Communicanda II - 2003-2009

 


Communicanda 2

ÜBER Die Erlösung

am Pfingstsonntag
dem 4. Juni 2006

Einleitung

Meine lieben Mitbrüder!

Denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle! (Ps 130, 7)

1.    Es ist eine große Aufgabe, euch diese Gedanken über die Erlösung vorzulegen. Ich sage das nicht einfach, weil sie anspruchsvoll und schwierig ist. Es ist auch eine beängstigende Aufgabe, weil das Reden und Schreiben über die Erlösung die eigentliche Mitte unseres Glaubens anrührt, und damit auch die lebensspendende Mitte der Kongregation. Im Lauf des vergangenen Jahres haben mir viele Mitbrüder ihre Gedanken zu diesem Thema anvertraut und mir eine Fülle von Ideen und Vorschlägen geschrieben. Die Mitglieder des Generalrats haben lang und schwer an einem eigenen Beitrag gearbeitet, mich aber gebeten, die Schlussfassung zu schreiben. Euch allen gilt mein Dank: euch gebührt das Verdienst der theologischen Tiefe und Weisheit dieser Ausführungen. Für die fertige Gestalt übernehme aber ich die Verantwortung, denn ich habe alles aus dem pastoralen Blickwinkel meines Amtes zusammengestellt. Das heißt, dass etwaige Schwächen gegenüber den ursprünglichen Beiträgen und andere eventuell vorhandene Unzulänglichkeiten auf mein Konto gehen.

Dringlichkeit am XXIII. Generalkapitel erkannt

2.    Der Auftrag für diese Communicanda wurde am XXIII. Generalkapitel im Oktober 2003 gegeben. Ich war beeindruckt, welche Dringlichkeit die Kapitulare diesem Anliegen bei der Erörterung der Herausforderungen für das Leben unseres Charismas auf der ganzen Welt beimaßen. Sie betonten, dass es notwendig sei, sich über wichtige Dimensionen unserer missionarischen Berufung Gedanken zu machen, um auf die Herausforderungen authentisch reagieren zu können. Wie erinnerlich, forderten sie die Kongregation auf, besonderes Augenmerk auf die Qualität unserer apostolischen Hingabe an unseren Erlöser zu richten. Der Glaube an den Erlöser Jesus Christus ist die allumfassende Grundlage für unsere Wahl [des Themas für das Sexennium]. Ihre fundamentale Überzeugung fand in folgenden Worten ihren Niederschlag: Wir wissen aus Erfahrung, dass wir, was immer für Stürme um uns toben mögen, nicht untergehen werden, wenn nur unsere Augen auf Jesus gerichtet bleiben. [1] Das Thema des Sexenniums „Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle“ erlangt aus diesem Blickwinkel eine tiefe Bedeutung, denn die Situation der Welt verlangt von uns eine größere Überzeugung und Hingabe. Die Qualität unserer apostolischen Hingabe an den Erlöser hat einen Einfluss darauf, wie wir das uns anvertraute Charisma leben werden.

3.    Die Mitglieder des Kapitels stellten fest, dass es dringend notwendig sei, unser Verständnis der Erlösung zu vertiefen, um das eigentliche Fundament unseres religiösen Engagements sowie den dynamischen Charakter unserer missionarischen Antwort auf die Herausforderungen der Welt zu stärken. Ich denke, die Kapitulare waren sich bewusst, dass wir Redemptoristen uns vielleicht nicht im Klaren sind, wie unser Verständnis der Erlösung sich gewandelt hat. Tatsächlich sind wir vielleicht so beschäftigt oder anders abgelenkt, dass wir wenig (oder gar nicht) darüber nachdenken, wie Gott an der Welt handelt. Ohne dieses Nachdenken ist das Evangelium, das wir predigen, in Gefahr, weder „froh“ noch eine „Botschaft“ zu sein. Darum baten die Kapitulare, dass eine Ausgabe der Communicanda über die Erlösung herausgebracht werden möge. Diese Aufgabe drängt angesichts der Tatsache, dass die Ergebnisse der Anthropologie und ein neues Verständnis der Welt und unseres Glaubens nach einer Klärung dieses Begriffes und seiner Inhalte verlangen. Diese Communicanda sollen den Redemptoristen die notwendigen Grundlagen geben, die Bedeutung der Erlösung zu erkennen und das apostolische Leben zu erneuern. [2]

4.    Die Erneuerung unseres apostolischen Lebens als Ziel dieser Communicanda ist die Grundintention des Kapitelbeschlusses. Die Kapitulare erinnern an das fundamentale Verständnis unseres Lebens als vita apostolica, ein Fachausdruck mit einer ganz genauen Bedeutung in unseren Konstitutionen: unser Leben umfasst sowohl das in besonderer Weise gottgeweihte Leben als auch das missionarische Wirken (Konst. 1). Fern von jedem Dualismus fordert das Charisma unserer Kongregation eine fundamentale Einheit von uns in allem, was wir tun. Spiritualität, Gemeinschaftsleben und pastorale Tätigkeit sind Teile dieses dynamischen Ganzen. Alle Dimensionen sind harmonisch ineinander verwoben und stellen zusammen unsere einzigartige Sendung in der Kirche dar. Jede Betrachtung über die Erlösung ist damit ein Teil dieses Prozesses und sollte unserem ganzen Leben Tiefe und Kraft geben.

5.    Es liegt auf der Hand, dass eine systematische Behandlung der Erlösung den Rahmen und Zweck der Communicanda sprengt. Deswegen maßt sich dieses Dokument nicht an, eine umfassende Darstellung zu sein. Es möchte nicht einmal den Anspruch erheben, alle dazugehörenden Probleme zu behandeln. Eine Betrachtung über dieses fundamentale Thema „Erlösung“ sollte ein dauernder Prozess sein, an dem die ganze Kongregation teilhat, und in den auch andere Mitglieder der Familie der Redemptoristen eingebunden sind. Das ist eine Aufgabe, die wir als Teil unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens akzeptierten sollten. Darüber hinaus ist in meinen Augen jede Einheit und jede Region dazu aufgerufen, den Begriff Erlösung im Kontext seiner eigenen Geschichte und kulturellen Ausdrucksweisen zu betrachten.

Die vorangegangenen Generalkapitel haben uns geholfen, die Themen Identität, Spiritualität und Sendung miteinander zu verweben. Es bringt großen geistlichen Gewinn, auf ihre Vorschläge zurückzugreifen. Man kann auch einigen Nutzen aus früheren Communicanda ziehen, die die Themen „Unsere Spiritualität“, „Solidarität“, „Unser Apostolat“ und „Das Zeugnis unseres Gemeinschaftslebens“ behandelten. Diese Dokumente enthalten den Werdegang und Hintergrund der vorliegenden Überlegungen zum Thema „Erlösung“. [3]

Die fundamentale Rolle der Metapher

6.    Bevor wir uns auf weitere Überlegungen über die Erlösung einlassen, müssen wir uns über den Sprachtypus im Klaren sein. In der hl. Schrift und durch die ganze Kirchengeschichte hindurch wird eine Reihe von Metaphern im Reden über die Erlösung verwendet. Das hat wichtige Implikationen. Eine Metapher ist ein sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird, ohne dass ein direkter Vergleich zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem vorliegt (bildhafte Übertragung). Eine Metapher ist im Wesentlichen ein Symbol, und es entsteht eine große Verwirrung, wenn Metaphern wörtlich verstanden werden. Eine Metapher kann nicht als erschöpfende Aussage über eine bestimmte Wahrheit genommen werden. Darüber hinaus können Metaphern in einer Abhandlung bzw. Betrachtung eine oder verschiedene Dimensionen einer theologischen Wirklichkeit und Wahrheit ausdrücken. Eine Metapher allein kann jedoch nicht die ganze Wirklichkeit und Wahrheit umfassen. Die Verwendung vieler Metaphern in unserem Reden über die Erlösung zeigt, dass keine Metapher für sich genommen ganz adäquat ist.

7.    Darüber hinaus dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wie abhängig von verschiedenen kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Kontexten die hl. Schrift in ihrem Reden über die Erlösung ist. Die verschiedenen verwendeten Ausdrücke sollten nicht in Konkurrenz miteinander oder Widerspruch zueinander betrachtet werden, sondern als Versuch, die Glaubenswahrheit verständlich zu machen. Bei Paulus finden wir z. B. die Verwendung der jüdischen Kategorien von Schuld und Sühne. Lukas und die Pastoralbriefe hingegen sprechen die hellenistische Denkweise an. Der erste Zweck der biblischen Texte war die Verkündigung des Geheimnisses Jesu des Christus und des Geheimnisses der Erlösung auf eine für bestimmte Gemeinschaften verständliche Weise. Eine ehrfürchtige Einstellung zum geoffenbarten Wort Gottes sollte uns keine Mühe scheuen lassen, um die Botschaft der Erlösung in den vielen historischen und kulturellen Kontexten, in denen die Kongregation heute das Evangelium verkündet, verständlich zu machen.

8.    Manche Weisen, über die Erlösung zu reden, die von einer überschwänglichen, jedoch schiefen Frömmigkeit stark beeinflusst sind, können uns auf einen falschen Weg bringen oder sogar davon abhalten, eine adäquate Antwort auf die Probleme unserer Zeit zu geben. Unsere pastorale Praxis und die Predigten machen uns die Mängel mancher Ansätze und Interpretationen bewusst. Vieles in unserer missionarischen Tätigkeit muss vielleicht damit beschäftigt sein, gewisse theologische Ansichten zu korrigieren, die das Volk Gottes in die Irre geführt oder sogar versklavt haben.

9.    Diese Communicanda möchten keine theologische Abhandlung sein, die alle Probleme löst. Am Beginn unseres Austauschs genügt es, sich zu erinnern, dass die Geschichte der Theologie sowie die Geschichte der Evangelisierung von der Suche nach einer Sprache gekennzeichnet ist, die uns dienen soll, über die Erlösung zu sprechen. Diese Suche war ein Motiv für die Missionare, ständig über das Geheimnis der Erlösung nachzudenken und nach Metaphern zu suchen, die im Dienst der Verkündigung dieser Frohen Botschaft stehen. Es wäre wunderbar, hätte die Kongregation ein Forum, in dem die Mitglieder der Familie der Redemptoristen diese regelmäßigen Betrachtungen austauschen könnten, und damit eine Möglichkeit schafften, einander mit den Ergebnissen ihrer Überlegungen aus unseren verschiedenen Regionen zu bereichern.

I.  Aus dem eigenen Brunnen trinken

10.  Die Redemptoristen haben eine instinktive auf die Seelsorge bezogene Art, die Erlösung trotz aller theologischen und kulturellen Verschiedenheiten zu verstehen und zu verkündigen. Dieses Verständnis ist das Erbe des hl. Alfons und zieht sich durch unsere spirituelle und pastorale Tradition. Wir scheuen keine Mühe, um den Menschen klar zu machen, dass die Erlösung immer eine Initiative Gottes ist, der uns auf eine Art liebt, die sich jeder menschlichen Vorstellungskraft entzieht, und unsere Gegenliebe möchte. In der Seelsorge wird die Erlösung sowohl als Befreiung von der Sünde als auch als Anruf Gottes, in der Liebe zu ihm zu leben, verkündet. Wir sind allgemein dafür bekannt, dass wir den Menschen, vor allem den verlassensten Armen, nahe stehen. Hochherziges Erbarmen, Vergebung und Versöhnung sind charakteristische Merkmale unserer Seelsorge. So wie Jesus die Menschen aufrief, Herz und Sinn zu ändern, enthalten unsere Predigten traditionellerweise einen beharrlichen Aufruf zur Bekehrung. Das Apostolat des Beichtstuhls wird von uns hochgehalten, weil die Feier dieses Sakraments die Menschen die Erlösung konkret erleben lässt. Die meisten Redemptoristen stellen eine konkrete Verbindung zwischen der Erlösung und den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit, der Achtung vor den Menschenrechten und der Hochschätzung der Integrität der Schöpfung her.

11.  Wir Redemptoristen verstehen die Erlösung im Sinne von Jesu Verkündigung der Frohen Botschaft. Seine Verkündigung bietet allen Menschen das Heil an, in besonderer Weise aber den Armen. Unter den lehramtlichen Äußerungen über die Erlösung fasst Papst Paul VI. in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Nuntiandi den Inhalt der Verkündigung Jesu auf eine Art und Weise zusammen, die die Herzen der Redemptoristen anrührt, genau wegen seines pastoralen Blickwinkels, vor allem wegen der Betonung der Notwendigkeit der Bekehrung:

Als Kernstück und Mittelpunkt seiner Frohbotschaft verkündet Christus das Heil, dieses große Gottesgeschenk, das in der Befreiung von der Sünde und vom Bösen, in der Freude, Gott zu erkennen und von ihm erkannt zu werden, ihn zu schauen und ihm anzugehören, besteht. Dies alles beginnt bereits während des Lebens Christi und wird durch seinen Tod und seine Auferstehung endgültig erworben; es muss aber mit Geduld im Verlauf der Geschichte fortgeführt werden, um dann voll verwirklicht zu werden am Tage der endgültigen Ankunft Christi, von dem niemand weiß, wann er sein wird, außer dem Vater.

Dieses Reich und dieses Heil, Grundbegriffe der Evangelisierung Jesu Christi, kann jeder Mensch erhalten als Gnade und Erbarmung, und dennoch muss sie ein jeder mit Gewalt an sich reißen – sie gehören den Gewalttätigen, sagt der Herr – durch Anstrengung und Leiden, durch ein Leben nach dem Evangelium, durch Verzicht und Kreuz, durch den Geist der Seligpreisungen. Vor allem aber reißt sie ein jeder an sich durch eine totale innere Umkehr, die das Evangelium mit dem Namen „metanoia“ bezeichnet, durch eine radikale Bekehrung, durch eine tiefe Umwandlung in der Gesinnung und im Herzen. [4]

12.  Das redemptoristische Verständnis der Erlösung beginnt mit dem hl. Alfons. Ganz wie in unserer eigenen Zeit war die Gesellschaft, in die Gott Alfons von Liguori zur Verkündigung der Erlösung in Fülle berief, voll gewaltiger Herausforderungen. Er lebte in einer bedeutenden Zeitenwende, dem kritischen Übergang von der mittelalterlichen Gesellschaft zur schönen neuen Welt der Aufklärung. Alfons wurde auf die verlassensten Armen aufmerksam, die allzu oft bei den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Prioritäten seiner Zeit übersehen wurden. Gleichzeitig war ihm bewusst, wie sehr er selbst der Bekehrung bedurfte, wenn er dem Ruf Gottes ehrlich folgen wollte.

Viele seiner Zeitgenossen hatten sich von Gott entfernt, weil ihnen falsche Gottesbilder und ein einengender Legalismus in der Moral und in der Spiritualität vor Augen gestellt wurden. Alfons kämpfte gegen diese Verfälschungen des Evangeliums mit einer gesunden pastoralen Praxis, die von Betrachtung und Gebet getragen war. Seine Predigten über die Erlösung rührten die Herzen der Menschen, die schon geglaubt hatten, dass Gott bestenfalls weit weg und gleichgültig, schlimmstenfalls ein grausamer Tyrann war.

13.  Für Alfons gründet sich das ganze christliche Leben auf Jesus und sein Erlösungswerk. Wenn wir seine Spiritualität verstehen wollen, dann müssen wir im Auge behalten, dass der entscheidende Blickpunkt für ihn nicht auf der Erlösung als einer abstrakten Kategorie, sondern auf der Person des Erlösers liegt. Für Alfons ist der christologische Ansatz unerlässlich, denn der Erlöser gibt uns Kunde von der Erlösung. Der Erlöser verkörpert das wahre Wesen Gottes in all seiner Fülle. Wer ist Gott? Was denkt Gott über die Menschen? Alfons antwortet mit den Worten Jesu im Johannesevangelium: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3, 16f).

Der Erlöser ist die Liebe selbst, die alle Menschen anrühren und umwandeln will, so dass sie das wahre Glück und die wahre Erfüllung finden können. Jesus ist gekommen, damit alle „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10). Indem er alles aufbietet, um zu lieben und geliebt zu werden, „entäußert er sich“ selbst, zuerst in der Menschwerdung und dann im Tod, ja „im Tod am Kreuz“. Die Entscheidung des Erlösers für den Weg absoluter kenosis hat zum Ziel, alle falschen Gottesbilder zu zerstören und die Mauer menschlichen Stolzes und Misstrauens gegenüber Gott und seinen Plänen für uns zu durchbrechen.

Das Geheimnis der Erlösung besteht nicht darin, dass wir würdig werden für Gott, sondern darin, dass Gott uns in Jesus seiner würdig macht (Kol 1, 12ff; Eph 1, 3-14). Dieses Verständnis von Gottes Willen, die Menschen in Liebe umzuwandeln, ist ein Wesenszug von Alfons’ Vision. Die Erlösung wird zur freien Hingabe eines Menschen in Staunen und Dankbarkeit für die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus durch den Heiligen Geist geschenkt wird.

14.  Die Deutung des Erlösers als menschgewordene Liebe Gottes, die sich in seiner kenosis äußert, wirkt sich bei Alfons auf die Förderung der traditionellen Frömmigkeitsformen seiner Zeit aus. Krippe, Kreuz, Eucharistie und Maria sind zusammen Ausdruck der Tiefe des Geheimnisses des Erlösers. Die Menschwerdung weist auf Gottes liebende Hingabe an die Menschen, als freies Geschenk und ohne Vorbehalte. Am Kreuz sehen wir eine Liebe, die in ihrer Selbsthingabe und im Verzeihen grenzenlos ist. In der Eucharistie empfangen die Menschen das höchste Geschenk der Liebe: den auferstandenen Herrn, der für immer bei seinen geliebten Jüngern bleiben will als Quelle umwandelnder Gnade und einigende Kraft. Maria wird von Alfons verehrt als Kanal des Gnadenstroms vom Vater im Erlöser.

15.  Um seine Deutung der Erlösung richtig würdigen zu können, müssen wir den hl. Alfons aus dem Blickwinkel der „Verlassenen“ lesen, derer, die von der Gesellschaft, ja sogar der Kirche genötigt werden, am Rand zu leben. Das ist die Sichtweise, die die pastoralen Strategien von Alfons beeinflusst, und auch sein theologisches Denken für immer prägt. Seine Vision für die Kongregation ist so großartig wie man sich nur denken kann, denn sein Bezugspunkt ist die umfassende Sendung Jesu. Warum wurde Gott Mensch in Jesus Christus? In der Antwort auf diese Frage sieht Alfons auch den Daseinszweck seines Instituts. Im vierten Kapitel des Lukasevangeliums findet er eine Art „Sendungserklärung“ Jesu, eine Zusammenfassung von Sinn und Bedeutung seines ganzen Lebens. Seine theologische Perspektive ist hier zutiefst pastoral und missionarisch:

Wer in die Kongregation des Heiligsten Erlösers berufen wurde, wird niemals ein echter Jünger Jesu Christi sein, noch wird er heilig werden, wenn er nicht dem Ziel seiner Berufung zustrebt und nicht den Geist des Instituts besitzt, der in der Rettung von Seelen besteht, die jeglicher geistlichen Hilfe entbehren, wie z. B. die Armen auf dem Lande. Dies ist der eigentliche Grund für das Kommen des Erlösers, der von sich gesagt hat: „Der Geist des Herrn… hat mich gesalbt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“. [5]

Alfons stellt eine klare Verbindung zwischen der Person Jesu und der Kongregation her: sie liegt im Grund für das Kommen des Erlösers.

Die Sendung der Redemptoristen besteht darin, die Menschen zur Mitte des christlichen Lebens zu führen: zur Liebe Gottes, die in Jesus Christus so machtvoll geoffenbart wurde. Im Zentrum des Lebens und Arbeitens der Kongregation steht nichts als das Geheimnis der Erlösung. Wir Redemptoristen kamen im Herzen eines leidenschaftlichen Jüngers Jesu zur Welt, der vor Eifer für die Rettung aller Menschen brannte – mit einer besonderen Bevorzugung der verlassenen Armen.

16.  Durch Jesus kommt die Erlöserliebe des Vaters zu jedem einzelnen Menschen. Bei Alfons wird Gott nicht abstrakt verkündet, sondern mit Geschichten, die Gottes persönliche Liebe zu jedem Einzelnen zeigen und ihn zur Bekehrung einladen. Die Umwandlung der Welt geschieht durch eine persönliche Änderung der Herzen und durch den Gehorsam gegenüber dem von Jesus geoffenbarten Plan Gottes. Als Menschen haben wir das Grundbedürfnis, in einen größeren Plan eingebunden zu sein, Teil eines größeren Plans zu sein, der uns aus unserer kleinen Welt hinausführt. Die befreiende Liebe Gottes ändert unsere Beziehungen, indem sie uns in der kirchlichen Gemeinschaft miteinander verbindet (Konst. 12), die uns mit der Sendung beauftragt, den anderen von der Liebe des Erlösers zu erzählen.

17.  Alfons sah seine Berufung darin, das Werk Jesu des Erlösers fortzusetzen, indem den verlassensten Armen die Frohe Botschaft verkündete. Seine Sendung bestand in der immerwährenden Solidarität mit ihnen. Seine eigene Gotteserfahrung war eng mit dieser Auffassung verbunden. 1774 schrieb er an die Kommunitäten in Scifelli und Frosinone:

Helft den Seelen, vor allem den armen, den Bauern und den Verlassensten. Vergesst nicht, dass Gott „evangelizare pauperibus misit nos“ in unseren Tagen. Prägt euch diesen Satz tief ein und sucht nur Gott bei den verlassenen Armen, wenn ihr Jesus Christus gefallen wollt. [6]

18.  Alfons bemühte sich nicht, die Verlassenen zur Kirche zurückzuführen. Stattdessen brachte er die Kirche zu denen, die sie im Stich gelassen hatte. Er betonte immer wieder, dass sein Institut ganz bewusst seine Niederlassungen mitten unter den Menschen errichten wolle. Ich nehme an, diese Entscheidung gab es nicht einfach deswegen, damit die Armen leichter die Möglichkeit hatten, unsere Dienste in Anspruch zu nehmen. Alfons wusste, dass diese Anwesenheit unter den Armen seine Gefährten verändern würde, genau so, wie die Ziegenherden und ihre Hirten ihn selbst für immer verändert hatten.

II.  Die heutige Auseinandersetzung
mit dem Geheimnis

19.  Im ersten Teil dieses Briefes habe ich versucht, einige Faktoren aufzuzeigen, die meiner Meinung nach für ein redemptoristisches Verständnis der Erlösung wichtig sind. Diese Punkte können uns in einer Tradition verwurzeln, die unserer missionarischen Berufung weiterhin Nahrung gibt. Aber diese Wurzeln müssen heute in frische Erde eingepflanzt werden. Man kann sagen, dass wir uns am Ende der geschichtlichen Periode befinden, die zu Lebzeiten des hl. Alfons gerade konkrete Formen annahm. Das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen, bringt neue Probleme, neue Sorgen, neue Fragen und neue Möglichkeiten mit sich.

20.  Wenn unsere Betrachtung über die Erlösung nicht bloß als theoretische Übung enden soll, dann ist es wichtig, einenBlick auf die Welt zu werfen, in der wir leben und arbeiten. Nur wenn wir bereit sind, uns eine wache Einstellung zur Wirklichkeit zu bewahren, werden wir die bedrückenden Fragen der Menschen deuten und darin echte Zeichen von Gottes Gegenwart und Absicht entdecken können (vgl. Konst. 19). Diese Konstitution verpflichtet die Redemptoristen im Sinne des II. Vatikanischen Konzils dazu, den „allumfassende Inhalt der Erlösung“ [7] zu verkünden. Für den Großteil der Welt ist die Erlösung eine bedeutungslose Angelegenheit. Die vielfältige Krise des Christentums kann (und sollte vielleicht sogar) auf eine Krise der Heilslehre zurückgeführt werden, den Verlust eines Heilsbezugs. Die Fähigkeit des Christentums, das Heil anzukündigen, hat nachgelassen. Und die Kirche ist keine Kirche mehr, wenn sie nicht das Heil vermitteln kann. Man könnte ihr das Wort des hl. Cyprian entgegenhalten: extra salutem nullus christianismus. [8]

21.  Diese Betrachtung ist eine fundamentale Aufgabe (aber nie eine leichte), weil unsere Welt sich ständig ändert. Heute herrscht die Auffassung, dass die kulturelle Änderung immer schneller und tief greifend vor sich geht, was manche meinen lässt, dass wir in einer Änderung des Zeitalters leben und nicht bloß in einem Zeitalter der Änderungen. Traditionelle Denk- und Interpretationsmuster lassen uns nur eingeschränkt verstehen, was vor sich geht. Die Menschen fragen sich, ob es überhaupt fixe Bezugspunkte bzw. absolute Werte gibt. Während der Kapitalismus weiterhin eine mächtige Anziehungskraft ausübt, scheinen sich die Ernüchterung hinsichtlich gegenwärtiger Institutionen, der Untergang von Ideologien und die fehlende Hoffnung auf eine von der Moderne versprochene bessere Zukunft breit zu machen. Die Möglichkeiten der Menschheit, die Errungenschaften zu zerstören, lässt viele fragen: „Welchen Sinn hat das alles? Wer rettet uns vor uns selber?“

Suche nach Sinn und Hunger nach Spiritualität

22.  Während die Leute in manchen Teilen der heutigen Welt mit der Bindung an ein religiöses Bekenntnis nichts zu tun haben wollen, gebrauchen sie doch eine religiöse Sprache, um ihre Suche nach dem Sinn des Lebens auszudrücken. Eine zeitgenössische Soziologin beschreibt die Situation in Westeuropa als „glauben ohne dazuzugehören“. [9] Man kann eine Sehnsucht nach einem Mehr im Leben erkennen, ein Streben nach Erkenntnis, ein Interesse an neuen Formen der Spiritualität, einen leidenschaftlichen Einsatz für die Gerechtigkeit, eine Achtung vor der Schönheit und dem hohen Wert zwischenmenschlicher Beziehungen. Mitbrüder, die zeitgenössische Trends in der Literatur, im Film, in der bildenden Kunst und in der Musik verfolgen, stellen eine beharrliche Suche nach der Erfahrung einer Art Erlösung fest. Verschiedene Formen der Volksfrömmigkeit lassen eine ähnliche Sehnsucht und Suche erkennen.

23.  Der Hunger nach Erlösung äußert sich auch in stummen Schreien und unausgesprochenen Sehnsüchten. Er wird in der Hilflosigkeit und Frustration der Randexistenzen, der Ausgegrenzten und der so genannten „neuen Armen“ vernommen. Die weit verbreitete Ansicht, dass das moderne Leben Stückwerk bleibt und die verschiedenen Aspekte unseres Lebens nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, führt zu einem echten Unbehagen und zu einer immer kleiner werdenden Hoffnung auf Besserung. Angsterfüllte, einsame und leidende Menschen aller Gesellschaftsschichten haben das vage Gefühl, dass „etwas fehlt“, es sollte eine bessere Lebensweise geben.

24.  Die Sehnsucht nach „einem Mehr“ kann betäubt oder sogar erstickt werden. Manche leben mit einem bequemen Gefühl der Selbstgenügsamkeit und spüren keinerlei Bedürfnis, sich in irgendeiner Weise zu ändern. Da kann man nur die Frage stellen, wie lange ein steriles, in sich vergrabenes und offensichtlich nur auf sich selbst bezogenes Leben das hungrige Menschenherz zufrieden stellen kann.

25.  Obwohl es stimmt, dass viele Menschen sich nach einer Art Erlösung sehnen, führt diese Sehnsucht nicht notwendig zur Suche nach einem Erlöser. Oft wird die Antwort in einer Art Selbsterlösung gesucht, wie die vielen Selbsthilfeprogramme, die ohne einen Erlöser auskommen, zeigen. Manche suchen sich auch durch den Rückzug auf das Volkstum, die Magie oder den Aberglauben von den Ängsten des modernen Lebens zu befreien.

Die Realität der Sünde und des Bösen

26.  Die Erfahrung des Bösen ist sehr ausgeprägt in der Geschichte der Menschen. Unsere Mitbrüder in Indien, Sri Lanka, Thailand, New Orleans und, in jüngster Zeit, in Indonesien können ein beredtes Zeugnis dafür ablegen, wie gewaltig die Zerstörungen sein können, die durch ein unpersönliches Böses hervorgerufen werden, das von den Naturgewalten entfesselt wurde, und vor dem die Menschen hilflos zurückschrecken. Andrerseits kennen wir alle die Bosheit der persönlichen Sünde nur zu gut, die uns von Gott und den anderen zu trennen droht, und damit große Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben hat. Abgesehen von den falschen Entscheidungen, die Einzelmenschen treffen, erleben wir aber auch die Grausamkeit von Staaten, die Ungerechtigkeit und Tod hervorbringen, selbst wenn wohlmeinende Leute an ihrer Spitze stehen. Der Luxus mancher Völker baut buchstäblich auf die Verarmung anderer auf. Kriege werden unter neuen Vorwänden geführt, sei es als Kampf gegen den Terrorismus oder als Präventivschlag zur Sicherung des Friedens.

27.  Die Folgen der Globalisierung auf allen Ebenen (Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Kultur und Technologie) sind problematisch. Einerseits verspricht die Globalisierung eine neue Welt mit zahllosen Möglichkeiten. Aber die Kosten sind eine wachsende Ungleichheit unter den Völkern sowie neue Formen der Armut. Der Einzelne, die Gemeinschaften, ja ganze Völker sind machtlos angesichts ungerechter globaler Strukturen. Ich erinnere mich, wie ein Redemptoristen-Bischof mir gegenüber einmal erklärte, dass sein Land, sich selbst überlassen, wenig Hoffnung habe. Da die Bodenschätze wegen der Ausbeutung durch die Kolonialmächte und infolge von Misswirtschaft erschöpft sind, kann das Land nichts für die neuen globalen Märkte produzieren und hängt grundsätzlich von einer effektiveren Solidarität unter den Völkern ab.

28.  Während seines jüngsten Besuches im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau hatte Papst Benedikt XVI. Mühe, über das dort geschehene Böse zusammenhängend zu sprechen, und stellte die Frage nach dem „Schweigen Gottes“. [10] Eine systematische Behandlung des Problems des Bösen übersteigt ganz sicher den Rahmen dieser Communicanda. Hier nur so viel: wir müssen uns dem Geheimnis des Bösen sowohl in unseren Betrachtungen als auch in unseren Predigten stellen, wenn wir der Offenbarung treu bleiben und für die Menschen glaubwürdig bleiben wollen. Eine nüchterne Analyse unserer Welt und unserer selbst, verbunden mit einer dankbaren und gläubigen Annahme der Offenbarung Gottes in Jesus, lässt uns mit dem hl. Paulus staunen: „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden!“ (Röm 5, 20). Vielleicht ist die ursprünglichste Verkündigung des Evangeliums die glaubhafte Botschaft, dass Gott lebt, selbst in einer Zeit wie der heutigen.

Zeichen und Zeugnisse für das Reich Gottes

29.  Diese Welt, geteilt, aus den Fugen geraten, und verwundet, in der Millionen entsetzliche Leiden erdulden müssen, ist noch immer eine von Gott geliebte Welt, eine Welt, in die Er und für die Er seinen Sohn sendet. Zweitausend Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu fragen wir vielleicht: hat seine Sendung wirklich etwas geändert? Angesichts des Geheimnisses der Sünde und des Bösen, doch im Bewusstsein der Initiative Gottes, sind wir zum Nachdenken aufgerufen, zu einem Bemühen, so zu sehen, wie Gott sieht, um so zu handeln, wie Gott handelt.

30.  Das Instrumentum Laboris für das XXIII. Generalkapitel enthält eine Aufzählung von Herausforderungen, die sie in Zeichen für die Anwesenheit des Reiches Gottes und in Zeichen für die Abwesenheit des Reiches Gottes unterteilt. Es nennt im Einzelnen die Herausforderungen, die durch den Säkularismus, die Postmoderne und die Globalisierung für die Evangelisierung entstehen. Es hat die Lage der Kongregation in der ganzen Welt und die Notwendigkeit der Entwicklung der wirksamsten Mittel für das Zeugnis für die Erlösung in Fülle gut beschrieben. [11]

31.  Ein wacher Blick auf unsere Welt lässt uns die Mächte erkennen, die dem Reich Gottes entgegenwirken, wie z. B. die Kultur des Todes mit ihrer Verherrlichung von Gewalt, Reichtum und Vergnügen bis zur Menschenverachtung, Versklavung und massenhafte Verschleppung ganzer Gesellschaften. Die Verkündigung der Erlösung in Fülle ist eine Einladung, diese aus den Fugen geratene Welt aus einer Perspektive zu betrachten, die uns die Wege des Geistes entdecken lässt. Wir lernen die Anwesenheit der Zeichen der Erlösung zu erkennen, die uns entschlossen und voll Hoffnung weitermachen lassen. Wenn wir schon die Kühnheit besitzen zu fragen, ob die Sendung Jesu irgendetwas in der Welt geändert hat, dann müssen wir auch den Mut haben, eine wache Haltung einzunehmen, und zulassen, dass der Geist, den Jesus versprochen hat, uns in die ganze Wahrheit führen wird (Joh 16, 13).

III.  „Helfer, Gefährten und Diener
           Jesu Christi im großen Werk…“

32.  Ich möchte versuchen, die bisherigen Überlegungen zusammenzufassen. Wir haben mit der Feststellung begonnen, dass die Redemptoristen einen bestimmten Zugang zum Erlösungswerk Gottes in Jesus Christus haben. Diese Sicht beruht auf der Gotteserfahrung, die die pastorale Praxis von Alfons von Liguori prägte. Wir haben es nicht unternommen, den traditionellen Zugang der dogmatischen Theologie zur Erlösung zu behandeln, nicht weil eine solche Behandlung unwichtig wäre, sondern weil das Generalkapitel hoffte, dass die vorliegenden Communicanda zur Klärung des Begriffes und seiner Inhalte dienen und dazu betragen würden, das apostolische Leben der Kongregation zu erneuern. [12] Zu diesem Zweck habe ich versucht, diese Überlegungen in den Erfahrungen unseres Stifters zu verankern, die seine eigene Verkündigung und schriftstellerische Tätigkeit, ja sogar seinen Entschluss, die Kongregation zu gründen, dramatisch beflügelten. Alfons sah im Erlöser die Offenbarung von Gottes grenzenloser Liebe zu den Menschen. Diese Liebe zu den Menschen drängte Gott zur kenosis, zu seiner Selbstentäußerung für das Leben der Welt, mit einem besonderen Vorrang der Armen. Alfons’ Logik ist dieselbe wie im Brief an die Philipper: Gott tut alles, um unsere Herzen zu gewinnen (Phil 2, 5-11).

Wir bringen die spirituellen Erfahrungen des hl. Alfons in unsere Aufgabe, die Erlösung in Fülle in der heutigen Zeit zu verkündigen, ein. Diese Aufgabe verlangt einen wachen Blick von uns, wenn wir die Mächte, die dem Reich Gottes entgegenwirken, erkennen wollen, und wenn wir die Zeichen der Erlösung erkennen wollen, die uns ein Ansporn sind, unsere Sendung entschlossen und voll Hoffnung weiterzuführen. Das bedeutet auch das Auftreten gegen alles, was die Menschen versklavt.

Wie Alfons sind auch wir zur Umkehr berufen, die uns an der Dynamik der Liebe und kenosis Gottes teilhaben lässt. „Unser Leben zu geben für die Erlösung in Fülle“ bedeutet, intensiv und dauernd an der Sendung Jesu Christi teilzunehmen, dem „großen Erlösungswerk“, um den Armen das Wort des Heiles zu verkünden (vgl. Konst. 2). In diesem letzten Teil der Communicanda möchte ich einige Konsequenzen für die Kongregation heute darlegen.

Zentrale Stellung Jesu Christi:
Bei Ihm ist Erlösung in Fülle

33.  Um Zeugnis für die Erlösung in Fülle im Sinne der charismatischen Intuition Alfons’ von Liguori zu geben, haben wir keine andere Wahl, als unser Leben mit dem Erlöser auf einen festen Grund zu stellen. Da unser Stifter die Daseinsberechtigung der Kongregation radikal an die Sendung Jesu Christi gebunden hat, ist diese seine Sendung der Maßstab, an dem wir uns messen. Wir müssen davon überzeugt sein, dass, an Jesus Christus zu glauben heißt, zu hoffen, wie er hoffte; dass Jesus Christus nachzufolgen heißt, seine Sendung in der Geschichte weiterzuführen, indem wir wie er lieben bis zur Aufgabe unseres Lebens; dass sich ihm anzuschließen heißt, uns von ihm und dem Grund seines Lebens ergreifen zu lassen. [13] Alfons lädt uns ein, den Gott Jesu Christi neu zu entdecken, einen Gott, der die Menschen leidenschaftlich liebt, einen Gott, der den Schrei der Armen hört und von der Ungerechtigkeit nicht unberührt bleibt. Gott hat sich als Frohe Botschaft für die Verarmten geoffenbart und hat gnädig gewährt, dass die Menschen mit der Fülle Gottes erfüllt werden (Eph 3, 19), weil Christus sich selbst aus Solidarität entäußerte (Phil 2, 5-11).

34.  Daher ist die Verkündigung der Erlösung in Fülle durch die Redemptoristen in erster Linie keine Vermittlung von Glaubensformeln oder Verhaltensregeln, sie ist die Einladung zu einer persönlichen Beziehung zu einem leidenschaftlichen Gott, einem Gott der Liebe, dem man mit Gegenliebe begegnen muss. Für Alfons geht es um sehr viel. In einem seiner Gebete beklagt er sich, dass die Welt „voller Prediger ist, die sich selbst [nicht Jesus Christus] predigen, während die Hölle voller Seelen ist.“ [14] Doch mit einem Nachdruck, der unseren früheren Ruf als Höllenprediger zweifelhaft erscheinen lässt, betont Alfons, dass Bekehrungen aus Angst vor der Strafe Gottes nicht lange halten. Bei Missionen ist es daher die Hauptaufgabe jedes einzelnen Predigers, seine Zuhörer in heiliger Liebesglut brennend zurückzulassen. [15] Wenn wir auch keine maßlose Sprache mehr verwenden, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erringen, müssen wir uns doch vielleicht fragen, ob der Inhalt unserer Predigten nicht seicht und nichtssagend geworden ist. Können wir sagen, dass wir unsere ganze Leidenschaft und Kreativität aufbieten, um Jesus Christus in einer Sprache zu verkünden, die die Menschen, vor allem die verlassenen Armen, heute verstehen?

35.  Wir haben uns die Sendung der Kongregation nicht selbst gegeben. Auch kann sie weder aus sich selbst, noch soziologisch, noch psychologisch, noch anthropologisch erklärt und gerechtfertigt werden, denn ihr Ursprung liegt außerhalb ihrer selbst. Gott ist der eigentliche Ursprung und die eigentliche Quelle unserer Sendung und ihrer Wirkung. Das ist ihr innerstes Geheimnis, aus dem die Kongregation ihr Leben, ihre Kraft und ihre Vision schöpft. Sobald unsere Sendung ihre Daseinsberechtigung anders erklärt, etwa sozio-politisch oder kulturell, verliert sie ihre Authentizität. Wenn unsere Sendung nicht mehr in Jesus Christus ihr Zentrum hat, verlöscht ihr Licht und sie wird schal; sie ist wie das Salz, das zu nichts mehr taugt und weggeworfen werden muss.

36.  Wir erkennen die Sendung der Kongregation im Geheimnis Jesu Christi; das hat in meinen Augen wichtige Konsequenzen für uns. Es sollte an erster Stelle ehrfürchtiges Staunen über unsere Berufung als „Gefährten und Gehilfen im großen Erlösungswerk Jesu Christi“ (Konst. 2) hervorrufen, denn wir haben teil an einer Initiative, die dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit entspringt. Eine pastorale Planung, die auf Vorhaben, Ziele, Aktionspläne und Auswertungen achten muss, sollte auch die Frucht des betrachtenden Gebets, der Meditation und der lectio divina sein, denn wir haben es mit heiligen Dingen zu tun, nicht einfach mit der Anwendung von Organisationsprinzipien.

37.  Da wir danach trachten, durch das Geschenk unseres Lebens die göttliche Initiative für die ganze Menschheit immer deutlicher werden zu lassen, dürfen wir nie aufhören zu suchen und zu forschen. Bourgeoise Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit haben keinen Platz in unserer Berufung. Sie kennen sicher die Geschichte des hl. Alfons über einen Einsiedler im Wald, dem eines Tages ein Prinz begegnete. Der Prinz wollte wissen, was er denn da mache? Der Einsiedler antwortete mit der Gegenfrage: „Mein Herr, was machen denn Sie in dieser verlassenen Gegend?“ Als der Prinz erwiderte, dass er auf der Jagd nach wilden Tieren sei, sagte der Einsiedler: „Und ich bin auf der Jagd nach Gott“, und ging seiner Wege. [16] Wenn es wahr ist, dass viele unserer Zeitgenossen auf der Suche nach dem Göttlichen, oder zumindest nach irgendeinem letzten Sinn ihres Leben sind, dann kann man sich gut vorstellen, welch beredtes Zeugnis unsere pastoralen Tätigkeiten und unser Gemeinschaftsleben ablegen als Orte, an denen Menschen auf der Suche nach Gott sind.

Bekehrung zur Liebe zu den Menschen,
die sich in der Kenosis äussert

38.  Bischof Pedro Casaldáliga fordert uns auf, auch mit den Füßen zu denken. Das heißt, dass letztlich unser Denken in ein Handeln übergehen sollte, das mit unseren höchsten Werten im Einklang steht. Wenn wir nachvollziehen wollen, wie Alfons den Erlöser und das Werk der Erlösung versteht, müssen wir immer die Menschen miteinschließen, vor allem die verlassenen Armen. Wie wir gesehen haben, identifiziert unser Stifter die Kongregation mit der Sendung Jesu, der gekommen ist, um den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden. Die Konst. 5 greift diese Verbindung auf, wenn sie sagt, „die eigentliche Verkündigung des Evangeliums und die Entscheidung für die Armen geben der Kongregation ihre Daseinsberechtigung innerhalb der Kirche und bilden den Prüfstein ihrer Treue zur empfangenen Berufung.“

39.  Für Alfons war diese besondere Verbindung zwischen dem Erlöser und den Verlassenen nicht etwa reine Theorie. Sein erster Biograf fängt ganz dramatisch ein, wie unser Stifter mit „seinen Füßen gedacht“ hat – auch wenn er in Wahrheit auf einem Maultier ritt! In einer ergreifenden Beschreibung seines Weggangs von Neapel 1732 lässt er ihn die Stadt und ihre ganze Pracht Jesus vollständig zum Opfer darbringen, um auf dem Land unter ungebildeten Bauern und Hirten zu leben und zu sterben. [17] In seinem Kommentar dazu schreibt Théoldule Rey-Mermet, dass am Beginn der Kongregation in erster Linie der Tod und die Wiedergeburt eines Mannes stand: „Der vornehme Adelige aus Neapel existierte nicht mehr – an seine Stelle trat ein Armer unter Armen.“ [18] Der Gebrauch der österlichen Sprache zur Deutung dieses Weggangs ist sehr aufschlussreich, vor allem wenn wir uns die Begegnung in Erinnerung rufen, die zu seinem Entschluss führte: wie der Anblick der verlassenen Armen in den Bergen von Scala im Frühsommer 1730 ihn für immer veränderte. Von der Liebe zu den Menschen erfüllt, war er „so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“, und „entäußerte sich“ (vgl. Phil 2,5b). Alfons erkannte seine eigene Berufung in der Menschenliebe und kenosis des Sohnes Gottes. Die Geschichte Jesu wird zu seiner Geschichte.

40.  Seit 1732 haben sich tausende Redemptoristen auf dieselbe Dynamik eingelassen und die Geschichte Jesu zu ihrer eigenen werden lassen. Mitbrüder wie der sel. Mikolai Tscharnjeski und der sel. Dominik Trčka haben die kenosis um unserer Sendung willen bis zur letzten Konsequenz gelebt, „ja bis zum Tod“. Nicht so dramatisch, aber nicht weniger kostbar sind die vielen Geschichten selbstloser Liebe, die die Geschichte der Kongregation prägten: Missionare, die im Geist unserer Ordensprofess danach strebten, sich Gott ganz zu übergeben (vgl. Konst. 56).

41.  Ich meine, dass die Kongregation heute dazu berufen ist, die charismatische Inspiration des hl. Alfons in einem dynamischen Prozess der Solidarität auszudrücken. Solidarität ist Menschenliebe, denn sie drängt uns zur Teilnahme am Kampf der Armen und Schwachen dieser Welt und verbindet uns mit denen, die ohne Hoffnung und verlassen sind. Die Solidarität drängt uns, uns „mit Vorliebe den Armen, Kleinen und Unterdrückten“ zuzuwenden, da „es ein Zeichen des messianischen Wirkens ist, dass gerade ihnen das Evangelium verkündet wird“ (Konst. 4). Jesus hat sich nicht nur darauf festgelegt, sich in besonderer Weise mit den Randexistenzen zu identifizieren (Mt 25, 40), sondern Gott drückt mit der Menschwerdung und dem Mysterium von Ostern eine radikale und endgültige Solidarität mit den Menschen aus.

42.  Die Solidarität in den Evangelien, die die Kongregation zum Engagement für die Armen, Benachteiligten und Unterdrückten verpflichtet, findet ihren konkreten Ausdruck in unserer Gemeinschaft. Die letzten Generalkapitel haben nachdrücklich betont, dass die Gemeinschaft der Redemptoristen schon für sich eine Verkündigung der Frohen Botschaft ist. Sie ist das Zelt, das Gott unter den verlassenen Armen aufschlägt, um seine Liebe zu den Menschen sichtbar zu machen. Aber unser gemeinschaftliches Leben erfordert auch kenosis. Denn „Gemeinschaft bedeutet nicht nur ein rein äußeres Zusammenwohnen der Mitglieder, sondern zugleich Gemeinschaft des Geistes und der Brüderlichkeit“ (Konst. 21).

43.  Die Einladung des letzten Generalkapitels, über die Neustrukturierung der Kongregation nachzudenken, ist ein Anruf, uns zur Erlösung in Fülle zu bekehren. [19] Es ist nicht schwierig, die Neustrukturierung als eine Art Entäußerung zu betrachten. Das Nachdenken über diese Frage ist die Weigerung, uns hartnäckig an den Glanz vergangener Zeiten zu klammern, oder uns selbstzufrieden mit den beschränkten Möglichkeiten der Gegenwart zu begnügen. Stattdessen suchen wir nach neuen Formen der Solidarität, um die Liebe Gottes zu den verlassenen Armen auszudrücken. Dieser Weg ist vielleicht riskant und erfordert jenen Glauben und Mut, der Alfons drängte, Neapel hinter sich zu lassen und sich auf eine unbekannte Zukunft einzulassen, nur mit der Zuversicht im Herzen, dass Gott ihn führte.

44.  Wir wollen diesen Weg voll Hoffnung fortsetzen, denn die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5, 5). Viele Menschen erwarten als Zeichen der Hoffnung von uns, was Papst Johannes Paul II. dem XXIII. Generalkapitel ans Herz legte: „Wenn ihr die Erlösung in Fülle freudig und durch einen konsequenten Lebensstil verkündet, werdet ihr in den Herzen vieler Menschen die Hoffnung des Evangeliums wecken und stärken – vor allem in den Herzen jener, die ihrer am meisten bedürfen, weil sie von der Sünde und ihren unheilvollen Folgen gezeichnet sind“. [20]

45.  Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass wir Pilger sind, die teilhaben an einer Verheißung und einem Traum. Die Solidarität, die Gott im Erlöser begründet hat, ist bereits am Werk in einer Art eschatologischem Kampf, daher ist unsere Vision nicht auf die gegenwärtigen Möglichkeiten beschränkt, und wir gestatten uns weder Zynismus noch Wunschdenken. Gott macht alles neu und wir sind aufgerufen, mit ihm zusammenzuarbeiten, wobei unsere Augen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde gerichtet sind, die uns durch Christus versprochen sind.

Unsere Weggefährten

46.  Maria, die Mutter des Erlösers und die Mutter von der Immerwährenden Hilfe, geht mit uns und stärkt unsere Hoffnung. Sie ist das Urbild des Mitleids und der selbstlosen Liebe. Sie betete voll Sorge mit den Aposteln in der Stunde der Geburt der Kirche. Ich denke, wir können uns darauf verlassen, dass sie