I.
UNSER LEBEN GEBEN IN DER HEUTIGEN ZEIT
Ein
mutiges Thema
6.
Das Generalkapitel hat uns mit keinem leichten
Thema für die nächsten sechs Jahre betraut.
Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle
ist ein anspruchsvolles und vielleicht auch
unmodernes Programm, da es dem heutigen Misstrauen
gegenüber jedem, der sich für eine Sache vorbehaltlos
engagiert, zuwiderläuft.
7.
In einer Zeit, in der es so schwierig ist,
sich für eine Berufung voll und ganz zu engagieren,
spornt uns das Kapitel zu dem offensichtlich
unmöglichen Unterfangen an, unser Leben auf
immer zu geben. Zu einer Zeit, in der viele
in der grenzenlosen persönlichen Freiheit
den Maßstab für ein erfolgreiches Leben sehen,
lädt uns das Kapitel ein, unser Leben zu einem
Geschenk zu machen. In einer Zeit, in der
„Heil“ Gefahr läuft, von einem theologischen
Begriff einfach zu einem Schlagwort in Politik
und Wirtschaft zu werden, stellt das Kapitel
aufs Neue fest, dass das Versprechen der Erlösung
in Fülle es wert ist, dass man sein Leben
dafür hingibt.
8.
Wenn „Unser Leben geben“ ebendie Strukturen
ins Spiel bringt, mit deren Hilfe wir unsere
Sendung verwirklichen, dann erscheint uns
die Wahl des Kapitels als eine kühne Antwort
auf die Herausforderungen unserer Zeit. Wir
werden uns mehr und mehr bewusst, dass wir
in einer globalisierten Welt leben, in der
die Probleme einer Region unmittelbare Auswirkungen
auf die anderen haben, und in der die eine
Kultur droht, die anderen zu beherrschen;
man braucht nur an den Einfluss des Internets
zu denken. In dieser Welt, in der Kommunikation
und rasche Änderungen die Grundlage eines
neuen Menschenbildes bilden, in der gewaltige
Wanderungen ganzer Völker uns einen Blick
auf ein Mosaik verschiedener Gruppen erlauben,
die miteinander leben und in Verbindung stehen,
nimmt das Kapitel die Herausforderung an,
über unsere Strukturen nachzudenken und sie
zu überarbeiten, um sich den neuen Anforderungen
unserer Sendung zu stellen. In einer Zeit,
in der der Zusammenbruch der Ideologien die
Unterdrückten mit noch weniger Hoffnung auf
eine bessere Zukunft zurückließ, und mehr
und mehr einen unverkennbaren Abgrund zwischen
den Armen und den Reichen schafft, in der
die Ausbeutung der Arbeit der armen Völker
durch multinationale Konzerne skandalöse Ausmaße
annimmt, drängt uns das Kapitel, Stellung
zu beziehen und unser Leben (nicht bloß einen
Teil von uns) für die Verlassensten zu geben.
Welche
Sendung rechtfertigt neue Strukturen?
9.
In einer Welt, die sich so
rasch ändert, mögen sich viele von uns wohl
die Frage stellen, ob unsere Sendung als Redemptoristen
noch immer so relevant ist, dass sie wirklich
gerechtfertigt ist. Steht sie tatsächlich
im Dienst der Erlösung der Menschheit und,
vor allem, hat sie Aussichten für die Zukunft?
Manchmal mögen wir daran zweifeln, ob die
spirituelle, missionarische und theologische
Intuition des hl. Alfons und die ganze auf
ihn folgende Tradition noch einen Platz haben
in der heutigen Welt. Wir wissen nur zu gut,
dass von der Antwort auf diese Fragen viel
abhängt: alles von der Berufeförderung bis
zur Ausbildung unserer jungen Leute; von den
Missionspredigten bis zu sozialen Projekten
und unserem Engagement in den Bewegungen für
Gerechtigkeit und Frieden, und schließlich
bis zur Versorgung unserer alten Mitbrüder.
Nur eine überzeugende positive Antwort auf
diese Fragen kann die schwierige Arbeit rechtfertigen,
die eine Änderung unserer Strukturen mit sich
bringt.
10.
Viele Leser erwarten sich
vielleicht, dass dieses Dokument eine umfassende
Lösung vorschlägt, was jedoch nicht das Hauptziel
dieser Communicanda ist. Andere würden eine
naive, optimistische Erklärung vielleicht
lieber haben. Wir sind uns jedoch wohl bewusst,
dass wir noch immer auf der Suche sind und
uns mühsam in einem schwierigen und oft unproduktiven
Aufbruch dahinschleppen in diesem Bemühen,
eine glaubwürdige Zukunft für unsere Sendung
(ja für das Ordensleben im Allgemeinen und
für die Kirche selbst) aufzuzeigen. Trotzdem
wollen wir auf diesen Seiten – wenn auch in
aller Kürze – die Hauptpunkte der Forschungen
unserer Theologen sowie unserer Mitbrüder,
die an der vordersten Front unseres Apostolates
stehen, ins Gedächtnis rufen. Diese Forschungen
erlauben uns – mehr als ein oberflächlicher
Überblick – tatsächlich einen Blick auf einige
wesentliche Faktoren, die zu bedenken sind.
Diese Faktoren sind das Vakuum, das die Widersprüche
in der Welt gebildet haben, und die sehr oft
auch die Widersprüche in uns selbst sind,
die nach Heilung rufen. Und dies ist ein flehentlicher
Appell, auf den wir hören müssen.
11.
Wie bewerten wir z.B. den ständig steigenden
Primat der Rechte des Einzelnen? Was für eine
Welt wird da errichtet? In welchem Maß drohen
diese Rechte die Fundamente der Solidarität,
den einzigen Grund auf Hoffnung für die Zukunft,
zu untergraben?
Wenn
Konsum und Vergnügen uns den wahren Lebensgrund,
insbesondere in den reicheren Ländern, diktieren,
muss man sich die Frage stellen: gibt es noch
einen Platz für das Mitgefühl in den Herzen
der Menschen unserer Zeit?
Nehmen
wir ferner das Gebiet der Moral, wo heutzutage
das Schuldbewusstsein durch ein falsches Verständnis
von persönlicher Freiheit praktisch bedeutungslos
geworden ist, im öffentlichen Leben jedoch
ein lauter Ruf nach Ethik, nach Political
Correctness und Transparenz im politischen
Leben herrscht. Wie kann man persönliche Freiheit
mit der Sicherung des Gemeinwohls vereinbaren?
Und bis zu welchem Ausmaß kann man Mitleid
und Vergebung üben angesichts der Enthüllung
von Kränkungen in der Vergangenheit? Wenn
es Vergebung und Rehabilitierung gibt, werden
sie dann nicht irgendwie als abgekürztes Verfahren
zur Straflosigkeit angesehen?
12.
Wenn wir auf die Organisation der heutigen
Welt blicken und auf die Tatsache, dass wir
mit der ständigen Angst vor dem Terrorismus
leben müssen, müssen wir die Frage stellen,
ob dies eine Aufforderung ist, das allgemeine
Bedürfnis nach Frieden und das Recht auf Gerechtigkeit
wirklich zur Sprache zu bringen.
Wenn wir uns auf das Gebiet
des Kommunikationswesens begeben, können wir
eine Fülle von Widersprüchen feststellen.
Verglichen mit dem Ausmaß, mit dem die Massenmedien
sich verbreiten, gibt es nicht häufig einen
Mangel an sinnvoller Beteiligung, die eine
verarmte und unterkühlte Kommunikation hervorbringen?
Und was noch wichtiger ist: wie viele einsame
und geplagte Menschen verbergen sich hinter
dem endlosen Gequatsche im Internet und der
Mobiltelefone? Können wir hinter dem Kult
der Kommunikation nicht das Bedürfnis nach
einer größeren Liebe erkennen, die dem Leben
einen Sinn zu geben vermag? Und ist dies nicht
eine Einladung an uns, Gottes Liebe wieder
auf eine Art zu verkünden, dass die Ängste
und falschen Bilder auf unserem Weg zu Gott
überwunden werden?
Christus
der Erlöser: die einzige Antwort auf viele
Fragen
13. Wir sind uns bewusst, dass wir einfach
Fragen gestellt haben, weil wir wissen, dass
die Antwort nur in der Person Jesu Christi
zu finden ist. Oft vermögen wir, weil die
Veränderungen so rasch vor sich gehen, weder
die Fragen noch die Antworten zu entschlüsseln,
weil es uns an Glauben mangelt. Wir sind davon
überzeugt, dass nur Christus das Geheimnis
Mensch enthüllen kann, und seine eigentliche
Bestimmung offenbaren kann. [4]
14. Christus ist noch immer der Weg, auf
dem wir bei der Durchführung unserer Sendung
heute und morgen schreiten. Ja, Christus ist
der einzige Weg; auf ihn zu verzichten, nicht
das ganze Leben im Dienst an der Erlösung
zu geben, ist heute ein Verrat an der Menschheit.
Was heute bedroht ist, ist die Bestimmung
des Menschen, seine eigentliche Natur, das
Bild und Gleichnis, nach dem er geschaffen
ist. Angesichts dieser Bedrohung hat unsere
Sendung ihre Daseinsberechtigung in der Gegenwart
und ihre Aussichten für die Zukunft. Vor diesem
Hintergrund erkennen wir eine noch größere
Dringlichkeit unserer Sendung und das Recht,
junge Menschen und die Laien einzuladen, an
unserer Berufung teilzuhaben.
II. UNS VON DER LIEBE
GOTTES IN CHRISTUS VERFÜHREN
LASSEN
Eine
Würdigung unseres Weges in den letzen Jahren
15. Die letzten Jahrzehnte waren eine ausgezeichnete
Gelegenheit für die Kongregation, über ihr
eigenes Charisma gründlich nachzudenken und
es neu zu überdenken. Viel wurde über die
biblischen Grundlagen und den theologischen
Reichtum der copiosa redemptio gesagt.
Umfangreiche Texte, Artikel in historischen
und theologischen Fachzeitschriften sowie
Diplomarbeiten und Dissertationen haben sich
mit dem besonderen Wesen unserer Sendung befasst.
16. Wir betrachten dieses Forschen als Grundlegung
unserer Identität. Das vorliegende Dokument
beabsichtigt nicht, dieses Forschen zusammenzufassen
und zu besprechen, besonders wenn wir die
noch immer auseinander gehenden Interpretationen
unserer Fachgelehrten in Betracht ziehen.
Vielleicht wird es in der Zukunft einmal notwendig
sein, eine Bewertung oder eine Synthese vorzulegen,
aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen wir
es vor, uns nicht bei dieser Frage aufzuhalten.
17. Die letzten Abschnitte unseres Weges
jedoch lenken unsere Aufmerksamkeit auf einen
wesentlichen Punkt, einen Punkt, den wir bereits
am Beginn dieser Communicanda erwähnt
haben, und der jegliche Neustrukturierung
in der Kongregation beflügeln sollte. Bereits
das Generalkapitel von 1997 hat uns aufgerufen
zu bewerten, „...wie wir unser Verhältnis
zu Jesus im Glauben nähren und ausdrücken.“ [5]
Der Rundbrief, der am Beginn dieses neuen
Sexenniums an die Kongregation ausgesandt
wurde, betonte die „...Notwen-digkeit, uns
wieder und wieder vom Übermaß von Gottes rettender
Liebe, die uns in Jesus Christus dem Erlöser,
geschenkt ist, hinreißen zu lassen.“ [6]
18. Mit anderen Worten: was sich wirklich
ändert, wenn „Jesus Christus derselbe ist
gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,
8), ist unser Verhältnis zu ihm, die „Idee“,
die wir von Gott und damit von unserem eigentlichen
Leben haben. [7]
Die Überprüfung dieses Verhältnisses liegt
jeder Umgestaltung, selbst der unserer Strukturen,
zu Grunde.
Daher lautet die entscheidende
Frage: wo befinden wir uns selbst auf der
Suche nach dem Antlitz Christi? Wie denken
wir über ihn? Haben wir das Bemühen aufgegeben,
ihn zu verstehen? Leben wir neben ihm wie
neben einem illustren Unbekannten, oder im
besten Fall gemäß Bildern, die andere von
ihm gemacht haben?
Unsere
Pilgerreise zur Entdeckung des Antlitzes Christi
19. Selbst der hl. Alfons musste oft seine
Ideen von Christus korrigieren und als Folge
davon sein Verhältnis zu ihm ändern. Seine
Kindheit und seine Jugend waren von den religiösen
Ideen seiner Zeit geprägt: auf der einen Seite
stand Gott, der ein gestrenger Richter war,
und auf der anderen Seite stand ein Christus,
der der Menschheit näher stand als dem Vater.
Er war es, der zwischen der Menschheit und
Gott Frieden schuf und durch sein Sühneleiden
den göttlichen Zorn besänftigte. Dies ist
der von Wunden übersäte Christus, den der
hl. Alfons 1719 gemalt hat.
Von
1723, dem Jahr seiner „Bekehrung“ an beginnt
der hl. Alfons zu erkennen, dass sein Leben
ein Ruf zur Liebe war, und damit ein Ruf zur
Hingabe seiner selbst. Er beginnt die Wichtigkeit
des Herzens in seinem Verhältnis zu Jesus
Christus zu entdecken. Dann, insbesondere
als Frucht seiner ersten Erfahrungen als Missionar,
entdeckt er Platz für Hoffnung und Freude.
Als er nach vielen Beratungen und nagenden
Zweifeln sich schließlich entschließt, unser
Institut zu gründen, wird ihm eines klar:
„die Stadt Neapel zu einem einzigen Opfer
für Jesus Christus zu machen.“ [8]
Doch seine spirituelle Reise endete nicht in den
Bergen von Scala. Es folgten die Missionen,
die Lehrtätigkeit in Moraltheologie, das Verfassen
von Werken wie die „Besuchungen des Heiligsten
Sakramentes“ (1745) und „Die Praxis
der Liebe zu Jesus“ (1768), die ihn zu
einer reiferen und biblisch fundierteren christologischen
Synthese hinführten. Diese Synthese kann man
folgendermaßen erklären: die Liebe des Vaters
findet ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe
seines Sohnes an die Welt, der seinerseits
ein getreues Abbild eines liebenden Gottes
ist. Deshalb ist das Geheimnis der Inkarnation,
die Geburt, das Leiden und Sterben und die
Eucharistie ein notwendiger Durchgang zum
Verständnis der unendlich zärtlichen Liebe
Gottes, obwohl auch andere Aspekte der Vorstellungen
von Jesus, die der Theologie seiner Zeit lieb
und teuer waren, nicht zur Gänze verdunkelt
wurden, wie etwa die Idee vom Opfer.
20.
Das alles kann als unwidersprochen
und als theologisch anerkannt betrachtet werden.
Auf jeden Fall ist es Teil dessen, wie wir
unseren Gründer verstehen. Es ist jedoch schwierig,
sich vorzustellen, welchen historischen, existentiellen
und spirituellen Weg der hl. Alfons im Lauf
seines langen Lebens gegangen ist. In der
Gegenwart Christi, den er auf immer wieder
neue Arten entdeckt, nimmt er nicht die Attitüde
eines spekulativen Theologen an. Sein Ziel
ist vor allem pastoraler Natur. Er hört zu,
liest, sammelt Texte, denkt nach und vor allem,
er predigt, was er entdeckt hat. Alles ist
darauf ausgerichtet, diesen von ihm entdeckten
Christus jenen zu bringen, die ihn brauchen,
den Verlassenen, die von den theologischen
und intellektuellen Zirkeln ausgeschlossen
sind, die von der normalen Seelsorge der Kirche
nicht erfasst werden, und die mit hochgestochenen
Predigten nichts anfangen können. Vor allem
aber teilt er sein Bild von Jesus mit seiner
redemptoristischen Gemeinschaft, denn die
Gemeinschaft ist das erste Zeichen für die
Erlösung in Fülle und der Ort, den die Armen
ungeniert aufsuchen können, um an seiner Entdeckung
teilzuhaben.
21.
Es ist kein Zufall, dass das Generalkapitel
beschlossen hat, dass die Kongregation das
Thema „Unser Leben geben für die Erlösung
in Fülle“ zuallererst als logische Fortsetzung
des Themas Spiritualität, das für das letzte
Sexennium gewählt worden war, leben solle. [9]
Und es ist auch kein Zufall, dass die Ordensprofess
und unsere richtige Lebensweise heute [10]
neben der Neustrukturierung eines der großen
Anliegen des Kapitels waren. Obwohl manche
nach dem Studium der Dokumente des Generalkapitels
die Solidarität als zentrales Anliegen hinzufügen
wollen, sind wir zur Überzeugung gekommen,
dass die Solidarität nicht Selbstzweck ist,
sondern eine Dimension und einen Teil des
Grundprinzips darstellt, das die Kongregation
zu einem Prozess der Neustrukturierung führen
soll.
Die Ordensprofess ist ein
weiteres Thema, über das wir in diesem Sexennium
mit Hilfe des Zentrums für redemptoristische
Spiritualität nachdenken wollen. Im Moment
wollen wir uns mit dem Thema Neustrukturierung
beschäftigen, ein Prozess, bei dem jeder Mitbruder
zur Teilnahme aufgerufen ist, und dass er
dies in einem immer wieder erneuerten Verhältnis
zu Christus verankert, das die Frage provoziert:
wie heute das Leben geben für die Erlösung
in Fülle?
III. DIE NEUSTRUKTURIERUNG IM DIENST
UNSERER SENDUNG
Zur
Umkehr aufgerufen
22.
Wir sind zur Umkehr aufgerufen.
Wir sind aufgerufen, den Weg neu zu überprüfen,
den wir bis heute gegangen sind, und unsere
Antwort auf die heutigen Anforderungen unserer
Sendung als Redemptoristen einer Revision
zu unterziehen, indem wir unseren Lebensstil,
unsere Mentalität und unsere Lebensplanung
hinterfragen. Wir sind eingeladen, mit schöpferischer
Treue zu unserer Sendung auf die Herausforderungen
der heutigen Welt zu reagieren. Wir sind aufgerufen,
dem Charisma der Kongregation im Geist unseres
Stifters treu zu bleiben. Wir sind eingeladen,
die Suche nach neuen Wegen zur Verkündigung
des Evangeliums und das Zeugnis für die „Erlösung
in Fülle“, die wir in Jesus Christus finden,
zu verstärken. Dies geschieht nicht mit Hilfe
eines neuen Vokabulars sondern durch das Zeugnis
eines erneuerten Lebens.
23.
Seit dem 2. Vatikanischen
Konzil hat unsere Kongregation und das Ordensleben
selbst einen Umkehrprozess eingeleitet. Wir
haben unsere Konstitutionen und Statuten überarbeitet,
wir haben uns bemüht, Prioritäten zu setzen,
und mit Gottes Gnade haben wir versucht, zu
einer Übereinstimmung zu kommen zwischen Glauben
und Leben und zwischen Ordensprofess und einem
Gemeinschaftsleben, das sich der apostolischen
Liebe verschrieben hat. Wir haben versucht,
mit apostolischer Liebe auf die Forderungen
unserer gemeinsamen Berufung zu antworten.
Ein
Anstoss, der vor langer Zeit begann
24.
Schon 1965 erklärte das Dekret
Perfectae Caritatis klar und deutlich: „Zeitgemäße
Erneuerung des Ordenslebens heißt: ständige
Rückkehr zu den Quellen jeden christlichen
Lebens und zum Geist des Ursprungs der einzelnen
Institute, zugleich aber deren Anpassung an
die veränderten Zeitverhältnisse.“ [11]
Aber das Konzil sprach auch die ernste Warnung
aus, dass „...die besten Anpassungen an die
Erfordernisse unserer Zeit ohne geistliche
Erneuerung unwirksam bleiben. Diese hat darum
bei aller Förderung äußerer Werke immer das
Wesentliche zu sein.“ [12]
Es betonte, dass „zur wirksamen Erneuerung
und echten Anpassung die Zusammenarbeit aller
Mitglieder eines Institutes unerlässlich ist.“
[13]
Und dass „die Lebensweise, Gebet und Arbeit
den körperlichen und seelischen Voraussetzungen
der Menschen von heute, aber auch – soweit
die Eigenart des Institutes es verlangt –
den Erfordernissen des Apostolats, den Ansprüchen
der Kultur, der sozialen und wirtschaftlichen
Umwelt entsprechen müssen. Das gilt überall,
vor allem in den Missionsgebieten. Nach denselben
Kriterien ist auch die Art und Weise der Leitung
in den Instituten zu überprüfen.“ [14]
25.
Viele Jahre sind seit dem
2. Vatikanischen Konzil vergangen. Die Lebensverhältnisse,
die Kultur, die Mentalität und das Selbstverständnis
der Menschen haben sich gewaltig geändert
und ändern sich unaufhaltsam weiter. Das bedeutet,
dass wir nicht einfach auf den ausgetretenen
Pfaden bleiben können. Die Nachfolge Jesu
und die Treue zum Charisma der Kongregation
verlangen von uns eine neue Beurteilung unseres
Lebensstils, unserer missionarischen Antwort,
und wie wir unser Leben im Griff haben. Unsere
Strukturen am Anfang und unsere Strukturen
heute sind nur eine Hilfe zur besseren Erfüllung
der Ziele unserer Sendung.
Der
Weg, der von früheren Generalkapiteln vorgeschlagen
wurde
26.
Seit 1979 haben die Generalkapitel nicht aufgehört, uns zur Bekehrung aufzurufen,
indem sie immer aufeinander folgende Themen
und die Notwendigkeit eines inneren Zusammenhangs
mit einer Überprüfung der Strukturen verknüpften,
durch die wir unsere Sendung erfüllen. Man
kann sagen, dass diese Kapitel eine beharrliche
Suche nach Identität und einen Weg zur Betonung
eines Prinzips darstellten, das bereits in
unseren Konstitutionen zu finden ist, nämlich
dass [die Redemptoristen] sich nicht an solche
Gegebenheiten und Strukturen festklammern
dürfen, in denen ihre Tätigkeit nicht mehr
missionarisch wäre.“ [15]
27.
Wenn wir nur das letzte Jahrzehnt
berücksichtigen, mag genügen, wenn wir das
Generalkapitel von 1991 in Erinnerung rufen,
das die Generalleitung gebeten hat, einen
Prozess der Neustrukturierung in die Wege
zu leiten, um „a) Einheiten zu helfen, die
unter die personellen Vorgaben von Generalstatut
088 gefallen sind, sowie Gruppen von Einheiten
zu helfen, die deutliche Zeichen eines Personalschwunds
aufweisen; b) neue pastorale Initiativen anzuregen,
die einzelne Einheiten allein nicht leicht
durchführen können.“ [16]
28.
Das XXII. Generalkapitel
(1997) bekräftigte: „Wir, die Mitglieder des
XXII. Generalkapitels bekräftigen unsere Verpflichtung
als Kongregation den Themen der letzten Generalkapitel
gegenüber. Dies ist eine langsam fortschreitende
Entwicklung, die noch immer für alle Redemptoristen
geschieht. [...] Wir meinen, dass die Verwirklichung
dieses Themas im täglichen Leben eine kontemplative
Lebensauffassung erfordert, die uns hilft,
die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das ist
nicht leicht und verlangt eine Umkehr, die
ein Geschenk des hl. Geistes ist. Aus diesem
Grund bitten wir die Redemptoristen, sich
auf unsere Spiritualität als festes Fundament
zu konzentrieren, damit das Werk der Neuevangelisierung
auf Felsen und nicht auf Sand gebaut ist.“ [17]
Um die Bedeutung dieser Option zu erklären,
empfahl das Schlussdokument, dass „... die
Kongregation die Spiritualität als Thema für
das nächste Sexennium nehmen möge. [...] Dass
wir, sensibel für den spirituellen Hunger
so vieler in unserer Gesellschaft, neue und
schöpferische Wege suchen, unser spirituelles
Erbe mit anderen zu teilen.“ [18]
Und auch dieses Kapitel ersuchte die Generalleitung
eindringlich, den 1991 eingeleiteten Prozess
der Neustrukturierung fortzusetzen. [19]
29.
Das XXIII. Generalkapitel
bestimmte Unser Leben geben für die Erlösung
in Fülle als sein Thema für das nächste
Sexennium. [20]
Die Botschaft an die Mitbrüder erklärt: „Wir
sehen dieses Thema als Fortführung des Themas
„Spiritualität“ vom letzten Generalkapitel.
[...] Wir sind davon überzeugt, dass es keine
redemptoristische Spiritualität gibt, die
nicht missionarisch ist, und keine redemptoristische
Sendung, die nicht in den „Tiefen Gottes“
verwurzelt ist.“ [21]
Und weiter: „Wir möchten nun auf einige Folgerungen
und Herausforderungen hinweisen, die Unser
Leben geben für die Erlösung in Fülle mit
sich bringt.“ [22]
Sie betont die Notwendigkeit, unseren Lebensstil,
unser Gemeinschaftsleben und das Zeugnis,
das wir geben, zu überprüfen, sowie unsere
Strukturen neu zu überdenken, um uns zu vergewissern,
dass sie unserer Sendung dienen: „Im Verlauf
des Kapitels wurde allen klar, dass die Kongregation
ihre Neustrukturierung zur Unterstützung ihrer
Sendung in Angriff nehmen soll. Die Solidarität
kann viele neue Strukturen im Leben der Kongregation
entstehen lassen, insbesondere auf dem Gebiet
der Ausbildung und der pastoralen Initiativen.
P. General forderte uns auf, an neue internationale
Kommunitäten und neue Formen der Regionalleitung
zu denken. Unser Leben geben für die Erlösung
in Fülle wird unerwartete Forderungen
an uns alle stellen.“ [23]
Die
Notwendigkeit, die gegenwärtigen Strukturen
neu zu überdenken
30.
Historisch gesehen wurden
die Strukturen der Kongregation geschaffen,
um unserer Sendung in einer konkreten Situation
zu dienen. Naturgemäß sind unsere Strukturen
anders und dynamischer als die Strukturen
des monastischen Lebens. Daher müssen sie
in regelmäßigen Abständen neu überdacht und
– wenn nötig – geändert werden. Wir alle sind
uns bewusst, dass die Erfordernisse der heutigen
Sendung keine Parallelen in der Vergangenheit
haben, und deswegen müssen wir uns fragen,
ob die gegenwärtigen Strukturen den Erfordernissen
unserer Sendung entsprechen. Diese wichtige
Frage wurde während des letzten Generalkapitels
erhoben, und die Kapitulare entdeckten eine
Reihe von Herausforderungen, die es anzunehmen
gilt. Im Beschluss über die Neustrukturierung
sagten die Kapitulare: „Die Leitungsstrukturen
der Kongregation sind nicht Selbstzweck, sondern
sollen vielmehr im Dienst ihrer Sendung stehen.
Zurzeit sind die Mitbrüder übereinstimmend
der Meinung, dass die Strukturen der Kongregation
gelegentlich eine schöpferische und wirksame
Antwort auf die pastoralen Notstände der heutigen
Zeit verhindern.“ [24]
Daher ersucht das Kapitel den „Generalrat,
die Neustrukturierung der Kongregation weiterzuführen.“ [25]
Momentan sind wir in der Phase der Überlegungen,
der Analyse, der Offenheit und des Forschens
im Hinblick auf die Entscheidungen, die wir
treffen müssen.
Was
verstehen wir unter „Neustrukturierung“?
31.
Es ist nicht unsere Absicht,
eine erschöpfende Definition von Neustrukturierung
zu geben; wir beabsichtigen hier nur eine
Beschreibung, so wie wir sie verstehen. Wir
verstehen unter Neustrukturierung einen dynamischen
Änderungsprozess, der die gegenwärtige Situation
prüft, persönlich und gemeinsam unsere Strukturen
beurteilt, und – falls nötig – um der Treue
zu unserem Charisma willen im Dienst unserer
Sendung zu einer Änderung bereit ist. Neustrukturierung
besteht im Wesentlichen darin, dass wir neue
Wege finden, uns selbst durch neue Strukturen
zu organisieren, um mit größerer Treue dem
Charisma der Kongregation entsprechen zu können.
Sie macht eine neue Sensibilität gegenüber
den heutigen Herausforderungen erforderlich.
Sie ruft nach einer neuen Mentalität, einem
Weg, das Evangelium neu zu verkündigen, und
einen neuen Weg, Zeugnis für die „copiosa
redemptio“ abzulegen. Es liegt auf der
Hand, dass wir dabei bedenken, dass in diesem
Prozess der Geist der Brüderlichkeit unsere
Strukturen charakterisieren muss, dass unsere
Strukturen Orte brüderlichen Zusammenlebens
sein müssen statt bloße Unterkunftsstätten.
Wir müssen die Beziehungen zueinander und
die Art und Weise, wie unsere Kommunitäten
geführt werden, überprüfen. Wir müssen wiederum
die anthropologischen Grundlagen für unsere
Strukturen, die im Dienst der Person und ihrer
Berufung stehen sollen, prüfen. Auf jeden
Fall können wir die Neustrukturierung nicht
anders begreifen als einen wichtigen Erkenntnisprozess,
der eine Haltung der Umkehr und eine aufrichtige
Suche nach dem Willen Gottes bedeutet.
32.
Die
Neustrukturierung kann nicht einfach ein Reagieren
auf die Situationen sein, denen wir uns gegenübersehen,
insbesondere da manche Situationen uns zu
Augenblickslösungen oder vorschnellen Reaktionen
verleiten. Der Prozess der Neustrukturierung
erfordert eine proaktive Einstellung. Es hat
keinen Sinn, die Neustrukturierung bloß als
eine administrative Maßnahme zu betrachten.
Ihre Dringlichkeit steht in keinem Zusammenhang
mit der zurückgegangenen Zahl der Berufe oder
der Ungewissheit der Zukunft. Auch steckt
nicht dahinter, dass in einigen Regionen die
Zahl der Redemptoristen abnimmt und in anderen
aber zunimmt. Die Neustrukturierung ist keine
Lösung für Einheiten, die in ihrer Selbsteinschätzung
vom Aussterben bedroht sind. Sie ist auch
nicht die Entscheidung, vorhandene Strukturen
ohne jede Beziehung zur Sendung der Kongregation
einfach weiterbestehen zu lassen. Die Neustrukturierung
ist nicht dazu bestimmt, ein Haus oder eine
Tätigkeit, an der wir besonders hängen, zu
retten, indem wir eine andere Einheit ersuchen,
Mitbrüder zur Unterstützung zu senden. Sie
ist auch kein Gegenmittel gegen unsere Ängste
oder eine Anpassungsstrategie, damit wir es
bequemer haben. Sie ist auch nicht einfach
eine Neuverteilung der Mitbrüder und der Mitarbeiter.
33.
Die Neustrukturierung gibt
der Kongregation die Möglichkeit, sich den
Herausforderungen der heutigen Welt besser
zu stellen. Um diesen Prozess aufzunehmen,
müssen wir uns ernsthaft fragen, ob die gegenwärtigen
Strukturen wirksame und leistungsfähige Mittel
im Dienst an unserer Sendung als Redemptoristen
sind. Wie funktionieren diese Strukturen?
Helfen sie uns wirklich, unser Charisma zu
erfüllen und auf die pastoralen Notstände
der heutigen Welt zu reagieren? Was sind diese
pastoralen Notstände, auf die zu reagieren
wir als Kongregation berufen sind? Welche
Strukturen dienen besser dazu, auf diese Notstände
zu reagieren? Welche Kriterien wenden wir
bei der Beurteilung unseres Engagements für
die Armen und Verlassensten an? Was hilft
uns, die echten pastoralen Notstände zu erkennen?
34.
Wenn
diese Fragen abstrakt und lebensfern scheinen,
bieten wir einige Beispiele als Hilfe zum
Verständnis der Dringlichkeit des Prozesses
der Neustrukturierung an. Betrachten wir die
erste Ausbildung, die eine der höchsten Prioritäten
der Generalleitung und der ganzen Kongregation
ist. Die neueste Ratio Formationis CSSR
wendet ein Prinzip richtig an, das schon in
unseren Konstitutionen steht, und unterstreicht
den Wert der Zusammenarbeit zwischen den (Vize)Provinzen, [26] um die erforderliche Qualität der Ausbildung zu
sichern: „...wenn eine Einheit nicht das nötige
Personal zur Errichtung von Ausbildungskommunitäten
hat, oder keine geeigneten Strukturen hat,
um eine angemessene Ausbildung mit allen wesentlichen
Elementen zu gewährleisten, möge sie die anderen
Einheiten in der Region um Hilfe bitten.“ [27]
Wie können wir diesen wichtigen Punkt bei der Neustrukturierung
berücksichtigen?
35.
Denken wir auch an die neuen
Szenarien die durch die Migrationen hervorgerufen
werden. Immer mehr ethnische Gruppen aus dem
Süden oder Osten kommen in Länder des Nordens
und des Westens. Für sie herrscht ein großer
Bedarf an seelsorglicher Betreuung. Denken
wir auch an die gegenwärtige Situation in
Afrika, dessen Menschen nicht nur sozialwirtschaftlich
gesehen Verlassene sind, sondern auch für
die Kirche und für die Redemptoristen. Einige
unserer Einheiten, die in der Vergangenheit
hochherzig in Afrika gearbeitet haben, sind
an ihre Grenzen gestoßen oder müssen sich
von ihrem früheren Engagement zurückziehen.
Sind diese Situationen nicht ein Schrei nach
Erlösung, der an uns gerichtet ist? Wie zeigen
wir uns als Erben der Hochherzigkeit und Kreativität
der Redemptoristen vergangener Jahrhunderte?
36.
Was
noch wichtiger ist: in der nördlichen Hemisphäre
gibt es Einheiten, die jahrelang keine Kandidaten
gehabt oder aufgenommen haben. Und selbst
in (Vize)Provinzen, die Neuzugänge haben,
geht die Gesamtzahl weiter zurück. Manche
haben sich damit abgefunden, dass sie aussterben
werden. Andere interpretieren ihre Situation
als Zeichen für das Aussterben der Kongregation
bzw. des Ordenslebens in ihrer Region. Besteht
die Gefahr, dass wir uns an dieses Gefühl
des Scheiterns anpassen und folgern, dass
die Sendung der Redemptoristen in reichen
Ländern unmöglich ist? Fordert das alles uns
nicht heraus, neue Wege der Präsenz und Verkündigung
zu suchen?
37.
Als letztes Beispiel seien
noch die wirtschaftlichen Ungleichheiten in
den 77 Ländern genannt, in denen die Kongregation
heute ihre Sendung erfüllt. Es gibt Einheiten,
die keine wirtschaftlichen Probleme haben,
während andere neue Kandidaten abweisen müssen,
weil sie nicht die nötigen Ressourcen haben.
Ist diese Situation nicht ein Appell an uns,
neue Strukturen zum Teilen und zur Förderung
einer wirksameren und nachhaltigeren Solidarität
unter uns zu schaffen?
Einige
Kriterien für die Neustrukturierung
38.
Es scheint
von entscheidender Bedeutung zu sein, dass
die Kriterien zur Beurteilung unserer Treue
zu unserem Charisma mit größtmöglicher Klarheit
festgelegt werden. Diese Treue ist nicht an
unseren Talenten, unseren Interessen oder
unserer Eignung für diese oder jene Art der
Tätigkeit zu messen. Sie ist nicht der persönliche
oder gemeinsame Erfolg oder die Großartigkeit
dessen, was wir tun. Noch weniger aber ist
sie eine Frage persönlicher Vorlieben oder
von Tätigkeiten, die für die Gemeinschaft
am bequemsten sind. Ihr Kriterium ist die
Nachfolge Christi in der Evangelisierung der
Armen und Verlassensten. Daher fragen wir
uns selbst: sind wir dort, wo wir sein müssen?
Sind wir dort, wo die größten pastoralen Notstände
sind?
39.
Ferner ist es äußerst wichtig,
uns zu fragen: was bedeutet die Neustrukturierung
konkret für jede Einheit und jede Region der
Kongregation? Welche Art Strukturen begünstigt
ein besseres Verhältnis zwischen der Generalleitung
und den Einheiten der Kongregation? Ist es
notwendig, neue Zwischenstrukturen zwischen
den (Vize)Provinzen und der Generalleitung
zu schaffen?
40.
Wir wissen, dass wir eine
Menge Fragen stellen, aber wir sind auch davon
überzeugt, dass alle Redemptoristen über die
einzelnen Stufen dieses Prozesses nachdenken
sollten: jede Einheit, jede Region und die
ganze Kongregation. Die Neustrukturierung
ist das Ergebnis eines Umdenkprozesses und
der konkrete Ausdruck des Umdenkens der Gemeinschaft,
aber sie ist auch ein Weg zur Umkehr. Dieser
Prozess kann nicht von außen aufgezwungen
werden. Er muss aus missionarischer Hingabe
kommen, aus einer neuen Art und Weise, die
Liebe Christi zu bezeugen.
41.
Das
letzte Generalkapitel stellte fest: „Das allgemeine
Ziel dieser Neustrukturierung besteht darin,
die apostolische Dynamik der Kongregation
zur Erfüllung ihrer Sendung positiv zu lenken.
Die Kongregation existiert um ihrer Sendung
willen und sollte ihre Strukturen entsprechend
anpassen.“ [28]
Mit dieser Neustrukturierung bemühen wir uns um
„ein wirksameres Funktionieren der Strukturen
des Generalates, der (Vize)Provinzen und der
Regionen; eine größere Solidarität in der
Aus- und Weiterbildung; einen wirksameren
Austausch von Mitbrüdern unter den Einheiten
der Kongregation, um den neuen Herausforderungen
für unsere Sendung zu begegnen; eine größere
Koordination der Geldmittel und eine größere
Ungezwungenheit im Umgang mit Provinzen, die
von Krisen welcher Art auch immer bedroht
sind.“
[29] Andere Vorschläge, die vor und während des Kapitels
gemacht wurden, werden zu gegebener Zeit behandelt
werden, z.B. neue Kriterien für die Vertretung
beim Generalkapitel, die Zahl der Generalkonsultoren
und in welchem Verhältnis sie zu den Regionen
stehen, eine neue Einteilung der Regionen,
usw.
Eine
tiefer gehende Änderung
42.
Die
Neustrukturierung verlangt klar und deutlich
eine Änderung unserer Mentalität, unserer
Einstellungen und unserer Maßstäbe. Wir können
uns nicht ewig an die gegenwärtigen Strukturen
klammern. Die Kongregation existierte jahrelang
ohne Provinzstrukturen. Im ersten Jahrhundert
unserer Geschichte wurden große Anstrengungen
unternommen, internationale Kommunitäten zu
bilden. Später wurden Provinzen errichtet,
deren Zahl rasch wuchs. Vizeprovinzen und
Missionen wurden errichtet als Frucht des
missionarischen Geistes der Provinzen. In
den vergangenen Jahren haben wir auf den verschiedenen
Erdteilen Regionen errichtet als eine Art
Zwischenstruktur zwischen der Generalleitung
und den (Vize)Provinzen. Wir dürfen nicht
einem engstirnigen Provinzialismus erliegen.
Wir dürfen in der Kongregation nicht einfach
ein Bündnis von Provinzen sehen. Die Redemptoristen
bilden eine große internationale Gemeinschaft
von Missionaren, deren Ziel es ist, „das Beispiel
unseres Erlösers Jesus Christus weiterzuführen,
indem sie den Armen das Evangelium verkündet,
wie er von sich selbst gesagt hat: den
Armen die Frohe Botschaft zu bringen hat er
mich gesandt.“ [...] Sie sind eine Gemeinschaft,
„die ihren Auftrag erfüllt, indem sie sich,
von missionarischer Unruhe gedrängt, den pastoralen
Notständen zuwendet, und den verlassensten
Menschen, besonders den Armen, das Evangelium
verkündet.“ [30]
43.
Es liegt auf der Hand, dass
alles Neue, dass jede Aufforderung zu einer
Änderung, in uns eine gewisse Furcht und Unsicherheit
erzeugt. Es ist sicher viel leichter, mit
den alten Gewohnheiten zu leben. Wir haben
eine natürliche Neigung, uns davor zu drücken,
eine Mentalität oder eine Lebensweise zu hinterfragen,
mit der wir es uns im Lauf der Jahre bequem
eingerichtet haben. Wir sollten unsere Ängste
weder verleugnen noch uns von ihnen lähmen
lassen. Wir sind aufgerufen, mit Vertrauen
und Hoffnung einen Dialog zu führen. Die Einladung,
über die Neustrukturierung nachzudenken, ist
eigentlich ein Aufruf zur Umkehr zur Erlösung
in Fülle. Sie ist ein Weg, in der Solidarität
innerhalb der Kongregation zu wachsen, um
eine nach außen gerichtete Solidarität in
der apostolischen Liebe zu zeigen, und solcherart
Zeugen für die Liebe Gottes und die Erlösung
in Fülle zu sein.
Ein
Prozess, der uns alle involviert
44.
Wir sind davon überzeugt,
dass die ganze Kongregation, nämlich jede
Region, jede Provinz und Vizeprovinz und jede
Kommunität diesen Prozess der Neustrukturierung
in die Wege leiten soll. In vielen Fällen
ist dies eine Frage der Anerkennung der noch
immer geltenden Strukturen und der Umsetzung
jener von den Konstitutionen und Statuten
bereits vorgesehenen aber oft nicht durchgeführten
Entscheidungsprozesse in die Praxis (z.B.
das Subsidiaritätsprinzip, die Überprüfung
des Lebens, die mehr ist als einfach nur eine
Planungsübung usw.). Weiters müssen wir Wege
finden, die neuen Herausforderungen zu erkennen,
und dann die Schritte festlegen, die bei dieser
persönlichen und gemeinsamen Umkehr zu setzen
sind. Jede Region soll einen Vorgang zur Feststellung
der größten pastoralen Notstände und der Hindernisse
für eine prompte und hochherzige Antwort auf
diese Herausforderungen festlegen.
45.
Der Prozess der Neustrukturierung
soll gleichzeitig global und lokal sein. Während
des Nachdenkprozesses sollten wir genau auf
globale Kriterien achten und die gewaltigen
Veränderungen auf der Welt in Betracht ziehen,
um eine weltweite Antwort für die Zukunft
zu entwerfen. Unsere Sendung als Redemptoristen
muss jedoch immer inkulturiert werden, wobei
sie die örtliche Situation erkennt und ganz
bewusst in Übereinstimmung mit den Konstitutionen
8f, 17, und 19 handelt. In gleicher Weise
darf uns die Suche nach Notständen auf globaler
Ebene nicht dazu verleiten, die Verpflichtung
zur Suche nach den pastoralen Notständen auf
regionaler Ebene zu vernachlässigen.
46.
Eine Änderung der Mentalität
braucht Zeit, doch glauben wir, dass einige
Anläufe dazu schon gemacht wurden. Wir bitten
jeden, den Richtlinien des XXIII. Generalkapitels
zu folgen. Wir sind aufgerufen, die Strukturen
der ersten Ausbildung und des Gemeinschaftslebens
neu zu überdenken. Wir müssen bereit sein,
die gebräuchlichsten Sprachen in der Kongregation
zu lernen. Wir sind dringend gebeten, in der
Solidarität zu wachsen und uns ernsthaft zu
bemühen, internationale Kommunitäten zu errichten;
jede Region sollte versuchen, während dieses
Sexenniums wenigstens eine derartige Kommunität
zu gründen. Es gibt gewiss einen Weg, mit
der Entwicklung wirtschaftlicher Solidarität
zu beginnen. Redemptoristen sollten für pastorale
Aufgaben auf internationaler Ebene zur Verfügung
stehen, ohne notwendigerweise auf bilaterale
Exklusivvereinbarungen zwischen den Einheiten
zurückgreifen zu müssen. Wir sind dringend
aufgerufen, wirklich global zu denken, indem
wir unsere Ressourcen in den Dienst einer
internationalen Zusammenarbeit stellen, die
einer umfassenden Vision entspringt. Wir schlagen
keinen neuen Zentralismus vor und wir sollten
sehr darauf achten, nicht in eine extreme
Dezentralisierung zu fallen, die zu einer
Zersplitterung führt. Wir schlagen einen Weg
des Teilens, des Dialogs, der Solidarität,
der inkulturierten Evangelisierung und des
befreienden prophetischen Zeugnissses der
Gemeinschaft vor, ohne zu vergessen, dass
unsere gegenwärtige Einheit in der Vielfalt
bereits ein wichtiges Zeugnis vor den Augen
der Welt ist.
Die
Vorgangsweise beim Prozess der Neustrukturierung
47.
Das Generalkapitel hat uns
den Weg gezeigt. Es sagt, dass „der Generalrat
eine Kommission aufstellen wird, die Modelle
und Strategien anbieten wird, um die gegenwärtigen
Strukturen der Kongregation zu verbessern.“ [31]
Das Kapitel nannte auch einige Kriterien für
die Arbeit dieser Kommission: wie sie gebildet
werden soll; dass sie in einem ständigen Dialog
und einer engen Zusammenarbeit mit der Generalleitung
stehen muss; dass die Mitbrüder und andere
Kongregationen zu Rate gezogen werden sollen,
um aus ihren Erfahrungen zu lernen; dass Berichte
vorzulegen sind und dass es möglich ist, neue
Strukturen „ad experimentum“ einzuführen,
selbst wenn die Kommission noch bei der Arbeit
ist. [32]
48.
Viele Einzelheiten müssen
noch geklärt werden, z.B. die genauen Verpflichtungen
der Kommission und ihr Verhältnis zu den zukünftigen
Vertretern des Generalsuperiors für die Regionen
und Subregionen. [33]
Die verschiedenen Kompetenzen und besonderen
Fristen im Prozess der Neustrukturierung sowie
die Strategien für die Beteiligung der verschiedenen
Regionen müssen noch festgelegt werden. Wir
setzen unsere Überlegungen dieser konkreten
Einzelheiten noch fort und hoffen, unsere
Fortschritte bis Juli 2004 mitteilen zu können.
49.
Angesichts einer bevorstehenden
Herausforderung wie der Neustrukturierung
besteht immer die Gefahr, dass man davor zurückschreckt,
ganz zu schweigen davon, dass offener Widerstand
gegen eine Änderung geleistet wird. Da ist
es gut, daran zu denken, dass die erste „Neustrukturierung“
die Erlösung selbst ist, und dass Christus
selbst an unserem Prozess teilnimmt. Er schweißt
uns zu einer Familie zusammen und gibt, dass
der Sinn unserer Strukturen die Erlösung ist.
Zusammen mit ihm werden wir vertrauensvoller
zu den neuen Horizonten blicken können, die
die Geschichte vor uns auftut, und bestimmen
können, auf welcher Straße wir weitergehen
wollen. Mit ihm und durch ihn werden wir auch
unser Leben geben können, damit die Welt das
Leben hat und es in Fülle hat (Joh 10,10).
SCHLUSS
50.
Wir wiederholen unsere herzlichsten
Grüße und richten sie auch an unsere Schwestern
im Orden der Redemptoristinnen, an alle Ordensleute,
die unsere Spiritualität teilen, an die jungen
Menschen, die sich in unser Institut berufen
fühlen, an die Laien, die unsere engen Mitarbeiter
in unserer Sendung sind, an das Volk Gottes
und nicht zuletzt an die Armen und Verlassensten.
Im Namen des Generalrates
In Christus dem Erlöser
Joseph W. Tobin, C.Ss.R.
Generalsuperior
(Der
Originaltext ist auf Italienisch.)