Communicanda 2

ÜBER Die
Erlösung
am Pfingstsonntag
dem 4.
Juni 2006
Einleitung
Meine lieben
Mitbrüder!
Denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung
in Fülle! (Ps 130, 7)
1. Es ist eine große Aufgabe, euch diese Gedanken
über die Erlösung vorzulegen. Ich sage das
nicht einfach, weil sie anspruchsvoll und
schwierig ist. Es ist auch eine beängstigende
Aufgabe, weil das Reden und Schreiben über
die Erlösung die eigentliche Mitte unseres
Glaubens anrührt, und damit auch die lebensspendende
Mitte der Kongregation. Im Lauf des vergangenen
Jahres haben mir viele Mitbrüder ihre Gedanken
zu diesem Thema anvertraut und mir eine Fülle
von Ideen und Vorschlägen geschrieben. Die
Mitglieder des Generalrats haben lang und
schwer an einem eigenen Beitrag gearbeitet,
mich aber gebeten, die Schlussfassung zu schreiben.
Euch allen gilt mein Dank: euch gebührt das
Verdienst der theologischen Tiefe und Weisheit
dieser Ausführungen. Für die fertige Gestalt
übernehme aber ich die Verantwortung, denn
ich habe alles aus dem pastoralen Blickwinkel
meines Amtes zusammengestellt. Das heißt,
dass etwaige Schwächen gegenüber den ursprünglichen
Beiträgen und andere eventuell vorhandene
Unzulänglichkeiten auf mein Konto gehen.
Dringlichkeit
am XXIII. Generalkapitel erkannt
2. Der Auftrag für diese Communicanda wurde am XXIII. Generalkapitel im Oktober 2003 gegeben.
Ich war beeindruckt, welche Dringlichkeit
die Kapitulare diesem Anliegen bei der Erörterung
der Herausforderungen für das Leben unseres
Charismas auf der ganzen Welt beimaßen. Sie
betonten, dass es notwendig sei, sich über
wichtige Dimensionen unserer missionarischen
Berufung Gedanken zu machen, um auf die Herausforderungen
authentisch reagieren zu können. Wie erinnerlich,
forderten sie die Kongregation auf, besonderes Augenmerk auf die Qualität unserer apostolischen Hingabe an
unseren Erlöser zu richten. Der
Glaube an den Erlöser Jesus Christus ist die
allumfassende Grundlage für unsere Wahl
[des Themas für das Sexennium]. Ihre fundamentale
Überzeugung fand in folgenden Worten ihren
Niederschlag: Wir
wissen aus Erfahrung, dass wir, was immer
für Stürme um uns toben mögen, nicht untergehen
werden, wenn nur unsere Augen auf Jesus gerichtet
bleiben.
[1]
Das Thema des Sexenniums
„Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle“
erlangt aus diesem Blickwinkel eine tiefe
Bedeutung, denn die Situation der Welt verlangt
von uns eine größere Überzeugung und Hingabe.
Die Qualität unserer apostolischen Hingabe
an den Erlöser hat einen Einfluss darauf,
wie wir das uns anvertraute Charisma leben
werden.
3. Die Mitglieder des Kapitels stellten fest,
dass es dringend notwendig sei, unser Verständnis
der Erlösung zu vertiefen, um das eigentliche
Fundament unseres religiösen Engagements sowie
den dynamischen Charakter unserer missionarischen
Antwort auf die Herausforderungen der Welt
zu stärken. Ich denke, die Kapitulare waren
sich bewusst, dass wir Redemptoristen uns
vielleicht nicht im Klaren sind, wie unser
Verständnis der Erlösung sich gewandelt hat.
Tatsächlich sind wir vielleicht so beschäftigt
oder anders abgelenkt, dass wir wenig (oder
gar nicht) darüber nachdenken, wie Gott an
der Welt handelt. Ohne dieses Nachdenken ist
das Evangelium, das wir predigen, in Gefahr,
weder „froh“ noch eine „Botschaft“ zu sein.
Darum baten die Kapitulare, dass eine Ausgabe
der Communicanda
über die Erlösung herausgebracht werden möge.
Diese Aufgabe drängt angesichts der Tatsache,
dass die Ergebnisse der Anthropologie und
ein neues Verständnis der Welt und unseres
Glaubens nach einer Klärung dieses Begriffes
und seiner Inhalte verlangen. Diese Communicanda sollen den Redemptoristen die notwendigen
Grundlagen geben, die Bedeutung der Erlösung
zu erkennen und das apostolische Leben zu
erneuern.
[2]
4. Die Erneuerung unseres apostolischen Lebens als Ziel dieser Communicanda ist die Grundintention des Kapitelbeschlusses. Die Kapitulare
erinnern an das fundamentale Verständnis unseres
Lebens als vita apostolica, ein Fachausdruck mit einer
ganz genauen Bedeutung in unseren Konstitutionen:
unser Leben umfasst sowohl das in besonderer Weise gottgeweihte Leben
als auch das missionarische Wirken (Konst.
1). Fern von jedem Dualismus fordert das Charisma
unserer Kongregation eine fundamentale Einheit
von uns in allem, was wir tun. Spiritualität,
Gemeinschaftsleben und pastorale Tätigkeit
sind Teile dieses dynamischen Ganzen. Alle
Dimensionen sind harmonisch ineinander verwoben
und stellen zusammen unsere einzigartige Sendung
in der Kirche dar. Jede Betrachtung über die
Erlösung ist damit ein Teil dieses Prozesses
und sollte unserem ganzen Leben Tiefe und
Kraft geben.
5. Es liegt auf der Hand, dass eine systematische
Behandlung der Erlösung den Rahmen und Zweck
der Communicanda sprengt. Deswegen maßt sich
dieses Dokument nicht an, eine umfassende
Darstellung zu sein. Es möchte nicht einmal
den Anspruch erheben, alle dazugehörenden
Probleme zu behandeln. Eine Betrachtung über
dieses fundamentale Thema „Erlösung“ sollte
ein dauernder Prozess sein, an dem die ganze
Kongregation teilhat, und in den auch andere
Mitglieder der Familie der Redemptoristen
eingebunden sind. Das ist eine Aufgabe, die
wir als Teil unseres persönlichen und gemeinschaftlichen
Lebens akzeptierten sollten. Darüber hinaus
ist in meinen Augen jede Einheit und jede
Region dazu aufgerufen, den Begriff Erlösung
im Kontext seiner eigenen Geschichte und kulturellen
Ausdrucksweisen zu betrachten.
Die vorangegangenen Generalkapitel haben uns geholfen,
die Themen Identität, Spiritualität und Sendung
miteinander zu verweben. Es bringt großen
geistlichen Gewinn, auf ihre Vorschläge zurückzugreifen.
Man kann auch einigen Nutzen aus früheren
Communicanda
ziehen, die die Themen „Unsere Spiritualität“,
„Solidarität“, „Unser Apostolat“ und „Das
Zeugnis unseres Gemeinschaftslebens“ behandelten.
Diese Dokumente enthalten den Werdegang und
Hintergrund der vorliegenden Überlegungen
zum Thema „Erlösung“.
[3]
Die
fundamentale Rolle der Metapher
6. Bevor wir uns auf weitere Überlegungen über
die Erlösung einlassen, müssen wir uns über
den Sprachtypus im Klaren sein. In der hl.
Schrift und durch die ganze Kirchengeschichte
hindurch wird eine Reihe von Metaphern im
Reden über die Erlösung verwendet. Das hat
wichtige Implikationen. Eine Metapher ist
ein sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort
aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang
in einen anderen übertragen wird, ohne dass
ein direkter Vergleich zwischen Bezeichnendem
und Bezeichnetem vorliegt (bildhafte Übertragung).
Eine Metapher ist im Wesentlichen ein Symbol,
und es entsteht eine große Verwirrung, wenn
Metaphern wörtlich verstanden werden. Eine
Metapher kann nicht als erschöpfende Aussage
über eine bestimmte Wahrheit genommen werden.
Darüber hinaus können Metaphern in einer Abhandlung
bzw. Betrachtung eine oder verschiedene Dimensionen
einer theologischen Wirklichkeit und Wahrheit
ausdrücken. Eine Metapher allein kann jedoch
nicht die ganze Wirklichkeit und Wahrheit
umfassen. Die Verwendung vieler Metaphern
in unserem Reden über die Erlösung zeigt,
dass keine Metapher für sich genommen ganz
adäquat ist.
7. Darüber hinaus dürfen wir nicht aus den Augen
verlieren, wie abhängig von verschiedenen
kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen
Kontexten die hl. Schrift in ihrem Reden über
die Erlösung ist. Die verschiedenen verwendeten
Ausdrücke sollten nicht in Konkurrenz miteinander
oder Widerspruch zueinander betrachtet werden,
sondern als Versuch, die Glaubenswahrheit
verständlich zu machen. Bei Paulus finden
wir z. B. die Verwendung der jüdischen Kategorien
von Schuld und Sühne. Lukas und die Pastoralbriefe
hingegen sprechen die hellenistische Denkweise
an. Der erste Zweck der biblischen Texte war
die Verkündigung des Geheimnisses Jesu des
Christus und des Geheimnisses der Erlösung
auf eine für bestimmte Gemeinschaften verständliche
Weise. Eine ehrfürchtige Einstellung zum geoffenbarten
Wort Gottes sollte uns keine Mühe scheuen
lassen, um die Botschaft der Erlösung in den
vielen historischen und kulturellen Kontexten,
in denen die Kongregation heute das Evangelium
verkündet, verständlich zu machen.
8. Manche Weisen, über die Erlösung zu reden,
die von einer überschwänglichen, jedoch schiefen
Frömmigkeit stark beeinflusst sind, können
uns auf einen falschen Weg bringen oder sogar
davon abhalten, eine adäquate Antwort auf
die Probleme unserer Zeit zu geben. Unsere
pastorale Praxis und die Predigten machen
uns die Mängel mancher Ansätze und Interpretationen
bewusst. Vieles in unserer missionarischen
Tätigkeit muss vielleicht damit beschäftigt
sein, gewisse theologische Ansichten zu korrigieren,
die das Volk Gottes in die Irre geführt oder
sogar versklavt haben.
9. Diese Communicanda
möchten keine theologische Abhandlung sein,
die alle Probleme löst. Am Beginn unseres
Austauschs genügt es, sich zu erinnern, dass
die Geschichte der Theologie sowie die Geschichte
der Evangelisierung von der Suche nach einer
Sprache gekennzeichnet ist, die uns dienen
soll, über die Erlösung zu sprechen. Diese
Suche war ein Motiv für die Missionare, ständig
über das Geheimnis der Erlösung nachzudenken
und nach Metaphern zu suchen, die im Dienst
der Verkündigung dieser Frohen Botschaft stehen.
Es wäre wunderbar, hätte die Kongregation
ein Forum, in dem die Mitglieder der Familie
der Redemptoristen diese regelmäßigen Betrachtungen
austauschen könnten, und damit eine Möglichkeit
schafften, einander mit den Ergebnissen ihrer
Überlegungen aus unseren verschiedenen Regionen
zu bereichern.
I. Aus dem eigenen Brunnen trinken
10. Die Redemptoristen haben eine instinktive auf
die Seelsorge bezogene Art, die Erlösung trotz
aller theologischen und kulturellen Verschiedenheiten
zu verstehen und zu verkündigen. Dieses Verständnis
ist das Erbe des hl. Alfons und zieht sich
durch unsere spirituelle und pastorale Tradition.
Wir scheuen keine Mühe, um den Menschen klar
zu machen, dass die Erlösung immer eine Initiative
Gottes ist, der uns auf eine Art liebt, die
sich jeder menschlichen Vorstellungskraft
entzieht, und unsere Gegenliebe möchte. In
der Seelsorge wird die Erlösung sowohl als
Befreiung von der Sünde als auch als Anruf
Gottes, in der Liebe zu ihm zu leben, verkündet.
Wir sind allgemein dafür bekannt, dass wir
den Menschen, vor allem den verlassensten
Armen, nahe stehen. Hochherziges Erbarmen,
Vergebung und Versöhnung sind charakteristische
Merkmale unserer Seelsorge. So wie Jesus die
Menschen aufrief, Herz und Sinn zu ändern,
enthalten unsere Predigten traditionellerweise
einen beharrlichen Aufruf zur Bekehrung. Das
Apostolat des Beichtstuhls wird von uns hochgehalten,
weil die Feier dieses Sakraments die Menschen
die Erlösung konkret erleben lässt. Die meisten
Redemptoristen stellen eine konkrete Verbindung
zwischen der Erlösung und den Forderungen
der sozialen Gerechtigkeit, der Achtung vor
den Menschenrechten und der Hochschätzung
der Integrität der Schöpfung her.
11. Wir Redemptoristen verstehen die Erlösung im
Sinne von Jesu Verkündigung der Frohen Botschaft.
Seine Verkündigung bietet allen Menschen das
Heil an, in besonderer Weise aber den Armen.
Unter den lehramtlichen Äußerungen über die
Erlösung fasst Papst Paul VI. in seinem Apostolischen
Schreiben Evangelii
Nuntiandi den Inhalt der Verkündigung
Jesu auf eine Art und Weise zusammen, die
die Herzen der Redemptoristen anrührt, genau
wegen seines pastoralen Blickwinkels, vor
allem wegen der Betonung der Notwendigkeit
der Bekehrung:
Als Kernstück und Mittelpunkt seiner Frohbotschaft
verkündet Christus das Heil, dieses große
Gottesgeschenk, das in der Befreiung von der
Sünde und vom Bösen, in der Freude, Gott zu
erkennen und von ihm erkannt zu werden, ihn
zu schauen und ihm anzugehören, besteht. Dies
alles beginnt bereits während des Lebens Christi
und wird durch seinen Tod und seine Auferstehung
endgültig erworben; es muss aber mit Geduld
im Verlauf der Geschichte fortgeführt werden,
um dann voll verwirklicht zu werden am Tage
der endgültigen Ankunft Christi, von dem niemand
weiß, wann er sein wird, außer dem Vater.
Dieses Reich und dieses Heil, Grundbegriffe der
Evangelisierung Jesu Christi, kann jeder Mensch
erhalten als Gnade und Erbarmung, und dennoch
muss sie ein jeder mit Gewalt an sich reißen
– sie gehören den Gewalttätigen, sagt der
Herr – durch Anstrengung und Leiden, durch
ein Leben nach dem Evangelium, durch Verzicht
und Kreuz, durch den Geist der Seligpreisungen.
Vor allem aber reißt sie ein jeder an sich
durch eine totale innere Umkehr, die das Evangelium
mit dem Namen „metanoia“ bezeichnet, durch eine radikale Bekehrung, durch eine tiefe Umwandlung
in der Gesinnung und im Herzen.
[4]
12. Das redemptoristische Verständnis der Erlösung
beginnt mit dem hl. Alfons. Ganz wie in unserer
eigenen Zeit war die Gesellschaft, in die
Gott Alfons von Liguori zur Verkündigung der
Erlösung in Fülle berief, voll gewaltiger
Herausforderungen. Er lebte in einer bedeutenden
Zeitenwende, dem kritischen Übergang von der
mittelalterlichen Gesellschaft zur schönen
neuen Welt der Aufklärung. Alfons wurde auf
die verlassensten Armen aufmerksam, die allzu
oft bei den politischen, wirtschaftlichen
und kulturellen Prioritäten seiner Zeit übersehen
wurden. Gleichzeitig war ihm bewusst, wie
sehr er selbst der Bekehrung bedurfte, wenn
er dem Ruf Gottes ehrlich folgen wollte.
Viele seiner Zeitgenossen hatten sich von Gott entfernt,
weil ihnen falsche Gottesbilder und ein einengender
Legalismus in der Moral und in der Spiritualität
vor Augen gestellt wurden. Alfons kämpfte
gegen diese Verfälschungen des Evangeliums
mit einer gesunden pastoralen Praxis, die
von Betrachtung und Gebet getragen war. Seine
Predigten über die Erlösung rührten die Herzen
der Menschen, die schon geglaubt hatten, dass
Gott bestenfalls weit weg und gleichgültig,
schlimmstenfalls ein grausamer Tyrann war.
13. Für Alfons gründet sich das ganze christliche
Leben auf Jesus und sein Erlösungswerk. Wenn
wir seine Spiritualität verstehen wollen,
dann müssen wir im Auge behalten, dass der
entscheidende Blickpunkt für ihn nicht auf
der Erlösung als einer abstrakten Kategorie,
sondern auf der Person des Erlösers liegt.
Für Alfons ist der christologische Ansatz
unerlässlich, denn der Erlöser gibt uns Kunde
von der Erlösung. Der Erlöser verkörpert das
wahre Wesen Gottes in all seiner Fülle. Wer
ist Gott? Was denkt Gott über die Menschen?
Alfons antwortet mit den Worten Jesu im Johannesevangelium:
„Denn
Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er
seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,
der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern
das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen
Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die
Welt richtet, sondern damit die Welt durch
ihn gerettet wird“ (Joh 3, 16f).
Der Erlöser ist die Liebe selbst, die alle Menschen
anrühren und umwandeln will, so dass sie das
wahre Glück und die wahre Erfüllung finden
können. Jesus ist gekommen, damit alle „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10). Indem er alles
aufbietet, um zu lieben und geliebt zu werden,
„entäußert er sich“ selbst, zuerst in der
Menschwerdung und dann im Tod, ja „im Tod
am Kreuz“. Die Entscheidung des Erlösers für
den Weg absoluter kenosis hat zum Ziel, alle falschen Gottesbilder zu zerstören und
die Mauer menschlichen Stolzes und Misstrauens
gegenüber Gott und seinen Plänen für uns zu
durchbrechen.
Das Geheimnis der Erlösung besteht nicht darin, dass
wir würdig werden für Gott, sondern darin,
dass Gott uns in Jesus seiner würdig macht
(Kol 1, 12ff; Eph 1, 3-14). Dieses Verständnis
von Gottes Willen, die Menschen in Liebe umzuwandeln,
ist ein Wesenszug von Alfons’ Vision. Die
Erlösung wird zur freien Hingabe eines Menschen
in Staunen und Dankbarkeit für die Liebe Gottes,
die uns in Jesus Christus durch den Heiligen
Geist geschenkt wird.
14. Die Deutung des Erlösers als menschgewordene
Liebe Gottes, die sich in seiner kenosis
äußert, wirkt sich bei Alfons auf die Förderung
der traditionellen Frömmigkeitsformen seiner
Zeit aus. Krippe, Kreuz, Eucharistie und Maria
sind zusammen Ausdruck der Tiefe des Geheimnisses
des Erlösers. Die Menschwerdung weist auf
Gottes liebende Hingabe an die Menschen, als
freies Geschenk und ohne Vorbehalte. Am Kreuz
sehen wir eine Liebe, die in ihrer Selbsthingabe
und im Verzeihen grenzenlos ist. In der Eucharistie
empfangen die Menschen das höchste Geschenk
der Liebe: den auferstandenen Herrn, der für
immer bei seinen geliebten Jüngern bleiben
will als Quelle umwandelnder Gnade und einigende
Kraft. Maria wird von Alfons verehrt als Kanal
des Gnadenstroms vom Vater im Erlöser.
15. Um seine Deutung
der Erlösung richtig würdigen zu können, müssen
wir den hl. Alfons aus dem Blickwinkel der
„Verlassenen“ lesen, derer, die von der Gesellschaft,
ja sogar der Kirche genötigt werden, am Rand
zu leben. Das ist die Sichtweise, die die
pastoralen Strategien von Alfons beeinflusst,
und auch sein theologisches Denken für immer
prägt. Seine Vision für die Kongregation ist
so großartig wie man sich nur denken kann,
denn sein Bezugspunkt ist die umfassende Sendung
Jesu. Warum wurde Gott Mensch in Jesus Christus?
In der Antwort auf diese Frage sieht Alfons
auch den Daseinszweck seines Instituts. Im
vierten Kapitel des Lukasevangeliums findet
er eine Art „Sendungserklärung“ Jesu, eine
Zusammenfassung von Sinn und Bedeutung seines
ganzen Lebens. Seine theologische Perspektive
ist hier zutiefst pastoral und missionarisch:
Wer
in die Kongregation des Heiligsten Erlösers
berufen wurde, wird niemals ein echter Jünger
Jesu Christi sein, noch wird er heilig werden,
wenn er nicht dem Ziel seiner Berufung zustrebt
und nicht den Geist des Instituts besitzt,
der in der Rettung von Seelen besteht, die
jeglicher geistlichen Hilfe entbehren, wie
z. B. die Armen auf dem Lande. Dies ist der
eigentliche Grund für das Kommen des Erlösers,
der von sich gesagt hat: „Der Geist des Herrn…
hat mich gesalbt, damit ich den Armen eine
gute Nachricht bringe“.
[5]
Alfons stellt eine klare Verbindung zwischen der
Person Jesu und der Kongregation her: sie
liegt im Grund für das Kommen des Erlösers.
Die Sendung der Redemptoristen besteht darin, die
Menschen zur Mitte des christlichen Lebens
zu führen: zur Liebe Gottes, die in Jesus
Christus so machtvoll geoffenbart wurde. Im
Zentrum des Lebens und Arbeitens der Kongregation
steht nichts als das Geheimnis der Erlösung.
Wir Redemptoristen kamen im Herzen eines leidenschaftlichen
Jüngers Jesu zur Welt, der vor Eifer für die
Rettung aller Menschen brannte – mit einer
besonderen Bevorzugung der verlassenen Armen.
16. Durch Jesus kommt die Erlöserliebe des Vaters
zu jedem einzelnen Menschen. Bei Alfons wird
Gott nicht abstrakt verkündet, sondern mit
Geschichten, die Gottes persönliche Liebe
zu jedem Einzelnen zeigen und ihn zur Bekehrung
einladen. Die Umwandlung der Welt geschieht
durch eine persönliche Änderung der Herzen
und durch den Gehorsam gegenüber dem von Jesus
geoffenbarten Plan Gottes. Als Menschen haben
wir das Grundbedürfnis, in einen größeren
Plan eingebunden zu sein, Teil eines größeren
Plans zu sein, der uns aus unserer kleinen
Welt hinausführt. Die befreiende Liebe Gottes
ändert unsere Beziehungen, indem sie uns in
der kirchlichen Gemeinschaft miteinander verbindet
(Konst. 12), die uns mit der Sendung beauftragt,
den anderen von der Liebe des Erlösers zu
erzählen.
17. Alfons sah seine Berufung darin, das Werk Jesu
des Erlösers fortzusetzen, indem den verlassensten
Armen die Frohe Botschaft verkündete. Seine
Sendung bestand in der immerwährenden Solidarität
mit ihnen. Seine eigene Gotteserfahrung war
eng mit dieser Auffassung verbunden. 1774
schrieb er an die Kommunitäten in Scifelli
und Frosinone:
Helft
den Seelen, vor allem den armen, den Bauern
und den Verlassensten. Vergesst nicht, dass
Gott „evangelizare pauperibus
misit nos“
in unseren Tagen. Prägt euch diesen Satz tief
ein und sucht nur Gott bei den verlassenen
Armen, wenn ihr Jesus Christus gefallen wollt.
[6]
18. Alfons bemühte sich nicht, die Verlassenen zur
Kirche zurückzuführen. Stattdessen brachte
er die Kirche zu denen, die sie im Stich gelassen
hatte. Er betonte immer wieder, dass sein
Institut ganz bewusst seine Niederlassungen
mitten unter den Menschen errichten wolle.
Ich nehme an, diese Entscheidung gab es nicht
einfach deswegen, damit die Armen leichter
die Möglichkeit hatten, unsere Dienste in
Anspruch zu nehmen. Alfons wusste, dass diese
Anwesenheit unter den Armen seine Gefährten
verändern würde, genau so, wie die Ziegenherden
und ihre Hirten ihn selbst für immer verändert
hatten.
II.
Die heutige Auseinandersetzung
mit dem Geheimnis
19. Im ersten Teil dieses Briefes habe ich versucht,
einige Faktoren aufzuzeigen, die meiner Meinung
nach für ein redemptoristisches Verständnis
der Erlösung wichtig sind. Diese Punkte können
uns in einer Tradition verwurzeln, die unserer
missionarischen Berufung weiterhin Nahrung
gibt. Aber diese Wurzeln müssen heute in frische
Erde eingepflanzt werden. Man kann sagen,
dass wir uns am Ende der geschichtlichen Periode
befinden, die zu Lebzeiten des hl. Alfons
gerade konkrete Formen annahm. Das Ende einer
Ära und der Beginn einer neuen, bringt neue
Probleme, neue Sorgen, neue Fragen und neue
Möglichkeiten mit sich.
20. Wenn unsere Betrachtung über die Erlösung nicht
bloß als theoretische Übung enden soll, dann
ist es wichtig, einenBlick auf die Welt zu
werfen, in der wir leben und arbeiten. Nur
wenn wir bereit sind, uns eine wache Einstellung
zur Wirklichkeit zu bewahren, werden wir die
bedrückenden Fragen der Menschen deuten und
darin echte Zeichen von Gottes Gegenwart und
Absicht entdecken können (vgl. Konst. 19).
Diese Konstitution verpflichtet die Redemptoristen
im Sinne des II. Vatikanischen Konzils dazu,
den „allumfassende Inhalt der Erlösung“
[7]
zu verkünden. Für den Großteil
der Welt ist die Erlösung eine bedeutungslose
Angelegenheit. Die vielfältige Krise des Christentums
kann (und sollte vielleicht sogar) auf eine
Krise der Heilslehre zurückgeführt werden,
den Verlust eines Heilsbezugs. Die Fähigkeit
des Christentums, das Heil anzukündigen, hat
nachgelassen. Und die Kirche ist keine Kirche
mehr, wenn sie nicht das Heil vermitteln kann.
Man könnte ihr das Wort des hl. Cyprian entgegenhalten:
extra salutem nullus christianismus.
[8]
21. Diese Betrachtung ist eine fundamentale Aufgabe
(aber nie eine leichte), weil unsere Welt
sich ständig ändert. Heute herrscht die Auffassung,
dass die kulturelle Änderung immer schneller
und tief greifend vor sich geht, was manche
meinen lässt, dass wir in einer Änderung des
Zeitalters leben und nicht bloß in einem Zeitalter
der Änderungen. Traditionelle Denk- und Interpretationsmuster
lassen uns nur eingeschränkt verstehen, was
vor sich geht. Die Menschen fragen sich, ob
es überhaupt fixe Bezugspunkte bzw. absolute
Werte gibt. Während der Kapitalismus weiterhin
eine mächtige Anziehungskraft ausübt, scheinen
sich die Ernüchterung hinsichtlich gegenwärtiger
Institutionen, der Untergang von Ideologien
und die fehlende Hoffnung auf eine von der
Moderne versprochene bessere Zukunft breit
zu machen. Die Möglichkeiten der Menschheit,
die Errungenschaften zu zerstören, lässt viele
fragen: „Welchen Sinn hat das alles? Wer rettet
uns vor uns selber?“
Suche
nach Sinn und Hunger nach Spiritualität
22. Während die Leute in manchen Teilen der heutigen
Welt mit der Bindung an ein religiöses Bekenntnis
nichts zu tun haben wollen, gebrauchen sie
doch eine religiöse Sprache, um ihre Suche
nach dem Sinn des Lebens auszudrücken. Eine
zeitgenössische Soziologin beschreibt die
Situation in Westeuropa als „glauben ohne
dazuzugehören“.
[9]
Man kann eine Sehnsucht
nach einem Mehr im Leben erkennen, ein Streben
nach Erkenntnis, ein Interesse an neuen Formen
der Spiritualität, einen leidenschaftlichen
Einsatz für die Gerechtigkeit, eine Achtung
vor der Schönheit und dem hohen Wert zwischenmenschlicher
Beziehungen. Mitbrüder, die zeitgenössische
Trends in der Literatur, im Film, in der bildenden
Kunst und in der Musik verfolgen, stellen
eine beharrliche Suche nach der Erfahrung
einer Art Erlösung fest. Verschiedene Formen
der Volksfrömmigkeit lassen eine ähnliche
Sehnsucht und Suche erkennen.
23. Der Hunger nach Erlösung äußert sich auch in
stummen Schreien und unausgesprochenen Sehnsüchten.
Er wird in der Hilflosigkeit und Frustration
der Randexistenzen, der Ausgegrenzten und
der so genannten „neuen Armen“ vernommen.
Die weit verbreitete Ansicht, dass das moderne
Leben Stückwerk bleibt und die verschiedenen
Aspekte unseres Lebens nichts miteinander
zu tun zu haben scheinen, führt zu einem echten
Unbehagen und zu einer immer kleiner werdenden
Hoffnung auf Besserung. Angsterfüllte, einsame
und leidende Menschen aller Gesellschaftsschichten
haben das vage Gefühl, dass „etwas fehlt“,
es sollte eine bessere Lebensweise geben.
24. Die Sehnsucht nach „einem Mehr“ kann betäubt
oder sogar erstickt werden. Manche leben mit
einem bequemen Gefühl der Selbstgenügsamkeit
und spüren keinerlei Bedürfnis, sich in irgendeiner
Weise zu ändern. Da kann man nur die Frage
stellen, wie lange ein steriles, in sich vergrabenes
und offensichtlich nur auf sich selbst bezogenes
Leben das hungrige Menschenherz zufrieden
stellen kann.
25. Obwohl es stimmt, dass viele Menschen sich nach
einer Art Erlösung sehnen, führt diese Sehnsucht
nicht notwendig zur Suche nach einem Erlöser.
Oft wird die Antwort in einer Art Selbsterlösung
gesucht, wie die vielen Selbsthilfeprogramme,
die ohne einen Erlöser auskommen, zeigen.
Manche suchen sich auch durch den Rückzug
auf das Volkstum, die Magie oder den Aberglauben
von den Ängsten des modernen Lebens zu befreien.
Die
Realität der Sünde und des Bösen
26. Die Erfahrung des Bösen ist sehr ausgeprägt in
der Geschichte der Menschen. Unsere Mitbrüder
in Indien, Sri Lanka, Thailand, New Orleans
und, in jüngster Zeit, in Indonesien können
ein beredtes Zeugnis dafür ablegen, wie gewaltig
die Zerstörungen sein können, die durch ein
unpersönliches Böses hervorgerufen werden,
das von den Naturgewalten entfesselt wurde,
und vor dem die Menschen hilflos zurückschrecken.
Andrerseits kennen wir alle die Bosheit der
persönlichen Sünde nur zu gut, die uns von
Gott und den anderen zu trennen droht, und
damit große Auswirkungen auf das menschliche
Zusammenleben hat. Abgesehen von den falschen
Entscheidungen, die Einzelmenschen treffen,
erleben wir aber auch die Grausamkeit von
Staaten, die Ungerechtigkeit und Tod hervorbringen,
selbst wenn wohlmeinende Leute an ihrer Spitze
stehen. Der Luxus mancher Völker baut buchstäblich
auf die Verarmung anderer auf. Kriege werden
unter neuen Vorwänden geführt, sei es als
Kampf gegen den Terrorismus oder als Präventivschlag
zur Sicherung des Friedens.
27. Die Folgen der Globalisierung auf allen Ebenen
(Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Kultur
und Technologie) sind problematisch. Einerseits
verspricht die Globalisierung eine neue Welt
mit zahllosen Möglichkeiten. Aber die Kosten
sind eine wachsende Ungleichheit unter den
Völkern sowie neue Formen der Armut. Der Einzelne,
die Gemeinschaften, ja ganze Völker sind machtlos
angesichts ungerechter globaler Strukturen.
Ich erinnere mich, wie ein Redemptoristen-Bischof
mir gegenüber einmal erklärte, dass sein Land,
sich selbst überlassen, wenig Hoffnung habe.
Da die Bodenschätze wegen der Ausbeutung durch
die Kolonialmächte und infolge von Misswirtschaft
erschöpft sind, kann das Land nichts für die
neuen globalen Märkte produzieren und hängt
grundsätzlich von einer effektiveren Solidarität
unter den Völkern ab.
28. Während seines jüngsten Besuches im Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau hatte Papst Benedikt XVI.
Mühe, über das dort geschehene Böse zusammenhängend
zu sprechen, und stellte die Frage nach dem
„Schweigen Gottes“.
[10]
Eine systematische Behandlung
des Problems des Bösen übersteigt ganz sicher
den Rahmen dieser Communicanda.
Hier nur so viel: wir müssen uns dem Geheimnis
des Bösen sowohl in unseren Betrachtungen
als auch in unseren Predigten stellen, wenn
wir der Offenbarung treu bleiben und für die
Menschen glaubwürdig bleiben wollen. Eine
nüchterne Analyse unserer Welt und unserer
selbst, verbunden mit einer dankbaren und
gläubigen Annahme der Offenbarung Gottes in
Jesus, lässt uns mit dem hl. Paulus staunen:
„Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade
übergroß geworden!“ (Röm 5, 20). Vielleicht
ist die ursprünglichste Verkündigung des Evangeliums
die glaubhafte Botschaft, dass Gott lebt,
selbst in einer Zeit wie der heutigen.
Zeichen
und Zeugnisse für das Reich Gottes
29. Diese Welt, geteilt, aus den Fugen geraten, und
verwundet, in der Millionen entsetzliche Leiden
erdulden müssen, ist noch immer eine von Gott
geliebte Welt, eine Welt, in die Er und für
die Er seinen Sohn sendet. Zweitausend Jahre
nach dem Tod und der Auferstehung Jesu fragen
wir vielleicht: hat seine Sendung wirklich
etwas geändert? Angesichts des Geheimnisses
der Sünde und des Bösen, doch im Bewusstsein
der Initiative Gottes, sind wir zum Nachdenken
aufgerufen, zu einem Bemühen, so zu sehen,
wie Gott sieht, um so zu handeln, wie Gott
handelt.
30. Das Instrumentum
Laboris für das XXIII. Generalkapitel
enthält eine Aufzählung von Herausforderungen,
die sie in Zeichen für die Anwesenheit des
Reiches Gottes und in Zeichen für die Abwesenheit
des Reiches Gottes unterteilt. Es nennt im
Einzelnen die Herausforderungen, die durch
den Säkularismus, die Postmoderne und die
Globalisierung für die Evangelisierung entstehen.
Es hat die Lage der Kongregation in der ganzen
Welt und die Notwendigkeit der Entwicklung
der wirksamsten Mittel für das Zeugnis für
die Erlösung in Fülle gut beschrieben.
[11]
31. Ein wacher Blick auf unsere Welt lässt uns die
Mächte erkennen, die dem Reich Gottes entgegenwirken,
wie z. B. die Kultur des Todes mit ihrer Verherrlichung
von Gewalt, Reichtum und Vergnügen bis zur
Menschenverachtung, Versklavung und massenhafte
Verschleppung ganzer Gesellschaften. Die Verkündigung
der Erlösung in Fülle ist eine Einladung,
diese aus den Fugen geratene Welt aus einer
Perspektive zu betrachten, die uns die Wege
des Geistes entdecken lässt. Wir lernen die
Anwesenheit der Zeichen der Erlösung zu erkennen,
die uns entschlossen und voll Hoffnung weitermachen
lassen. Wenn wir schon die Kühnheit besitzen
zu fragen, ob die Sendung Jesu irgendetwas
in der Welt geändert hat, dann müssen wir
auch den Mut haben, eine wache Haltung einzunehmen,
und zulassen, dass der Geist, den Jesus versprochen
hat, uns in die ganze Wahrheit führen wird
(Joh 16, 13).
III. „Helfer,
Gefährten und Diener
Jesu Christi
im großen Werk…“
32. Ich möchte versuchen, die bisherigen Überlegungen
zusammenzufassen. Wir haben mit der Feststellung
begonnen, dass die Redemptoristen einen bestimmten
Zugang zum Erlösungswerk Gottes in Jesus Christus
haben. Diese Sicht beruht auf der Gotteserfahrung,
die die pastorale Praxis von Alfons von Liguori
prägte. Wir haben es nicht unternommen, den
traditionellen Zugang der dogmatischen Theologie
zur Erlösung zu behandeln, nicht weil eine
solche Behandlung unwichtig wäre, sondern
weil das Generalkapitel hoffte, dass die vorliegenden
Communicanda
zur Klärung des Begriffes und seiner Inhalte
dienen und dazu betragen würden, das apostolische
Leben der Kongregation zu erneuern.
[12]
Zu diesem Zweck habe ich
versucht, diese Überlegungen in den Erfahrungen
unseres Stifters zu verankern, die seine eigene
Verkündigung und schriftstellerische Tätigkeit,
ja sogar seinen Entschluss, die Kongregation
zu gründen, dramatisch beflügelten. Alfons
sah im Erlöser die Offenbarung von Gottes
grenzenloser Liebe zu den Menschen. Diese
Liebe zu den Menschen drängte Gott zur kenosis, zu seiner Selbstentäußerung für das Leben der Welt, mit einem
besonderen Vorrang der Armen. Alfons’ Logik
ist dieselbe wie im Brief an die Philipper:
Gott tut alles, um unsere Herzen zu gewinnen
(Phil 2, 5-11).
Wir bringen die spirituellen Erfahrungen des hl.
Alfons in unsere Aufgabe, die Erlösung in
Fülle in der heutigen Zeit zu verkündigen,
ein. Diese Aufgabe verlangt einen wachen Blick
von uns, wenn wir die Mächte, die dem Reich
Gottes entgegenwirken, erkennen wollen, und
wenn wir die Zeichen der Erlösung erkennen
wollen, die uns ein Ansporn sind, unsere Sendung
entschlossen und voll Hoffnung weiterzuführen.
Das bedeutet auch das Auftreten gegen alles,
was die Menschen versklavt.
Wie Alfons sind auch wir zur Umkehr berufen, die
uns an der Dynamik der Liebe und kenosis
Gottes teilhaben lässt. „Unser Leben zu geben
für die Erlösung in Fülle“ bedeutet, intensiv
und dauernd an der Sendung Jesu Christi teilzunehmen,
dem „großen Erlösungswerk“, um den Armen das
Wort des Heiles zu verkünden (vgl. Konst.
2). In diesem letzten Teil der Communicanda
möchte ich einige Konsequenzen für die Kongregation
heute darlegen.
Zentrale
Stellung Jesu Christi:
Bei
Ihm ist Erlösung in Fülle
33. Um Zeugnis für die Erlösung in Fülle im Sinne
der charismatischen Intuition Alfons’ von
Liguori zu geben, haben wir keine andere Wahl, als unser Leben mit dem Erlöser auf
einen festen Grund zu stellen. Da unser Stifter
die Daseinsberechtigung der Kongregation radikal
an die Sendung Jesu Christi gebunden hat,
ist diese seine Sendung der Maßstab, an dem
wir uns messen. Wir müssen davon überzeugt
sein, dass, an Jesus Christus zu glauben heißt,
zu hoffen, wie er hoffte; dass Jesus Christus
nachzufolgen heißt, seine Sendung in der Geschichte
weiterzuführen, indem wir wie er lieben bis
zur Aufgabe unseres Lebens; dass sich ihm
anzuschließen heißt, uns von ihm und dem Grund
seines Lebens ergreifen zu lassen.
[13]
Alfons lädt uns ein, den
Gott Jesu Christi neu zu entdecken, einen
Gott, der die Menschen leidenschaftlich liebt,
einen Gott, der den Schrei der Armen hört
und von der Ungerechtigkeit nicht unberührt
bleibt. Gott hat sich als Frohe Botschaft
für die Verarmten geoffenbart und hat gnädig
gewährt, dass die Menschen mit der Fülle Gottes
erfüllt werden (Eph 3, 19), weil Christus
sich selbst aus Solidarität entäußerte (Phil
2, 5-11).
34. Daher ist die Verkündigung der Erlösung in Fülle
durch die Redemptoristen in erster Linie keine
Vermittlung von Glaubensformeln oder Verhaltensregeln,
sie ist die Einladung zu einer persönlichen
Beziehung zu einem leidenschaftlichen Gott,
einem Gott der Liebe, dem man mit Gegenliebe
begegnen muss. Für Alfons geht es um sehr
viel. In einem seiner Gebete beklagt er sich,
dass die Welt „voller Prediger ist, die sich
selbst [nicht Jesus Christus] predigen, während
die Hölle voller Seelen ist.“
[14]
Doch mit einem Nachdruck,
der unseren früheren Ruf als Höllenprediger
zweifelhaft erscheinen lässt, betont Alfons,
dass Bekehrungen aus Angst vor der Strafe
Gottes nicht lange halten. Bei Missionen ist
es daher die Hauptaufgabe jedes einzelnen
Predigers, seine Zuhörer in heiliger Liebesglut
brennend zurückzulassen.
[15]
Wenn wir auch keine maßlose
Sprache mehr verwenden, um die Aufmerksamkeit
der Zuhörer zu erringen, müssen wir uns doch
vielleicht fragen, ob der Inhalt unserer Predigten
nicht seicht und nichtssagend geworden ist.
Können wir sagen, dass wir unsere ganze Leidenschaft
und Kreativität aufbieten, um Jesus Christus
in einer Sprache zu verkünden, die die Menschen,
vor allem die verlassenen Armen, heute verstehen?
35. Wir haben uns die Sendung der Kongregation nicht
selbst gegeben. Auch kann sie weder aus sich
selbst, noch soziologisch, noch psychologisch,
noch anthropologisch erklärt und gerechtfertigt
werden, denn ihr Ursprung liegt außerhalb
ihrer selbst. Gott ist der eigentliche Ursprung
und die eigentliche Quelle unserer Sendung
und ihrer Wirkung. Das ist ihr innerstes Geheimnis,
aus dem die Kongregation ihr Leben, ihre Kraft
und ihre Vision schöpft. Sobald unsere Sendung
ihre Daseinsberechtigung anders erklärt, etwa
sozio-politisch oder kulturell, verliert sie
ihre Authentizität. Wenn unsere Sendung nicht
mehr in Jesus Christus ihr Zentrum hat, verlöscht
ihr Licht und sie wird schal; sie ist wie
das Salz, das zu nichts mehr taugt und weggeworfen
werden muss.
36. Wir erkennen die Sendung der Kongregation im
Geheimnis Jesu Christi; das hat in meinen
Augen wichtige Konsequenzen für uns. Es sollte
an erster Stelle ehrfürchtiges Staunen über
unsere Berufung als „Gefährten und Gehilfen
im großen Erlösungswerk Jesu Christi“ (Konst.
2) hervorrufen, denn wir haben teil an einer
Initiative, die dem Geheimnis der Heiligsten
Dreifaltigkeit entspringt. Eine pastorale
Planung, die auf Vorhaben, Ziele, Aktionspläne
und Auswertungen achten muss, sollte auch
die Frucht des betrachtenden Gebets, der Meditation
und der lectio
divina sein, denn wir haben es mit heiligen
Dingen zu tun, nicht einfach mit der Anwendung
von Organisationsprinzipien.
37. Da wir danach trachten, durch das Geschenk unseres
Lebens die göttliche Initiative für die ganze
Menschheit immer deutlicher werden zu lassen,
dürfen wir nie aufhören zu suchen und zu forschen.
Bourgeoise Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit
haben keinen Platz in unserer Berufung. Sie
kennen sicher die Geschichte des hl. Alfons
über einen Einsiedler im Wald, dem eines Tages
ein Prinz begegnete. Der Prinz wollte wissen,
was er denn da mache? Der Einsiedler antwortete
mit der Gegenfrage: „Mein Herr, was machen
denn Sie in dieser verlassenen Gegend?“ Als
der Prinz erwiderte, dass er auf der Jagd
nach wilden Tieren sei, sagte der Einsiedler:
„Und ich bin auf der Jagd nach Gott“, und
ging seiner Wege.
[16]
Wenn es wahr ist, dass
viele unserer Zeitgenossen auf der Suche nach
dem Göttlichen, oder zumindest nach irgendeinem
letzten Sinn ihres Leben sind, dann kann man
sich gut vorstellen, welch beredtes Zeugnis
unsere pastoralen Tätigkeiten und unser Gemeinschaftsleben
ablegen als Orte, an denen Menschen auf der
Suche nach Gott sind.
Bekehrung
zur Liebe zu den Menschen,
die
sich in der Kenosis
äussert
38. Bischof Pedro Casaldáliga fordert uns auf, auch
mit den Füßen zu denken. Das heißt, dass letztlich
unser Denken in ein Handeln übergehen sollte,
das mit unseren höchsten Werten im Einklang
steht. Wenn wir nachvollziehen wollen, wie
Alfons den Erlöser und das Werk der Erlösung
versteht, müssen wir immer die Menschen miteinschließen,
vor allem die verlassenen Armen. Wie wir gesehen
haben, identifiziert unser Stifter die Kongregation
mit der Sendung Jesu, der gekommen ist, um
den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden.
Die Konst. 5 greift diese Verbindung auf,
wenn sie sagt, „die eigentliche Verkündigung
des Evangeliums und die Entscheidung für die
Armen geben der Kongregation ihre Daseinsberechtigung
innerhalb der Kirche und bilden den Prüfstein
ihrer Treue zur empfangenen Berufung.“
39. Für Alfons war diese besondere Verbindung zwischen
dem Erlöser und den Verlassenen nicht etwa
reine Theorie. Sein erster Biograf fängt ganz
dramatisch ein, wie unser Stifter mit „seinen
Füßen gedacht“ hat – auch wenn er in Wahrheit
auf einem Maultier ritt! In einer ergreifenden
Beschreibung seines Weggangs von Neapel 1732
lässt er ihn die Stadt und ihre ganze Pracht
Jesus vollständig zum Opfer darbringen, um
auf dem Land unter ungebildeten Bauern und
Hirten zu leben und zu sterben.
[17]
In seinem Kommentar dazu
schreibt Théoldule Rey-Mermet, dass am Beginn
der Kongregation in erster Linie der Tod und
die Wiedergeburt eines Mannes stand: „Der
vornehme Adelige aus Neapel existierte nicht
mehr – an seine Stelle trat ein Armer unter
Armen.“
[18]
Der Gebrauch der österlichen
Sprache zur Deutung dieses Weggangs ist sehr
aufschlussreich, vor allem wenn wir uns die
Begegnung in Erinnerung rufen, die zu seinem
Entschluss führte: wie der Anblick der verlassenen
Armen in den Bergen von Scala im Frühsommer
1730 ihn für immer veränderte. Von der Liebe
zu den Menschen erfüllt, war er „so gesinnt,
wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“,
und „entäußerte sich“ (vgl. Phil 2,5b). Alfons
erkannte seine eigene Berufung in der Menschenliebe
und kenosis
des Sohnes Gottes. Die Geschichte Jesu wird
zu seiner Geschichte.
40. Seit 1732 haben sich tausende Redemptoristen
auf dieselbe Dynamik eingelassen und die Geschichte
Jesu zu ihrer eigenen werden lassen. Mitbrüder
wie der sel. Mikolai Tscharnjeski und der
sel. Dominik Trčka haben die kenosis
um unserer Sendung willen bis zur letzten
Konsequenz gelebt, „ja bis zum Tod“. Nicht
so dramatisch, aber nicht weniger kostbar
sind die vielen Geschichten selbstloser Liebe,
die die Geschichte der Kongregation prägten:
Missionare, die im Geist unserer Ordensprofess
danach strebten, sich Gott ganz zu übergeben
(vgl. Konst. 56).
41. Ich meine, dass die Kongregation heute dazu berufen
ist, die charismatische Inspiration des hl.
Alfons in einem dynamischen Prozess der Solidarität
auszudrücken. Solidarität ist Menschenliebe,
denn sie drängt uns zur Teilnahme am Kampf
der Armen und Schwachen dieser Welt und verbindet
uns mit denen, die ohne Hoffnung und verlassen
sind. Die Solidarität drängt uns, uns „mit
Vorliebe den Armen, Kleinen und Unterdrückten“
zuzuwenden, da „es ein Zeichen des messianischen
Wirkens ist, dass gerade ihnen das Evangelium
verkündet wird“ (Konst. 4). Jesus hat sich
nicht nur darauf festgelegt, sich in besonderer
Weise mit den Randexistenzen zu identifizieren
(Mt 25, 40), sondern Gott drückt mit der Menschwerdung
und dem Mysterium von Ostern eine radikale
und endgültige Solidarität mit den Menschen
aus.
42. Die Solidarität in den Evangelien, die die Kongregation
zum Engagement für die Armen, Benachteiligten
und Unterdrückten verpflichtet, findet ihren
konkreten Ausdruck in unserer Gemeinschaft.
Die letzten Generalkapitel haben nachdrücklich
betont, dass die Gemeinschaft der Redemptoristen
schon für sich eine Verkündigung der Frohen
Botschaft ist. Sie ist das Zelt, das Gott
unter den verlassenen Armen aufschlägt, um
seine Liebe zu den Menschen sichtbar zu machen.
Aber unser gemeinschaftliches Leben erfordert
auch kenosis.
Denn „Gemeinschaft bedeutet nicht nur ein
rein äußeres Zusammenwohnen der Mitglieder,
sondern zugleich Gemeinschaft des Geistes
und der Brüderlichkeit“ (Konst. 21).
43. Die Einladung des letzten Generalkapitels, über
die Neustrukturierung der Kongregation nachzudenken,
ist ein Anruf, uns zur Erlösung in Fülle zu
bekehren.
[19]
Es ist nicht schwierig,
die Neustrukturierung als eine Art Entäußerung
zu betrachten. Das Nachdenken über diese Frage
ist die Weigerung, uns hartnäckig an den Glanz
vergangener Zeiten zu klammern, oder uns selbstzufrieden
mit den beschränkten Möglichkeiten der Gegenwart
zu begnügen. Stattdessen suchen wir nach neuen
Formen der Solidarität, um die Liebe Gottes
zu den verlassenen Armen auszudrücken. Dieser
Weg ist vielleicht riskant und erfordert jenen
Glauben und Mut, der Alfons drängte, Neapel
hinter sich zu lassen und sich auf eine unbekannte
Zukunft einzulassen, nur mit der Zuversicht
im Herzen, dass Gott ihn führte.
44. Wir wollen diesen Weg voll Hoffnung fortsetzen,
denn die
Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen; denn
die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere
Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben
ist (Röm 5, 5). Viele Menschen erwarten
als Zeichen der Hoffnung von uns, was Papst
Johannes Paul II. dem XXIII. Generalkapitel
ans Herz legte: „Wenn ihr die Erlösung in
Fülle freudig und durch einen konsequenten
Lebensstil verkündet, werdet ihr in den Herzen
vieler Menschen die Hoffnung des Evangeliums
wecken und stärken – vor allem in den Herzen
jener, die ihrer am meisten bedürfen, weil
sie von der Sünde und ihren unheilvollen Folgen
gezeichnet sind“.
[20]
45. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass
wir Pilger sind, die teilhaben an einer Verheißung
und einem Traum. Die Solidarität, die Gott
im Erlöser begründet hat, ist bereits am Werk
in einer Art eschatologischem Kampf, daher
ist unsere Vision nicht auf die gegenwärtigen
Möglichkeiten beschränkt, und wir gestatten
uns weder Zynismus noch Wunschdenken. Gott
macht alles neu und wir sind aufgerufen, mit
ihm zusammenzuarbeiten, wobei unsere Augen
auf einen neuen Himmel und eine neue Erde
gerichtet sind, die uns durch Christus versprochen
sind.
Unsere
Weggefährten
46. Maria, die Mutter
des Erlösers und die Mutter von der Immerwährenden
Hilfe, geht mit uns und stärkt unsere Hoffnung.
Sie ist das Urbild des Mitleids und der selbstlosen
Liebe. Sie betete voll Sorge mit den Aposteln
in der Stunde der Geburt der Kirche. Ich denke,
wir können uns darauf verlassen, dass sie
auch in unserer Mitte anwesend ist, wenn wir
uns bemühen, das Erlösungswerk ihres Sohnes
zu verstehen und zu verkündigen.
47. Möge das Beispiel des hl. Paulus und der Apostel
sowie die Hingabe des hl. Alfons und aller
unserer Heiligen und Seligen unseren Eifer
entzünden! Wir wollen auch beten, dass die
außergewöhnliche Treue der Mitbrüder, die
uns vorangegangen sind, unseren Mut stärke,
wenn auch wir uns bemühen, unser Leben zu
geben für die Erlösung in Fülle.
48. Im Namen des Generalrats nochmals herzlichste
brüderliche Grüße an alle! Einen besonderen
Platz in unseren Herzen haben auch die Redemptoristinnen
sowie alle Ordensleute und Laien, die an unsere
Sendung teilhaben, wobei wir vor allem die
jungen Menschen in aller Welt miteinbeziehen
wollen, die bereit und entschlossen sind,
Jesus in der Verkündigung der Frohen Botschaft
an die Armen nachzufolgen.
Im Heiligsten Erlöser
Joseph
W. Tobin C.Ss.R.
Generaloberer
Die Originalsprache ist englisch.