Ein Herz und
eine Seele
(Apostelgeschichte
4, 32)
Eine Besinnung über Solidarität in der Kongregation
COMMUNICANDA 4
Prot. N° 0000 292/01
31. März 2002
Auferstehung des Herrn
Meine
lieben Mitbrüder,
Mit Freude biete ich der Kongregation
diese ersten Communicanda im neuen Jahrtausend
und bitte Sie, mit mir ein Zeichen der Hoffnung
zu betrachten, das ich in der Kongregation wahrnehme.
Es gibt sicher viele Gründe, mit Zuversicht
in die Zukunft zu schauen, aber in diesem Brief
will ich zu Ihrer Überlegung nur einen in Betracht
ziehen: ich stelle einen zunehmenden Geist der
Solidarität in der Kongregation fest, das heißt
zunehmende Einmütigkeit und Erstarken jener
Verbundenheit, die unsere weltweite redemptoristische
Familie zusammenhält und uns zu effizienterem
missionarischem Wirken führt.
Warum schreibe ich diesen Brief?
Diese Solidarität ist zugleich
Frucht der Erneuerung der Kongregation, die
in den letzten vierzig Jahren stattfand, und
Auswirkung der global wirkenden Faktoren, die
unsere Welt prägen. Ich glaube, wir müssen die
positiven Entwicklungen in unserer Kongregation
anerkennen und zugleich in die Zukunft schauen
im Bemühen, Gottes Willen für unser Institut
wahrzunehmen.
Ferner ist eine Besinnung
über Solidarität naheliegend, wenn wir uns weiter
auf das Thema des Sexenniums einlassen. Unsere
Spiritualität hilft uns zu antworten auf grundsätzliche
und aufrüttelnde Fragen: „Wer sind wir? Warum
sind wir da? Wie müssen wir leben?“ (Communicanda
2. Januar 1999, Nr. 8). So glaube ich, dass
eine Betrachtung über Solidarität uns nachsinnen
lässt, wie wir in der Kongregation zueinander
stehen und wie wir auf die Verhältnisse in der
Welt reagieren. Fragen wie „Sind wir dazu berufen,
eine internationale Kongregation zu sein oder
ein Bund von (Vize)Provinzen?“ oder „Fühlen
wir uns wohl in einem globalen Witschaftssystem,
das wählerisch ist und diskriminierend wirkt
in unserer Welt?“ sind beides spirituelle Fragen.
Sie lassen uns darüber nachdenken, wer wir sind,
was wir schätzen und wie wir leben sollten.
Schließlich sehe ich diesen
Brief im Zusammenhang mit einem wichtigen Vorhaben,
das bereits im Gang ist, nämlich die Vorbereitung
des nächsten Generalkapitels. Ich hoffe, dass
diese Communicanda die Kongregation sinnend
vorbereiten auf einen außerordentlichen Anlass
der Solidarität: das XXIII. Generalkapitel,
das im Jahr 2003 stattfindet.
Wie kam es zu diesem Text?
Die Regionalversammlungen zur Halbzeit des Sexenniums
Lassen Sie mich kurz erzählen,
wie dieser Brief entstand. Im Jahr 1999 plante
der Generalrat die sechs Regionalversammlungen,
die zur Halbzeit des Sexenniums stattfinden
sollten. In der Zeitspanne vom 1. Januar 2000
bis zum 1. Januar 2001 versammelten sich in
jeder Region die höheren Oberen mit Vertretern
des Generalrates, zuerst in Madagaskar, dann
in den Vereinigten Staaten, Brasilien, auf den
Philippinen, in Italien und Polen.
Der Generalrat bat die Höheren
Oberen, an jeder Versammlung die gleichen Anliegen
zu behandeln gemäß der Empfehlung des letzten
Generalkapitels, nämlich die Spiritualität als
Thema des Sexenniums, die Berufung der Brüder
in der Kongregation und Fragen, die sich auf
die Vorbereitung des kommenden Generalkapitels
bezogen. Es wurde auch Zeit geboten für Belange
der jeweiligen Region.
Dazu brachte ich die Solidarität
als besonderes Zeichen der Hoffnung, das ich
in der Kongregation sehe, zur Diskussion und
besprach dieses „Zeichen der Zeit“ mit den Höheren
Oberen. Schon damals nahm ich in Aussicht, die
Botschaft als Communicanda zu veröffentlichen,
um alle Mitbrüder in diese Überlegungen einzubeziehen.
Derselbe Entwurf wurde an jeder der sechs Regionalversammlungen
vorgelegt, und die Höheren Oberen boten hilfreiche
Vorschläge an. Mit Begeisterung verpflichteten
sie sich zur weiteren Erwägung des Anliegens
Solidarität und ermunterten zur Publikation
von Communicanda darüber.
Überlegungen des Verbandes der Generaloberen
Gegen Ende des Jahres 2000
nahm ich mit anderen Generaloberen von Männerorden
an einer Tagung teil, die sich mit der Zukunft
des Ordenslebens in einer globalisierten Welt
befasste. Es war die halbjährliche Versammlung
des Verbandes der Generaloberen (vom
22. bis 25. November 2000), an der wir ein Arbeitspapier
erwogen, das von der internationalen Theologenkommission
des Verbandes ausgearbeitet worden war.
Auf den ersten Blick hatte man den Eindruck,
man brauche ein theologisches Wörterbuch um
es zu verstehen. Unter dem Titel „Im Strom der
Globalisierung in Richtung einer multizentrierten
und interkulturellen Kommunikation. Ekklesiologische
Implikationen für die Verwaltung unserer Institute“
(herausgegeben am 8. Dezember 2000) bringt es
das Ergebnis eines über drei Jahre dauernden
Gesprächs zwischen Theologen und Generaloberen
über das rasant ändernde Umfeld, worin das Ordensleben
sich heute befindet. Das Schreiben zeigt eine
Perspektive, die Fragen wie die Inkulturation
des Charismas und die Dezentralisierung vor
dem Hintergrund neuer soziologischer, kultureller
und wirtschaftlicher Phänomene situiert. Schließlich
war ich durch die Diskussion überzeugt, dass
die meisten der Leiter internationaler Odernsgemeinschafteneinen
Wege suchen in die Richtung: „mit Blick auf
die Welt denken und am Ort handeln„.
Die Welt im Jahr 2002
Die Nachrichten von rund um
die Welt lassen uns ahnen, wie eng die Menchen
hier auf Erden miteinander in ganz neuen Beziehungen
verbunden sind. Kein Staat, mag einer noch so
reich oder mächtig sein, kann in selbstherrlichem
Alleingang friedlich dahinleben. Der Wohlstand
eines Landes kann auf Kosten vieler anderer
aufgebaut werden. Beschlüsse, die von einer
Nation gefasst oder ignoriert werden, können
sich verheerend auswirken in entfernten Ländern.
Die Konsequenzen können schrecklich sein, wenn
es uns nicht gelingt, weltweite Solidarität
unter den Erdenbürgern walten zu lassen.
Ein Grund zur Hoffnung
Zwei Jahre sind verflossen,
seitdem der erste Entwurf dieses Briefes an
der esten Regionalversammlung im Januar 2000
besprochen wurde. Seither ist vieles passiert,
und manches könnte in uns wirklich Zweifel und
düsteres Vorgefühl aufkommen lassen über unsere
Aussichten als Missionare und als Bürger dieser
Welt. Doch das zentrale Anliegen dieser Botschaft
bleibt die Hoffnung und das Bestreben, die Hoffnung,
die wir in uns tragen, zu begründen – kein leichtes
Unterfangen, wie wir schon in den ersten Communicanda
dieses Sexenniums bemerkten (Communicanda
1, 25. Februar 1998, Nr. 7). Wieso dürfen wir
hoffen? Mit dem Völkerapostel arbeiten und kämpfen
die Redemptoristen weiter, weil unsere Hoffnungen
sich auf den lebendigen Gott stützen. Er ist
der Retter für alle Menschen, vor allem für
die Gläubigen (1 Tim. 4,10). Der Grund, warum
wir vor Schwierigkeiten und Enttäuschungen nicht
zurückschrecken, liegt darin, dass wir fest
verwurzelt sind in der Überzeugung, dass uns
ein Auftrag gegeben worden ist, und dass der
Geber zuverlässig ist: Gott, der sich in Christus
mit uns für immer verbunden hat. Kann es eine
Tat der Solidarität geben, die stärker ist als
unsere Erlösung?
Indem wir den besonderen Auftrag,
der unserer Kongregation gegeben ist, deutlicher
wahrnehmen, wächst auch die Bereitschaft vieler
Mitbrüder, miteinander zusammenzuarbeiten. Diese
Bereitschaft überträgt sich auf eine Lebensweise,
die man Solidarität nennen kann: eine Verbindung
von Zielsetzung und Freundschaft innerhalb der
weltweiten redemptoristischen Familie, die das
missionarische Wirken effizienter macht. Wie
sehe ich unter uns diesen Geist am Werk?
Zeichen von Solidarität
Die meisten Redemptoristen
wollen vernehmen, wie es unserer Kongregation
in den verschiedenen Ländern, wo wir leben und
arbeiten, geht. Die Mitglieder des Generalrates
sind sich einig, dass es bei Visitationen in
jeder Kommunität zu einem Höhepunkt kommt, wenn
wir über die heutige Lage unserer weltweiten
Mission sprechen. Fast ohne Ausnahme verlangen
die Mitbrüder nach treffenden Schilderungen
der Licht- und Schattenseiten der Kongregation
heute. Solche Information wird auch auf anderen
Wegen vermittelt: internationale Tagungen, Nachrichtenblätter,
die unser Büro für Kommunikation herausgibt,
vermehrtes Reisen von Provinz zu Provinz sowie
Austausch über Internet. Alldas erhöht das Wissen
um die Kämpfe, die von Mitbrüdern unter ganz
anderen Voraussetzungen geführt werden, und
behebt die scheinbare Gleichgültigkeit oder
Teilnahmslosigkeit, die manchmal zwischen Provinzen
und Regionen vor allem deshalb herrschte, weil
wir Redemptoristen einfach weniger von einander
wussten.
Solidarität ist mehr als bloß
Interesse und Kenntnis von der Lage anderer.
Verständnis muss sich in Taten umsetzen. Mit
Freude kann ich auf „Fakten“ unserer brüderlichen
Verbundenheit auf internationaler Ebene hinweisen.
Es lohnt sich zur Kenntnis zu nehmen, dass viele
von den neuesten Missionen ad gentes
Projekte sind, die mit der Unterstützung mehrer
Einheiten der Kongregation zustande kamen. Unsere
missionarische Präsenz in Nigeria, Sibirien,
Korea und Bolivien sind Beispiele solcher Zusammenarbeit.
Als ich 1999 Korea visitierte, wies der Erzbischof
von Seoul darauf hin, dass die Attraktivität
der Redemptoristen für neue Berufe darin liegt,
dass sie den Eindruck von einer Gemeinschaft
mit “internationalem Gepräge“ wecken, das heißt
einer Gemeinschaft von Brüdern aus verschiedenen
Ländern und Kulturen, aber in gegenseitiger
Liebe und missionarischem Eifer miteinander
verbunden. Die Mission in Korea begann als Ausdruck
der Solidarität der Provinzen von Asien und
Ozeanien, von denen mehrere mit Finanzierung
und Personal es ermöglichten, dass unser Charisma
in diesem Land sich entfalte. Es freut mich,
dass dieser Gründergeist weiterlebt. Heute arbeiten
Redemptoristen aus Korea, Thailand und den Philippinen
miteinander und geben so ein starkes Zeugnis
von brüderlicher Verbundenheit vor der Bevölkerung
Koreas.
Selbstverständlich besteht
in vielen anderen Einheiten eine lange Tradition
von Redemptoristen verschiedener Nationalität,
die den Sinn für Gemeinschaft unter den Völkern,
Rassen und Kulturen bezeugen in einer Zeit,
die von der weltweiten Ausdehnung der Probleme
und zugleich vom Rückfall in die Idole des Nationalismus,
Rassenhasses und Fremdenhasses gekennzeichnet
ist (vgl. Vita Consecrata 51). Unter
den vielen Ordensfamilien in der Kirche kann
diese Art Zeugnis bestens von internationalen
Kongregationen wie die unsrige abgegeben werden.
Neue Erfahrungen von Solidarität
hat man in den letzten Jahren auch in der Ausbildung
von Redemptoristen gemacht. Solche Zusammenarbeit
bewährte sich auf dem Gebiet der ersten Ausbildung
und im gemeinsamen Gestalten von Weiterbildungskursen.
Einige Einheiten arbeiten zusammen auf einer
bestimmten Stufe der Ausbildung zum Beispiel
in einem gemeinsamen Noviziat, während andere
in ihre eigenen Kurse Kandidaten aus anderen
(Vize)Provinzen aufnehmen. Auch einige Regionen
bieten Kurse für die Weiterbildung von Redemptoristen
an.
Es gibt Provinzen, die bereit
sind, ihre zahlreichen jungen Mitglieder mit
alternden Provinzen zu teilen, um die Arbeit
zu gewährleisten und ganz neue Initiativen zu
ermöglichen. Es gibt auch immer mehr Finanzhilfe
unter Redemptoristen. Zwar besteht kein Zweifel
über die dramatischen Unterschiede im Lebensstandard
innerhalb der Kongregation, aber wir dürfen
die lobenswerte Großzügigkeit von vielen wohlhabenden
Provinzen nicht übersehen. Manche von solchen
Einheiten tätigen regelmäßige Überweisungen
an den Solidaritätsfonds und unterstützen lautlos
Mitbrüder in fernen Ländern. Sooft der Generalrat
diese Einheiten bat, einer Provinz oder Vizeprovinz
in Finanznot zu helfen, erhielt er fast immer
positive und großzügige Antwort. Viele (Vize)Provinzen
haben hilfreich beigesteuert zur Verwirklichung
von Vorhaben wie die Umbauten im Generalat und
in der Alfonsianischen Akademie sowie zur Vergrößerung
des Vermögens der Generalleitung (vgl. XXII.
Generalkapitel, Postulat 9,5). Doch suchen wir
immer noch ein effizientes Vorgehen, um die
sogenannte, vom Generalkapitel geforderte „Solidarität
durch Entwicklungshilfe“ in Taten umzusetzen
(vgl. Postulat 9.7).
Triptychon aus der Apostelgeschichte
Das Wort Gottes zeigt uns,
dass Solidarität ein Wesenszug des apostolischen
Lebens ist. Darüber finden wir in der Apostelgeschichte
eine ausgiebige Quelle für Überlegungen, namentlich
dort, wo die apostolische Gemeinschaft beschrieben
ist. Lassen Sie mich für unsere Betrachtung
drei Szenen herausgreifen als eine Art Triptychon
oder Flügelaltar. Links die Apostel mit Maria
im Gebet (Apg. 1, 2-14), in der Mitte die Herabkunft
des Heiligen Geistes an Pfingsten (2, 1 ff)
und schließlich auf dem Flügel rechts die Darstellung
des Gemeinschaftslebens der ersten Christen
(4, 32-35). Was können wir diesen drei Bildern
entnehmen?
Solidarität im Gebet
Der erste Flügel zeigt die
Bedeutung des Gebetes in der apostolischen Gemeinschaft.
Die Mission, der sich die Apostel widmen werden,
ist nicht ihr eigenes Werk; darum sagt Jesus
zu ihnen: „Wenn der Heilige Geist auf euch niederkommt,
werdet ihr Kraft empfangen und meine Zeugen
sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria,
ja, bis an die Grenzen der Erde“ (Apg. 1, 8).
Von Anfang an ist die Mission der Apostel international
und multikulturell. Die Mission ist größer als
sie, und so müssen sie warten auf die Ankunft
des Heiligen Geistes, das Geschenk des Auferstandenen
Herrn, der ihnen Kraft gibt und sie „in alle
Wahrheit einführt“ (vgl. Joh. 16, 13). Zusammen
mit der Mutter des Herrn und anderen Frauen
„verharren sie im Gebet“ (Apg. 1, 14).
Das erste Erleben von Solidarität
unter den Jüngern ist Gebet. Kann man sich eine
echte apostolische Gemeinschaft vorstellen,
wo das Gebet fehlt oder bloße Routine ist? Ohne
Verharren im Gebet riskieren wir, dass die Mission
sich auf Bissen reduziert, die ausschließlich
dem entsprechen, was wir gern tun möchten oder
was wir vermeintlich mit eigener Kraft zu leisten
vermögen. Wie stark stützen wir uns auf die
Gabe des Heiligen Geistes, um zu erkennen, wo
wir für den Auferstandenen Herrn Zeugnis geben
sollen, und im Stand zu sein, unseren Missionsauftrag
zu erfüllen? Begleitet uns Maria in unserem
Gebet? Ist unser Gemeinschaftsgebet offen genug,
um andere Jünger, unsere Mitarbeiter, einzuschließen?
Solidarität in der Mission
Das mittlere Bild des Triptychons
schildert das Pfingstereignis, als das Feuer
und Wehen des Heiligen Geistes die schüchternen
Jünger aus der Geborgenheit des Abendmahlssaals
hinaustreibt auf weltweite Mission. Die Apostel
sprechen eine Sprache, die jedermann versteht,
und von Anbeginn ist es klar, dass die Kirche
nicht Angelegenheit einer einzigen Rasse oder
Nation ist. Vielmehr „globalisiert“ der Heilige
Geist die Verkündigung und macht die Erlösung
allen Menschen zugänglich.
Ein weiter Fächer von gesellschaftlichen,
politischen und wirtschaftlichen Umständen bestimmt
die wirkliche Situation der Kongregation heute.
Ist es nun sinnvoll, mitten in solcher Vielfalt
eine Art redemptoristische „Kultur“ anzustreben?
– Ich denke, dass das möglich ist, und dass
in der Tat im Leben der Redemptoristen auf der
ganzen Welt gemeinsame Grundzüge zu erkennen
sind.
Im letzten Sexennium hob Pater
Lasso in seinen zweiten Communicanda Einheit
in der Vielfalt (14. Januar 1994) einige
dieser Eigenschaften hervor. Ursprung der Einheit
ist der Heilige Geist. Dieser Geist verbindet
die vielen Menschen, die am Pfingsttag die Frohe
Botschaft hören (Apg. 2, 7-12). Der Bericht
sagt nicht, dass diese Menschen im Moment der
Taufe ihre eigene Kultur aufgaben. Vielmehr
offenbaren die verschiedenen Rassen und Sprachen
der ersten Christengemeinden eine verbindende
Kraft, die sie zusammenhält und bereichert:
den Heiligen Geist. Dieser Geist hilft auch
unserer Kongregation „ein Herz und eine Seele
zu sein“.
Solidarität in allem, was sie besitzen
Der dritte Flügel des Triptychons
beschreibt das friedliche Leben der ersten Christengemeinde,
wo alle Mitglieder ihren Besitz miteinander
teilen; sie halten an der Lehre der Apostel
fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des
Brotes und an den Gebeten. Wir müssen allerdings
zugeben, dass die Schilderung der wunderbaren
Einheit innerhalb der Christengemeinde ein Lichtblick
ist, neben dem es auch Schatten gibt. Die Apostelgeschichte
ist ehrlich genug um zu berichten, dass es zu
Spannungen kam zwischen Gruppen verschiedener
Nationalität (vgl. Apg. 6, 1ff) und gar zu heftigem
Streit (Apg. 15, 7). Auch Petrus und Paulus
gerieten aneinander in Antiochia (Gal. 3, 11).
Solche Auseinandersetzungen heben aber nicht
die Tatsache auf, dass die Gemeinde eine auffallende
Einigkeit genoss, die klar auf das Wirken des
Heiligen Geistes zurückzuführen ist.
Die Christen der ersten Gemeinde
konnten teilen, was sie besaßen, weil sie „ein
Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32) waren. Sie
wurden nicht gezwungen, großzügig zu sein, sondern
waren es freiwillig aufgrund ihres gemeinsamen
Ziels (eine Seele) und ihrer gegenseitigen Zuneigung
(ein Herz). Diese Einigkeit als Werk des Heiligen
Geistes führte zur Nächstenliebe, die für die
Bedürfnisse der Gemeinschaft aufkam (Apg. 4,
34) Diese Solidarität ist nicht einfach ein
Gebot. Die Apostel haben (im Abendmahlssaal)
im Gebet verharrt, dann ist der Geist Gottes
ausgegossen worden und führt sie zu ihrer Mission
(Pfingsten). Ihre Gütergemeinschaft und sogar
Lebensgemeinschaft ist die Antwort auf die Gaben
des Geistes Gottes und eng mit dem Missionsauftrag
verbunden.
Ist es nicht so, dass je mehr
wir dem Geist Gottes erlauben, uns zu „einem
Herzen und einer Seele“ zu machen, wir auch
williger werden zu teilen, was wir haben. Trotz
noch so unterschiedlichen kulturellen Verhältnissen,
in denen die Kongregation sich heutzutage befindet,
drängt der Geist sie zur Einheit. Die gemeinsame
Berufung unser aller ist es, dem Beispiel Christi
zu folgen im apostolischen Leben, das beides
umfasst: sowohl das in besonderer Weise Gott
geweihte Leben als auch das missionarische Wirken
(Konstitution 1). Die Annahme dieses grundlegenden
Prinzips der Einheit, dessen Werte in den übrigen
Konstitutionen und den Statuten mit allen Nuancen
entfaltet werden, ermöglicht echte Solidarität
unter den Redemptoristen.
Anweisungen für die Zukunft
Die Ausgießung des Heiligen
Geistes und die Predigt der Apostel reizte die
Scharen in Jerusalem zur Frage: „Was sollen
wir tun, Brüder?“ (Apg. 2,37). – Unsere
rasant sich verändernde Welt, genau diese Welt,
der wir das Evangelium zu verkünden haben, sollte
auch uns dazu bringen, dass wir einander fragen:
„Brüder, was sollen wir tun?“ Wenn die
Antwort lautet: „Wir werden tun, was wir
immer getan haben“, so irren wir uns auf
tragische Weise.
Solidarität innerhalb der (Vize)Provinz
Weltweite Solidarität für
die weltweite Mission ist zwar in der Kongregation
gefragt. Aber als ich an den Regionalversammlungen
von 2000-2001 den ersten Entwurf zu diesem Schreiben
vorbrachte, bat mich eine ordentliche Anzahl
von Höheren Oberen, ich solle die Solidarität
nicht bloß weltweit sehen, denn innerhalb jeder
(Vize)Provinz sollte Einmütigkeit in Herz und
Geist das Leben der Redemptoristen auszeichnen.
Leider gibt es Einheiten, in denen Gespräch
und Abklärung nicht zum Leben der Kongregation
gehören. In solchen Fällen fehlt gewöhnlich
eine gemeinsame Vision für die Zukunft und der
Sinn für Mitverantwortung, was wesentlich zur
Leitung unserer Kongregation gehört (Konst.
92). Das Resultat ist Zersplitterung der (Vize)Provinz
und zugleich Nachlassen des missionarischen
Eifers. Ist es sinnvoll sich solidarisch zu
fühlen mit Redemptoristen, die in anderen Provinzen
arbeiten, wenn man kaum wirkliche Verantwortung
für die Zukunft der eigenen Provinz empfindet?
Solidarität in der Ausbildung
Die Notwendigkeit, in der
Ausbildung junger Redemptoristenmissionare zusammenzuarbeiten,
wird immer deutlicher. Ich habe bereits erwähnt,
wie solche Zusammenarbeit immer mehr zum Tragen
kommt, indem mehrere Provinzen miteinander die
Verantwortung über ein Studienhaus oder Kurse
übernehmen. Ich glaube, wir sollten noch weiter
gehen. Das letzte Generalkapitel verlangte,
dass alles unternommen werde, damit die Verantwortlichen
für die Ausbildung auf ihre Aufgabe entsprechend
vorbereitet werden (Orientierungen 5,2), Kurse
über unsere Geschichte und Spiritualität angeboten
werden (ibidem 5,3) und darauf geachtet wird,
dass der Übergang von der Phase der Ausbildung
in eine andere apostolische Kommunität gelingt
(ibidem 5,6). Die Regionen sollen Treffen der
Verantwortlichen für die Ausbildung fördern
und, wenn möglich, den Austausch von akademischen
Lehrern pflegen (5,5). Solche Forderungen setzen
vermehrte Zusammenarbeit zwischen den (Vize)Provinzen
und die Unterstützung der Generalleitung voraus.
Auf dem Gebiet der Grundausbildung
von Redemptoristen gibt es noch andere Anreize
zur Solidarität. Zum Beispiel macht einigen
wenigen (Vize)Provinzen die Überzahl an Anwärtern
zu schaffen, während viele andere (Vize)-Provinzen
zu wenig Kandidaten verzeichnen. Ich bin von
beiden Situationen betroffen, am stärksten von
der letzteren. Darf man weiterhin Ausbildungskurse
durchführen, in denen nur wenig Kontakt mit
gleichaltrigen Redemptoristen besteht? Wir dürfen
auch die Lage von Einwanderern und Flüchtlingen
nicht übersehen, die oft zu multikulturellen
Verhältnissen und seelsorglichen Notstandsituationen
führen. In einer Welt, wo je einer auf 45 Menschen
ein Flüchtling oder Einwanderer ist, braucht
es dringend Missionare, die mit den entsprechenden
kulturellen Voraussetzungen diese Leute ansprechen
können. Unsere Ausbildungspläne sollten auf
diese neuen Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Ich
glaube, die Kongregation hat bessere Aussichten,
wenn sie neue Wege von Zusammenarbeit in der
Ausbildung von Redemptoristenmissionaren einschlägt.
Die Strukturen der Kongregation
Ich glaube, dass der Missionsauftrag
der Kongregation verlangt, dass wir neue internationale
Strukturen schaffen. Das gegenwärtige System
von Provinzen, Vizeprovinzen und Regionen hat
zwar etwa 150 Jahre lang gute Dienste geleistet,
aber ich frage mich, ob das auch in Zukunft
richtig ist. Müssen wir nicht neue Formen der
Leitung finden, die unsere Beweglichkeit und
Flexibilität erhöhen? Es gibt heute in der Kongregation
sicher Fälle, wo die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen
Struktur als Provinz oder Vizeprovinz einen
zu hohen Aufwand an Personal und Mitteln erfordert.
Können wir uns einen anderen, effizienteren
Aufbau unserer Generalleitung im Dienst der
Einheit und Vielfalt der Kongregation vorstellen?
Braucht es über dem System unserer Provinzen
noch eine intermediäre Instanz, die im selben
geographischen Raum die Missionstätigkeit koordiniert?
Gemeinsame Zielsetzung und Freundschaft mit
den Redemptoristen jenseits unserer Provinzgrenzen
werden uns helfen, neue Strukturen zu finden,
die unsere Mission im einundzwanzigsten Jahrhundert
tragen.
Schwerpunkte in Regionen
Die Einheiten einiger Regionen
haben begonnen, über ihre eigenen Grenzen hinauszuschauen
und sich einem spezifischen Apostolat zu widmen,
das auf eine pastorale Notsituation eingeht
und nur weitergeführt wird, wenn andere Provinzen
mithelfen. Diese Einheiten haben begonnen, Schwerpunkte
im Rahmen der Region zu setzen, welche zur Aufgabe
der Mitbrüder einer Region geworden sind in
einem Bereich, wo ursprünglich eine einzige
Provinz engagiert war, oder in einem Projekt
zusammenzuarbeiten, das für alle neu ist. Die
führenden Kräfte in Nordamerika und Europa Nord
sind bereits im Gespräch, um abzuklären, was
machbar ist an gemeinsamen Schwerpunktprogrammen
innerhalb ihrer jeweiligen Region.
Internationale Kommunitäten
Das letzte Generalkapitel
unterstützte die Gründung von internationalen
Kommunitäten im Dienst unserer apostolischen
Gemeinschaft (Postulat 3,2). Obwohl das kein
Patentrezept ist und keine generelle Lösung
darstellt von Problemen wie alternde Provinzen,
denen es an neuen Mitgliedern mangelt, bin ich
fest überzeugt, dass internationale Kommunitäten
ein starker Ausdruck unseres Charismas in einer
globalisierten Welt sind. Sollten wir nicht
nach neuen Formen von Solidarität, auch internationalen
Kommunitäten, streben mit dem Ziel, den spanisch
Sprechenden oder aus Asien Kommenden das Evangelium
zu verkünden? Können wir versichern, dass unser
Charisma zur neuen Evangelisierung Europas beitragen
wird? Das Leben in einer internationalen Kommunität
ist nicht immer einfach, aber es kann überaus
bereichernd sein. Ich weiß es. Ich habe das
Glück, in einer solchen Gemeinschaft zu leben.
Schlusswort
Die veränderte Situation der
Kirche und der Kongregation veranlasst jeden
Redemptoristen, über die Grenzen einzelner Einheiten
hinauszuschauen und die weiteren Bedürfnisse
unserer Mission ins Auge zu fassen. Meinesserachtens
gibt es in der Kongregation bereits vielversprechende
Beispiele von Solidarität, die das Fundament
legen für künftige Anstrengungen. Unser Vertrauen
beruht im Geist Christi, der uns rufen lässt
Abba und uns weiterhin aussendet, die
Frohe Botschaft zu verkünden, uns aber auch
zeigt, was wir für einander zu tun haben in
Erfüllung unseres Missionsauftrags.
Im Gedenken an Maria und die
Apostel im Abendmahlssaal lade ich Sie ein,
unsere Solidarität im Gebet zu vertiefen mit
dem Vertrauen, dass der Herr uns noch mehr öffnet
für das Wirken des Heiligen Geistes, damit wir
in Wort und Tat „ein Herz und eine Seele“ werden,
um unsere Sendung zu efüllen.
Im Namen des Generalrates,
Joseph
W. Tobin, C.Ss.R.
Generaloberer
Der ursprüngliche Text ist englisch.