WEH
MIR, WENN ICH DAS EVANGELIUM
NICHT
VERKÜNDE!
(1 Kor. 9, 16)
COMMUNICANDA 2
Rom,
den 14. Januar 1999
Fest des seligen Peter Donders
Prot. Nr. 0000 0200/98
Meine lieben Mitbrüder,
1.
Es ist für mich eine große Freude,
Sie im Namen aller Mitglieder des Generalrates
zu grüssen. Diese zweiten Communicanda des
laufenden Sexenniums werden herausgegeben
am Fest des seligen Peter Donders, dieses
Redemptoristenmissionars in Surinam, dessen
Leben sich nicht durch glänzende Talente
sondern durch grenzenlose Großmut auszeichnete.
Es ist sehr sinnvoll, Ihnen diese Besinnung
über missionarische Spiritualität an dem
Tag vorzulegen, an dem wir das Leben eines
Mitbruders feiern, dessen Heiligkeit sich
in einem Leben entfaltete, das der Verkündigung
des Evangeliums unter den Verlassensten
gewidmet war.
2.
Bei der Vorbereitung dieser Communicanda haben auch Redemptoristen, die nicht zum Generalrat
gehören, mitgewirkt. In der ersten Maiwoche
1998 wurden Briefe an 32 Redemptoristen
in aller Welt gesandt. Jeder von ihnen wurde
gefragt, wie er persönlich diesen Satz in
der Botschaft des letzten Generalkapitels
verstehe: ”Spiritualität ist zugleich die
Quelle und die Frucht der Sendung. Eine
Sendung, die nicht Ausdruck einer tiefen
Verbundenheit mit Christus ist, ist zum
Scheitern verurteilt...” (Nr. 6)
3.
Etwa drei Viertel der Gefragten
haben bis September eine Antwort eingereicht.
Die Tiefe ihrer Überlegungen und ihre offenkundige
Liebe zur Kongregation haben den Generalrat
sehr ermutigt. Wenn der Inhalt der Communicanda der
Kongregation von Nutzen ist, dann ist dies
der Weisheit meiner Brüder im Generalrat
und der Einsicht dieser Mitbrüder zu verdanken,
die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung aus
fernen Ländern eingebracht haben.
4. Anderseits übernehme
ich die Verantwortung für Lücken in diesem
Brief, in dem ich einige einfache Überlegungen
zur "missionarischen Spiritualität”
anbieten möchte. Meine eigenen Grenzen und
die Kultur, die mich geprägt hat, hinterlassen
einige Spuren in diesem Text. Doch hoffe
ich, dass ich damit zu einem Dialog beitragen
kann, durch den wir zu einer einigermaßen
gemeinsamen Vision kommen, die uns gegenseitig
zu begeistern vermag und uns den erforderten
Mut gibt, damit wir unserer besonderen Berufung
in der Kirche und in der Welt des einundzwanzigsten
Jahrhunderts gerecht werden.
Drei Vorbemerkungen
5.
Drei Gedanken möchte ich an
den Anfang dieses Briefes stellen. Erstens
ist der Generalrat überzeugt, dass das vom
letzten Generalkapitel vorgelegte Thema
die Erfahrung der meisten Mitbrüder angesprochen
hat. Unsere Visitationen, unsere Teilnahme
an Provinzversammlungen und die Briefe,
die wir aus den verschiedenen (V)Provinzen
erhalten haben, haben uns davon überzeugt,
dass es ein reges Interesse für Spiritualität
in den meisten Teilen der Kongregation gibt.
Warum ist das so?
6.
Ich werde nicht versuchen, die
Darlegungen der ersten Communicanda zu wiederholen oder
zu ergänzen. Ich möchte aber wohl sagen,
dass sich in dem Ruf nach Spiritualität
die Erfordernis widerspiegeln könnte, über
ein Verständnis des Ordenslebens hinauszugehen,
das sich nur in einer theologischen, pastoralen,
ethischen oder liturgischen Sprache darbietet,
wie gültig die entsprechenden Modelle auch
sein mögen. Wir suchen nach einem Ideal,
das in echter, lebendiger Erfahrung sowohl
im persönlichen wie im gemeinschaftlichen
Leben verwurzelt ist.
7.
Zweitens ist sich der Generalrat
trotz der meist positiven Reaktionen auf
die Forderung des Generalkapitels auch der
Schwierigkeiten bewusst, die mit einer ernsthaften
Besinnung über Spiritualität verbunden sind.
Es ist ein ständiges Ringen um die richtige
Formulierung dessen, was wir zum Thema sagen
wollen. Zum Beispiel scheint es sinnvoll
zu unterscheiden zwischen Spiritualität
und Askese. Selbstverständlich ergänzen
sich beide, denn die Spiritualität des Einzelnen
und der Gruppe fordert einen konkreten Ausdruck,
wenn sie nicht einfach eine Sammlung von
Ideen bleiben soll.
8.
Drittens:
Spiritualität ist nicht nur eine Anleitung
zum Gebet oder zu beliebten Frömmigkeitsformen,
sie stellt uns darüber hinaus grundsätzliche
und aufrüttelnde Fragen: ”Wer sind wir?
Warum sind wir da? Wie müssen wir leben?”
Dies sind spirituelle Fragen und als solche
rühren sie an die Grundlagen menschlicher
Existenz. Demut und ein gelehriges Herz
sind unbedingte Veraussetzung für diese
Besinnung. Wenn wir versuchen, Spiritualität
zu definieren, entdecken wir nicht ihre
sondern unsere Grenzen.
Einer missionarischen Spiritualität
entgegen
9.
Es bringt meines Erachtens nichts,
wenn man von Spiritualität und Sendung spricht.
Der Gebrauch des Bindewortes ist unglücklich,
weil es nahelegen könnte, dass eine Sendung
ohne Spiritualität möglich wäre oder dass
Spiritualität, wenigstens wie wir sie verstehen,
getrennt von der Sendung bestehen könnte.
In ihren Antworten haben manche Mitbrüder
bemerkt, dass Spiritualität unser Selbstverständnis
als Redemptoristen betrifft: was Alfonsus
manchmal den "Geist unseres Institutes”
nennt. So gesehen, muss die Spiritualität
unserer Kongregation entscheidende Fragen
wie die im vorigen Absatz genannten aufwerfen.
Mehr als eine Sammlung von Lehrsätzen oder
asketischen Übungen, muss unsere Spiritualität
eine Art lebendiges Gewebe sein, das alle
Aspekte unseres Lebens miteinander in Einklang
bringt.
10.
Treffend ist unsere missionarische
Spiritualität im Ausruf des Paulus zusammengefasst:
”Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht
verkünde!” (In der englischen Bibelübersetzung:
"Ich bin ruiniert, wenn ich das Evangelium
nicht verkünde.") ”Das Evangelium verkünden”
bedeutet mehr als eine Missionspredigt,
einen Exerzitienvortrag oder eine Sonntagspredigt
halten, auch mehr als die Ungerechtigkeit
anprangern oder die Leute zum Beten anleiten.
Denn in Wirklichkeit geht Spiritualität
über eine einzelne pastorale Tätigkeit hinaus.
Was bedeutet es und warum ist es von so
grundlegender Bedeutung für uns, dass wir
"ruiniert" sind, wenn wir "das
Evangelium nicht verkünden”?
11.
Erinnern
Sie sich, welches das einzige Zitat war,
das aus unseren Konstitutionen in die Botschaft
des letzten Generalkapitels einging? Die
Kapitulare bestanden darauf, dass ein gutes
Stück der Konstitution 5 in ihre Botschaft
an die Kongregation aufgenommen werde. Die
Sprache dieser Konstitution ist eindeutig,
um klarzulegen, wie wichtig es für Redemptoristen
ist, "das Evangelium zu verkünden”.
Das Bevorzugen pastoraler Notstände, die
eigentliche Verkündigung des Evangeliums
und die Entscheidung für die Armen geben
der Kongregation ihre Daseinsberechtigung
innerhalb der Kirche und bilden den Prüfstein
für ihre Treue zur empfangenen Berufung.
12.
Ich
behaupte, dass zwei klare und unzertrennliche
Kriterien Antwort geben auf die spirituellen
Fragen "Wer sind wir? Warum sind wir
da? Wie müssen wir leben?”. Diese Kriterien
heißen: Entscheidung für Verkündigung im
engsten Sinn zusammen mit der Entscheidung
für die Armen. Dabei wird Verkündigung so
verstanden, dass sie nicht nur die ausdrückliche
Verkündigung des Wortes Gottes meint, sondern
auch das Zeugnis der einzelnen Redemptoristen
und ihrer Gemeinschaften. Das hat zur Folge,
dass wir unglaubwürdig werden oder zumindest
etwas anderes als das, zu dem wir berufen
sind, wenn wir die Verkündigung und die
Vorliebe für die Armen nicht mehr als wesentliche
Bestandteile unserer Identität ansehen und
dementsprechend leben. Um das Wort des Paulus
auf uns anzuwenden: wir sind als Redemptoristen
"ruiniert”.
13.
Wir
müssen immer vor Augen haben, dass unsere
Spiritualität unzertrennlich mit der Sendung
verbunden ist, aber nicht in dem Sinn, dass
die Forderungen der Spiritualität uns zu
pastoralem Wirken veranlassen oder dass
wir infolge unseres Dienstes am Volk Gottes
"spirituell werden”. Die geniale Einsicht
des Alfonsus, die in unsere erneuerten Konstitutionen
einfloss, ist seine Überzeugung, dass die
Sendung unser ganzes Redemptoristenleben
zur geschlossenen Einheit werden lässt.
Diese verbindende Kraft heißt "vita apostolica”:
unser Verständnis von dem, was es heißt,
Redemptorist zu sein, worin "das in
besonderer Weise Gott geweihte Leben und
das missionarische Wirken der Redemptoristen”
(Konstitution 1) eins sind. Spiritualität
ist nicht zu trennen von dem "Bevorzugen
der pastoralen Notstände, der eigentlichen
Verkündigung des Evangeliums und der Entscheidung
für die Armen”. Deshalb ist, genau gesagt,
die unsere Sendung der Ursprung und die
Quelle unserer Spiritualität, die auf diese
Weise zu einer wahren missionarischen Spiritualität
wird.
14.
Das
Hauptanliegen dieses Briefes ist es also,
mit Ihnen zu betrachten, was einige Merkmale
unserer "missionarischen Spiritualität”
sein könnten. Dabei hoffe ich wirklich,
dass das nun Folgende nicht als bloßes Moralisieren
aufgefasst wird. Es ist vielmehr ein Bemühen,
um mit Ihnen herauszufinden, was meines
Erachtens wichtige Dimensionen der vita apostolica sind.
Sendung als Berufung
15.
Unsere Sendung ist nicht einfach
eine persönliche oder gemeinschaftliche
Entscheidung, sondern zuerst und vor allem
eine Berufung, zu der wir erwählt worden
sind. Das Generalkapitel sprach die Hoffnung
aus, die auf unserer besonderen Berufung
beruht: ”Unsere Zuversicht im Blick auf
die Zukunft gründet in unserer Berufung,
das Mysterium Christi fortzuführen. Wir
glauben daran, dass die Fülle seiner Erlösung
keine Eingrenzung kennt; dies drängt uns
dazu, unseren Glauben und unsere Hoffnung
jedermann mitzuteilen” (Botschaft, 12).
Diese Aussage des Kapitels will sagen, dass
unsere Berufung sich nicht nur aus dem Befehl
des Herrn zu predigen, zu lehren und zu
taufen ableitet, sondern im tiefsten Sinn
auch eine Erfordernis des Lebens Gottes
in uns ist (vgl. Redemptoris Missio 11).
Das geht so weit, dass in dem Maß, in dem
wir uns selber für die reiche, in Christus
gebotene Erlösung öffnen, auch gedrängt
werden, ”unseren Glauben und unsere Hoffnung
mit jedermann zu teilen”. Somit können wir
uns selbst fragen: ”Wie weit ist Mission
eine Sache des Glaubens, zu welchem Grad
offenbart sie unseren Glauben, dass Jesus
Christus uns erwählt hat, damit wir als
seine ''Gefährten und Gehilfen im großen
Erlösungswerk...” gesandt seien, ''den Armen
das Wort des Heiles” zu verkünden (Konstitution
2)?
16.
Verkündigung wird nie möglich
sein ohne das Wirken des Heiligen Geistes
(Ad Gentes, 24; Evangelii Nuntiandi,
75). Derselbe Geist, der auf Jesus herabkommt
bei seiner Taufe, bleibt auf Ihm, salbt
Ihn und sendet Ihn, damit er "den Armen
eine gute Nachricht bringe” (Luk. 4, 18).
Wir Redemptoristen haben uns daran gewöhnt,
diesen Text aus dem Lukasevangelium zu wiederholen.
Wir wissen, dass Alfonsus sich auf diesen
Text berief, wenn er erklärte, dass die
Sendung Christi auch die Sendung der Kongregation
ist. Sind wir bereit, die erste Konsequenz
unserer Bindung an die Sendung Christi zu
ziehen und somit ein Leben gelehriger Offenheit
für jenen Geist zu wählen, "der uns
Christus gleichförmig macht und uns lehrt,
so gesinnt zu sein wie Christus selbst”
(Konstitution 25)? Diese Gelehrigkeit öffnet
uns für die Gaben der Kraft und Einsicht,
die zum Wesen unserer missionarischen Spiritualität
gehören (vgl. Redemptoris Missio, 87).
Christus, Mitte unseres missionarischen
Lebens
17.
Die Konstitution 23 erwähnt
eine Voraussetzung, damit wir unsere Sendung
in der Kirche erfüllen können: ”Dazu berufen,
die Gegenwart Christi und seine Heilssendung
in der Welt weiterzuführen, machen die Redemptoristen
die Person Christi zur Mitte ihres Lebens.
Tag für Tag suchen sie ihm in personaler
Gemeinschaft eng verbunden zu sein”. Das
Kapitel hob dies hervor und unterstrich
dessen allgemeine Gültigkeit und Dringlichkeit:
”Wie auch die äußeren Umstände sein mögen:
Redemptoristen sind in dieser Zeit aufgefordert,
den zentralen Gehalt unserer Spiritualität
ins Licht zu rücken, nämlich die Frage,
wie weit wir unsere Glaubensbeziehung zu
Jesus stärken und ausdrücken” (Botschaft
3). Darüber gibt es keine Zweifel: die missionarische
Spiritualität für uns Redemptoristen besteht
wesentlich in der engen Verbundenheit mit
Christus, dem ersten Missionar.
18.
Meine Brüder, lassen wir uns
selber von der großen Leidenschaft des Alfonsus
anstecken, für den Erlösung viel mehr war
als eine Theorie oder ein Dogma, nämlich
ein Name, ein Antlitz. Unsere Art Verkündigung
hängt davon ab, ob die Menschen Jesus so
entdecken, dass sie ihm folgen können. Alfonsus
setzte all seine wunderbaren Talente ein,
um Jesus den Armen bekannt zu machen. Wir
erinnern daran, wie er sein Gemälde vom
Gekreuzigten an Orten aufstellte, wo er
predigen wollte, wie seine Musik den Leuten
half, die rettende Liebe Christi zu erleben,
wie seine gesprochenen und geschriebenen
Worte auf die überreiche Erlösung in Christus
hinwiesen. Mit Alfonsus müssen wir "uns
bei all unserer apostolischen Tätigkeit
vor allem Christus als das Geheimnis der
Barmherzigkeit des Vaters herausstellen”
(vgl.
Johannes Paul. Apostolisches Schreiben zur Dreihundertjahrfeier
des Geburtstages des heiligen Alfonsus ).
19.
Ist es möglich Christus zur
Mitte unserer apostolischen Tätigkeit zu
machen, wenn Er nicht "die Mitte unseres
Lebens” und "die Mitte unserer Gemeinschaft”
ist? Wie zeigt es sich, dass wir uns tatsächlich
für diesen Weg entscheiden? – Dieselbe Konstitution
23 gibt uns den Hinweis zur Antwort: ”Je
enger ihre Verbindung mit Christus wird,
desto stärker wird ihre Einheit untereinander
sein”.
20.
Ich
möchte noch auf ein anderes Kennzeichen,
das mit unserer Erfahrung übereinzustimmen
scheint, hinweisen. Je mehr wir Christus
zur Mitte unseres Lebens machen und danach
streben, mit Ihm in personaler Gemeinschaft
engstens verbunden zu sein, desto weniger
sind wir von unserer eigenen Unschlüssigkeit,
Unsicherheit und Selbstsucht benommen. Wir
werden gelöster, um frei von uns selber
unser Kreuz auf uns zu nehmen und dem Erlöser
zu folgen. Dann ist es unsere größte Besorgnis,
dass Jesus nicht so geliebt wird, wie Er
es verdient.
Missionarische Bekehrung
Wir sind der Überzeugung, dass der Kongregation
die große Gnade einer erneuten Hinkehr zum
Erlöser angeboten ist (Botschaft, 5).
21.
Neuere
päpstliche Äußerungen zur Missiologie stimmen
mit unseren Konstitutionen in dem Sinn überein,
dass die Verkündigung des Wortes Gottes
die Bekehrung zum Ziel hat (vgl. Redemptoris
Missio,
46; Konstitutionen 11-12). Beide Quellen
erklären, dass wir nicht Bekehrung predigen
können, wenn wir uns nicht selber jeden
Tag bekehren (Redemptoris Missio, 47;
Konstitutionen 40-42). Es ist nicht schwierig
einzusehen, warum Bekehrung wesentlicher
Bestandteil einer missionarischen Spiritualität
ist. Sie entspringt ja aus der Einladung,
mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten.
Dieses Angebot sagt mir zuerst: ”Es gibt
einen Gott und das bist nicht du.” Auch
das Himmelreich ist etwas anderes als ich,
nämlich etwas, das man entdecken muss –
manchmal unter großen Opfern (Mt. 13, 44-46);
dass man sich entscheiden muss (Jo. 6, 67);
dass man immer auch ''traurig weggehen kann”
(Mt. 19, 16-22).
22.
Die
Verkündigung des Wortes Gottes hat die Bekehrung
zum Ziel: bestätigt wird das durch die Predigt
Jesu und die Predigt seiner Kirche sowie
auf lebendige Weise durch den Inhalt und
die Methoden der Verkündigung, die unserer
Kongregation eigen sind. Doch ist es traurige
Tatsache, dass mehr als ein Mitbruder und
mehr als eine Kommunität so leben als würde
es heißen: ”Bekehrung geht andere an, vielleicht
alle anderen. Stör mich/uns nicht”. Könnte
das Generalkapitel sich etwa getäuscht haben
in seiner Ansicht, dass "der Kongregation
die Gnade einer erneuten Hinkehr zum Erlöser
angeboten wird” (Botschaft, 5)?
23.
Viele
der Mitbrüder, die uns bei der Abfassung
dieser Communicanda geholfen haben, sprachen
von ihrer eigenen ständigen Veränderung.
Gestatten Sie mir, drei solcher Antworten
anzuführen. Ein Mitbruder schreibt: ”Redemptoristische Spiritualität
ist keineswegs eine Angelegenheit zwischen
‘Gott und mir’, sondern das Unternehmen
‘des Geistes, der mich zu den Armen führt’."
Ein anderer spricht vom Erlebnis seiner
Bekehrung und bemerkt: ”Von diesem Moment
an, rede ich nicht mehr bloß, weil die Heilige
Schrift es sagt oder weil es zu theologischen
oder pastoralen Grundsätzen passt; sondern
rede auch aus meiner eigenen Erfahrung und
sage den Leuten ganz offen: 'Jesus hat mich
geliebt und sich für mich hingegeben'.”
Wie wichtig ist Bekehrung für unser apostolisches
Wirken? – Darüber folgende Aussage eines
Mitbruders: ”Im tiefsten Sinn ist Spiritualität
das Ereignis mit Gott, das zugleich die
Existenz des Missionars und die der Menschen,
zu denen er gesandt ist, verändert. Es ist
die Fähigkeit, ein Erlebnis mit Gott anzunehmen
und weiterzugeben (Jo. 15, 4-5)."
24.
Wie
können wir einen Geist der Bekehrung in
jedem von uns vertiefen? Welchen Stellenwert
haben das Bußsakrament und die geistliche
Führung in unserem Leben? Sind wir bereit
und fähig, der Bekehrung Ausdruck zu verleihen
in unseren Gemeinschaften?
Erstes Mittel der Verkündigung
ist das Zeugnis
Der heutige Mensch hört lieber auf
Zeugen als auf Lehrer, und wenn er auf Lehrer
hört, so deshalb, weil sie Zeugen sind (Evangelii
Nuntiandi, 41).
25.
In den letzten Jahren ist in
den meisten Teilen der Kongregation das
Bewusstsein dafür gewachsen, dass noch vor
jeder Tätigkeit unsere Sendung Zeugnis und
eine Lebensweise bedeutet, die nach außen
strahlt. Die Mitglieder des Generalkapitels
von 1991 schlossen sich dieser Überzeugung
an: ”Die redemptoristische Gemeinschaft
sollte das erste sichtbare Zeichen dafür
sein, dass wir Verkünder des Evangeliums
sind. Sie ist nicht nur der Ort, von dem
aus wir gesandt werden, sondern auch und
vor allem wirkmächtige Gegenwart des Reiches
Gottes mitten unter den Menschen, unter
unsern Brüdern und Schwestern...” (Schlussdokument,
23). Die redemptoristische Gemeinschaft
ist ein Glaubensbekenntnis: Wir sind in
Gemeinschaft beisammen, nicht weil wir einander
gewählt haben, sondern weil wir miteinander
vom Herrn erwählt worden sind” (Congregavit nos in unum Christi amor, 41).
26.
Glauben Sie, dass unsere missionarische
Spiritualität uns eine besondere Art Zeugnis
abverlangt? Ein Mitbruder bemerkte, dass
Gebet und Armut die herausragenden Formen
radikaler Spiritualität in den Weltreligionen
sind. Das Zeugnis unseres Gebetslebens sollte
unserer Verkündigung dieselbe Kraft verleihen
wie sie im Eröffnungsvers des ersten Johannesbriefes
beschrieben wird: ”Was von Anfang an war,
was wir gehört haben, was wir mit eigenen
Augen gesehen haben, was wir geschaut und
was unsere Hände angefasst haben, das verkünden
wir: das Wort des Lebens”.
27.
Das
Zeugnis eines armen oder wenigstens einfachen
Lebensstils ist nie ein leichtes Gesprächsthema
für uns. Aber die Leute merken, wie wir
leben. Das ist ein Bereich, wo wir gezwungen
sind irgendwie Zeugnis zu geben. Wenn wir
unseren Bedürfnissen gestatten sich zu vermehren,
dann, so vermute ich, werden wir unbeweglich,
lustlos, neue Risiken auf uns zu nehmen,
und immer weiter von den verlassenen Armen
entfernt. Ist es übertrieben fromm, zu bemerken,
dass wenn unsere Hände gierig greifen oder
schon voll sind, sie nichts mehr von Gott
empfangen können und sich auch nicht anderen
in selbstloser Liebe entgegenstrecken lassen?
"Daheim Karthäuser,
draußen Apostel"?
28.
Ich
muss zugeben, dass ich Schwierigkeiten hatte
mit der überlieferten Formel, nach der wir
"daheim wie Karthäuser, draußen wie
Apostel” leben sollten. Ich würde sagen,
dass wir beiderorts und auch noch dazwischen
Redemptoristen sein müssen. Es ist kein
Zweifel, dass unsere Kommunitäten Orte sein
müssen, wo man miteinander und allein beten
kann, wo wir studieren und uns besinnen
können. Doch gehören diese Aspekte unseres
Lebens zur vita apostolica, die
für unsere Kongregation typisch sein sollte.
Unser Haus ist nicht einfach ein Ort um
”unsere Batterien aufzuladen”, damit wir
sie dann in apostolischer Tätigkeit entladen
können, noch weniger ein Ort, um sich anderen
oder unseren Verpflichtungen zu entziehen.
Unser Gemeinschaftsleben an sich ist Sendung
und Zeugnis. Es sollte auch der Ort sein,
wo wir einander ermuntern als Brüder, die
dazu berufen sind, die Gegenwart und Sendung
Christi in der Welt weiterzuführen. Unsere
sowohl in der Gemeinschaft als auch in der
missionarischen Tätigkeit gelebte vita apostolica
ist der Ort, wo wir Missionare sind und
wo wir heilig werden.
29.
Wir
wissen zwar, dass die Verkündigung bei uns
gediegene Ausbildung in theologischen und
profanen Wissenschaften veraussetzt, aber
wir müssen auch zugeben, dass akademische
und pastorale Weiterbildung nicht genügt.
”Man wird erst Missionar, wenn man sich
auf den Weg der Heiligkeit begibt (Redemptoris Missio, 90).
Aber es ist nicht so, dass wir zuerst heilig
werden und dann Missionare; noch sind wir
wegen unserer Schwachheit disqualifiziert.
Die meisten von uns haben sich vermutlich
die verzweifelten Worte des Petrus zu eigen
gemacht: ”Herr, geh weg von mir! Ich bin
ein sündiger Mensch”. Vernehmen wir aber
auch die Aufforderung zur Sendung: ”Fürchte
dich nicht, von nun an wirst du Menschen
fangen” (Luk. 5, 8-10). Vollkommenheit ist
nicht die Voraussetzung; gefordert wird
das Fortschreiten im missionarischen Leben.
Alfonsus übernimmt in seinem Kommentar zur
Begegnung des auferstandenen Herrn mit Petrus
am See von Tiberias (Jo 21, 15-17) die Erklärung
des Johannes Chrysostomus und hebt hervor,
dass Jesus vom reumütigen Petrus nicht Busse
oder Gebete verlangt, sondern den pastoralen
Dienst: ”Weide meine Lämmer”.
Missionarischer Mut
Wir fragten uns, auf welche praktische Weise
unser Engagement für die Armen Ausdruck
unserer Spiritualität ist, und auf welche
Weise dieses Engagement uns hilft, eine
echtere Spiritualität zu entwickeln (Botschaft,
8).
30.
Wenn ich bedenke, wie wichtig
es ist, dass wir uns für die Armen entscheiden,
sofern wir eine echtere Spiritualität entwickeln
wollen, dann kommt mir der große Leitsatz
des Generalkapitels von 1985 in den Sinn:
Evangelizare pauperibus
et a pauperibus evangelizari. Ich erinnere mich, dass dieser Grundsatz nicht
ohne weiteres in allen Regionen der Kongregation
verstanden wurde, aber sicher wurde er diskutiert!
Einige Mitbrüder fanden es besonders schwierig,
den zweiten Teil der Aussage zu verstehen:
a pauperibus
evangelizari. Missionare
waren bis jetzt diejenigen, welche geistliche
Güter weitergaben. Verkündigung war Einbahnverkehr.
Wie konnten wir also beschenkt werden, besonders
wenn die Geschenke von den Armen kommen
sollten? Jeder Redemptorist, der den Armen
die Frohe Botschaft verkündet hat, sollte
im Stande sein, diese Frage ausgiebig zu
beantworten.
31.
Das Thema des Generalkapitels
von 1985 führte zu Konsequenzen in der Praxis.
Mehr als eine Provinz überprüfte ihr apostolisches
Schwerpunktprogramm im Licht dieses Grundsatzes
und fasste darauf schmerzende Beschlüsse.
In manchen Fällen übergaben sie der Diözese
ihre attraktivsten Pfarreien, um neue Verpflichtungen
unter den verlassenen Armen einzugehen.
Andere Provinzen übernahmen neue Missionen
in fernen Ländern, sogar unter großem Aufwand.
Diese Beispiele sollten die ganze Kongregation
ermuntern, denn sie zeigen, dass es möglich
ist, die Richtung zu ändern, wenn die Änderung
stärkere Treue zur "Daseinsberechtigung
in der Kirche” (Konstitution 5) bedeutet.
32.
Von den ersten Begegnungen der
Redemptoristen mit den Armen im Königreich
Neapel an wurde die Geschichte der Kongregation
durch den Mut vieler ihrer Mitglieder geprägt.
Meine Hoffnung geht dahin, dass die frühere
und heutige Zuwendung zu den Armen uns den
Mut gibt, auch die Zukunft zu bewältigen.
Wird die Kongregation den Mut aufbringen,
um das Evangelium unter die verlassenen
Armen in den überfüllten Elendsvierteln
der Großstädte des Südens wie Mexiko City,
Bogotá, Lagos, São Paulo, Manila, Johannesburg,
Calcutta, Lima, usw. zu tragen? Können Redemptoristen
stärker unter den neuen Armen in Europa
präsent sein: unter den Auswanderern, Flüchtlingen
und Asylsuchenden? Welches Zeugnis gibt
die Kongregation in der sich nun rasch verändernden
Landschaft Osteuropas? Was heißt es, das
Evangelium zu verkünden im Westen, wo Spiritualität
immer weniger mit Religion zu tun hat und
wo die Armen sich immer mehr am Rand der
Gesellschaft und der Kirche befinden? Können
Redemptoristen weiterhin als Gesandte Christi
eine glaubhafte Botschaft der Versöhnung
in einigen Regionen Afrikas, wo Bürgerkrieg
herrscht, verkünden? Was hat die Verkündigung
des Evangeliums für eine Zukunft in Asien,
wo das Christentum großen Weltreligionen
gegenübersteht? Was hat die Kongregation
zu sagen gegenüber der globalen Kultur,
die immer weniger Verständnis für die rettende
Liebe Gottes aufbringt und folglich weniger
interessiert ist an der Solidarität unter
Gottes Töchtern und Söhnen?
33.
All diese Situationen haben
etwas Gemeinsames an sich, nämlich dass
sie von den Redemptoristen mutigen Glauben
fordern. Oft besteht dieser mutige Glaube
in der Bereitschaft, Vertrautes aufzugeben:
meine Kultur, meine Sprache und Lebensweise,
um auf wirkliche pastorale Notstände einzugehen.
Manchmal könnte der Geist eine Provinz dazu
rufen, ihre erfolgreichsten und beliebtesten
Tätigkeiten anderen zu überlassen, um sich
dort einzusetzen, wo niemand hingehen will.
Ich meine, dass solcher Mut nicht nur Quelle
künftiger missionarischer Initiativen ist,
sondern auch die Frucht einer "Wolke
von Zeugen", die unsere Kongregation
umgibt: alle Redemptoristen aus Vergangenheit
und Gegenwart, die ihre eigenen Interessen
aufgegeben haben, aber auch die Provinzen,
die aus Liebe zu Christus und seiner Sendung
heroische Opfer gebracht haben.
Missionarische Kontemplation
34.
Quelle und Frucht unserer apostolischen
Tätigkeit ist der Geist der Kontemplation.
”Wenn der Missionar nicht kontemplativ ist,
kann er Christus nicht auf glaubwürdige
Weise verkünden” (Redemptoris Missio, 91). Wie verstehen wir Redemptoristen den Geist
der Kontemplation? – Es ist eine geistliche
Haltung, die uns erlaubt, so zu lieben,
wie Jesus liebt "damit wir Anteil erhalten
an der Liebe des Sohnes zum Vater und zu
den Menschen” (Konstitution 24).
35.
Das Evangelium ohne kontemplative
Einstellung verkünden zu wollen, ist so
viel wie diesen Brief zu lesen, indem man
ihn gegen die Nase drückt. Solche Nähe macht
das Lesen der Botschaft schwer oder gar
schmerzhaft, auch wenn jemand kurzsichtig
ist. Es braucht eine gewisse Distanz zwischen
uns und dem Papier, wenn wir lesen wollen.
In der Kontemplation machen wir uns frei
vom Äußeren dieser Welt, unseres Lebens
und Wirkens, damit wir Gott in den Menschen
und in den täglichen Ereignissen erkennen.
Wir bemühen uns, "Gottes Heilsplan
im rechten Licht zu sehen und schließlich
die Wirklichkeit von den Illusionen zu unterscheiden”.
Diese Worte der Konstitution 24 könnten
den Stoff liefern für die nächsten Communicanda!
Aber Sie sehen, dass der Geist der inneren
Erkenntnis heute wichtiger ist als je, besonders
wenn wir Vorgänge beobachten wie die rasanten
gesellschaftlichen Veränderungen, das tägliche
und tiefgehende Eindringen einer globalen
Kultur und die Kurzlebigkeit mancher Modeströmung.
36.
Es gibt noch einen weiteren
Grund, den Geist der Kontemplation zu pflegen.
Es hat zu tun mit einer besonderen Forderung
des Christentums, die zuerst vom Zweiten
Vatikanischen Konzil ausgesprochen wurde
und dann in unsere Konstitutionen einging:
dass die Menschen in der Begegnung mit Christus
das Geheimnis ihres eigenen Lebens entdecken
(Gaudium et Spes, 22; Konstitution 19). Neuestens kam dieser Gedanke
wieder in der Bulle zur Ansage des Grossen
Jubiläums 2000 zum Ausdruck: ”...Gottes
Freundschaft und Gnade, das übernatürliche
Leben, das allein die tiefste Sehnsucht
des menschlichen Herzens erfüllen kann (Incarnationis Mysterium, 2). Das Gegenteil geschieht in der weltweit
verbreiteten Neigung zum Konsumieren, welcher
der Wahn zu Grunde liegt, man werde glücklich
durch das, was man erwirbt oder verbraucht.
Das ist das radikale Gegenteil vom Evangelium,
aber es kommt an. Nun könnte man versucht
sein, gegen die verschiedenen "...ismen” unserer Zeit anzukämpfen –
Säkularismus, Materialismus, Individualismus,
Konsumismus usw. – ohne die Gründe ihrer
Popularität zu erfassen. Kontemplation sollte
in uns ”den Geist brüderlichen Mitgefühls”
wecken, der uns auf die Menschen horchen
lässt, indem wir ihre bedrückenden Fragen
in menschlichem Verstehen zu deuten suchen
und darin echte Zeichen von Gottes Wirken
und Wollen entdecken (Konstitution 19).
Missionarische Geduld
37.
Als ich schon die letzte Hand
an diese Communicanda
gelegt hatte, wurde ich zum Mitglied der
Synode der Bischöfe Ozeaniens berufen. Ein
herausragender Beitrag während dieser dreiwöchigen
Tagung wurde von einem Bischof von Mauritius
geboten, der besonderer Delegierter war.
Er wies auf die Begebenheit hin, wo die
Jünger die Größe und Pracht des Tempels
bewunderten (Luk. 21, 5f). Es ist Ihnen
bekannt, wie Jesus die baldige, vollständige
Zerstörung dieses großen Baues voraussagte.
Der Bischof bat die Synode, an die Probleme
zu denken, die in so vielen Ländern auf
die Kirche zugekommen sind. Wir könnten
dabei an unsere Kongregation denken. Dann
bemerkte er: wenn die Dinge rings um mich
herum einstürzen, so ist es vielleicht deshalb,
weil der Tempel nicht so solid war, wie
er aussah. Vielleicht müssten wir unser
Gewissen erforschen und fragen, wie wir
Gemeinschaft aufgebaut haben (vgl. 1 Kor
3, 10-15).
38.
Das Errichten eines Bauwerkes
dient in der Bibel als Bild für die Verkündigung,
aber noch klarer spricht für unsere Zeit
das Bild vom Sämann und vom Samen. Der Samen,
der ausgesät wird, ist das Wort Gottes.
Es kommt vor dem Belehren und Moralisieren,
vor dem Gesetz und der Disziplin. Das Wort
Gottes kommt vorher, weil es so erhaben
ist, dass es Stütze und Kraft der Kirche
bleibt (Dei Verbum, 21). Das Bild vom Sämann und dem Samen ist besonders
eindrücklich in einer Zeit, die für sofortigen
Erfolg schwärmt. Das Wort, das wir verkünden,
rät uns, geduldig zu sein, auch wenn wir
nicht sofort Früchte sehen (Jak. 5, 7). Gott gibt das Gedeihen (1 Kor. 3, 6; Ad Gentes,
24-25).
Missionarischer Optimismus:
Berufeförderung
39.
Unsere
Sendung beeinflusst unsere Spiritualität
auch im Bestreben, andere dafür zu gewinnen,
unsere Lebensweise ganz zu teilen. Können
wir alle dem Grundsatz der Konstitution
79 zustimmen: ”Die Stärke der Kongregation
bei der Erfüllung ihrer apostolischen Aufgabe
hängt von der Zahl und Qualität derer ab,
die sich der Gemeinschaft der Redemptoristen
anschließen wollen”? Wenn wir damit einverstanden
sind, sollte auch jeder von uns seine Verantwortung
für Berufeförderung wahrnehmen, besonders
durch unseren persönlichen Eifer, das Beispiel
unseres Lebens und das beharrliche Gebet
(Konstitution 80).
40.
Ob
wir uns einsetzen für neue Berufungen oder
nicht, ist meines Erachtens eine Frage des
Geistes, denn es geht um unseren Glauben
an die Absichten Gottes mit unserer Kongregation
und deren Platz in der Kirche. Es gibt Mitbrüder,
die wohlmeinend zum Schluss gekommen sind,
dass der Gott geweihte Leben, unsere Kongregation
inbegriffen, am Erlöschen ist. Zu untersuchen,
warum die Kongregation in manchen Teilen
der Welt keine Kandidaten mehr anzieht,
ist nicht einfach und liegt nicht im Rahmen
dieses Briefes. Immerhin wird die Kongregation
nicht auf die zunehmende Zusammenarbeit
mit Laien verzichten. Aber da das Kapitel
mit solchem Nachdruck verlangte, dass wir
”den zentralen Gehalt unserer Spiritualität
ins Licht rücken, nämlich die Frage, wie
wir unsere Glaubensbeziehung zu Jesus stärken
und ausdrücken", ist es wohl sinnvoll,
dass wir beherzigen, was das Apostolische
Schreiben Vita Consecrata uns nahelegt: ”Die Berufungspastoral setzt sich zum Ziel, nach dem Beispiel
der Gründer und Gründerinnen den Glanz der
Person des Herrn Jesus und die Schönheit
der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache
des Evangeliums zu zeigen” (Nr. 64).
Alle sind Missionare
41.
Die
Kongregation steht vor einer Tatsache, die
es in ihrer Geschichte noch nie gegeben
hat. Ich meine die große Zahl von betagten
Mitbrüdern, das so genannte "dritte
Alter”. Eine Besinnung über unsere missionarische
Spiritualität muss auch diese Gruppe einbeziehen.
Während ich an einen späteren Brief denke,
den ich ausschließlich den geistlichen Erfordernissen
des dritten Alters widmen möchte, können
wir uns auf die Konstitution 55 besinnen,
die sagt, dass wir alle auf Grund unserer
Profess Missionare sind. Das gründet auf
unserer Teilnahme an der Sendung Christi
und zwar unser Leben lang, ob wir im apostolischen
Dienst tätig sind oder daran gehindert sind.
Und wie diese besondere Konstitution es
durchblicken lässt, erreichen wir unsere
volle missionarische Identität erst "wenn
wir unser Leiden und Sterben annehmen für
das Heil der Welt”.
Die Frage der Umstrukturierung
42.
Das
Erfassen und Bejahen der "Daseinsberechtigung
der Kongregation in der Kirche” wird Fragen
aufwerfen, namentlich wenn zu entscheiden
ist, ob man an einem Ort bleiben oder weiterziehen
soll. Wann sagen Redemptoristen: ”Lasst
uns anderswohin gehen, in Städte und Dörfer”
(Mk. 1, 38)? Wie weit geht unsere Bereitschaft”den
Staub von unseren Füssen zu schütteln” (Luk.
5, 9)? Wann erfordert "der neue Wein
neue Schläuche” (Luk. 5, 38)? Die letzte
Frage betrifft nicht nur unsere missionarischen
Methoden, sondern die Art uns einzurichten.
Wir müssen weiterhin dafür sorgen, dass
die Einrichtungen unserer Leitung und Verwaltung
stets im Dienst unserer Sendung sind. Wenn
das nicht mehr der Fall ist, muss die Einrichtung
geändert werden, damit die Sendung weiter
erfüllt wird.
Ein
"kahler Strauch"...eine "lärmende
Pauke"
Eine Sendung, die nicht Ausdruck einer tiefen
Verbundenheit mit Christus ist, ist zum
Scheitern verurteilt (Botschaft 6).
43.
Ein Redemptorist, für den die
Mission nicht Ausdruck seiner ernsten Hingabe
an Christus ist, was ist er eigentlich?
Wie tönt er? – Er ist wie "ein kahler
Strauch, der nie einen Regen kommen sieht;
er steht auf glühendem Wüstenboden in salziger
Erde”(Jer. 17,5-6). Ein Mitbruder schreibt
uns: ”ausgebrannt zu sein kommt nicht nur
von einem Übermaß an Arbeit, sondern von
der inneren Leere und dem Mangel an Überzeugung
in seinem Leben, wenn das Geistliche fehlt”.
Könnte das "Ausbrennen” ein geistliches
Problem sein? Könnten dessen schmerzliche
Symptome nicht den Durst nach "lebendigem
Wasser” (Jo. 7, 37-38) verdecken?
44.
Wenn wir von Ihm sprechen, ohne
Ihn zu kennen, tönen wir hohl und oberflächlich:
”dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke”
(1 Kor. 13,1). Missionar zu sein bedeutet
nicht bloß dem Volk nahe zu sein und sich
für die Armen einzusetzen; wir sollten Erfahrung
haben, damit wir mit ihnen teilen können:
”Was wir gehört haben, was wir mit eigenen
Augen gesehen haben, was wir betrachtet
und was unsere Hände angefasst haben - das
verkünden wir: das Wort des Lebens. (1 Jo
1,1).
Fragen ohne
Antwort oder ”brennende Herzen”?
45.
Getrennt vom Herrn, stehen wir
vor vielen Fragen ohne Hoffnung auf Antwort.
”Wo sollen wir in dieser Wüste so viel Brot
hernehmen, um so viele Menschen satt zu
machen? (Mt. 15, 33). ”Wir haben alles verlassen
und sind dir nachgefolgt. Was werden wir
dafür bekommen?” (Mt. 19, 27). ”Wahrheit!
Was ist das?” (Jo. 18,38).
46.
Wenn die Person Christi zur
Mitte unseres Lebens und zum Herzen unserer
Gemeinschaft geworden ist, so will das nicht
heißen, dass wir von Zweifel oder Angst
verschont bleiben. Aber wenn wir untereinander
und vor Ihm unser Herz ausschütten, hören
wir zu. Dann entbrennen unsere Herzen, und
wir fühlen uns gedrängt, anderen zu berichten:
wie Er uns auf dem Weg begegnet ist und
wie wir Ihn erkannt haben.
Schlusswort
47.
Lassen
Sie mich die wichtigsten Punkte dieses Briefes
zusammenfassen. Spiritualität wirft tief
gehende, oft verwirrende Fragen über unsere
Identität und den Sinn unseres Lebens auf.
Für Redemptoristen muss Spiritualität eng
mit Sendung verbunden sein: mit der "Daseinsberichtigung
der Kongregation in der Kirche”. Diese enge
Verbindung bedeutet, dass wir bei allem
Christus als Mitte wählen, dass Zeugnis
von entscheidender Bedeutung und Kontemplation
eine unabdingbare Voraussetzung sine qua
non für missionarisches Leben ist. Das heißt,
dass wir darum ringen müssen, um so mutig,
so geduldig und voller Hoffnung zu sein,
dass wir andere dazu einladen, voll und
ganz unser Leben zu teilen. Schließlich
darf Spiritualität nicht Theorie bleiben:
wir müssen sie leben. Sie muss praktische
Folgen in unserem Leben haben.
Die Kongregation und das Grosse
Jubiläum
48.
Es
ist schon praktisch eine Floskel zu sagen,
dass wir auf der Schwelle eines neuen Jahrtausends
stehen. Doch glaube ich, wir sollten das
außerordentliche Zeichen der Zeit, das Grosse
Jubiläum, nicht übersehen. Haben Sie die
verschiedenen Themen beachtet, die der Heilige
Vater zu dieser Feier vorlegt? Sie klingen
vertraut: Bekehrung, Veränderung, Busse,
Versöhnung, Erlösung, das Ostergeheimnis.
Lauter Themen, die in das Herz unserer Sendung
treffen.
49.
Ist es sinnvoll, dass alle Provinzen und
Vizeprovinzen ein besonderes Missionsprojekt
als Teil der Feier des Grossen Jubiläums
vorsehen? Ich weiß, dass einige Projekte
wie Stadtmissionen oder Wallfahrten geplant
sind. Aber es stimmt auch, dass Mitglieder
einiger (V)Provinzen – besonders jene in
der Leitung – müde und entmutigt sich fragen,
ob ihre Mitbrüder sich dafür einsetzen werden.
Doch möchte ich jede (V)Provinz bitten,
das neue Millennium mit einem besonderen
Projekt zu beginnen, das der "Daseinsberechtigung
der Kongregation innerhalb der Kirche"
und dem "Prüfstein ihrer Treue zur
empfangenen Berufung” (Konstitution 5) entspricht.
50.
Möge
die Unbefleckte Jungfrau Maria, die nach
Jesus Christus die wichtigste Beschützerin
unseres heiligen Institutes ist, das ja
besonders unter ihrem Schutz geboren wurde,
uns helfen, dass wir ihren Sohn lieben und
dazu beitragen, dass er geliebt wird.
Im Namen des Generalrates,
Joseph
W. Tobin, C.Ss.R.
Generaloberer
(Der ursprüngliche Text ist englisch.)