Communicanda IV - 1997-2003   

 

Ein Herz und eine Seele
(Apostelgeschichte 4, 32)
Eine Besinnung über Solidarität in der Kongregation


COMMUNICANDA 4
Prot. N°  0000 292/01
31. März 2002


Auferstehung des Herrn

Meine lieben Mitbrüder,

Mit Freude biete ich der Kongregation diese ersten Communicanda im neuen Jahrtausend und bitte Sie, mit mir ein Zeichen der Hoffnung zu betrachten, das ich in der Kongregation wahrnehme. Es gibt sicher viele Gründe, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen, aber in diesem Brief will ich zu Ihrer Überlegung nur einen in Betracht ziehen: ich stelle einen zunehmenden Geist der Solidarität in der Kongregation fest, das heißt zunehmende Einmütigkeit und Erstarken jener Verbundenheit, die unsere weltweite redemptoristische Familie zusammenhält und uns zu effizienterem missionarischem Wirken führt.

Warum schreibe ich diesen Brief?

Diese Solidarität ist zugleich Frucht der Erneuerung der Kongregation, die in den letzten vierzig Jahren stattfand, und Auswirkung der global wirkenden Faktoren, die unsere Welt prägen. Ich glaube, wir müssen die positiven Entwicklungen in unserer Kongregation anerkennen und zugleich in die Zukunft schauen im Bemühen, Gottes Willen für unser Institut wahrzunehmen.

Ferner ist eine Besinnung über Solidarität naheliegend, wenn wir uns weiter auf das Thema des Sexenniums einlassen. Unsere Spiritualität hilft uns zu antworten auf grundsätzliche und aufrüttelnde Fragen: „Wer sind wir? Warum sind wir da? Wie müssen wir leben?“ (Communicanda 2. Januar 1999, Nr. 8). So glaube ich, dass eine Betrachtung über Solidarität uns nachsinnen lässt, wie wir in der Kongregation zueinander stehen und wie wir auf die Verhältnisse in der Welt reagieren. Fragen wie „Sind wir dazu berufen, eine internationale Kongregation zu sein oder ein Bund von (Vize)Provinzen?“ oder „Fühlen wir uns wohl in einem globalen Witschaftssystem, das wählerisch ist und diskriminierend wirkt in unserer Welt?“ sind beides spirituelle Fragen. Sie lassen uns darüber nachdenken, wer wir sind, was wir schätzen und wie wir leben sollten.

Schließlich sehe ich diesen Brief im Zusammenhang mit einem wichtigen Vorhaben, das bereits im Gang ist, nämlich die Vorbereitung des nächsten Generalkapitels. Ich hoffe, dass diese Communicanda die Kongregation sinnend vorbereiten auf einen außerordentlichen Anlass der Solidarität: das XXIII. Generalkapitel, das im Jahr 2003 stattfindet.

Wie kam es zu diesem Text?

Die Regionalversammlungen zur Halbzeit des Sexenniums

Lassen Sie mich kurz erzählen, wie dieser Brief entstand. Im Jahr 1999 plante der Generalrat die sechs Regionalversammlungen, die zur Halbzeit des Sexenniums stattfinden sollten. In der Zeitspanne vom 1. Januar 2000 bis zum 1. Januar 2001 versammelten sich in jeder Region die höheren Oberen mit Vertretern des Generalrates, zuerst in Madagaskar, dann in den Vereinigten Staaten, Brasilien, auf den Philippinen, in Italien und Polen.

Der Generalrat bat die Höheren Oberen, an jeder Versammlung die gleichen Anliegen zu behandeln gemäß der Empfehlung des letzten Generalkapitels, nämlich die Spiritualität als Thema des Sexenniums, die Berufung der Brüder in der Kongregation und Fragen, die sich auf die Vorbereitung des kommenden Generalkapitels bezogen. Es wurde auch Zeit geboten für Belange der jeweiligen Region.

Dazu brachte ich die Solidarität als besonderes Zeichen der Hoffnung, das ich in der Kongregation sehe, zur Diskussion und besprach dieses „Zeichen der Zeit“ mit den Höheren Oberen. Schon damals nahm ich in Aussicht, die Botschaft als Communicanda zu veröffentlichen, um alle Mitbrüder in diese Überlegungen einzubeziehen. Derselbe Entwurf wurde an jeder der sechs Regionalversammlungen vorgelegt, und die Höheren Oberen boten hilfreiche Vorschläge an. Mit Begeisterung verpflichteten sie sich zur weiteren Erwägung des Anliegens Solidarität und ermunterten zur Publikation von Communicanda darüber.

Überlegungen des Verbandes der Generaloberen

Gegen Ende des Jahres 2000 nahm ich mit anderen Generaloberen von Männerorden an einer Tagung teil, die sich mit der Zukunft des Ordenslebens in einer globalisierten Welt befasste. Es war die halbjährliche Versammlung des Verbandes der Generaloberen (vom 22. bis 25. November 2000), an der wir ein Arbeitspapier erwogen, das von der internationalen Theologenkommission des Verbandes ausgearbeitet worden war. Auf den ersten Blick hatte man den Eindruck, man brauche ein theologisches Wörterbuch um es zu verstehen. Unter dem Titel „Im Strom der Globalisierung in Richtung einer multizentrierten und interkulturellen Kommunikation. Ekklesiologische Implikationen für die Verwaltung unserer Institute“ (herausgegeben am 8. Dezember 2000) bringt es das Ergebnis eines über drei Jahre dauernden Gesprächs zwischen Theologen und Generaloberen über das rasant ändernde Umfeld, worin das Ordensleben sich heute befindet. Das Schreiben zeigt eine Perspektive, die Fragen wie die Inkulturation des Charismas und die Dezentralisierung vor dem Hintergrund neuer soziologischer, kultureller und wirtschaftlicher Phänomene situiert. Schließlich war ich durch die Diskussion überzeugt, dass die meisten der Leiter internationaler Odernsgemeinschafteneinen Wege suchen in die Richtung: „mit Blick auf die Welt denken und am Ort handeln„.

Die Welt im Jahr 2002

Die Nachrichten von rund um die Welt lassen uns ahnen, wie eng die Menchen hier auf Erden miteinander in ganz neuen Beziehungen verbunden sind. Kein Staat, mag einer noch so reich oder mächtig sein, kann in selbstherrlichem Alleingang friedlich dahinleben. Der Wohlstand eines Landes kann auf Kosten vieler anderer aufgebaut werden. Beschlüsse, die von einer Nation gefasst oder ignoriert werden, können sich verheerend auswirken in entfernten Ländern. Die Konsequenzen können schrecklich sein, wenn es uns nicht gelingt, weltweite Solidarität unter den Erdenbürgern walten zu lassen.

Ein Grund zur Hoffnung

Zwei Jahre sind verflossen, seitdem der erste Entwurf dieses Briefes an der esten Regionalversammlung im Januar 2000 besprochen wurde. Seither ist vieles passiert, und manches könnte in uns wirklich Zweifel und düsteres Vorgefühl aufkommen lassen über unsere Aussichten als Missionare und als Bürger dieser Welt. Doch das zentrale Anliegen dieser Botschaft bleibt die Hoffnung und das Bestreben, die Hoffnung, die wir in uns tragen, zu begründen – kein leichtes Unterfangen, wie wir schon in den ersten Communicanda dieses Sexenniums bemerkten (Communicanda 1, 25. Februar 1998, Nr. 7). Wieso dürfen wir hoffen? Mit dem Völkerapostel arbeiten und kämpfen die Redemptoristen weiter, weil unsere Hoffnungen sich auf den lebendigen Gott stützen. Er ist der Retter für alle Menschen, vor allem für die Gläubigen (1 Tim. 4,10). Der Grund, warum wir vor Schwierigkeiten und Enttäuschungen nicht zurückschrecken, liegt darin, dass wir fest verwurzelt sind in der Überzeugung, dass uns ein Auftrag gegeben worden ist, und dass der Geber zuverlässig ist: Gott, der sich in Christus mit uns für immer verbunden hat. Kann es eine Tat der Solidarität geben, die stärker ist als unsere Erlösung?

Indem wir den besonderen Auftrag, der unserer Kongregation gegeben ist, deutlicher wahrnehmen, wächst auch die Bereitschaft vieler Mitbrüder, miteinander zusammenzuarbeiten. Diese Bereitschaft überträgt sich auf eine Lebensweise, die man Solidarität nennen kann: eine Verbindung von Zielsetzung und Freundschaft innerhalb der weltweiten redemptoristischen Familie, die das missionarische Wirken effizienter macht. Wie sehe ich unter uns diesen Geist am Werk?

Zeichen von Solidarität

Die meisten Redemptoristen wollen vernehmen, wie es unserer Kongregation in den verschiedenen Ländern, wo wir leben und arbeiten, geht. Die Mitglieder des Generalrates sind sich einig, dass es bei Visitationen in jeder Kommunität zu einem Höhepunkt kommt, wenn wir über die heutige Lage unserer weltweiten Mission sprechen. Fast ohne Ausnahme verlangen die Mitbrüder nach treffenden Schilderungen der Licht- und Schattenseiten der Kongregation heute. Solche Information wird auch auf anderen Wegen vermittelt: internationale Tagungen, Nachrichtenblätter, die unser Büro für Kommunikation herausgibt, vermehrtes Reisen von Provinz zu Provinz sowie Austausch über Internet. Alldas erhöht das Wissen um die Kämpfe, die von Mitbrüdern unter ganz anderen Voraussetzungen geführt werden, und behebt die scheinbare Gleichgültigkeit oder Teilnahmslosigkeit, die manchmal zwischen Provinzen und Regionen vor allem deshalb herrschte, weil wir Redemptoristen einfach weniger von einander wussten.

Solidarität ist mehr als bloß Interesse und Kenntnis von der Lage anderer. Verständnis muss sich in Taten umsetzen. Mit Freude kann ich auf „Fakten“ unserer brüderlichen Verbundenheit auf internationaler Ebene hinweisen. Es lohnt sich zur Kenntnis zu nehmen, dass viele von den neuesten Missionen ad gentes Projekte sind, die mit der Unterstützung mehrer Einheiten der Kongregation zustande kamen. Unsere missionarische Präsenz in Nigeria, Sibirien, Korea und Bolivien sind Beispiele solcher Zusammenarbeit. Als ich 1999 Korea visitierte, wies der Erzbischof von Seoul darauf hin, dass die Attraktivität der Redemptoristen für neue Berufe darin liegt, dass sie den Eindruck von einer Gemeinschaft mit “internationalem Gepräge“ wecken, das heißt einer Gemeinschaft von Brüdern aus verschiedenen Ländern und Kulturen, aber in gegenseitiger Liebe und missionarischem Eifer miteinander verbunden. Die Mission in Korea begann als Ausdruck der Solidarität der Provinzen von Asien und Ozeanien, von denen mehrere mit Finanzierung und Personal es ermöglichten, dass unser Charisma in diesem Land sich entfalte. Es freut mich, dass dieser Gründergeist weiterlebt. Heute arbeiten Redemptoristen aus Korea, Thailand und den Philippinen miteinander und geben so ein starkes Zeugnis von brüderlicher Verbundenheit vor der Bevölkerung Koreas.

Selbstverständlich besteht in vielen anderen Einheiten eine lange Tradition von Redemptoristen verschiedener Nationalität, die den Sinn für Gemeinschaft unter den Völkern, Rassen und Kulturen bezeugen in einer Zeit, die von der weltweiten Ausdehnung der Probleme und zugleich vom Rückfall in die Idole des Nationalismus, Rassenhasses und Fremdenhasses gekennzeichnet ist (vgl. Vita Consecrata 51). Unter den vielen Ordensfamilien in der Kirche kann diese Art Zeugnis bestens von internationalen Kongregationen wie die unsrige abgegeben werden.

Neue Erfahrungen von Solidarität hat man in den letzten Jahren auch in der Ausbildung von Redemptoristen gemacht. Solche Zusammenarbeit bewährte sich auf dem Gebiet der ersten Ausbildung und im gemeinsamen Gestalten von Weiterbildungskursen. Einige Einheiten arbeiten zusammen auf einer bestimmten Stufe der Ausbildung zum Beispiel in einem gemeinsamen Noviziat, während andere in ihre eigenen Kurse Kandidaten aus anderen (Vize)Provinzen aufnehmen. Auch einige Regionen bieten Kurse für die Weiterbildung von Redemptoristen an.

Es gibt Provinzen, die bereit sind, ihre zahlreichen jungen Mitglieder mit alternden Provinzen zu teilen, um die Arbeit zu gewährleisten und ganz neue Initiativen zu ermöglichen. Es gibt auch immer mehr Finanzhilfe unter Redemptoristen. Zwar besteht kein Zweifel über die dramatischen Unterschiede im Lebensstandard innerhalb der Kongregation, aber wir dürfen die lobenswerte Großzügigkeit von vielen wohlhabenden Provinzen nicht übersehen. Manche von solchen Einheiten tätigen regelmäßige Überweisungen an den Solidaritätsfonds und unterstützen lautlos Mitbrüder in fernen Ländern. Sooft der Generalrat diese Einheiten bat, einer Provinz oder Vizeprovinz in Finanznot zu helfen, erhielt er fast immer positive und großzügige Antwort. Viele (Vize)Provinzen haben hilfreich beigesteuert zur Verwirklichung von Vorhaben wie die Umbauten im Generalat und in der Alfonsianischen Akademie sowie zur Vergrößerung des Vermögens der Generalleitung (vgl. XXII. Generalkapitel, Postulat 9,5). Doch suchen wir immer noch ein effizientes Vorgehen, um die sogenannte, vom Generalkapitel geforderte „Solidarität durch Entwicklungshilfe“ in Taten umzusetzen (vgl. Postulat 9.7).

Triptychon aus der Apostelgeschichte

Das Wort Gottes zeigt uns, dass Solidarität ein Wesenszug des apostolischen Lebens ist. Darüber finden wir in der Apostelgeschichte eine ausgiebige Quelle für Überlegungen, namentlich dort, wo die apostolische Gemeinschaft beschrieben ist. Lassen Sie mich für unsere Betrachtung drei Szenen herausgreifen als eine Art Triptychon oder Flügelaltar. Links die Apostel mit Maria im Gebet (Apg. 1, 2-14), in der Mitte die Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten (2, 1 ff) und schließlich auf dem Flügel rechts die Darstellung des Gemeinschaftslebens der ersten Christen (4, 32-35). Was können wir diesen drei Bildern entnehmen?

Solidarität im Gebet

Der erste Flügel zeigt die Bedeutung des Gebetes in der apostolischen Gemeinschaft. Die Mission, der sich die Apostel widmen werden, ist nicht ihr eigenes Werk; darum sagt Jesus zu ihnen: „Wenn der Heilige Geist auf euch niederkommt, werdet ihr Kraft empfangen und meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria, ja, bis an die Grenzen der Erde“ (Apg. 1, 8). Von Anfang an ist die Mission der Apostel international und multikulturell. Die Mission ist größer als sie, und so müssen sie warten auf die Ankunft des Heiligen Geistes, das Geschenk des Auferstandenen Herrn, der ihnen Kraft gibt und sie „in alle Wahrheit einführt“ (vgl. Joh. 16, 13). Zusammen mit der Mutter des Herrn und anderen Frauen „verharren sie im Gebet“ (Apg. 1, 14).

Das erste Erleben von Solidarität unter den Jüngern ist Gebet. Kann man sich eine echte apostolische Gemeinschaft vorstellen, wo das Gebet fehlt oder bloße Routine ist? Ohne Verharren im Gebet riskieren wir, dass die Mission sich auf Bissen reduziert, die ausschließlich dem entsprechen, was wir gern tun möchten oder was wir vermeintlich mit eigener Kraft zu leisten vermögen. Wie stark stützen wir uns auf die Gabe des Heiligen Geistes, um zu erkennen, wo wir für den Auferstandenen Herrn Zeugnis geben sollen, und im Stand zu sein, unseren Missionsauftrag zu erfüllen? Begleitet uns Maria in unserem Gebet? Ist unser Gemeinschaftsgebet offen genug, um andere Jünger, unsere Mitarbeiter, einzuschließen?

Solidarität in der Mission

Das mittlere Bild des Triptychons schildert das Pfingstereignis, als das Feuer und Wehen des Heiligen Geistes die schüchternen Jünger aus der Geborgenheit des Abendmahlssaals hinaustreibt auf weltweite Mission. Die Apostel sprechen eine Sprache, die jedermann versteht, und von Anbeginn ist es klar, dass die Kirche nicht Angelegenheit einer einzigen Rasse oder Nation ist. Vielmehr „globalisiert“ der Heilige Geist die Verkündigung und macht die Erlösung allen Menschen zugänglich.

Ein weiter Fächer von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen bestimmt die wirkliche Situation der Kongregation heute. Ist es nun sinnvoll, mitten in solcher Vielfalt eine Art redemptoristische „Kultur“ anzustreben? – Ich denke, dass das möglich ist, und dass in der Tat im Leben der Redemptoristen auf der ganzen Welt gemeinsame Grundzüge zu erkennen sind.

Im letzten Sexennium hob Pater Lasso in seinen zweiten Communicanda Einheit in der Vielfalt (14. Januar 1994) einige dieser Eigenschaften hervor. Ursprung der Einheit ist der Heilige Geist. Dieser Geist verbindet die vielen Menschen, die am Pfingsttag die Frohe Botschaft hören (Apg. 2, 7-12). Der Bericht sagt nicht, dass diese Menschen im Moment der Taufe ihre eigene Kultur aufgaben. Vielmehr offenbaren die verschiedenen Rassen und Sprachen der ersten Christengemeinden eine verbindende Kraft, die sie zusammenhält und bereichert: den Heiligen Geist. Dieser Geist hilft auch unserer Kongregation „ein Herz und eine Seele zu sein“.

Solidarität in allem, was sie besitzen

Der dritte Flügel des Triptychons beschreibt das friedliche Leben der ersten Christengemeinde, wo alle Mitglieder ihren Besitz miteinander teilen; sie halten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. Wir müssen allerdings zugeben, dass die Schilderung der wunderbaren Einheit innerhalb der Christengemeinde ein Lichtblick ist, neben dem es auch Schatten gibt. Die Apostelgeschichte ist ehrlich genug um zu berichten, dass es zu Spannungen kam zwischen Gruppen verschiedener Nationalität (vgl. Apg. 6, 1ff) und gar zu heftigem Streit (Apg. 15, 7). Auch Petrus und Paulus gerieten aneinander in Antiochia (Gal. 3, 11). Solche Auseinandersetzungen heben aber nicht die Tatsache auf, dass die Gemeinde eine auffallende Einigkeit genoss, die klar auf das Wirken des Heiligen Geistes zurückzuführen ist.

Die Christen der ersten Gemeinde konnten teilen, was sie besaßen, weil sie „ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32) waren. Sie wurden nicht gezwungen, großzügig zu sein, sondern waren es freiwillig aufgrund ihres gemeinsamen Ziels (eine Seele) und ihrer gegenseitigen Zuneigung (ein Herz). Diese Einigkeit als Werk des Heiligen Geistes führte zur Nächstenliebe, die für die Bedürfnisse der Gemeinschaft aufkam (Apg. 4, 34) Diese Solidarität ist nicht einfach ein Gebot. Die Apostel haben (im Abendmahlssaal) im Gebet verharrt, dann ist der Geist Gottes ausgegossen worden und führt sie zu ihrer Mission (Pfingsten). Ihre Gütergemeinschaft und sogar Lebensgemeinschaft ist die Antwort auf die Gaben des Geistes Gottes und eng mit dem Missionsauftrag verbunden.

Ist es nicht so, dass je mehr wir dem Geist Gottes erlauben, uns zu „einem Herzen und einer Seele“ zu machen, wir auch williger werden zu teilen, was wir haben. Trotz noch so unterschiedlichen kulturellen Verhältnissen, in denen die Kongregation sich heutzutage befindet, drängt der Geist sie zur Einheit. Die gemeinsame Berufung unser aller ist es, dem Beispiel Christi zu folgen im apostolischen Leben, das beides umfasst: sowohl das in besonderer Weise Gott geweihte Leben als auch das missionarische Wirken (Konstitution 1). Die Annahme dieses grundlegenden Prinzips der Einheit, dessen Werte in den übrigen Konstitutionen und den Statuten mit allen Nuancen entfaltet werden, ermöglicht echte Solidarität unter den Redemptoristen.

Anweisungen für die Zukunft

Die Ausgießung des Heiligen Geistes und die Predigt der Apostel reizte die Scharen in Jerusalem zur Frage: „Was sollen wir tun, Brüder?“ (Apg. 2,37). – Unsere rasant sich verändernde Welt, genau diese Welt, der wir das Evangelium zu verkünden haben, sollte auch uns dazu bringen, dass wir einander fragen: „Brüder, was sollen wir tun?“ Wenn die Antwort lautet: „Wir werden tun, was wir immer getan haben“, so irren wir uns auf tragische Weise.

Solidarität innerhalb der (Vize)Provinz

Weltweite Solidarität für die weltweite Mission ist zwar in der Kongregation gefragt. Aber als ich an den Regionalversammlungen von 2000-2001 den ersten Entwurf zu diesem Schreiben vorbrachte, bat mich eine ordentliche Anzahl von Höheren Oberen, ich solle die Solidarität nicht bloß weltweit sehen, denn innerhalb jeder (Vize)Provinz sollte Einmütigkeit in Herz und Geist das Leben der Redemptoristen auszeichnen. Leider gibt es Einheiten, in denen Gespräch und Abklärung nicht zum Leben der Kongregation gehören. In solchen Fällen fehlt gewöhnlich eine gemeinsame Vision für die Zukunft und der Sinn für Mitverantwortung, was wesentlich zur Leitung unserer Kongregation gehört (Konst. 92). Das Resultat ist Zersplitterung der (Vize)Provinz und zugleich Nachlassen des missionarischen Eifers. Ist es sinnvoll sich solidarisch zu fühlen mit Redemptoristen, die in anderen Provinzen arbeiten, wenn man kaum wirkliche Verantwortung für die Zukunft der eigenen Provinz empfindet?

Solidarität in der Ausbildung

Die Notwendigkeit, in der Ausbildung junger Redemptoristenmissionare zusammenzuarbeiten, wird immer deutlicher. Ich habe bereits erwähnt, wie solche Zusammenarbeit immer mehr zum Tragen kommt, indem mehrere Provinzen miteinander die Verantwortung über ein Studienhaus oder Kurse übernehmen. Ich glaube, wir sollten noch weiter gehen. Das letzte Generalkapitel verlangte, dass alles unternommen werde, damit die Verantwortlichen für die Ausbildung auf ihre Aufgabe entsprechend vorbereitet werden (Orientierungen 5,2), Kurse über unsere Geschichte und Spiritualität angeboten werden (ibidem 5,3) und darauf geachtet wird, dass der Übergang von der Phase der Ausbildung in eine andere apostolische Kommunität gelingt (ibidem 5,6). Die Regionen sollen Treffen der Verantwortlichen für die Ausbildung fördern und, wenn möglich, den Austausch von akademischen Lehrern pflegen (5,5). Solche Forderungen setzen vermehrte Zusammenarbeit zwischen den (Vize)Provinzen und die Unterstützung der Generalleitung voraus.

Auf dem Gebiet der Grundausbildung von Redemptoristen gibt es noch andere Anreize zur Solidarität. Zum Beispiel macht einigen wenigen (Vize)Provinzen die Überzahl an Anwärtern zu schaffen, während viele andere (Vize)-Provinzen zu wenig Kandidaten verzeichnen. Ich bin von beiden Situationen betroffen, am stärksten von der letzteren. Darf man weiterhin Ausbildungskurse durchführen, in denen nur wenig Kontakt mit gleichaltrigen Redemptoristen besteht? Wir dürfen auch die Lage von Einwanderern und Flüchtlingen nicht übersehen, die oft zu multikulturellen Verhältnissen und seelsorglichen Notstandsituationen führen. In einer Welt, wo je einer auf 45 Menschen ein Flüchtling oder Einwanderer ist, braucht es dringend Missionare, die mit den entsprechenden kulturellen Voraussetzungen diese Leute ansprechen können. Unsere Ausbildungspläne sollten auf diese neuen Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Ich glaube, die Kongregation hat bessere Aussichten, wenn sie neue Wege von Zusammenarbeit in der Ausbildung von Redemptoristenmissionaren einschlägt.

Die Strukturen der Kongregation

Ich glaube, dass der Missionsauftrag der Kongregation verlangt, dass wir neue internationale Strukturen schaffen. Das gegenwärtige System von Provinzen, Vizeprovinzen und Regionen hat zwar etwa 150 Jahre lang gute Dienste geleistet, aber ich frage mich, ob das auch in Zukunft richtig ist. Müssen wir nicht neue Formen der Leitung finden, die unsere Beweglichkeit und Flexibilität erhöhen? Es gibt heute in der Kongregation sicher Fälle, wo die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Struktur als Provinz oder Vizeprovinz einen zu hohen Aufwand an Personal und Mitteln erfordert. Können wir uns einen anderen, effizienteren Aufbau unserer Generalleitung im Dienst der Einheit und Vielfalt der Kongregation vorstellen? Braucht es über dem System unserer Provinzen noch eine intermediäre Instanz, die im selben geographischen Raum die Missionstätigkeit koordiniert? Gemeinsame Zielsetzung und Freundschaft mit den Redemptoristen jenseits unserer Provinzgrenzen werden uns helfen, neue Strukturen zu finden, die unsere Mission im einundzwanzigsten Jahrhundert tragen.

Schwerpunkte in Regionen

Die Einheiten einiger Regionen haben begonnen, über ihre eigenen Grenzen hinauszuschauen und sich einem spezifischen Apostolat zu widmen, das auf eine pastorale Notsituation eingeht und nur weitergeführt wird, wenn andere Provinzen mithelfen. Diese Einheiten haben begonnen, Schwerpunkte im Rahmen der Region zu setzen, welche zur Aufgabe der Mitbrüder einer Region geworden sind in einem Bereich, wo ursprünglich eine einzige Provinz engagiert war, oder in einem Projekt zusammenzuarbeiten, das für alle neu ist. Die führenden Kräfte in Nordamerika und Europa Nord sind bereits im Gespräch, um abzuklären, was machbar ist an gemeinsamen Schwerpunktprogrammen innerhalb ihrer jeweiligen Region.

Internationale Kommunitäten

Das letzte Generalkapitel unterstützte die Gründung von internationalen Kommunitäten im Dienst unserer apostolischen Gemeinschaft (Postulat 3,2). Obwohl das kein Patentrezept ist und keine generelle Lösung darstellt von Problemen wie alternde Provinzen, denen es an neuen Mitgliedern mangelt, bin ich fest überzeugt, dass internationale Kommunitäten ein starker Ausdruck unseres Charismas in einer globalisierten Welt sind. Sollten wir nicht nach neuen Formen von Solidarität, auch internationalen Kommunitäten, streben mit dem Ziel, den spanisch Sprechenden oder aus Asien Kommenden das Evangelium zu verkünden? Können wir versichern, dass unser Charisma zur neuen Evangelisierung Europas beitragen wird? Das Leben in einer internationalen Kommunität ist nicht immer einfach, aber es kann überaus bereichernd sein. Ich weiß es. Ich habe das Glück, in einer solchen Gemeinschaft zu leben.

Schlusswort

Die veränderte Situation der Kirche und der Kongregation veranlasst jeden Redemptoristen, über die Grenzen einzelner Einheiten hinauszuschauen und die weiteren Bedürfnisse unserer Mission ins Auge zu fassen. Meinesserachtens gibt es in der Kongregation bereits vielversprechende Beispiele von Solidarität, die das Fundament legen für künftige Anstrengungen. Unser Vertrauen beruht im Geist Christi, der uns rufen lässt Abba und uns weiterhin aussendet, die Frohe Botschaft zu verkünden, uns aber auch zeigt, was wir für einander zu tun haben in Erfüllung unseres Missionsauftrags.

Im Gedenken an Maria und die Apostel im Abendmahlssaal lade ich Sie ein, unsere Solidarität im Gebet zu vertiefen mit dem Vertrauen, dass der Herr uns noch mehr öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes, damit wir in Wort und Tat „ein Herz und eine Seele“ werden, um unsere Sendung zu efüllen.

Im Namen des Generalrates,

Joseph W. Tobin, C.Ss.R.
Generaloberer

Der ursprüngliche Text ist englisch.