerirdischen, auf die nicht dieselben Kräfte wirken würden, die die einzelnen Gesellschaften und ihre Institutionen, ja die ganze Welt, so gründlich verändern. Manche dieser Kräfte mögen dazu dienen, die Zeichen der Vitalität in unserem apostolischen Leben zu verschleiern oder uns dazu verleiten, die Sendung der Kongregation aus ihrem göttlichen Ursprung herauszulösen und sie einfach auf die Statistik, die Demographie und kulturelle Trends zu reduzieren. Ich möchte im Folgenden einige der Besorgnis erregenden Seiten dieses Problems behandeln.

DIE KONSEQUENZEN AUS DEM DRAMATISCHEN RÜCKGANG
DER MITGLIEDERZAHLEN IM WESTEN

22. Es gibt genügend Gelegenheiten, den Optimismus der heutigen Redemptoristen zu erschüttern. In den letzten fünf Jahrzehnten haben alle größeren Orden und Kongregationen, besonders jene in Westeuropa, Nordamerika und Ozeanien, einen drastischen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen erlitten. Die Gründe dafür sind zahlreich und komplex. Für diese Darlegungen möchte ich nur einige Folgen dieses Rückgangs hervorheben, statt auf die möglichen Ursachen einzugehen.

23. Die von diesem Rückgang am meisten betroffenen Einheiten haben lange eine wichtige und sehr erfolgreiche Rolle im Sendungsauftrag der Kongregation gespielt. Sie übten nicht nur einen großen Einfluss auf die Geschichte der Ortskirche in ihrer Region aus, sondern verbreiteten die Kongregation in der ganzen südlichen Hemisphäre. Einige wenige Provinzen tragen nach wie vor den Löwenanteil bei der Finanzierung gemeinsamer Projekte in der Kongregation, wie etwa den Solidaritätsfonds, die Alfonsianische Akademie und die Generalleitung, und unterstützen daneben diskret auch noch bedürftige Einheiten in der ganzen Welt direkt. Die geringer gewordene Zahl der Mitbrüder und ihr vorgeschrittenes Alter verringert klarerweise die Möglichkeiten dieser Einheiten und die steigenden Kosten für die medizinische Versorgung der älteren Mitbrüder hat ihre finanziellen Unterstützungen zugunsten der Kongregation verringert. Darüber hinaus haben diese Einheiten sich ein wertvolles Wissen über das komplizierte Verhältnis zwischen Glauben, Religion und säkularisierter Gesellschaft erworben und ihr Mitgliederschwund führt zu einer Verarmung des kirchlichen Lebens in ihren Regionen.

24. Neben diesen direkten Konsequenzen hat die ins Auge springende mangelnde Attraktivität unserer Lebensweise für junge Menschen im Westen bei manchen Bischöfen, Laien und sogar Redemptoristen ernste Zweifel hinsichtlich der Zukunft sowohl der Kongregation als auch des geweihten Lebens geweckt. Viele Einheiten fühlen sich verpflichtet, das Bewahren des Alten über unsere Sendung zu stellen, was sowohl ihre tägliche Lebensgestaltung als auch Zukunftsplanung betrifft, und statt von Reichhaltigkeit, die seit jeher mit dem geweihten Leben verbunden war, zu sprechen, wird von Einschränkung und Verkleinerung gesprochen. [7]

25. Indem sie sich mit ihren geringer gewordenen Möglichkeiten abfinden, verfallen die Mitbrüder oft einer wehmütigen Resignation und geraten in eine traurige Stimmung, wenn sie das „goldene Zeitalter“ ihrer Einheit beschwören. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass die Kongregation im Westen vielleicht das Opfer ihrer früheren Erfolge ist, wenn die Mitbrüder sich an frühere Zeiten erinnern, in der es eine ungewöhnlich große Zahl an Kandidaten gab, deren Aufnahme und späteres Wirken eine gewaltige Ausweitung des seelsorglichen Dienstes an den Menschen ermöglichte.

DER ÜBERGANG VOM LEGALISMUS ZU ???

26. Die Kongregation lebt noch immer in der Übergangsphase von der alten Regel zu den überarbeiteten Konstitutionen und Statuten. Von allem Anfang an haben die Redemptoristen gewisse Normen, die die kostbarsten Werte unserer Nachfolge Christi absichern sollten, kodifiziert. Diese Werte dienten dazu, die Kongregation bei ihren wichtigsten Entscheidungen zu führen und zu leiten und die spirituellen Erfahrungen des apostolischen Lebens an die folgenden Generationen weiterzugeben. Während des größten Teils ihrer Geschichte war es das Ziel der Redemptoristen, als Weg zur Heiligkeit nach den Vorschriften der Regel zu leben, um so den Zweck der Kongregation zu erfüllen. Observanz war der größte Wert. Die Regel bestimmte unsere pastorale Tätigkeit und unser Gemeinschaftsleben in solchem Maße, dass man mit Recht sagen konnte, man könne irgendein Haus irgendwo auf der ganzen Welt besuchen und würde überall große Ähnlichkeiten im Lebensstil finden, was bis zu den Möbeln in den Zimmern der Mitbrüder ging.

27. Im Licht der Erneuerung, die mit dem Dekret „Perfectae caritatis“ begann, begann man, die Regeltreue als übertriebene Betonung von Gesetz und veralteten aszetischen Übungen, geradezu als Vorrang des Buchstabens vor dem Geist des Gesetzes zu sehen.

28. Die überarbeiteten Konstitutionen und Statuten enthalten demgegenüber eine Fülle theologischer Gedanken sowie eine echte Flexibilität, die eine „Anpassung an die apostolischen Erfordernisse und die Eigenart eines jeden missionarischen Unternehmens, allerdings unter Wahrung des Charismas der Kongregation“, erlaubt (Konst. 96). Wenn man die Konstitutionen und Statuten im Licht der im Punkt 2 des Dekrets Perfectae Caritatis angeführten Kriterien betrachtet, wird man kaum bezweifeln, dass „sie uns mit dem Geist des Ursprung des Instituts“ verbinden und für die „Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse“ sorgen. Man muss jedoch die Frage stellen, ob die Konstitutionen tatsächlich geeignet sind, das Leben der Redemptoristen weiterzugeben? Ich beziehe mich natürlich auf die offensichtlich geringe Rolle, die die Konstitutionen bei den Überlegungen und Entscheidungen und im täglichen Leben der Kongregation spielen.

29. Mit dem Verlust der Bedeutung von Traditionen und Normen in den letzten Jahrzehnten ist man dazu übergegangen, der persönlichen Erfahrung eines jeden Einzelnen und seiner Fähigkeit, Gott zu begegnen, eine entscheidende Aussagekraft zuzumessen. Wenn sie durch subjektive Kriterien gefiltert werden, vermitteln ältere Übungen und Formeln keinerlei für alle gültige Gotteserfahrung mehr. [8] Das erklärt vielleicht auch die Mühe mancher Hauskommunitäten, zu einem regelmäßigen Gebetsleben der Gemeinschaft zu kommen. Das XXI. Generalkapitel wies vor 18 Jahren auf eine Herausforderung hin, die auch heute noch vorhanden ist: „Als wir die Übungen, die wir für unpassend und unauthentisch in der Gegenwart hielten, aufgaben, entstanden keine neuen, die geeignet gewesen wären, das entstandene Vakuum zu füllen.“ [9]

30. Der mangelnde Bekanntheitsgrad unserer Konstitutionen und ihre offensichtliche Bedeutungslosigkeit in vielen Bereichen des Lebens der Kongregation bringt die Redemptoristen um eine gemeinsame Sprache sowie um Grundsätze, mit denen sie ihre Entscheidungen begründen und an denen sie ihr Leben messen können.

31. Wenn eine Provinz bezüglich ihrer pastoralen Methoden Entscheidungen zu treffen hat, oder Erwartungen für das Gemeinschaftsleben aussprechen muss, oder Überlegungen bezüglich der Gründung oder Auflösung einer Niederlassung anstellen muss, wird die Diskussion darüber von Überzeugungen, Einstellungen oder Meinungen beherrscht, die in Verbindung mit den Werten unserer Konstitutionen stehen können oder nicht. Nutzlose Gegensätze kommen immer wieder auf, wenn auch in neuen Formen. Man hört weniger von „drinnen Kartäuser, draußen Apostel“, sondern mehr von „Sein“ gegen „Tun“, „Aktivismus“ gegen „Kontemplation“, „Missionen“ gegen „Pfarreien“. Mir will scheinen, dass diese und ähnliche Gegenüberstellungen von einer fundamentalen Entfremdung von der Spiritualität der Konstitutionen und Statuten zeugen.

ÜBERBETONUNG DES PRIESTERTUMS

32. Wir sollten uns fragen, ob in der Kongregation eine Art Klerikalismus entsteht oder nicht, der uns von der Wahrheit von Konst. 54 trennt, die darauf hinweist, dass die Ordensprofess und nicht die Priesterweihe, der letztgültige Akt des gesamten missionarischen Lebens der Redemptoristen ist. Der Klerikalismus geht auf die Idee zurück, dass alles, was mit Religion zu tun hat, Sache der Kleriker ist. Sie treffen die Entscheidungen und geben die Anordnungen, und die Laien haben die Aufgabe, sie auszuführen. Diese Art von Klerikalismus ist der Kongregation fremd. Dennoch gibt es vielleicht ein subtiles (aber echtes) Wachsen einer klerikalen Kultur, d.h. eines Umfeldes, in dem die Berufung zum Redemptoristen auf den geweihten Priester reduziert wird, und unsere Sendung für eine kultische Aufgabe gehalten wird, die den Priestern reserviert ist. Zwei Phänomene weisen darauf hin:

33. Erstens: Die Zahl der Brüder nimmt in praktisch allen Einheiten der Kongregation ab. Dafür gibt es viele Gründe, aber was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, dass die Einheiten nicht mehr um Brüder werben. Das ist besonders besorgniserregend in Provinzen und Vizeprovinzen, die zwar viele Klerikerstudenten haben, doch ins Treffen führen, dass kulturelle Gründe für das Fehlen von Brüdern verantwortlich sind. Man sagt, dass die Leute glauben, dass ein Bruder weniger ist als ein Priester – eine Art von verhindertem Priester… Wenn die Leute das wirklich glauben, dann hat die Kongregation die Chance, dieses völlig falsches Bild zu korrigieren, indem sie die Berufung zum Bruder zu einer Lebensweise erklärt, in der alle auf Grund ihrer Profess Missionare sind (Konst. 55) und alle Mitglieder grundsätzlich gleich sind. In Mitverantwortung tragen alle, jeder auf seine Weise, das Leben und die Sendung, zu der sie berufen sind (Konst. 35).

34. Ein zweites besorgniserregendes Zeichen ist die Leichtfertigkeit, mit der geweihte Mitbrüder die Kongregation verlassen, um sich in einer Diözese inkardinieren zu lassen. Das geschieht oft im Leben eines Redemptoristen-Priesters, der in der Inkardination eine willkommene Lösung seiner persönlichen Krise sieht. Traurigerweise gib es Bischöfe, die einen Ordenspriester mit Freude aufnehmen, vor allem, wenn er jung ist und eine besondere Ausbildung hat. Das Weltpriestertum ist sicher eine großartige Berufung, aber es unterscheidet sich fundamental von unserer Nachfolge Christi. Wenn ein Mitbruder in einer Diözese inkardiniert wurde, habe ich oft zu hören bekommen: „Wenigstens ist er Priester geblieben!“ Was aber bedeutet es, wenn das Priestertum höher geschätzt wird als die Lebensweise, in der es ausgeübt wird, sei es in der Kongregation oder in einer Diözese?

35. Neben der Überbetonung des Priestertums kann es noch andere „Etiketten“ geben, die zweierlei Maß in die Kongregation bringen. Eine Überbewertung des „Professionalismus“ mit einem eigenen Dresscode und einer eigenen Sprache, oder eine Spaltung in ideologische Richtungen, die ein Aufeinanderprallen gegensätzlicher Meinungen über eine theologische oder politische Frage mit sich bringt, schwächen das gemeinsame Zeugnis einer Provinz. Nationale, ethnische oder regionale Unterschiede schaffen Barrieren zwischen Mitbrüdern. Wie die Überbetonung des Priesterstandes weisen diese Quellen von Spaltungen darauf hin, dass es für etliche Mitbrüder stärkere Identifikationspunkte gibt als unsere gemeinsame Berufung als Redemptoristen.

DIE FRAGE DER PROPHETISCHEN DIMENSION

36. Heute sagen viele Mitbrüder, dass das Zeugnis unserer Lebensweise schwächer geworden sei, dass die prophetische Dimension unserer Berufung abgenommen habe oder überhaupt fehle. Diese Sorge wurde bei verschiedenen Regionalversammlungen im heurigen Jahr vor allem in Lateinamerika massiv geäußert. Wenn auch die Mitbrüder in anderen Regionen sich nicht so laut zu Wort gemeldet haben, frage ich mich doch, ob nicht unter den Redemptoristen ein allgemeines Unbehagen herrscht, ein Gefühl der Sorge, dass wir zugelassen haben, dass die Radikalität unserer Berufung in einem bürgerlichen Lebensstil untergeht, in dem unser gemeinsames Zeugnis durch persönliche Vorlieben relativiert wird. Wir spüren, dass das Leben in unserem Orden niemals als Beruf ohne Höhen und Tiefen mit regelmäßigen Stunden, einer klaren Arbeitsplatzbeschreibung und allen möglichen Absicherungen gedacht war. Aber oft wissen wir nicht, was für Zeugnis wir abzulegen haben: Was verkünden wir… wovon distanzieren wir uns?

37. Im ersten Teil dieses Schreibens habe ich Sie eingeladen, darüber nachzudenken, was wohl der Heilige Geist uns über unsere spezielle Nachfolge Christi, die „vita apostolica“, zu sagen hat. Mit der Beschreibung einiger Wesenszüge der Kongregation heute versuchte ich, sowohl Zeichen der Vitalität als auch Gründe für die Sorge um unsere Jüngerschaft aufzuzeigen. Aus eigener Erfahrung haben Sie vielleicht an andere Beispiele für die Vitalität in unserer Nachfolge und das Nachlassen derselben gedacht. Ich möchte nun die Realität der Kongregation beleuchten, indem ich mich dem Gelübde zuwende, das meiner Meinung nach heute einen äußerst wichtigen Beitrag zum apostolischen Leben der Redemptoristen leisten kann, nämlich dem Gelübde des Gehorsams. Bevor jemand jetzt nervös wird und autoritäre und zentralistische Gespenster zu sehen beginnt, möchte ich erklären, was ich meine.

II.  URTEILEN

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht… (Phil 2,5)

DIE GELÜBDE IN DER HEUTIGEN ZEIT

38. Die Ordensprofess ist ein unwiderruflicher Akt im missionarischen Leben eines Redemptoristen (Konst. 54). Das Bedeutsame an der Profess liegt nicht einfach in dem Versprechen, die drei Gelübde und das Gelübde und den Eid der Beharrlichkeit mit allen Konsequenzen zu leben. Mehr als die Übernahme von Verpflichtungen stellt die Ordensprofess einen Antrieb des Heiligen Geistes dar, der die Redemptoristen keine Mühe scheuen lässt, sich Gott ganz zu übergeben, so dass sie eine Antwort an den Herrn sind, der sie zuerst geliebt hat (Konst. 56). Die Gelübde sind gewiss von großer Bedeutung für den lebenslangen Prozess der Selbsthingabe, aber das ist die Verpflichtung auch, in der Gemeinschaft der Mitbrüder ein Leben zu führen, das von apostolischer Liebe erfüllt ist, wie es in der Formel für die Gelübde heißt.

39. Die Redemptoristen sollen die Gelübde im Lichte der Sendung der Kongregation leben und deswegen haben die Gelübde so viel mit der Gemeinschaft zu tun wie die einzelnen Mitbrüder. Einzeln und für sich genommen könnte man in den Gelübden Bestimmungen sehen, wie wir mit der Gesellschaftsordnung, der Sexualität und dem Eigentum umzugehen haben. Gemeinsam stellen sie eine frei gewählte und öffentliche Verpflichtung dar, ein Leben der Selbsthingabe nach dem Vorbild und Muster der Liebe Christi zu seiner Kirche zu führen. Wie seine Selbsthingabe ist auch unsere Selbsthingabe absolut und unwiderruflich. [10]

40. Hilft es weiter, wenn wir ein Gelübde herausgreifen und ihm einen besonderen Wert für die vita apostolica im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beimessen? Wenn ja, welches? Wenn man das evangelische Zeugnis der Gelübde vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens heranzieht, könnte man ins Treffen führen, dass das Gelübde der Keuschheit ein einzigartiges Zeugnis ablegen würde angesichts der publik gewordenen sexuellen Verfehlungen von Weltpriestern und Ordensleuten sowie angesichts der Reduzierung der Sexualität auf einen biologischen Trieb. Wenn man hingegen unsere Option für die Verlassenen, und hier wieder für die Armen, ins Treffen führt, möchten wir sicher den evangelischen Rat der Armut mehr in den Vordergrund stellen und überzeugender leben. Ich möchte jedoch die Behauptung aufstellen, dass der Gehorsam eine besonders wichtige Rolle in unserem apostolischen Leben von heute spielt.

41. Es ist praktisch schon ein Klischee, wenn man sagt, dass die Kirche und die Kongregation in einer sich schnell verändernden Welt leben. Unser Zeitalter wird als Übergangszeit bezeichnet, die gekennzeichnet ist „von großen Fortschritten in Wissenschaft und Technik sowie von einflussreichen Kommunikationsmitteln, die manchmal den Geist ‚kolonisieren’“. [11] Es gibt zwar das umstrittene Phänomen der Globalisierung, die uns wirtschaftlich enger zusammenrücken lässt, aber bestehende kulturelle Identitäten kaputt macht. Aber es gibt auch „Augenblicke in unserer Zeit, in denen wir überrascht erkennen, dass der Gott, der zu uns spricht, der Herr der Geschichte ist.“ Wir „erleben eine Sinnkrise, aber auch eine Sehnsucht nach Sinn, die uns tausend Vorschläge und Versprechen macht.“ [12]

42. Gerade in der „Zwischenzeit“ des gegenwärtigen Augenblicks kommt die Kongregation um Entscheidungen nicht herum. Sie kann es sich nicht leisten, launisch zu sein und nach eigenem Gutdünken die Kriterien für ihre Optionen festzulegen. Aus der Kakophonie von Stimmen, die den Geist „kolonisieren“ wollen, muss sie die Stimme dessen heraushören, der uns berufen hat, als seine „Gefährten und Gehilfen im großen Erlösungswerk Jesu Christi den Armen das Wort des Heiles zu verkünden“ (Konst. 2). Weil die Redemptoristen berufen sind, „pastorale Notstände zu bevorzugen“ (Konst. 5), müssen unsere Entscheidungen regelmäßig überprüft werden, damit wir „uns nicht an solchen Gegebenheiten und Strukturen festklammen, in denen [unsere] Tätigkeit nicht mehr missionarisch wäre“ (Konst. 15).

43. Die stürmischen Veränderungen in unserem Institut in den letzten fünf Jahrzehnten sowie der Gang der Welt heute verlangen, dass die Redemptoristen hörende und die Zeichen der Zeit erkennende Menschen sind, die den Eingebungen des Heiligen Geistes bereitwillig folgen. Deswegen meine ich, dass wir dem Gelübde des Gehorsams besondere Aufmerksamkeit schenken müssen, weil wir einer mitverantwortlichen Suche nach dem Willen Gottes gemäß dem Charisma der Kongregation verpflichtet sind.

44. Wie wir alle wissen, muss die rechtmäßige Obrigkeit sowie die Gehorsamspflicht gegenüber den rechtmäßigen Oberen in unserem apostolischen Leben eine Rolle spielen. Daher möchte ich in diesen Überlegungen im radikalen Zusammenhang Pauls VI. sehen, der geschrieben hat: „Mehr als das rein formelle und legalistisches Dienern vor dem Kirchenrecht oder die Unterwerfung unter die kirchliche Obrigkeit ist [der Gehorsam] eine Durchdringung und Annahme des Mysteriums Christi, der uns durch seinen Gehorsam erlöst hat. Sein Gehorsam ist eine Fortführung seiner fundamentalen Einstellung: Sein Ja zum Willen des Vaters“. [13] So verstanden ist der Gehorsam die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes und dem reichen spirituellen Erbe unserer Kongregation und hilft uns, die Stimme unseres Herrn und den uns geschenkten Kairos im Chaos unserer Zeit zu erkennen.

EINE FRAGE UND DIE ANTWORT DARAUF

45. Die Evangelien erzählen einige Berufungsgeschichten, Berichte, in denen Jesus Menschen anspricht, die diese Berufung annehmen oder ablehnen können. Meine „Lieblingsgeschichte“ ist das ganze Johannesevangelium, das mit einer Frage beginnt und mit einer Einladung aufhört. Die ersten Worte Jesu sind: „Was wollt ihr?“ (Joh 1,38). Das Evangelium schließt mit dem Wort an Petrus: „Du aber folge mir nach“ (Joh 21,22). Anders als die Berufung der Apostel bei den Synoptikern waren die ersten Worte Jesu an Andreas und den anderen Jünger eine Antwort auf ihre Sehnsüchte, ihre Träume und ihre Ideale: „Was wollt ihr?“ Das Evangelium ist die Geschichte der erstaunlichen Begegnung zwischen dem Gott, der „die Welt so sehr geliebt hat“, und der tiefsten Sehnsucht des menschlichen Herzens. Der Ruf zur Nachfolge kommt nach der Offenbarung des österlichen Mysteriums, in dem der Plan des Vaters zur Rettung der Welt zur Gänze enthüllt wird.

46. Die Gottsuche war schon immer die Suche allen Seins, das nach dem Absoluten und Ewigen dürstet. [14] Die Traditionen der großen Religionen spiegeln diese Suche wider, ebenso die säkularisierten Gesellschaften, in denen die Menschen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und des Leidens fragen, ohne Bezug auf einen geoffenbarten Glauben zu nehmen. Wie der hl. Paulus auf dem Areopag können wir viele Altäre des „unbekannten Gottes“ finden (vgl. Apg 17,23), wenn wir die Augen für die „Heiligtümer“ dieser Gesellschaften offen halten.

47. Für die Redemptoristen findet die Suche nach dem letzten Sinn ihre endgültige Antwort in Jesus Christus. Mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben bekennen wir: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68f). Doch selbst wenn wir zur frohen und froh machenden Erkenntnis gekommen sind, dass wir gefunden haben, wonach wir gesucht haben, geht die Suche weiter.

48. Die Profess ist ein „unwiderruflicher Akt im unserem gesamten missionarischen Leben“ (Konst. 54), sie ist aber auch die Fortsetzung der Suche. Ich habe da das Bildnis Jesu in der Kapelle der Generalkurie vor Augen, das ihn im Dreiviertelprofil darstellt. Es bleibt also immer die verborgene Seite des Meisters bestehen, so dass wir mit Recht weiterhin beten müssen: „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Ps 27,8).

GEHORSAM WIRD GOTT ALLEIN GESCHULDET

49. Der wichtige Ausgangspunkt für die Betrachtung des Gehorsams ist der Glaube, unsere grundsätzliche Antwort auf unsere Berufung in der Taufe. Theologisch gesehen wird der Gehorsam Gott allein geschuldet. Jede andere Manifestation des Gehorsams im Orden ist Betrachtung, ein Mittel zum Zweck, das auf den einzig wirklich wichtigen und ausschlaggebenden Willen im Leben eines Christen, und damit auch eines Redemptoristen, gerichtet ist. [15]

50. Der Gehorsam anerkennt den Vorrang Gottes vor jedem und allem. [16] Daher sind die Kongregation und die Kirche von ihrem fundamentalen Selbstverständnis her nicht in zwei Klassen geteilt, nämlich in jene, die befiehlt, und in jene, die gehorcht. Jesus wendet sich an alle Jünger, wenn er sagt: „Nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ (Mt 23,8). Jeder in der Kirche muss den Willen Gottes suchen und alle sind zum Gehorsam berufen, denn wer den Willen des Vaters erfüllt, ist für Jesus „Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,50).

CHRISTUS IST DAS VORBILD DES GEHORSAMS

51.       Unsere Konstitutionen sagen uns, dass uns Redemptoristen ein sichtbares Vorbild dafür gegeben wurde, wie wir den Willen Gottes in unserem Leben suchen und verwirklichen sollen. Die erste Konstitution über das Gelübde des Gehorsams beginnt mit dem Satz: „Nach dem Beispiel Christi, der gekommen ist, den Willen des Vaters zu tun und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele…“ (Konst. 71). Der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes war nicht eine Eigenschaft, die der Persönlichkeit Christi beigefügt wurde, sondern ihr voller Ausdruck: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). [17] Als seine „Gefährten und Gehilfen im großen Erlösungswerk Jesu Christi“ sind auch wir zu einem Gehorsam berufen, der die Sendung Christi fortsetzt.

52. Wenn wir daher von der „Sendung“ der Kongregation reden, sprechen wir über den Gehorsam, und nicht über abgenützte Schlagworte oder vorgefertigte Antworten. Mit diesem Gelübde „suchen wir das Reich Gottes und werden ins österliche Geheimnis hineingenommen, das ein Geheimnis des Gehorsams ist“ (Konst. 71).

53. Der Bezugspunkt ist Christus und das Geheimnis seiner Kenosis. Der konkrete Ausdruck unserer Sendung ergibt sich nicht immer von selbst in der Geschichte. Darum suchen wir den Willen Gottes im Geist des Glaubens und der Liebe. Der hl. Alfons drängt uns, diese Suche fortzusetzen, wenn er sagt, dass die echte Verwirklichung aus der Liebe zu Gott kommt, der unsere Liebe so sehr verdient, aber die Vollendung der Liebe zu Gott besteht in der Vereinigung unseres Willens mit dem Seinen. [18]

WAS IST DAS „DER WILLE GOTTES“?

54. Was ist dieser „Wille“ des Vaters, den wir suchen und wie Christus im Rahmen der Zeitumstände, in denen sich die Kongregation befindet, erfüllen müssen? Die Antwort finden wir in den ersten Worten des Gebets, das uns Jesus geschenkt hat: So handeln, dass der Vater als der Heilige anerkannt wird, dass sein Reich in der Geschichte und in der Endzeit kommt und dass sein Wille geschehe wie im Himmel so auf der Erde (vgl. Mt 6,9f). [19] Wir beginnen, den Willen Gottes zu erfüllen, wenn wir an den Sohn glauben, der vom Vater aus Liebe in die Welt gesandt wurde (Joh 3,16ff), damit niemand zugrunde geht (vgl. Joh 6,40). Der unsichtbare Bezugspunkt für den Willen Gottes ist die verschwenderische Liebe des Vaters (Mt 5,42-48); der sichtbare Bezugspunkt für den Willen Gottes ist das Verhalten den Menschen gegenüber, die er liebte (vgl. Joh 15,9-17). [20]

55. Der hl. Paulus zählt eine Reihe nach außen vorbildlicher Handlungen auf, die ohne Liebe letzten Endes wertlos sind (1 Kor 13,1-3). Ebenso sagt der hl. Alfons, dass es nicht genug ist, lobenswerte Dinge zu tun, wenn es nicht in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes geschieht. [21] Deswegen kann auch nicht jede pastorale Option eines Mitbruders, einer Hauskommunität oder einer Provinz dem Charisma der Kongregation entsprechend angesehen werden, wenn sie nicht in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes geschieht. Der hl. Augustinus hat kurz und bündig erklärt: Martyres non facit poena sed causa („Märtyrer wird man nicht dadurch, dass man sterben muss, sondern, warum man sterben muss“). [22]

56. Doch die echte Gotteserfahrung bleibt immer die Erfahrung, dass er der „ganz Andere“ ist. [23] Papst Benedikt XVI. sagt in seiner zweiten Enzyklika, „dass zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf keine noch so große Ähnlichkeit festzustellen ist, dass nicht zwischen ihnen eine noch immer größere Unähnlichkeit bliebe.“ [24] Der Prophet Jesaja fordert uns auf, den Herrn zu suchen, solange er sich finden lässt und anzurufen, solange er nahe ist (Jes 55,6) und fährt mit der Warnung vor einer falsch verstandenen Nähe fort: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,8f).

57. Dass Gott der „ganz Andere“ ist, bedeutet, dass wir seinen Willen auf Wegen suchen müssen, die im Einklang mit seiner Offenbarung stehen. In erster Linie besteht der wahre Gehorsam eines jeden Jüngers in „der Zustimmung zu jenem Wort, mit welchem Gott sich selbst offenbart und sich mitteilt“. [25] Die letzte Norm des Ordenslebens ist die im Evangelium dargelegte Nachfolge Christi und muss als oberste Regel in unserer Kongregation gelten. [26]

58. Eine andere Vermittlung des Willens Gottes ist das Lehramt der Kirche, dessen Aufgabe darin besteht, das Wort Gottes authentisch zu interpretieren und im Namen Jesu verbindlich zu lehren. Das Lehramt steht jedoch nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nur lehrt, was überliefert ist. [27] Nach göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes hört die Kirche dieses Wort ehrfürchtig, bewahrt es heilig und erklärt es treu. [28]

59. Es gibt noch weitere Vermittlungen des Willens Gottes. Man erkennt sie an den besonderen Erfordernissen der spezifischen Berufung im Leben. Gottgeweihte Personen sind außerdem innerhalb „eines vom Geist angeregten und von der Kirche anerkannten charismatischen oder ‚evangelischen’ Projekts in die Nachfolge des gehorsamen Christus gerufen.“ [29] In seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben weist Papst Johannes Paul II. auf die dringende Notwendigkeit für jedes Institut zu einer Neubesinnung auf seine Lebensordnung hin, „da in ihr und in den Konstitutionen ein Weg der Nachfolge enthalten ist, der von einem eigenen, von der Kirche beglaubigten Charisma gekennzeichnet ist.“ [30]

60. Die Tragweite unserer eigenen Normen wird in Konstitution 74 unmissverständlich ausgesprochen, wo es heißt: „Deswegen müssen die Konstitutionen und Statuten und die rechtmäßig erlassenen Dekrete von den Obern und den anderen Mitgliedern in der Gemeinschaft des Geistes befolgt werden. Sie sind ein gültiges Mittel, durch das die einzelnen Mitbrüder und die Gemeinschaft ständig auf den Willen Gottes ausgerichtet bleiben und die Sendung Christi erfüllen, der von sich gesagt hat: ‚Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat’ (Joh 6,38).“ Die Unkenntnis der Konstitutionen und Statuten bzw. ihre Zurückdrängung an den Rand des Lebens einer Provinz bzw. der gesamten Kongregation gefährdet eindeutig die Treue ihrer Mitglieder.

61. Eine besondere Vermittlung des Willens Gottes für die Kongregation ist schließlich die Stimme der verlassenen Armen. Wir denken an die Begegnung des hl. Alfons mit den Schäfern und Ziegenhirten in den Bergen hoch über Scala, die sein Leben verändert hat. Was er da „hörte“, ließ ihn den Willen Gottes verstehen und annehmen: Dass er die Armen in den verwahrlosten Seitengassen Neapels zurücklassen und den Rest seines Lebens bei der verlassenen Landbevölkerung verbringen solle.

62. Wir wissen, dass der hl. Alfons – wann immer er sein Institut den kirchlichen oder weltlichen Behörden nahe bringen wollte – gern die Tatsache betonte, dass ein wichtiges charakteristisches Merkmal dieses Instituts darin bestand, dass die Kommunitäten mitten unter der verlassenen Landbevölkerung errichtet würden. Dieser Wesenszug unterschied die Redemptoristen von den Pii Operai und anderen missionarischen Gemeinschaften, die in den Städten blieben und nur gelegentlich einen Abstecher in die Welt der Verlassenen machten.

63. Meiner Meinung nach betonte der hl. Alfons diesen Wesenszug seines Institutes nicht einfach nur aus pastoralen Gründen, nämlich, um den Verlassenen mehr Zugang zu unseren Häusern und seinen Missionaren einen leichteren Eintritt in verschiedene Diözesen zu ermöglichen. Da er um die zentrale Rolle der Stimme der Verlassenen bei seiner eigenen Suche wusste, meine ich, dass er wollte, dass seine Gefährten stets den Menschen nahe waren, denen Jesus klar den Vorzug gegeben hat. Ihre Stimme würde die Redemptoristen immer wieder an den Ursprung ihrer Berufung erinnern. Im Jahre 1778 schrieb er an die Kommunitäten von Scifelli und Frosinone:

„Nehmt euch der Seelen an, besonders der Bauern und der Verlassensten. Vergesst nicht, dass Gott evangelizare pauperibus misit nos, hier und heute. Prägt das tief in eure Herzen ein und sucht nur Gott unter den verlassenen Armen, wenn ihr Jesus Christus gefallen wollt.“ [31]

64. Unsere Konstitutionen legen uns ans Herz, den Herrn in den Menschen zu suchen, zu denen wir in besonderer Weise gesandt sind: Den „am meisten Verlassenen“ (Konst. 3), wobei wir uns in besonderer Weise den „Armen, Kleinen und Unterdrückten“ (Konst. 4) zuwenden und pastorale Notstände bevorzugen sollen (Konst. 5). Wir suchen Gott in ganz konkreten Lebensumständen und bemühen uns, „dem Herrn dort zu begegnen, wo er schon anwesend ist und auf seine geheimnisvolle Weise wirkt“ (Konst. 7). Ferner werden wir aufmerksam prüfen, wie wir gemäß den Umständen einer pastoralen Situation handeln können (Konst. 8). Die Gaben des Heiligen Geistes lassen uns Gott in den Ereignissen des täglichen Lebens (Konst. 24) und in den „bedrückenden Fragen“ (Konst. 19) der heutigen Menschen entdecken.

65. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Gehorsam die fundamentale Haltung eines jeden Gläubigen ist, nicht das Vorrecht einer kleinen privilegierten Gruppe von Menschen, die ihn als evangelischen Rat geloben. Auch wir als Redemptoristen sind – wie jeder andere in der Kirche auch – zum Gehorsam berufen, indem wir das Beispiel Jesu nachahmen, der nicht gekommen war, um seinen Willen zu tun, sondern den Willen seines Vaters (Joh 6,38). Der Unterschied besteht darin, dass jeder von uns diesen Gehorsam Gott gegenüber innerhalb der Kirche gemäß seinem Charisma und seiner Berufung lebt. Der Wille Gottes existiert nicht vor der Berufung; erst durch die besondere Berufung gibt Gott dem Einzelnen seinen Willen kund. [32] Daher haben wir uns mit unserem Gelübde verpflichtet, auf eine redemptoristische Weise zu gehorsam zu sein: indem wir den Willen Gottes suchen, der uns durch sein Wort, die Normen unseres charismatischen Projekts und die Stimme der verlassenen Armen vermittelt wird.

III.  HANDELN

Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? (Jes 43,19).

66. Ich wiederhole die vorhin gemachte Behauptung: Der Gehorsam ist von wesentlicher Bedeutung für uns Redemptoristen im Zeitalter des Wandels. Früher war dieses Gelübde mehr von persönlicher und legalistischer Bedeutung. Unsere Konstitutionen verstehen den Gehorsam zwar noch immer als Verpflichtung des Einzelnen, seinen Willen den rechtmäßigen Obern unterzuordnen (Konst. 71), es ist aber dringend notwendig, dieses Gelübde auch als Anruf zu verstehen, „gehorsame Kommunitäten“ auf allen Ebenen der Kongregation zu bilden. Gelübde werden immer von Einzelmenschen, aber auch von Kommunitäten abgelegt. Es wäre völlig falsch, diese Dimensionen voneinander zu trennen und sie einfach auf Verpflichtungen von Einzelmenschen zu reduzieren.

67. Ohne Gemeinschaft, die sich ernsthaft bemüht, den Willen Gottes zu suchen, ist es für den Einzelnen schwierig, wenn nicht unmöglich, im Gehorsam zu bleiben. Ohne Zweifel kann keiner von uns die Freiheit des Gehorsamsgelübdes mit ganzer Freude leben, wenn nicht eine gehorsame Gemeinschaft dahinter steht, denn der Gehorsam des Einzelnen gegenüber dem Vater vollzieht sich im Rahmen der kirchlichen Gemeinschaft. Nicht nur die auf festem Grund stehende persönliche Beziehung zwischen meinem Gewissen und Gott zählt; es zählt genauso auch die Beziehung zu meinen Brüdern. Ja, die Vitalität einer Gemeinschaft hängt eng mit der Qualität ihres Gehorsams zusammen. [33]

68. Was können wir tun, dass unsere Gemeinschaften, ob Hauskommunität, Provinz oder die ganze Kongregation, [34] im Gehorsam bleiben? Ich denke, wir müssen die vielen Stimmen auseinander halten, die unseren Geist zu „kolonisieren“ versuchen, indem wir uns noch intensiver mit dem Wort Gottes, dem charismatischen Projekt der Kongregation und der Stimme der verlassenen Armen beschäftigen.

MEINEM FUß EINE LEUCHTE… EIN LICHT FÜR MEINE PFADE

69. Das Wort Gottes ist der Grund unserer Berufung, unsere tägliche Nahrung und der Inhalt unserer Arbeit als Missionare. Wir müssen es verkünden, meditieren, weitergeben; wir müssen im Gehorsam ihm gegenüber beten und uns bemühen es zur „ersten Quelle unserer Spiritualität“ [35] zu machen. Da das Wort für Jesu Jünger eine absolut zentrale Rolle spielt, muss die Kongregation großen Wert auf das Hören legen, was keine gruppendynamische Übung, sondern eine ständige Suche nach dem Willen des Vaters ist.

70. Als gottesfürchtiger Jude mag Jesus sein tägliches Gebet wohl mit den Worten aus dem Buch Deuteronomium begonnen haben: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,4-5). Er sagt zu seinen Jüngern: „Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes“ (Joh 8,47). Auf welche Weise können unsere Kommunitäten dieses tägliche aufmerksame Hören des Wortes Gottes nach außen bekunden?

71. Der Rhythmus des Kommunitätslebens muss den Mitgliedern eine Hilfe sein, das Wort aufmerksam zu hören. Tägliche Schriftlesung und gemeinsame Betrachtungszeiten sind uns eine Hilfe, das Wort als Gemeinschaft zu hören und den Heiligen Geist zu bitten, es zu verstehen. Viele Kommunitäten nehmen sich wöchentlich die Zeit zur Vorbereitung der Sonntagspredigt oder einer anderen außerordentlichen Verkündigungstätigkeit. Wir sollten uns gegenseitig immer wieder ermutigen, unsere Herzen vom Wort verändern zu lassen, und dem Empfang des Sakraments der Versöhnung und der geistlichen Begleitung größeren Wert beizumessen.

72. Wenn wir mit dem hl. Hieronymus der Meinung sind, dass „Unkenntnis der Schrift Unkenntnis Christi bedeutet“, [36] dann könnte die Schwierigkeit, die prophetische Dimension unserer Berufung zu entdecken, in der Unkenntnis des Wortes Gottes begründet sein. Schließlich und endlich hat Jesus seinen Aposteln einen Auftrag gegeben mit den Worten: „Ihr sollt meine Zeugen sein“ (Apg 1,8); wir müssen für ihn und sein Reich Zeugnis ablegen. Der hl. Johannes Chrysostomus weist darauf hin, dass die Apostel vom Berg in Galiläa, wo sie dem Auferstandenen begegnet waren, im Gegensatz zu Mose ohne beschriebene Steintafeln herunterkommen: ihr Leben sollte von diesem Augenblick an ein lebendiges Evangelium sein. [37]

ZENTRUM DER KOMMUNITÄT… IST DER ERLÖSER SELBST
UND SEIN GEIST DER LIEBE

73. Es will mir scheinen, dass wir uns darüber einig sein müssen, dass es nicht dem Belieben des Einzelnen anheim gestellt sein kann, ob wir Christus auf die eine oder andere Weise nachfolgen. Wenn es um die Berufung geht, ist nichts beliebig. Jeder Christ muss seine Berufung finden, d.h. den Willen Gottes in seinem konkreten Fall, und wenn er ihn einmal gefunden hat, wie der Kaufmann im Gleichnis die Perle, „voll Freude alles verkaufen“, (Mt 13,44) um in Treue zum Ruf des Herrn zu leben. Für meine Eltern steht ihre Berufung zu Ehepartnern über allem Anderen, weil sie ihre Berufung ist. Für mich ist die Berufung zum Redemptoristen der beste Lebensweg, weil er es ist, auf den Gott mich berufen hat.

74. Mit unserer Profess haben wir dem Herrn mit der totalen Hingabe unserer selbst geantwortet und haben uns verpflichtet, seinen Willen in einer ganz konkreten kirchlichen Gemeinschaft zu suchen, nämlich in der Kongregation. Unser Gehorsam gegenüber Gott, etwas Unsichtbares, wird im Rahmen unserer sichtbaren Gemeinschaft gelebt.

75. Wie wir Redemptoristen nicht sagen können, dass wir Gott lieben, den wir nicht sehen können, wenn wir den Bruder hassen, den wir sehen können (1Joh 4,20f), genauso können wir auch nicht behaupten, dass wir den Willen Gottes suchen, wenn diese Suche nicht innerhalb der sichtbaren Gemeinschaft der Kongregation geschieht. Daher sind die Normen für die Unterscheidung der Geister und die Entscheidungsfindung von großer Wichtigkeit, damit die Gefahr vermieden wird, die Sendung der Kongregation auf einen bloßen Job bzw. Beruf zu reduzieren, der hauptsächlich zur Selbstbestätigung ausgeübt wird, [38] und daher mehr oder weniger Sache des Einzelnen ist. Unsere Konstitutionen betonen, dass die Suche nach dem Willen Gottes eine Aufgabe ist, für die jedes Mitglied der Kongregation mitverantwortlich ist.

76. Kein Redemptorist kann sich von der Mitarbeit an einer gehorsamen Kommunität ausschließen, denn einem jeden ist die Offenbarung des Geistes geschenkt zum Nutzen aller (Konst. 92; vgl. 1 Kor 12,7; Konst. 72). Daher besteht ein wichtiger Dienst der Autoritätsträger darin, die Gemeinschaft in ihrem Bemühen zu unterstützen, den Willen Gottes zu hören, zu erkennen und zu erfüllen, indem „sie ihre Mitbrüder dahin führen, dass diese in aktivem und verantwortlichem Gehorsam mitarbeiten, wenn es gilt, Aufgaben zu erfüllen und neue Dienste zu übernehmen“ (Konst. 72).

77. Ein wichtiger Faktor in der Übung eines mitverantworteten Gehorsams ist der Dialog, den Paul VI. als neuen Namen für „Liebe“ bezeichnet, [39] und für den das geweihte Leben sich als bevorzugte Erfahrung darstellt. [40] Die Unterscheidung in Gemeinschaft ersetzt zwar den Dienst der Autorität nicht, dennoch dürfen die Autoritätsträger nicht übersehen, dass die Gemeinschaft der bevorzugte Ort ist, wo der Wille Gottes zu erkennen und anzunehmen ist. [41]

78. Unsere Konstitutionen und Statuten sowie die Dekrete der letzten Generalkapitel zählen etliche Möglichkeiten für die Gemeinschaft auf, den Willen Gottes zu suchen. Provinzversammlungen und Provinzkapitel sind bevorzugte Gelegenheiten, den Willen Gottes zu hören und zu erkennen und konstruktiv zu befolgen. Allen Mitgliedern einer (Vize)Provinz soll die Gelegenheit gegeben werden, ausgiebig zu den Überlegungen des Kapitels beitragen zu können, entweder als Teilnehmer an einem gut durchdachten Vorbereitungsprozess, oder als gewählte Mitglieder des Kapitels. Zu diesem Zweck müssen sie über die vom Kapitel zu behandelnden Fragen gut informiert werden und die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äußern.

79. Das Prinzip der Mitverantwortung heißt nicht, dass jeder beim Kapitel physisch anwesend sein muss. Im Gegenteil, der Generalrat stellt die Effizienz von Kapiteln mit allzu vielen Teilnehmern als ordentliches Leitungsorgan besonders in größeren Einheiten ernstlich in Frage. Es hat sich gezeigt, dass derartige Gremien oft so allgemein gehaltene Beschlüsse fassen, dass eine Provinzleitung wenig effektive Richtlinien für die Ausübung ihres Mandats bekommt. Das Fehlen einer klaren Richtung in einer Provinz ist eine Einladung zu jener Art von übertriebenem Individualismus, der heute etliche Einheiten so lähmt. Wenn eine Festlegung der Prioritäten in einer gehorsamen Gemeinschaft fehlt, dann werden die Mitglieder ermutigt, „sich etwas zu finden“, und damit die Zersplitterung der Gemeinschaft beschleunigen.

80. In der Kongregation sind Wahlen nicht einfach eine Sache der Stimmabgabe mit anschließender Auszählung der Stimmen; noch weniger sind sie die Suche nach jemandem, der die Mitbrüder ungestört ihre eigenen Ziele verfolgen lässt. Eher sollten die Wahlen eine Übung des Gelübdes des Gehorsams der Provinz sein, die von einer demütigen und mitverantworteten Suche des Willens Gottes geprägt ist. Da der Wahlprozess in einer Atmosphäre des Gebets stattfinden und hoffentlicherweise zu gemeinsamen neuen Einsichten führen wird, sollte die Kongregation manche nach außen demokratische doch eigentlich privatisierte Vorgänge kritisch durchleuchten, z.B. die Briefwahl. Es ist nicht leicht einzusehen, wie ein solches System den Dialog und die gemeinsame Entscheidungsfindung der Einheit fördern soll. Der apostolische Zweck der Kongregation sollte die Ermittlung und Auswahl ihrer Leiter durchdringen und anregen.

81. Das XII. Generalkapitel (1997) empfahl der Kongregation, einen Plan für das Gemeinschaftsleben zu machen. Manche Provinzen machen regelmäßig Gebrauch von diesem Mittel und haben festgestellt, dass es bei der Suche des Willens Gottes in der konkreten Situation einer Hauskommunität ein schlagkräftiges Mittel ist. Schon die Vorbereitung provoziert einen fruchtbaren Dialog, der die persönlichen Talente eines jeden Mitglieds in ein gemeinsames Projekt einbringen soll. Die regelmäßige Überprüfung des Gemeinschaftsplans kann zu einer nützlichen Überprüfung des Lebens der Mitglieder werden und die Tür zur ständigen Bekehrung offen halten.

82. Angesichts der besonderen Rolle des Hausobern in der geistlichen Begleitung der Kommunität (vgl. z.B. Konst. 72; Konst. 136; Gen. Stat. 037) sind regelmäßige Zusammenkünfte der Autoritätsträger eine wichtige Struktur zur Förderung ihrer Mitverantwortung. Diese Zusammenkünfte dienen ihrer Weiterbildung hinsichtlich ihrer Aufgaben im Rahmen des charismatischen Projekts der Kongregation.

DER GEIST DES HERRN RUHT AUF MIR,
DENN ER HAT MICH GESALBT…

83. Der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, die Befolgung der Konstitutionen und Statuten, das gehorsame Achten auf die Stimme der verlassenen Armen sind uns eine Hilfe, dem Willen Gottes treu zu bleiben. Im Laufe der Jahre habe ich oft über die Begegnung des Diakons Philippus mit dem Kämmerer der Königin Kandake von Äthiopien meditiert, die die Apostelgeschichte berichtet (Apg 8,27ff). Dieser Kämmerer war in Jerusalem gewesen, um Gott anzubeten, und befand sich nun auf der Heimreise. Er las eine Stelle aus dem Propheten Jesaja, aber er konnte den Text nicht und nicht verstehen, soviel er sich auch bemühte. Als Philippus zu ihm auf den Wagen stieg und ihm die Worte erklärte, hat der Hofbeamte sie nicht nur verstanden, sondern bekehrte sich zum Herrn. Sein Leben hat eine neue Wendung genommen, und er bat um die Taufe.

84. Könnten auch wir von dieser Stelle aus der Apostelgeschichte etwas lernen? Wir Redemptoristen haben ebenfalls eine „Seite“ vor unseren Augen, ob es nun das Wort Gottes selbst oder der gegenwärtige Geschichtsaugenblick ist, und wir sind trotz aller Bemühungen auch unfähig, sie zu lesen, weil wir sie nicht verstehen. So wie der Heilige Geist den hl. Philippus dem Kämmerer helfen ließ, das Gelesene zu verstehen, hat derselbe Geist die verlassenen Armen der Kongregation als Lehrer geschenkt. Wenn wir nicht auf ihre Stimme hören, werden das Wort Gottes in der hl. Schrift, die Konstitutionen und Statuten und die Welt um uns für uns größtenteils nicht zu entschlüsseln sein.

85. Wir hören auf die verlassenen Armen in erster Linie wegen Jesus Christus, der seine öffentliche Tätigkeit mit einer hoffnungsfrohen Botschaft begonnen hat: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18f). Alfons band die Sendung der Kongregation an die Sendung Jesu Christi und benützte diese Stelle aus dem Lukasevangelium, damit wir verstehen, warum es uns in der Kirche gibt.

86. Wir predigen den Menschen nicht einen fernen und gleichgültigen Gott sondern wollen in ihnen das Verständnis für einen Anteil nehmenden Gott wecken, der den ersten Schritt getan hat und bereits unter ihnen gegenwärtig ist. Wir hören auf die Stimme der verlassenen Armen, um dem Herrn dort zu begegnen, „wo er schon anwesend ist und auf seine geheimnisvolle Weise wirkt“ (Konst. 7), vor allem unter denen, die am Rand der Kirche oder der Gesellschaft stehen. Gott hat uns die Sendung anvertraut, Zeugen seiner eigenen Kenosis zu sein, die ihn in die Abgründe dieser Welt und zurück in den Himmel geführt hat. Wir sollen seine Geschichte auch anderen erzählen, die sonst kaum eine Chance haben, sie zu hören, damit auch sie die volle Teilnahme am göttlichen Leben erlangen.

87. Das Hören auf die Stimme der verlassenen Armen bringt uns nicht nur ihren Anspruch an uns nahe, sondern lässt uns auch verstehen, dass die Armen der Kongregation etwas zurückgeben können. Durch sie erleben wir das Geheimnis der Kraft, die von Gott kommt und in der Schwachheit deutlich wird (2 Kor 4,7ff), nicht nur was die uns anvertrauten Menschen, sondern auch was unsere eigenen Ressourcen betrifft. Die Armen lehren uns, dass man aus der Gemeinschaft und den menschlichen Beziehungen Kraft schöpfen kann, und ermutigen uns auf diese Weise, nach neuen Strukturen der Zusammenarbeit zu suchen, die unser Missionswerk stützen. Und nicht zuletzt fordern uns die verlassenen Armen zur Durchführung einer Aufgabe auf, die immer eine freiwillig gegebene Antwort auf die überfließende Liebe Gottes ist: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8). Unsere eigene Erfahrung des gnädigen Erbarmens Gottes zwingt uns, uns selber ganz zum Geschenk zu machen.

88. Die Armen brauchen uns nicht. Wenn wir nicht mehr zu ihnen gehen wollen, dann wird Gott andere finden, die das tun, denn er hört auf den Schrei der Armen. Meine Brüder, es geht darum, dass wir die Armen brauchen, wenn wir unserem Sendungsauftrag treu bleiben wollen. Gehorsam gegenüber ihrer Stimme bedeutet nicht einfach „etwas für sie tun“, sondern den Beginn eines Bekehrungsprozesses, in dem wir leer werden und unser Leben zum Geschenk machen. Um dies tun zu können, müssen wir erkennen, dass es die Armen wirklich gibt: sie sind kein Konstrukt, sie sind auch keine Statistik, sondern haben Gesichter und Namen. Wir gehen, wohin die Kirche nicht gehen kann oder gehen will, und hören auf die Stimme der Menschen, die wir dort finden. Wenn wir auf ihre Stimme hören, und wenn wir auf das Wort Gottes und unsere Konstitutionen und Statuten hören, werden wir wissen, was wir zu tun haben.

SCHLUSSBEMERKUNGEN

Maria sagte zu dem Engel: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ … Da sagte Maria: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,34.38).

89. Der Internationale Kongress über das geweihte Leben, eine noch nie da gewesene Versammlung im Jahr 2004 mit über 800 Teilnehmern (meist Generalober/innen von männlichen und weiblichen Kongregationen und von Vorsitzenden von praktisch allen Superiorenkonferenzen und eine große Zahl von Theologen), verfasste ein Schlussdokument mit einer Reihe gewagter Aussagen. Eine von diesen ist Folgende:

„Seit einiger Zeit ist neben den Manifestationen des Absterbens (obsolete Traditionen und Stile, absterbende Institutionen) etwas Neues in unserer Mitte entstanden. Der Schmerz über das Absterbende und das Vertrauen in das Neue, das entstehen wird, gehen uns nahe. Obwohl wir noch nicht klar sehen, wohin der Geist das geweihte Leben führen wird… können wir doch… Spuren von etwas Neuem erkennen…“ [42]

90. Ich habe nun 18 Jahre mit Redemptoristen und mit uns verbundenen Brüdern und Schwestern sowie mit Mitgliedern anderer Institute des geweihten Lebens gesprochen und ihnen zugehört, und ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass in der Kongregation etwas Neues aufbricht. Die Übung des Gelübdes des Gehorsams wird uns eine Hilfe sein, eine Ahnung von dem, was der Heilige Geist zum Leben erweckt, zu bekommen, und wird uns ein Herz geben, das weit genug ist für unseren Einsatz im großen Erlösungswerk.

91. Wir müssen so sein wie Maria bei der Verkündigung: Sie fragt (Lk 1,34), sie überlegt, sie hält Besinnung. Sie vertraut auf Gott und überlässt sich ihm ganz. Sie besaß einen „gläubigen und Antwort suchenden Gehorsam“ [43] und war gleichzeitig „bereit im Gehorsam“. [44] Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19) und „fand damit den tiefen Kern, welcher scheinbar unverbundene Ereignisse, Taten und Dinge im großen Plan Gottes verbindet.“ [45] Wir ehren in ihr unsere Mutter, die jederzeit uns zu helfen bereit ist. Sie ist unser großes Vorbild im Glauben. [46] Möge sie uns helfen, auf das Wort des Herrn zu hören und die Größe unserer Berufung zu erkennen. Möge sie uns zu einer immer größeren Liebe zu ihrem Sohn führen, dem Erlöser der Welt.

Mit brüderlichen Grüßen in Christus, dem Erlöser,

JOSEPH W. TOBIN C.Ss.R.
Generalsuperior

Die Originalsprache dieses Schreibens ist Englisch.


[1]   Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Vita consecrata (25. März 1996), Nr. 24.

[2]   Vgl. II. Vatikanum, Dekret Perfectae caritatis, Nr. 2.

[3]   C.Ss.R., Acta Integra Capituli Generalis XX, Offset, Romae 1985, 217.

[4]   C.Ss.R., Acta Integra Capituli Generalis XXI, Tipografia Poliglotta della Pontificia Università Gregoriana, Romae 1992, 313.

[5]   Ebd., 339-340.

[6]   Vgl. Felix Catalá C.Ss.R., „Dimensions of Redemptorist Spirituality“ auf www.redemptoristspirituality.net.

[7]   David Couturier OFMCap, „Religious Life at a Crossroads“, in Origins 36, Nr. 12 (206), 181-188.

[8]  Vgl. CATALÁ, a.a.O.

[9]  Acta Integra Capituli Generalis XXI, 327.

[10]  PAUL VI., Apostolisches Lehrschreiben Evangelica testificatio (29. Juni 1971), Nr. 7.

[11]  Internationaler Kongress über das geweihte Leben, Schlussdokument Was sagt der Geist dem geweihten Leben? (Rom, November 2004), Nr. 2.

[12]  Ebd.

[13]  Paul VI., Discorsi al popolo di Dio 1966/67 (Rom 1968), 119.

[14]   Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften apostolischen Lebens, Instruktion Der Dienst der Autorität und der Gehorsam: Faciem tuam, Domine, requiram (Vatikanstadt 2008), Nr. 3.

[15]   Vgl. José rovira CMF, Autorità-Obbedienza e la Ricerca della Volontà di Dio, Konferenz für die 71. Versammlung der Union der Generaloberen (29. Mai 2008).

[16]   Der Dienst der Autorität, 3b.

[17]   Der Dienst der Autorität, 23a.

[18]   Sant'Alfonso de Liguori, Uniformità alla volontà di Dio, Città Nuova, Roma 1999, 55.

[19]  ROVIRA, a.a.O., 4.

[20]  Ebd., 4.

[21]  Uniformità alla volontà di Dio, 76.

[22]  S. Augustinus, Sermon 328,8.

[23]  Der Dienst der Autorität, 7.

[24]  Benedikt XVI., Enzyklika Spe salvi (2007), Nr. 43.

[25]  Der Dienst der Autorität, 7.

[26]  Vgl. Konstitutionen und Statuten C.Ss.R., Nr.74; Perfectae caritatis, Nr. 2a.

[27]  II. Vatikanum, Konstitution Dei Verbum, Nr. 10.

[28]  Katechismus der katholischen Kirche, Nrn. 85f.

[29]  Der Dienst der Autorität, 9.

[30]  Vita consecrata, 37.

[31]   Vgl. Antonio M. TANNOIA, Della vita ed istituto del Venerabile Servo di Dio Alfonso Mª Liguori, Vescovo di S. Agata de’ Goti e Fondatore della Congregazione de’ preti missionari del SS. Redentore, 4 vol., Napoli 1798-1802, vol. IV, cap. 9, 44.

[32]   Vgl. ROVIRA, a.a.O., 8.

[33]   Sabatino MAIORANO C.Ss.R., „Autorità e vita fraterna: dialogo, discernimento ed obbedienza“, in Il Servizio dell’ Autorità e l’Obbedienza, Roma 2009, 88.

[34]   Konst. 22 erklärt, dass „Gemeinschaft“ sowohl die ganze Kongregation wie auch die (Vize) Provinz und ebenfalls die Haus- und Personalkommunität bedeuten kann.

[35]   Vita consecrata, 94.

[36]   Hl. Hieronymus, Jesajakommentar (Nrn. 1.2: CCL 73, 1ff).

[37]   Zitiert in: Benedikt XVI., Botschaft an das Volk Gottes der XII. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode (2008), 10.

[38]  Vgl. Der Dienst der Autorität, 23.

[39]   PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam, (1964), Nr. 64.

[40]  Vita consecrata, 74.

[41]  Der Dienst der Autorität, 20e.

[42]   Was der Geist sagt, 2.

[43]   Der Dienst der Autorität, 31a.

[44]   Vita Consecrata, 112c.

[45]   Botschaft an das Volk Gottes, 9.

[46]   II. Vatikanum, Konstitution Lumen gentium, 65.