Communicanda I - 2003-2009   

 

 

BERUFEN, UNSER LEBEN ZU GEBEN
FÜR DIE ERLÖSUNG IN FÜLLE

 

Communicanda 1
Prot. N°  0000 110/04
Rom, 8. April 2004
Gründonnerstag

Einleitung


1.           
Liebe Mitbrüder!

Herzlichste Grüße an euch, die ihr mit uns berufen seid, das Leben zu geben für die Erlösung in Fülle!

2.            Über fünf Monate sind seit dem Ende des XXIII. Generalkapitels vergangen. Mit diesen Communicanda möchten wir zwei wichtige Anliegen in den Mittelpunkt stellen, die das Kapitel allgemein angesprochen hat, deren etwaige Durchführung es jedoch dem Generalrat und den anderen Leitungsstrukturen in der Kongregation anvertraut hat. Es sind dies das Thema für das Sexennium und der Prozess der Neustrukturierung in der Kongregation. Es ist unsere Absicht, die anderen Themen, die das Kapitel zur Sprache gebracht hat, wie z.B. die Erlösung, [1] in weiteren Communicanda während dieses Sexenniums zu behandeln.

3.            Der Rundbrief an die Kongregation vom 2. Februar 2004 hat uns daran erinnert, dass „das Thema „Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle“ ein Ruf zur Umkehr ist, ein Anruf an jeden einzelnen von uns, in Bezug auf Gott und das eigene Leben umzudenken und gleichzeitig zu überlegen, in welcher Weise die Strukturen unserer Kongregation geändert werden müssen, damit die Redemptoristen die ihnen anvertraute Sendung treuer, schöpferischer und wagemutiger ausführen.“ [2]

4.            Die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen „Unser Leben geben“ und der Änderung von Strukturen [3] mag vielen weit hergeholt, vielleicht sogar unlogisch erscheinen. Im Auszug des oben zitierten Rundbriefes ist die Dringlichkeit einer Änderung genau der Punkt, der die beiden Ideen zusammenbringt: auf der einen Seite unsere Ideen von Gott und unserem Leben und unsere Strukturen auf der anderen. Was das Generalkapitel betrifft, machte es nicht viele Aussagen in Bezug auf diese Verbindung. Unserer Meinung nach jedoch gibt es zwei handfeste Beweggründe, die sie rechtfertigen:

·   Erstens sind wir der Meinung, dass die Entwicklung der Kongregation seit dem Vatikanum II die Redemptoristen letztendlich herausgefordert hat, den Platz, den Christus in unserem Leben einnimmt, zu überprüfen. Daher mag der Ruf, unser Leben zu geben, eine Weiterentwicklung des Themas Spiritualität sein, die jeden Aspekt unseres Engagements für unsere Sendung, zu der die Strukturen gehören, in denen und durch die wir sie verwirklichen müssen, hinterfragt.

·   Zweitens sind wir uns der ungeheuren Geschwindigkeit, mit der sich die Welt ändert, und der Tatsache, dass unsere Strukturen mit den Änderungen nur schwer Schritt halten können, bewusst. Wenn die gegenwärtigen Strukturen in der Kongregation in früheren Perioden unserer Geschichte unserer Sendung dienten, so müssen wir heute angesichts einer sich ändernden Welt die Frage stellen, wieweit sie heute eine Existenzberechtigung haben. „Unser Leben geben für die Erlösung“ kann nicht auf den Bereich „privater“ Spiritualität reduziert werden, es muss vielmehr die Herausforderungen der heutigen Welt berücksichtigen.

5.      Im Lichte dieser Gründe möchten wir zwei weitere Klarstellungen treffen:

·   Wenn wir „Unser Leben geben“ mit einer Änderung der Strukturen in Verbindung bringen, müssen wir nicht ganz von vorne anfangen. Schon die letzten Generalkapitel haben irgendwie die Anliegen dieser Communicanda zur Sprache gebracht, indem sie die Zweckmäßigkeit unserer Strukturen in Frage stellten. Die Erfahrungen der Kongregation in der jüngsten Vergangenheit sind ein weiterer Ansporn zu Änderungen.

·    Die Absicht dieser Communicanda liegt vor allem in der Anregung zu Überlegungen. Daher wird im ersten und zweiten Teils dieses Dokuments das Thema Spiritualität und Sendung weder systematisch noch erschöpfend abgehandelt. Wir hoffen vielmehr, die darauffolgende Behandlung unserer Strukturen vorzubereiten und einen ständigen Änderungsprozess in der Kongregation in die Wege zu leiten. Auf Grund dieser Absicht wird der dritte Teil genauer ausgeführt und kann als die zentrale Botschaft dieser Communicanda angesehen werden.

I.  UNSER LEBEN GEBEN IN DER HEUTIGEN ZEIT

Ein mutiges Thema

6.      Das Generalkapitel hat uns mit keinem leichten Thema für die nächsten sechs Jahre betraut. Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle ist ein anspruchsvolles und vielleicht auch unmodernes Programm, da es dem heutigen Misstrauen gegenüber jedem, der sich für eine Sache vorbehaltlos engagiert, zuwiderläuft.

7.      In einer Zeit, in der es so schwierig ist, sich für eine Berufung voll und ganz zu engagieren, spornt uns das Kapitel zu dem offensichtlich unmöglichen Unterfangen an, unser Leben auf immer zu geben. Zu einer Zeit, in der viele in der grenzenlosen persönlichen Freiheit den Maßstab für ein erfolgreiches Leben sehen, lädt uns das Kapitel ein, unser Leben zu einem Geschenk zu machen. In einer Zeit, in der „Heil“ Gefahr läuft, von einem theologischen Begriff einfach zu einem Schlagwort in Politik und Wirtschaft zu werden, stellt das Kapitel aufs Neue fest, dass das Versprechen der Erlösung in Fülle es wert ist, dass man sein Leben dafür hingibt.

8.      Wenn „Unser Leben geben“ ebendie Strukturen ins Spiel bringt, mit deren Hilfe wir unsere Sendung verwirklichen, dann erscheint uns die Wahl des Kapitels als eine kühne Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Wir werden uns mehr und mehr bewusst, dass wir in einer globalisierten Welt leben, in der die Probleme einer Region unmittelbare Auswirkungen auf die anderen haben, und in der die eine Kultur droht, die anderen zu beherrschen; man braucht nur an den Einfluss des Internets zu denken. In dieser Welt, in der Kommunikation und rasche Änderungen die Grundlage eines neuen Menschenbildes bilden, in der gewaltige Wanderungen ganzer Völker uns einen Blick auf ein Mosaik verschiedener Gruppen erlauben, die miteinander leben und in Verbindung stehen, nimmt das Kapitel die Herausforderung an, über unsere Strukturen nachzudenken und sie zu überarbeiten, um sich den neuen Anforderungen unserer Sendung zu stellen. In einer Zeit, in der der Zusammenbruch der Ideologien die Unterdrückten mit noch weniger Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückließ, und mehr und mehr einen unverkennbaren Abgrund zwischen den Armen und den Reichen schafft, in der die Ausbeutung der Arbeit der armen Völker durch multinationale Konzerne skandalöse Ausmaße annimmt, drängt uns das Kapitel, Stellung zu beziehen und unser Leben (nicht bloß einen Teil von uns) für die Verlassensten zu geben.

Welche Sendung rechtfertigt neue Strukturen?

9.            In einer Welt, die sich so rasch ändert, mögen sich viele von uns wohl die Frage stellen, ob unsere Sendung als Redemptoristen noch immer so relevant ist, dass sie wirklich gerechtfertigt ist. Steht sie tatsächlich im Dienst der Erlösung der Menschheit und, vor allem, hat sie Aussichten für die Zukunft? Manchmal mögen wir daran zweifeln, ob die spirituelle, missionarische und theologische Intuition des hl. Alfons und die ganze auf ihn folgende Tradition noch einen Platz haben in der heutigen Welt. Wir wissen nur zu gut, dass von der Antwort auf diese Fragen viel abhängt: alles von der Berufeförderung bis zur Ausbildung unserer jungen Leute; von den Missionspredigten bis zu sozialen Projekten und unserem Engagement in den Bewegungen für Gerechtigkeit und Frieden, und schließlich bis zur Versorgung unserer alten Mitbrüder. Nur eine überzeugende positive Antwort auf diese Fragen kann die schwierige Arbeit rechtfertigen, die eine Änderung unserer Strukturen mit sich bringt.

10.        Viele Leser erwarten sich vielleicht, dass dieses Dokument eine umfassende Lösung vorschlägt, was jedoch nicht das Hauptziel dieser Communicanda ist. Andere würden eine naive, optimistische Erklärung vielleicht lieber haben. Wir sind uns jedoch wohl bewusst, dass wir noch immer auf der Suche sind und uns mühsam in einem schwierigen und oft unproduktiven Aufbruch dahinschleppen in diesem Bemühen, eine glaubwürdige Zukunft für unsere Sendung (ja für das Ordensleben im Allgemeinen und für die Kirche selbst) aufzuzeigen. Trotzdem wollen wir auf diesen Seiten – wenn auch in aller Kürze – die Hauptpunkte der Forschungen unserer Theologen sowie unserer Mitbrüder, die an der vordersten Front unseres Apostolates stehen, ins Gedächtnis rufen. Diese Forschungen erlauben uns – mehr als ein oberflächlicher Überblick – tatsächlich einen Blick auf einige wesentliche Faktoren, die zu bedenken sind. Diese Faktoren sind das Vakuum, das die Widersprüche in der Welt gebildet haben, und die sehr oft auch die Widersprüche in uns selbst sind, die nach Heilung rufen. Und dies ist ein flehentlicher Appell, auf den wir hören müssen.

11.    Wie bewerten wir z.B. den ständig steigenden Primat der Rechte des Einzelnen? Was für eine Welt wird da errichtet? In welchem Maß drohen diese Rechte die Fundamente der Solidarität, den einzigen Grund auf Hoffnung für die Zukunft, zu untergraben?

Wenn Konsum und Vergnügen uns den wahren Lebensgrund, insbesondere in den reicheren Ländern, diktieren, muss man sich die Frage stellen: gibt es noch einen Platz für das Mitgefühl in den Herzen der Menschen unserer Zeit?

Nehmen wir ferner das Gebiet der Moral, wo heutzutage das Schuldbewusstsein durch ein falsches Verständnis von persönlicher Freiheit praktisch bedeutungslos geworden ist, im öffentlichen Leben jedoch ein lauter Ruf nach Ethik, nach Political Correctness und Transparenz im politischen Leben herrscht. Wie kann man persönliche Freiheit mit der Sicherung des Gemeinwohls vereinbaren? Und bis zu welchem Ausmaß kann man Mitleid und Vergebung üben angesichts der Enthüllung von Kränkungen in der Vergangenheit? Wenn es Vergebung und Rehabilitierung gibt, werden sie dann nicht irgendwie als abgekürztes Verfahren zur Straflosigkeit angesehen?

12.    Wenn wir auf die Organisation der heutigen Welt blicken und auf die Tatsache, dass wir mit der ständigen Angst vor dem Terrorismus leben müssen, müssen wir die Frage stellen, ob dies eine Aufforderung ist, das allgemeine Bedürfnis nach Frieden und das Recht auf Gerechtigkeit wirklich zur Sprache zu bringen.

Wenn wir uns auf das Gebiet des Kommunikationswesens begeben, können wir eine Fülle von Widersprüchen feststellen. Verglichen mit dem Ausmaß, mit dem die Massenmedien sich verbreiten, gibt es nicht häufig einen Mangel an sinnvoller Beteiligung, die eine verarmte und unterkühlte Kommunikation hervorbringen? Und was noch wichtiger ist: wie viele einsame und geplagte Menschen verbergen sich hinter dem endlosen Gequatsche im Internet und der Mobiltelefone? Können wir hinter dem Kult der Kommunikation nicht das Bedürfnis nach einer größeren Liebe erkennen, die dem Leben einen Sinn zu geben vermag? Und ist dies nicht eine Einladung an uns, Gottes Liebe wieder auf eine Art zu verkünden, dass die Ängste und falschen Bilder auf unserem Weg zu Gott überwunden werden?

Christus der Erlöser: die einzige Antwort auf viele Fragen

13.    Wir sind uns bewusst, dass wir einfach Fragen gestellt haben, weil wir wissen, dass die Antwort nur in der Person Jesu Christi zu finden ist. Oft vermögen wir, weil die Veränderungen so rasch vor sich gehen, weder die Fragen noch die Antworten zu entschlüsseln, weil es uns an Glauben mangelt. Wir sind davon überzeugt, dass nur Christus das Geheimnis Mensch enthüllen kann, und seine eigentliche Bestimmung offenbaren kann. [4]

14.    Christus ist noch immer der Weg, auf dem wir bei der Durchführung unserer Sendung heute und morgen schreiten. Ja, Christus ist der einzige Weg; auf ihn zu verzichten, nicht das ganze Leben im Dienst an der Erlösung zu geben, ist heute ein Verrat an der Menschheit. Was heute bedroht ist, ist die Bestimmung des Menschen, seine eigentliche Natur, das Bild und Gleichnis, nach dem er geschaffen ist. Angesichts dieser Bedrohung hat unsere Sendung ihre Daseinsberechtigung in der Gegenwart und ihre Aussichten für die Zukunft. Vor diesem Hintergrund erkennen wir eine noch größere Dringlichkeit unserer Sendung und das Recht, junge Menschen und die Laien einzuladen, an unserer Berufung teilzuhaben.

II.  UNS VON DER LIEBE GOTTES IN CHRISTUS VERFÜHREN LASSEN

Eine Würdigung unseres Weges in den letzen Jahren

15.    Die letzten Jahrzehnte waren eine ausgezeichnete Gelegenheit für die Kongregation, über ihr eigenes Charisma gründlich nachzudenken und es neu zu überdenken. Viel wurde über die biblischen Grundlagen und den theologischen Reichtum der copiosa redemptio gesagt. Umfangreiche Texte, Artikel in historischen und theologischen Fachzeitschriften sowie Diplomarbeiten und Dissertationen haben sich mit dem besonderen Wesen unserer Sendung befasst.

16.    Wir betrachten dieses Forschen als Grundlegung unserer Identität. Das vorliegende Dokument beabsichtigt nicht, dieses Forschen zusammenzufassen und zu besprechen, besonders wenn wir die noch immer auseinander gehenden Interpretationen unserer Fachgelehrten in Betracht ziehen. Vielleicht wird es in der Zukunft einmal notwendig sein, eine Bewertung oder eine Synthese vorzulegen, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen wir es vor, uns nicht bei dieser Frage aufzuhalten.

17.    Die letzten Abschnitte unseres Weges jedoch lenken unsere Aufmerksamkeit auf einen wesentlichen Punkt, einen Punkt, den wir bereits am Beginn dieser Communicanda erwähnt haben, und der jegliche Neustrukturierung in der Kongregation beflügeln sollte. Bereits das Generalkapitel von 1997 hat uns aufgerufen zu bewerten, „...wie wir unser Verhältnis zu Jesus im Glauben nähren und ausdrücken.“ [5] Der Rundbrief, der am Beginn dieses neuen Sexenniums an die Kongregation ausgesandt wurde, betonte die „...Notwen-digkeit, uns wieder und wieder vom Übermaß von Gottes rettender Liebe, die uns in Jesus Christus dem Erlöser, geschenkt ist, hinreißen zu lassen.“ [6]

18.    Mit anderen Worten: was sich wirklich ändert, wenn „Jesus Christus derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13, 8), ist unser Verhältnis zu ihm, die „Idee“, die wir von Gott und damit von unserem eigentlichen Leben haben. [7] Die Überprüfung dieses Verhältnisses liegt jeder Umgestaltung, selbst der unserer Strukturen, zu Grunde.

Daher lautet die entscheidende Frage: wo befinden wir uns selbst auf der Suche nach dem Antlitz Christi? Wie denken wir über ihn? Haben wir das Bemühen aufgegeben, ihn zu verstehen? Leben wir neben ihm wie neben einem illustren Unbekannten, oder im besten Fall gemäß Bildern, die andere von ihm gemacht haben?

Unsere Pilgerreise zur Entdeckung des Antlitzes Christi

19.    Selbst der hl. Alfons musste oft seine Ideen von Christus korrigieren und als Folge davon sein Verhältnis zu ihm ändern. Seine Kindheit und seine Jugend waren von den religiösen Ideen seiner Zeit geprägt: auf der einen Seite stand Gott, der ein gestrenger Richter war, und auf der anderen Seite stand ein Christus, der der Menschheit näher stand als dem Vater. Er war es, der zwischen der Menschheit und Gott Frieden schuf und durch sein Sühneleiden den göttlichen Zorn besänftigte. Dies ist der von Wunden übersäte Christus, den der hl. Alfons 1719 gemalt hat.

Von 1723, dem Jahr seiner „Bekehrung“ an beginnt der hl. Alfons zu erkennen, dass sein Leben ein Ruf zur Liebe war, und damit ein Ruf zur Hingabe seiner selbst. Er beginnt die Wichtigkeit des Herzens in seinem Verhältnis zu Jesus Christus zu entdecken. Dann, insbesondere als Frucht seiner ersten Erfahrungen als Missionar, entdeckt er Platz für Hoffnung und Freude. Als er nach vielen Beratungen und nagenden Zweifeln sich schließlich entschließt, unser Institut zu gründen, wird ihm eines klar: „die Stadt Neapel zu einem einzigen Opfer für Jesus Christus zu machen.“ [8] Doch seine spirituelle Reise endete nicht in den Bergen von Scala. Es folgten die Missionen, die Lehrtätigkeit in Moraltheologie, das Verfassen von Werken wie die „Besuchungen des Heiligsten Sakramentes“ (1745) und „Die Praxis der Liebe zu Jesus“ (1768), die ihn zu einer reiferen und biblisch fundierteren christologischen Synthese hinführten. Diese Synthese kann man folgendermaßen erklären: die Liebe des Vaters findet ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe seines Sohnes an die Welt, der seinerseits ein getreues Abbild eines liebenden Gottes ist. Deshalb ist das Geheimnis der Inkarnation, die Geburt, das Leiden und Sterben und die Eucharistie ein notwendiger Durchgang zum Verständnis der unendlich zärtlichen Liebe Gottes, obwohl auch andere Aspekte der Vorstellungen von Jesus, die der Theologie seiner Zeit lieb und teuer waren, nicht zur Gänze verdunkelt wurden, wie etwa die Idee vom Opfer.

20.        Das alles kann als unwidersprochen und als theologisch anerkannt betrachtet werden. Auf jeden Fall ist es Teil dessen, wie wir unseren Gründer verstehen. Es ist jedoch schwierig, sich vorzustellen, welchen historischen, existentiellen und spirituellen Weg der hl. Alfons im Lauf seines langen Lebens gegangen ist. In der Gegenwart Christi, den er auf immer wieder neue Arten entdeckt, nimmt er nicht die Attitüde eines spekulativen Theologen an. Sein Ziel ist vor allem pastoraler Natur. Er hört zu, liest, sammelt Texte, denkt nach und vor allem, er predigt, was er entdeckt hat. Alles ist darauf ausgerichtet, diesen von ihm entdeckten Christus jenen zu bringen, die ihn brauchen, den Verlassenen, die von den theologischen und intellektuellen Zirkeln ausgeschlossen sind, die von der normalen Seelsorge der Kirche nicht erfasst werden, und die mit hochgestochenen Predigten nichts anfangen können. Vor allem aber teilt er sein Bild von Jesus mit seiner redemptoristischen Gemeinschaft, denn die Gemeinschaft ist das erste Zeichen für die Erlösung in Fülle und der Ort, den die Armen ungeniert aufsuchen können, um an seiner Entdeckung teilzuhaben.

21.    Es ist kein Zufall, dass das Generalkapitel beschlossen hat, dass die Kongregation das Thema „Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle“ zuallererst als logische Fortsetzung des Themas Spiritualität, das für das letzte Sexennium gewählt worden war, leben solle. [9] Und es ist auch kein Zufall, dass die Ordensprofess und unsere richtige Lebensweise heute [10] neben der Neustrukturierung eines der großen Anliegen des Kapitels waren. Obwohl manche nach dem Studium der Dokumente des Generalkapitels die Solidarität als zentrales Anliegen hinzufügen wollen, sind wir zur Überzeugung gekommen, dass die Solidarität nicht Selbstzweck ist, sondern eine Dimension und einen Teil des Grundprinzips darstellt, das die Kongregation zu einem Prozess der Neustrukturierung führen soll.

Die Ordensprofess ist ein weiteres Thema, über das wir in diesem Sexennium mit Hilfe des Zentrums für redemptoristische Spiritualität nachdenken wollen. Im Moment wollen wir uns mit dem Thema Neustrukturierung beschäftigen, ein Prozess, bei dem jeder Mitbruder zur Teilnahme aufgerufen ist, und dass er dies in einem immer wieder erneuerten Verhältnis zu Christus verankert, das die Frage provoziert: wie heute das Leben geben für die Erlösung in Fülle?

III. DIE NEUSTRUKTURIERUNG IM DIENST UNSERER SENDUNG

Zur Umkehr aufgerufen

22.        Wir sind zur Umkehr aufgerufen. Wir sind aufgerufen, den Weg neu zu überprüfen, den wir bis heute gegangen sind, und unsere Antwort auf die heutigen Anforderungen unserer Sendung als Redemptoristen einer Revision zu unterziehen, indem wir unseren Lebensstil, unsere Mentalität und unsere Lebensplanung hinterfragen. Wir sind eingeladen, mit schöpferischer Treue zu unserer Sendung auf die Herausforderungen der heutigen Welt zu reagieren. Wir sind aufgerufen, dem Charisma der Kongregation im Geist unseres Stifters treu zu bleiben. Wir sind eingeladen, die Suche nach neuen Wegen zur Verkündigung des Evangeliums und das Zeugnis für die „Erlösung in Fülle“, die wir in Jesus Christus finden, zu verstärken. Dies geschieht nicht mit Hilfe eines neuen Vokabulars sondern durch das Zeugnis eines erneuerten Lebens.

23.        Seit dem 2. Vatikanischen Konzil hat unsere Kongregation und das Ordensleben selbst einen Umkehrprozess eingeleitet. Wir haben unsere Konstitutionen und Statuten überarbeitet, wir haben uns bemüht, Prioritäten zu setzen, und mit Gottes Gnade haben wir versucht, zu einer Übereinstimmung zu kommen zwischen Glauben und Leben und zwischen Ordensprofess und einem Gemeinschaftsleben, das sich der apostolischen Liebe verschrieben hat. Wir haben versucht, mit apostolischer Liebe auf die Forderungen unserer gemeinsamen Berufung zu antworten.

Ein Anstoss, der vor langer Zeit begann

24.        Schon 1965 erklärte das Dekret Perfectae Caritatis klar und deutlich: „Zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens heißt: ständige Rückkehr zu den Quellen jeden christlichen Lebens und zum Geist des Ursprungs der einzelnen Institute, zugleich aber deren Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse.“ [11] Aber das Konzil sprach auch die ernste Warnung aus, dass „...die besten Anpassungen an die Erfordernisse unserer Zeit ohne geistliche Erneuerung unwirksam bleiben. Diese hat darum bei aller Förderung äußerer Werke immer das Wesentliche zu sein.“ [12] Es betonte, dass „zur wirksamen Erneuerung und echten Anpassung die Zusammenarbeit aller Mitglieder eines Institutes unerlässlich ist.“ [13] Und dass „die Lebensweise, Gebet und Arbeit den körperlichen und seelischen Voraussetzungen der Menschen von heute, aber auch – soweit die Eigenart des Institutes es verlangt – den Erfordernissen des Apostolats, den Ansprüchen der Kultur, der sozialen und wirtschaftlichen Umwelt entsprechen müssen. Das gilt überall, vor allem in den Missionsgebieten. Nach denselben Kriterien ist auch die Art und Weise der Leitung in den Instituten zu überprüfen.“ [14]

25.        Viele Jahre sind seit dem 2. Vatikanischen Konzil vergangen. Die Lebensverhältnisse, die Kultur, die Mentalität und das Selbstverständnis der Menschen haben sich gewaltig geändert und ändern sich unaufhaltsam weiter. Das bedeutet, dass wir nicht einfach auf den ausgetretenen Pfaden bleiben können. Die Nachfolge Jesu und die Treue zum Charisma der Kongregation verlangen von uns eine neue Beurteilung unseres Lebensstils, unserer missionarischen Antwort, und wie wir unser Leben im Griff haben. Unsere Strukturen am Anfang und unsere Strukturen heute sind nur eine Hilfe zur besseren Erfüllung der Ziele unserer Sendung.

Der Weg, der von früheren Generalkapiteln vorgeschlagen wurde

26.        Seit 1979 haben die Generalkapitel nicht aufgehört, uns zur Bekehrung aufzurufen, indem sie immer aufeinander folgende Themen und die Notwendigkeit eines inneren Zusammenhangs mit einer Überprüfung der Strukturen verknüpften, durch die wir unsere Sendung erfüllen. Man kann sagen, dass diese Kapitel eine beharrliche Suche nach Identität und einen Weg zur Betonung eines Prinzips darstellten, das bereits in unseren Konstitutionen zu finden ist, nämlich dass [die Redemptoristen] sich nicht an solche Gegebenheiten und Strukturen festklammern dürfen, in denen ihre Tätigkeit nicht mehr missionarisch wäre.“ [15]

27.        Wenn wir nur das letzte Jahrzehnt berücksichtigen, mag genügen, wenn wir das Generalkapitel von 1991 in Erinnerung rufen, das die Generalleitung gebeten hat, einen Prozess der Neustrukturierung in die Wege zu leiten, um „a) Einheiten zu helfen, die unter die personellen Vorgaben von Generalstatut 088 gefallen sind, sowie Gruppen von Einheiten zu helfen, die deutliche Zeichen eines Personalschwunds aufweisen; b) neue pastorale Initiativen anzuregen, die einzelne Einheiten allein nicht leicht durchführen können.“ [16]

28.        Das XXII. Generalkapitel (1997) bekräftigte: „Wir, die Mitglieder des XXII. Generalkapitels bekräftigen unsere Verpflichtung als Kongregation den Themen der letzten Generalkapitel gegenüber. Dies ist eine langsam fortschreitende Entwicklung, die noch immer für alle Redemptoristen geschieht. [...] Wir meinen, dass die Verwirklichung dieses Themas im täglichen Leben eine kontemplative Lebensauffassung erfordert, die uns hilft, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das ist nicht leicht und verlangt eine Umkehr, die ein Geschenk des hl. Geistes ist. Aus diesem Grund bitten wir die Redemptoristen, sich auf unsere Spiritualität als festes Fundament zu konzentrieren, damit das Werk der Neuevangelisierung auf Felsen und nicht auf Sand gebaut ist.“ [17] Um die Bedeutung dieser Option zu erklären, empfahl das Schlussdokument, dass „... die Kongregation die Spiritualität als Thema für das nächste Sexennium nehmen möge. [...] Dass wir, sensibel für den spirituellen Hunger so vieler in unserer Gesellschaft, neue und schöpferische Wege suchen, unser spirituelles Erbe mit anderen zu teilen.“ [18] Und auch dieses Kapitel ersuchte die Generalleitung eindringlich, den 1991 eingeleiteten Prozess der Neustrukturierung fortzusetzen. [19]

29.        Das XXIII. Generalkapitel bestimmte Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle als sein Thema für das nächste Sexennium. [20] Die Botschaft an die Mitbrüder erklärt: „Wir sehen dieses Thema als Fortführung des Themas „Spiritualität“ vom letzten Generalkapitel. [...] Wir sind davon überzeugt, dass es keine redemptoristische Spiritualität gibt, die nicht missionarisch ist, und keine redemptoristische Sendung, die nicht in den „Tiefen Gottes“ verwurzelt ist.“ [21] Und weiter: „Wir möchten nun auf einige Folgerungen und Herausforderungen hinweisen, die Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle mit sich bringt.“ [22] Sie betont die Notwendigkeit, unseren Lebensstil, unser Gemeinschaftsleben und das Zeugnis, das wir geben, zu überprüfen, sowie unsere Strukturen neu zu überdenken, um uns zu vergewissern, dass sie unserer Sendung dienen: „Im Verlauf des Kapitels wurde allen klar, dass die Kongregation ihre Neustrukturierung zur Unterstützung ihrer Sendung in Angriff nehmen soll. Die Solidarität kann viele neue Strukturen im Leben der Kongregation entstehen lassen, insbesondere auf dem Gebiet der Ausbildung und der pastoralen Initiativen. P. General forderte uns auf, an neue internationale Kommunitäten und neue Formen der Regionalleitung zu denken. Unser Leben geben für die Erlösung in Fülle wird unerwartete Forderungen an uns alle stellen.“ [23]

Die Notwendigkeit, die gegenwärtigen Strukturen neu zu überdenken

30.        Historisch gesehen wurden die Strukturen der Kongregation geschaffen, um unserer Sendung in einer konkreten Situation zu dienen. Naturgemäß sind unsere Strukturen anders und dynamischer als die Strukturen des monastischen Lebens. Daher müssen sie in regelmäßigen Abständen neu überdacht und – wenn nötig – geändert werden. Wir alle sind uns bewusst, dass die Erfordernisse der heutigen Sendung keine Parallelen in der Vergangenheit haben, und deswegen müssen wir uns fragen, ob die gegenwärtigen Strukturen den Erfordernissen unserer Sendung entsprechen. Diese wichtige Frage wurde während des letzten Generalkapitels erhoben, und die Kapitulare entdeckten eine Reihe von Herausforderungen, die es anzunehmen gilt. Im Beschluss über die Neustrukturierung sagten die Kapitulare: „Die Leitungsstrukturen der Kongregation sind nicht Selbstzweck, sondern sollen vielmehr im Dienst ihrer Sendung stehen. Zurzeit sind die Mitbrüder übereinstimmend der Meinung, dass die Strukturen der Kongregation gelegentlich eine schöpferische und wirksame Antwort auf die pastoralen Notstände der heutigen Zeit verhindern.“ [24] Daher ersucht das Kapitel den „Generalrat, die Neustrukturierung der Kongregation weiterzuführen.“ [25] Momentan sind wir in der Phase der Überlegungen, der Analyse, der Offenheit und des Forschens im Hinblick auf die Entscheidungen, die wir treffen müssen.

Was verstehen wir unter „Neustrukturierung“?

31.        Es ist nicht unsere Absicht, eine erschöpfende Definition von Neustrukturierung zu geben; wir beabsichtigen hier nur eine Beschreibung, so wie wir sie verstehen. Wir verstehen unter Neustrukturierung einen dynamischen Änderungsprozess, der die gegenwärtige Situation prüft, persönlich und gemeinsam unsere Strukturen beurteilt, und – falls nötig – um der Treue zu unserem Charisma willen im Dienst unserer Sendung zu einer Änderung bereit ist. Neustrukturierung besteht im Wesentlichen darin, dass wir neue Wege finden, uns selbst durch neue Strukturen zu organisieren, um mit größerer Treue dem Charisma der Kongregation entsprechen zu können. Sie macht eine neue Sensibilität gegenüber den heutigen Herausforderungen erforderlich. Sie ruft nach einer neuen Mentalität, einem Weg, das Evangelium neu zu verkündigen, und einen neuen Weg, Zeugnis für die „copiosa redemptio“ abzulegen. Es liegt auf der Hand, dass wir dabei bedenken, dass in diesem Prozess der Geist der Brüderlichkeit unsere Strukturen charakterisieren muss, dass unsere Strukturen Orte brüderlichen Zusammenlebens sein müssen statt bloße Unterkunftsstätten. Wir müssen die Beziehungen zueinander und die Art und Weise, wie unsere Kommunitäten geführt werden, überprüfen. Wir müssen wiederum die anthropologischen Grundlagen für unsere Strukturen, die im Dienst der Person und ihrer Berufung stehen sollen, prüfen. Auf jeden Fall können wir die Neustrukturierung nicht anders begreifen als einen wichtigen Erkenntnisprozess, der eine Haltung der Umkehr und eine aufrichtige Suche nach dem Willen Gottes bedeutet.

32.        Die Neustrukturierung kann nicht einfach ein Reagieren auf die Situationen sein, denen wir uns gegenübersehen, insbesondere da manche Situationen uns zu Augenblickslösungen oder vorschnellen Reaktionen verleiten. Der Prozess der Neustrukturierung erfordert eine proaktive Einstellung. Es hat keinen Sinn, die Neustrukturierung bloß als eine administrative Maßnahme zu betrachten. Ihre Dringlichkeit steht in keinem Zusammenhang mit der zurückgegangenen Zahl der Berufe oder der Ungewissheit der Zukunft. Auch steckt nicht dahinter, dass in einigen Regionen die Zahl der Redemptoristen abnimmt und in anderen aber zunimmt. Die Neustrukturierung ist keine Lösung für Einheiten, die in ihrer Selbsteinschätzung vom Aussterben bedroht sind. Sie ist auch nicht die Entscheidung, vorhandene Strukturen ohne jede Beziehung zur Sendung der Kongregation einfach weiterbestehen zu lassen. Die Neustrukturierung ist nicht dazu bestimmt, ein Haus oder eine Tätigkeit, an der wir besonders hängen, zu retten, indem wir eine andere Einheit ersuchen, Mitbrüder zur Unterstützung zu senden. Sie ist auch kein Gegenmittel gegen unsere Ängste oder eine Anpassungsstrategie, damit wir es bequemer haben. Sie ist auch nicht einfach eine Neuverteilung der Mitbrüder und der Mitarbeiter.

33.        Die Neustrukturierung gibt der Kongregation die Möglichkeit, sich den Herausforderungen der heutigen Welt besser zu stellen. Um diesen Prozess aufzunehmen, müssen wir uns ernsthaft fragen, ob die gegenwärtigen Strukturen wirksame und leistungsfähige Mittel im Dienst an unserer Sendung als Redemptoristen sind. Wie funktionieren diese Strukturen? Helfen sie uns wirklich, unser Charisma zu erfüllen und auf die pastoralen Notstände der heutigen Welt zu reagieren? Was sind diese pastoralen Notstände, auf die zu reagieren wir als Kongregation berufen sind? Welche Strukturen dienen besser dazu, auf diese Notstände zu reagieren? Welche Kriterien wenden wir bei der Beurteilung unseres Engagements für die Armen und Verlassensten an? Was hilft uns, die echten pastoralen Notstände zu erkennen?

34.        Wenn diese Fragen abstrakt und lebensfern scheinen, bieten wir einige Beispiele als Hilfe zum Verständnis der Dringlichkeit des Prozesses der Neustrukturierung an. Betrachten wir die erste Ausbildung, die eine der höchsten Prioritäten der Generalleitung und der ganzen Kongregation ist. Die neueste Ratio Formationis CSSR wendet ein Prinzip richtig an, das schon in unseren Konstitutionen steht, und unterstreicht den Wert der Zusammenarbeit zwischen den (Vize)Provinzen, [26] um die erforderliche Qualität der Ausbildung zu sichern: „...wenn eine Einheit nicht das nötige Personal zur Errichtung von Ausbildungskommunitäten hat, oder keine geeigneten Strukturen hat, um eine angemessene Ausbildung mit allen wesentlichen Elementen zu gewährleisten, möge sie die anderen Einheiten in der Region um Hilfe bitten.“ [27] Wie können wir diesen wichtigen Punkt bei der Neustrukturierung berücksichtigen?

35.        Denken wir auch an die neuen Szenarien die durch die Migrationen hervorgerufen werden. Immer mehr ethnische Gruppen aus dem Süden oder Osten kommen in Länder des Nordens und des Westens. Für sie herrscht ein großer Bedarf an seelsorglicher Betreuung. Denken wir auch an die gegenwärtige Situation in Afrika, dessen Menschen nicht nur sozialwirtschaftlich gesehen Verlassene sind, sondern auch für die Kirche und für die Redemptoristen. Einige unserer Einheiten, die in der Vergangenheit hochherzig in Afrika gearbeitet haben, sind an ihre Grenzen gestoßen oder müssen sich von ihrem früheren Engagement zurückziehen. Sind diese Situationen nicht ein Schrei nach Erlösung, der an uns gerichtet ist? Wie zeigen wir uns als Erben der Hochherzigkeit und Kreativität der Redemptoristen vergangener Jahrhunderte?

36.        Was noch wichtiger ist: in der nördlichen Hemisphäre gibt es Einheiten, die jahrelang keine Kandidaten gehabt oder aufgenommen haben. Und selbst in (Vize)Provinzen, die Neuzugänge haben, geht die Gesamtzahl weiter zurück. Manche haben sich damit abgefunden, dass sie aussterben werden. Andere interpretieren ihre Situation als Zeichen für das Aussterben der Kongregation bzw. des Ordenslebens in ihrer Region. Besteht die Gefahr, dass wir uns an dieses Gefühl des Scheiterns anpassen und folgern, dass die Sendung der Redemptoristen in reichen Ländern unmöglich ist? Fordert das alles uns nicht heraus, neue Wege der Präsenz und Verkündigung zu suchen?

37.        Als letztes Beispiel seien noch die wirtschaftlichen Ungleichheiten in den 77 Ländern genannt, in denen die Kongregation heute ihre Sendung erfüllt. Es gibt Einheiten, die keine wirtschaftlichen Probleme haben, während andere neue Kandidaten abweisen müssen, weil sie nicht die nötigen Ressourcen haben. Ist diese Situation nicht ein Appell an uns, neue Strukturen zum Teilen und zur Förderung einer wirksameren und nachhaltigeren Solidarität unter uns zu schaffen?

Einige Kriterien für die Neustrukturierung

38.        Es scheint von entscheidender Bedeutung zu sein, dass die Kriterien zur Beurteilung unserer Treue zu unserem Charisma mit größtmöglicher Klarheit festgelegt werden. Diese Treue ist nicht an unseren Talenten, unseren Interessen oder unserer Eignung für diese oder jene Art der Tätigkeit zu messen. Sie ist nicht der persönliche oder gemeinsame Erfolg oder die Großartigkeit dessen, was wir tun. Noch weniger aber ist sie eine Frage persönlicher Vorlieben oder von Tätigkeiten, die für die Gemeinschaft am bequemsten sind. Ihr Kriterium ist die Nachfolge Christi in der Evangelisierung der Armen und Verlassensten. Daher fragen wir uns selbst: sind wir dort, wo wir sein müssen? Sind wir dort, wo die größten pastoralen Notstände sind?

39.        Ferner ist es äußerst wichtig, uns zu fragen: was bedeutet die Neustrukturierung konkret für jede Einheit und jede Region der Kongregation? Welche Art Strukturen begünstigt ein besseres Verhältnis zwischen der Generalleitung und den Einheiten der Kongregation? Ist es notwendig, neue Zwischenstrukturen zwischen den (Vize)Provinzen und der Generalleitung zu schaffen?

40.        Wir wissen, dass wir eine Menge Fragen stellen, aber wir sind auch davon überzeugt, dass alle Redemptoristen über die einzelnen Stufen dieses Prozesses nachdenken sollten: jede Einheit, jede Region und die ganze Kongregation. Die Neustrukturierung ist das Ergebnis eines Umdenkprozesses und der konkrete Ausdruck des Umdenkens der Gemeinschaft, aber sie ist auch ein Weg zur Umkehr. Dieser Prozess kann nicht von außen aufgezwungen werden. Er muss aus missionarischer Hingabe kommen, aus einer neuen Art und Weise, die Liebe Christi zu bezeugen.

41.        Das letzte Generalkapitel stellte fest: „Das allgemeine Ziel dieser Neustrukturierung besteht darin, die apostolische Dynamik der Kongregation zur Erfüllung ihrer Sendung positiv zu lenken. Die Kongregation existiert um ihrer Sendung willen und sollte ihre Strukturen entsprechend anpassen.“ [28] Mit dieser Neustrukturierung bemühen wir uns um „ein wirksameres Funktionieren der Strukturen des Generalates, der (Vize)Provinzen und der Regionen; eine größere Solidarität in der Aus- und Weiterbildung; einen wirksameren Austausch von Mitbrüdern unter den Einheiten der Kongregation, um den neuen Herausforderungen für unsere Sendung zu begegnen; eine größere Koordination der Geldmittel und eine größere Ungezwungenheit im Umgang mit Provinzen, die von Krisen welcher Art auch immer bedroht sind.“ [29] Andere Vorschläge, die vor und während des Kapitels gemacht wurden, werden zu gegebener Zeit behandelt werden, z.B. neue Kriterien für die Vertretung beim Generalkapitel, die Zahl der Generalkonsultoren und in welchem Verhältnis sie zu den Regionen stehen, eine neue Einteilung der Regionen, usw.

Eine tiefer gehende Änderung

42.        Die Neustrukturierung verlangt klar und deutlich eine Änderung unserer Mentalität, unserer Einstellungen und unserer Maßstäbe. Wir können uns nicht ewig an die gegenwärtigen Strukturen klammern. Die Kongregation existierte jahrelang ohne Provinzstrukturen. Im ersten Jahrhundert unserer Geschichte wurden große Anstrengungen unternommen, internationale Kommunitäten zu bilden. Später wurden Provinzen errichtet, deren Zahl rasch wuchs. Vizeprovinzen und Missionen wurden errichtet als Frucht des missionarischen Geistes der Provinzen. In den vergangenen Jahren haben wir auf den verschiedenen Erdteilen Regionen errichtet als eine Art Zwischenstruktur zwischen der Generalleitung und den (Vize)Provinzen. Wir dürfen nicht einem engstirnigen Provinzialismus erliegen. Wir dürfen in der Kongregation nicht einfach ein Bündnis von Provinzen sehen. Die Redemptoristen bilden eine große internationale Gemeinschaft von Missionaren, deren Ziel es ist, „das Beispiel unseres Erlösers Jesus Christus weiterzuführen, indem sie den Armen das Evangelium verkündet, wie er von sich selbst gesagt hat: den Armen die Frohe Botschaft zu bringen hat er mich gesandt.“ [...] Sie sind eine Gemeinschaft, „die ihren Auftrag erfüllt, indem sie sich, von missionarischer Unruhe gedrängt, den pastoralen Notständen zuwendet, und den verlassensten Menschen, besonders den Armen, das Evangelium verkündet.“ [30]

43.        Es liegt auf der Hand, dass alles Neue, dass jede Aufforderung zu einer Änderung, in uns eine gewisse Furcht und Unsicherheit erzeugt. Es ist sicher viel leichter, mit den alten Gewohnheiten zu leben. Wir haben eine natürliche Neigung, uns davor zu drücken, eine Mentalität oder eine Lebensweise zu hinterfragen, mit der wir es uns im Lauf der Jahre bequem eingerichtet haben. Wir sollten unsere Ängste weder verleugnen noch uns von ihnen lähmen lassen. Wir sind aufgerufen, mit Vertrauen und Hoffnung einen Dialog zu führen. Die Einladung, über die Neustrukturierung nachzudenken, ist eigentlich ein Aufruf zur Umkehr zur Erlösung in Fülle. Sie ist ein Weg, in der Solidarität innerhalb der Kongregation zu wachsen, um eine nach außen gerichtete Solidarität in der apostolischen Liebe zu zeigen, und solcherart Zeugen für die Liebe Gottes und die Erlösung in Fülle zu sein.

Ein Prozess, der uns alle involviert

44.        Wir sind davon überzeugt, dass die ganze Kongregation, nämlich jede Region, jede Provinz und Vizeprovinz und jede Kommunität diesen Prozess der Neustrukturierung in die Wege leiten soll. In vielen Fällen ist dies eine Frage der Anerkennung der noch immer geltenden Strukturen und der Umsetzung jener von den Konstitutionen und Statuten bereits vorgesehenen aber oft nicht durchgeführten Entscheidungsprozesse in die Praxis (z.B. das Subsidiaritätsprinzip, die Überprüfung des Lebens, die mehr ist als einfach nur eine Planungsübung usw.). Weiters müssen wir Wege finden, die neuen Herausforderungen zu erkennen, und dann die Schritte festlegen, die bei dieser persönlichen und gemeinsamen Umkehr zu setzen sind. Jede Region soll einen Vorgang zur Feststellung der größten pastoralen Notstände und der Hindernisse für eine prompte und hochherzige Antwort auf diese Herausforderungen festlegen.

45.        Der Prozess der Neustrukturierung soll gleichzeitig global und lokal sein. Während des Nachdenkprozesses sollten wir genau auf globale Kriterien achten und die gewaltigen Veränderungen auf der Welt in Betracht ziehen, um eine weltweite Antwort für die Zukunft zu entwerfen. Unsere Sendung als Redemptoristen muss jedoch immer inkulturiert werden, wobei sie die örtliche Situation erkennt und ganz bewusst in Übereinstimmung mit den Konstitutionen 8f, 17, und 19 handelt. In gleicher Weise darf uns die Suche nach Notständen auf globaler Ebene nicht dazu verleiten, die Verpflichtung zur Suche nach den pastoralen Notständen auf regionaler Ebene zu vernachlässigen.

46.        Eine Änderung der Mentalität braucht Zeit, doch glauben wir, dass einige Anläufe dazu schon gemacht wurden. Wir bitten jeden, den Richtlinien des XXIII. Generalkapitels zu folgen. Wir sind aufgerufen, die Strukturen der ersten Ausbildung und des Gemeinschaftslebens neu zu überdenken. Wir müssen bereit sein, die gebräuchlichsten Sprachen in der Kongregation zu lernen. Wir sind dringend gebeten, in der Solidarität zu wachsen und uns ernsthaft zu bemühen, internationale Kommunitäten zu errichten; jede Region sollte versuchen, während dieses Sexenniums wenigstens eine derartige Kommunität zu gründen. Es gibt gewiss einen Weg, mit der Entwicklung wirtschaftlicher Solidarität zu beginnen. Redemptoristen sollten für pastorale Aufgaben auf internationaler Ebene zur Verfügung stehen, ohne notwendigerweise auf bilaterale Exklusivvereinbarungen zwischen den Einheiten zurückgreifen zu müssen. Wir sind dringend aufgerufen, wirklich global zu denken, indem wir unsere Ressourcen in den Dienst einer internationalen Zusammenarbeit stellen, die einer umfassenden Vision entspringt. Wir schlagen keinen neuen Zentralismus vor und wir sollten sehr darauf achten, nicht in eine extreme Dezentralisierung zu fallen, die zu einer Zersplitterung führt. Wir schlagen einen Weg des Teilens, des Dialogs, der Solidarität, der inkulturierten Evangelisierung und des befreienden prophetischen Zeugnissses der Gemeinschaft vor, ohne zu vergessen, dass unsere gegenwärtige Einheit in der Vielfalt bereits ein wichtiges Zeugnis vor den Augen der Welt ist.

Die Vorgangsweise beim Prozess der Neustrukturierung

47.        Das Generalkapitel hat uns den Weg gezeigt. Es sagt, dass „der Generalrat eine Kommission aufstellen wird, die Modelle und Strategien anbieten wird, um die gegenwärtigen Strukturen der Kongregation zu verbessern.“ [31] Das Kapitel nannte auch einige Kriterien für die Arbeit dieser Kommission: wie sie gebildet werden soll; dass sie in einem ständigen Dialog und einer engen Zusammenarbeit mit der Generalleitung stehen muss; dass die Mitbrüder und andere Kongregationen zu Rate gezogen werden sollen, um aus ihren Erfahrungen zu lernen; dass Berichte vorzulegen sind und dass es möglich ist, neue Strukturen „ad experimentum“ einzuführen, selbst wenn die Kommission noch bei der Arbeit ist. [32]

48.        Viele Einzelheiten müssen noch geklärt werden, z.B. die genauen Verpflichtungen der Kommission und ihr Verhältnis zu den zukünftigen Vertretern des Generalsuperiors für die Regionen und Subregionen. [33] Die verschiedenen Kompetenzen und besonderen Fristen im Prozess der Neustrukturierung sowie die Strategien für die Beteiligung der verschiedenen Regionen müssen noch festgelegt werden. Wir setzen unsere Überlegungen dieser konkreten Einzelheiten noch fort und hoffen, unsere Fortschritte bis Juli 2004 mitteilen zu können.

49.        Angesichts einer bevorstehenden Herausforderung wie der Neustrukturierung besteht immer die Gefahr, dass man davor zurückschreckt, ganz zu schweigen davon, dass offener Widerstand gegen eine Änderung geleistet wird. Da ist es gut, daran zu denken, dass die erste „Neustrukturierung“ die Erlösung selbst ist, und dass Christus selbst an unserem Prozess teilnimmt. Er schweißt uns zu einer Familie zusammen und gibt, dass der Sinn unserer Strukturen die Erlösung ist. Zusammen mit ihm werden wir vertrauensvoller zu den neuen Horizonten blicken können, die die Geschichte vor uns auftut, und bestimmen können, auf welcher Straße wir weitergehen wollen. Mit ihm und durch ihn werden wir auch unser Leben geben können, damit die Welt das Leben hat und es in Fülle hat (Joh 10,10).

SCHLUSS

50.        Wir wiederholen unsere herzlichsten Grüße und richten sie auch an unsere Schwestern im Orden der Redemptoristinnen, an alle Ordensleute, die unsere Spiritualität teilen, an die jungen Menschen, die sich in unser Institut berufen fühlen, an die Laien, die unsere engen Mitarbeiter in unserer Sendung sind, an das Volk Gottes und nicht zuletzt an die Armen und Verlassensten.


Im Namen des Generalrates
In Christus dem Erlöser


Joseph W. Tobin, C.Ss.R.
Generalsuperior

(Der Originaltext ist auf Italienisch.)


[1] XXIII. Generalkapitel 2003, Orientierungen, 7.3.

[2] Tobin, Joseph W., Generalsuperior, Brief an die Kongregation (Prot. 0000 010/04), 2. Februar 2004.

[3] Unter „Strukturen“ verstehen wir die allgemeine Organisation der Kongregation zur Durchführung ihrer Sendung und zur optimalen Koordination ihrer Ressourcen, hauptsächlich die Unterteilung in Provinzen, Vizeprovinzen, Regionen, Missionen usw. In einem weiteren Sinn meinen wir damit auch den größeren oder geringeren Grad an Dezentralisierung dieser Einheiten. Es scheint übrigens unbestritten, dass unsere Kongregation zu den dezentralisiertesten in der heutigen Kirche gehört, seitdem sie im Lauf ihrer Geschichte (insbesondere seit dem Vatikanum II) eine immer größere Autonomie in lokalen Angelegenheiten zuließ.