Communicanda II - 1997-2003   


WEH MIR, WENN ICH DAS EVANGELIUM
NICHT VERKÜNDE!
(1 Kor. 9, 16)


COMMUNICANDA 2
Rom, den 14. Januar 1999
Fest des seligen Peter Donders
Prot. Nr. 0000 0200/98


Meine lieben Mitbrüder,

1.                  Es ist für mich eine große Freude, Sie im Namen aller Mitglieder des Generalrates zu grüssen. Diese zweiten Communicanda des laufenden Sexenniums werden herausgegeben am Fest des seligen Peter Donders, dieses Redemptoristenmissionars in Surinam, dessen Leben sich nicht durch glänzende Talente sondern durch grenzenlose Großmut auszeichnete. Es ist sehr sinnvoll, Ihnen diese Besinnung über missionarische Spiritualität an dem Tag vorzulegen, an dem wir das Leben eines Mitbruders feiern, dessen Heiligkeit sich in einem Leben entfaltete, das der Verkündigung des Evangeliums unter den Verlassensten gewidmet war.

2.                  Bei der Vorbereitung dieser Communicanda haben auch Redemptoristen, die nicht zum Generalrat gehören, mitgewirkt. In der ersten Maiwoche 1998 wurden Briefe an  32 Redemptoristen in aller Welt gesandt. Jeder von ihnen wurde gefragt, wie er persönlich diesen Satz in der Botschaft des letzten Generalkapitels verstehe: ”Spiritualität ist zugleich die Quelle und die Frucht der Sendung. Eine Sendung, die nicht Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit Christus ist, ist zum Scheitern verurteilt...” (Nr. 6)

3.                  Etwa drei Viertel der Gefragten haben bis September eine Antwort eingereicht. Die Tiefe ihrer Überlegungen und ihre offenkundige Liebe zur Kongregation haben den Generalrat  sehr ermutigt. Wenn der Inhalt der Communicanda der Kongregation von Nutzen ist, dann ist dies der Weisheit meiner Brüder im Generalrat und der Einsicht dieser Mitbrüder zu verdanken, die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung aus fernen Ländern eingebracht haben.

4.         Anderseits übernehme ich die Verantwortung für Lücken in diesem Brief, in dem ich einige einfache Überlegungen zur "missionarischen Spiritualität” anbieten möchte. Meine eigenen Grenzen und die Kultur, die mich geprägt hat, hinterlassen einige  Spuren in diesem Text. Doch hoffe ich, dass ich damit zu einem Dialog beitragen kann, durch den wir zu einer einigermaßen gemeinsamen Vision kommen, die uns gegenseitig zu begeistern vermag und uns den erforderten Mut gibt, damit wir unserer besonderen Berufung in der Kirche und in der Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts gerecht werden.

Drei Vorbemerkungen

5.                  Drei Gedanken möchte ich an den Anfang dieses Briefes stellen. Erstens ist der Generalrat überzeugt, dass das vom letzten Generalkapitel vorgelegte Thema die Erfahrung der meisten Mitbrüder angesprochen hat. Unsere Visitationen, unsere Teilnahme an Provinzversammlungen und die Briefe, die wir aus den verschiedenen (V)Provinzen erhalten haben, haben uns davon überzeugt, dass es ein reges Interesse für Spiritualität in den meisten Teilen der Kongregation gibt. Warum ist das so?

6.                  Ich werde nicht versuchen, die Darlegungen der ersten Communicanda zu wiederholen oder zu ergänzen. Ich möchte aber wohl sagen, dass sich in dem Ruf nach Spiritualität die Erfordernis widerspiegeln könnte, über ein Verständnis des Ordenslebens hinauszugehen, das sich nur in einer theologischen, pastoralen, ethischen oder liturgischen Sprache darbietet, wie gültig die entsprechenden Modelle  auch sein mögen. Wir suchen nach einem Ideal, das in echter, lebendiger Erfahrung sowohl im persönlichen wie im gemeinschaftlichen Leben verwurzelt ist.

7.                  Zweitens ist sich der Generalrat trotz der meist positiven Reaktionen auf die Forderung des Generalkapitels auch der Schwierigkeiten bewusst, die mit einer ernsthaften Besinnung über Spiritualität verbunden sind. Es ist ein ständiges Ringen um die richtige Formulierung dessen, was wir zum Thema sagen wollen. Zum Beispiel scheint es sinnvoll zu unterscheiden zwischen Spiritualität und Askese. Selbstverständlich ergänzen sich beide, denn die Spiritualität des Einzelnen und der Gruppe fordert einen konkreten Ausdruck, wenn sie nicht einfach eine Sammlung von Ideen bleiben soll.

8.         Drittens: Spiritualität ist nicht nur eine Anleitung zum Gebet oder zu beliebten Frömmigkeitsformen, sie stellt uns darüber hinaus grundsätzliche und aufrüttelnde Fragen: ”Wer sind wir? Warum sind wir da? Wie müssen wir leben?” Dies sind spirituelle Fragen und als solche rühren sie an die Grundlagen menschlicher Existenz. Demut und ein gelehriges Herz sind unbedingte Veraussetzung für diese Besinnung. Wenn wir versuchen, Spiritualität zu definieren, entdecken wir nicht ihre sondern unsere Grenzen.

Einer missionarischen Spiritualität entgegen

9.                  Es bringt meines Erachtens nichts, wenn man von Spiritualität und Sendung spricht. Der Gebrauch des Bindewortes ist unglücklich, weil es nahelegen könnte, dass eine Sendung ohne Spiritualität möglich wäre oder dass Spiritualität, wenigstens wie wir sie verstehen, getrennt von der Sendung bestehen könnte. In ihren Antworten haben manche Mitbrüder bemerkt, dass Spiritualität unser Selbstverständnis als Redemptoristen betrifft: was Alfonsus manchmal den "Geist unseres Institutes” nennt. So gesehen, muss die Spiritualität unserer Kongregation entscheidende Fragen wie die im vorigen Absatz genannten aufwerfen. Mehr als eine Sammlung von Lehrsätzen oder asketischen Übungen, muss unsere Spiritualität eine Art lebendiges Gewebe sein, das alle Aspekte unseres Lebens miteinander in Einklang bringt.

10.              Treffend ist unsere missionarische Spiritualität im Ausruf des Paulus zusammengefasst: ”Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!” (In der englischen Bibelübersetzung: "Ich bin ruiniert, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.") ”Das Evangelium verkünden” bedeutet mehr als eine Missionspredigt, einen Exerzitienvortrag oder eine Sonntagspredigt halten, auch mehr als die Ungerechtigkeit anprangern oder die Leute zum Beten anleiten. Denn in Wirklichkeit geht Spiritualität über eine einzelne pastorale Tätigkeit hinaus. Was bedeutet es und warum ist es von so grundlegender Bedeutung für uns, dass wir "ruiniert" sind, wenn wir "das Evangelium nicht verkünden”?

11.       Erinnern Sie sich, welches das einzige Zitat war, das aus unseren Konstitutionen in die Botschaft des letzten Generalkapitels einging? Die Kapitulare bestanden darauf, dass ein gutes Stück der Konstitution 5 in ihre Botschaft an die Kongregation aufgenommen werde. Die Sprache dieser Konstitution ist eindeutig, um klarzulegen, wie wichtig es für Redemptoristen ist, "das Evangelium zu verkünden”.  Das Bevorzugen pastoraler Notstände, die eigentliche Verkündigung des Evangeliums und die Entscheidung für die Armen geben der Kongregation ihre Daseinsberechtigung innerhalb der Kirche und bilden den Prüfstein für ihre Treue zur empfangenen Berufung.

12.       Ich behaupte, dass zwei klare und unzertrennliche Kriterien Antwort geben auf die spirituellen Fragen "Wer sind wir? Warum sind wir da? Wie müssen wir leben?”. Diese Kriterien heißen: Entscheidung für Verkündigung im engsten Sinn zusammen mit der Entscheidung für die Armen. Dabei wird Verkündigung so verstanden, dass sie nicht nur die ausdrückliche Verkündigung des Wortes Gottes meint, sondern auch das Zeugnis der einzelnen Redemptoristen und ihrer Gemeinschaften. Das hat zur Folge, dass wir unglaubwürdig werden oder zumindest etwas anderes als das, zu dem wir berufen sind, wenn wir die Verkündigung und die Vorliebe für die Armen nicht mehr als wesentliche Bestandteile unserer Identität ansehen und dementsprechend leben. Um das Wort des Paulus auf uns anzuwenden: wir sind als Redemptoristen "ruiniert”.

13.       Wir müssen immer vor Augen haben, dass unsere Spiritualität unzertrennlich mit der Sendung verbunden ist, aber nicht in dem Sinn, dass die Forderungen der Spiritualität uns zu pastoralem Wirken veranlassen oder dass wir infolge unseres Dienstes am Volk Gottes "spirituell werden”. Die geniale Einsicht des Alfonsus, die in unsere erneuerten Konstitutionen einfloss, ist seine Überzeugung, dass die Sendung unser ganzes Redemptoristenleben zur geschlossenen Einheit werden lässt. Diese verbindende Kraft heißt "vita apostolica”: unser Verständnis von dem, was es heißt, Redemptorist zu sein, worin "das in besonderer Weise Gott geweihte Leben und das missionarische Wirken der Redemptoristen” (Konstitution 1) eins sind. Spiritualität ist nicht zu trennen von dem "Bevorzugen der pastoralen Notstände, der eigentlichen Verkündigung des Evangeliums und der Entscheidung für die Armen”. Deshalb ist, genau gesagt,  die unsere Sendung der Ursprung und die Quelle unserer Spiritualität, die auf diese Weise zu einer wahren missionarischen Spiritualität wird.

14.       Das Hauptanliegen dieses Briefes ist es also, mit Ihnen zu betrachten, was einige Merkmale unserer "missionarischen Spiritualität” sein könnten. Dabei hoffe ich wirklich, dass das nun Folgende nicht als bloßes Moralisieren aufgefasst wird. Es ist vielmehr ein Bemühen, um mit Ihnen herauszufinden, was meines Erachtens wichtige Dimensionen der vita apostolica sind.

Sendung als Berufung

15.              Unsere Sendung ist nicht einfach eine persönliche oder gemeinschaftliche Entscheidung, sondern zuerst und vor allem eine Berufung, zu der wir erwählt worden sind. Das Generalkapitel sprach die Hoffnung aus, die auf unserer besonderen Berufung beruht: ”Unsere Zuversicht im Blick auf die Zukunft gründet in unserer Berufung, das Mysterium Christi fortzuführen. Wir glauben daran, dass die Fülle seiner Erlösung keine Eingrenzung kennt; dies drängt uns dazu, unseren Glauben und unsere Hoffnung jedermann mitzuteilen” (Botschaft, 12). Diese Aussage des Kapitels will sagen, dass unsere Berufung sich nicht nur aus dem Befehl des Herrn zu predigen, zu lehren und zu taufen ableitet, sondern im tiefsten Sinn auch eine Erfordernis des Lebens Gottes in uns ist (vgl. Redemptoris Missio 11). Das geht so weit, dass in dem Maß, in dem wir uns selber für die reiche, in Christus gebotene Erlösung öffnen, auch gedrängt werden, ”unseren Glauben und unsere Hoffnung mit jedermann zu teilen”. Somit können wir uns selbst fragen: ”Wie weit ist Mission eine Sache des Glaubens, zu welchem Grad offenbart sie unseren Glauben, dass Jesus Christus uns erwählt hat, damit wir als seine ''Gefährten und Gehilfen im großen Erlösungswerk...” gesandt seien, ''den Armen das Wort des Heiles” zu verkünden (Konstitution 2)?

16.              Verkündigung wird nie möglich sein ohne das Wirken des Heiligen Geistes (Ad Gentes, 24; Evangelii Nuntiandi, 75). Derselbe Geist, der auf  Jesus herabkommt bei seiner Taufe, bleibt auf Ihm, salbt Ihn und sendet Ihn, damit er "den Armen eine gute Nachricht bringe” (Luk. 4, 18). Wir Redemptoristen haben uns daran gewöhnt, diesen Text aus dem Lukasevangelium zu wiederholen. Wir wissen, dass Alfonsus sich auf diesen Text berief, wenn er erklärte, dass die Sendung Christi auch die Sendung der Kongregation ist. Sind wir bereit, die erste Konsequenz unserer Bindung an die Sendung Christi zu ziehen und somit ein Leben gelehriger Offenheit für jenen Geist zu wählen, "der uns Christus gleichförmig macht und uns lehrt, so gesinnt zu sein wie Christus selbst” (Konstitution 25)? Diese Gelehrigkeit öffnet uns für die Gaben der Kraft und Einsicht, die zum Wesen unserer missionarischen Spiritualität gehören (vgl. Redemptoris Missio, 87).

Christus, Mitte unseres missionarischen Lebens

17.              Die Konstitution 23 erwähnt eine Voraussetzung, damit wir unsere Sendung in der Kirche erfüllen können: ”Dazu berufen, die Gegenwart Christi und seine Heilssendung in der Welt weiterzuführen, machen die Redemptoristen die Person Christi zur Mitte ihres Lebens. Tag für Tag suchen sie ihm in personaler Gemeinschaft eng verbunden zu sein”. Das Kapitel hob dies hervor und unterstrich dessen allgemeine Gültigkeit und Dringlichkeit: ”Wie auch die äußeren Umstände sein mögen: Redemptoristen sind in dieser Zeit aufgefordert, den zentralen Gehalt unserer Spiritualität ins Licht zu rücken, nämlich die Frage, wie weit wir unsere Glaubensbeziehung zu Jesus stärken und ausdrücken” (Botschaft 3). Darüber gibt es keine Zweifel: die missionarische Spiritualität für uns Redemptoristen besteht wesentlich in der engen Verbundenheit mit Christus, dem ersten Missionar.

18.              Meine Brüder, lassen wir uns selber von der großen Leidenschaft des Alfonsus anstecken, für den Erlösung viel mehr war als eine Theorie oder ein Dogma, nämlich ein Name, ein Antlitz. Unsere Art Verkündigung hängt davon ab, ob die Menschen Jesus so entdecken, dass sie ihm folgen können. Alfonsus setzte all seine wunderbaren Talente ein, um Jesus den Armen bekannt zu machen. Wir erinnern daran, wie er sein Gemälde vom Gekreuzigten an Orten aufstellte, wo er predigen wollte, wie seine Musik den Leuten half, die rettende Liebe Christi zu erleben, wie seine gesprochenen und geschriebenen Worte auf die überreiche Erlösung in Christus hinwiesen. Mit Alfonsus müssen wir "uns bei all unserer apostolischen Tätigkeit vor allem Christus als das Geheimnis der Barmherzigkeit des Vaters herausstellen” (vgl. Johannes Paul. Apostolisches Schreiben zur Dreihundertjahrfeier des Geburtstages des heiligen Alfonsus ).

19.              Ist es möglich Christus zur Mitte unserer apostolischen Tätigkeit zu machen, wenn Er nicht "die Mitte unseres Lebens” und "die Mitte unserer Gemeinschaft” ist? Wie zeigt es sich, dass wir uns tatsächlich für diesen Weg entscheiden? – Dieselbe Konstitution 23 gibt uns den Hinweis zur Antwort: ”Je enger ihre Verbindung mit Christus wird, desto stärker wird ihre Einheit untereinander sein”.

20.       Ich möchte noch auf ein anderes Kennzeichen, das mit unserer Erfahrung übereinzustimmen scheint, hinweisen. Je mehr wir Christus zur Mitte unseres Lebens machen und danach streben, mit Ihm in personaler Gemeinschaft engstens verbunden zu sein,  desto weniger sind wir von unserer eigenen Unschlüssigkeit, Unsicherheit und Selbstsucht benommen. Wir werden gelöster, um frei von uns selber unser Kreuz auf uns zu nehmen und dem Erlöser zu folgen. Dann ist es unsere größte Besorgnis, dass Jesus nicht so geliebt wird, wie Er es verdient.

Missionarische Bekehrung

Wir sind der Überzeugung, dass der Kongregation die große Gnade einer erneuten Hinkehr zum Erlöser angeboten ist (Botschaft, 5).

21.       Neuere päpstliche Äußerungen zur Missiologie stimmen mit unseren Konstitutionen in dem Sinn überein, dass die Verkündigung des Wortes Gottes die Bekehrung zum Ziel hat (vgl. Redemptoris Missio, 46; Konstitutionen 11-12). Beide Quellen erklären, dass wir nicht Bekehrung predigen können, wenn wir uns nicht selber jeden Tag bekehren (Redemptoris Missio, 47; Konstitutionen 40-42). Es ist nicht schwierig einzusehen, warum Bekehrung wesentlicher Bestandteil einer missionarischen Spiritualität ist. Sie entspringt ja aus der Einladung, mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten. Dieses Angebot sagt mir zuerst: ”Es gibt einen Gott und das bist nicht du.” Auch das Himmelreich ist etwas anderes als ich, nämlich etwas, das man entdecken muss – manchmal unter großen Opfern (Mt. 13, 44-46); dass man sich entscheiden muss (Jo. 6, 67); dass man immer auch ''traurig weggehen kann” (Mt. 19, 16-22).

22.       Die Verkündigung des Wortes Gottes hat die Bekehrung zum Ziel: bestätigt wird das durch die Predigt Jesu und die Predigt seiner Kirche sowie auf  lebendige Weise durch den Inhalt und die Methoden der Verkündigung, die unserer Kongregation eigen sind. Doch ist es traurige Tatsache, dass mehr als ein Mitbruder und mehr als eine Kommunität so leben als würde es heißen: ”Bekehrung geht andere an, vielleicht alle anderen. Stör mich/uns nicht”. Könnte das Generalkapitel sich etwa getäuscht haben in seiner Ansicht, dass "der Kongregation die Gnade einer erneuten Hinkehr zum Erlöser angeboten wird” (Botschaft, 5)?

23.       Viele der Mitbrüder, die uns bei der Abfassung dieser Communicanda geholfen haben, sprachen von ihrer eigenen ständigen Veränderung. Gestatten Sie mir, drei solcher Antworten anzuführen. Ein Mitbruder schreibt:  ”Redemptoristische Spiritualität ist keineswegs eine Angelegenheit zwischen ‘Gott und mir’, sondern das Unternehmen ‘des Geistes, der mich zu den Armen führt’." Ein anderer spricht vom Erlebnis seiner Bekehrung und bemerkt: ”Von diesem Moment an, rede ich nicht mehr bloß, weil die Heilige Schrift es sagt oder weil es zu theologischen oder pastoralen Grundsätzen passt; sondern rede auch aus meiner eigenen Erfahrung und sage den Leuten ganz offen: 'Jesus hat mich geliebt und sich für mich hingegeben'.” Wie wichtig ist Bekehrung für unser apostolisches Wirken? – Darüber folgende Aussage eines Mitbruders: ”Im tiefsten Sinn ist Spiritualität das Ereignis mit Gott, das zugleich die Existenz des Missionars und die der Menschen, zu denen er gesandt ist, verändert. Es ist die Fähigkeit, ein Erlebnis mit Gott anzunehmen und weiterzugeben (Jo. 15, 4-5)."

24.       Wie können wir einen Geist der Bekehrung in jedem von uns vertiefen? Welchen Stellenwert haben das Bußsakrament und die geistliche Führung in unserem Leben?  Sind wir bereit und fähig, der Bekehrung Ausdruck zu verleihen in unseren Gemeinschaften?

Erstes Mittel der Verkündigung ist das Zeugnis

Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer, und wenn er auf Lehrer hört, so deshalb, weil sie Zeugen sind (Evangelii Nuntiandi, 41).

25.           In den letzten Jahren ist in den meisten Teilen der Kongregation das Bewusstsein dafür gewachsen, dass noch vor jeder Tätigkeit unsere Sendung Zeugnis und eine Lebensweise bedeutet, die nach außen strahlt. Die Mitglieder des Generalkapitels von 1991 schlossen sich dieser Überzeugung an: ”Die redemptoristische Gemeinschaft sollte das erste sichtbare Zeichen dafür sein, dass wir Verkünder des Evangeliums sind. Sie ist nicht nur der Ort, von dem aus wir gesandt werden, sondern auch und vor allem wirkmächtige Gegenwart des Reiches Gottes mitten unter den Menschen, unter unsern Brüdern und Schwestern...” (Schlussdokument, 23). Die redemptoristische Gemeinschaft ist ein Glaubensbekenntnis: Wir sind in Gemeinschaft beisammen, nicht weil wir einander gewählt haben, sondern weil wir miteinander vom Herrn erwählt worden sind” (Congregavit nos in unum Christi amor, 41).

26.           Glauben Sie, dass unsere missionarische Spiritualität uns eine besondere Art Zeugnis abverlangt?  Ein Mitbruder bemerkte, dass Gebet und Armut die herausragenden Formen radikaler Spiritualität in den Weltreligionen sind. Das Zeugnis unseres Gebetslebens sollte unserer Verkündigung dieselbe Kraft verleihen wie sie im Eröffnungsvers des ersten Johannesbriefes beschrieben wird: ”Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens”.

27.       Das Zeugnis eines armen oder wenigstens einfachen Lebensstils ist nie ein leichtes Gesprächsthema für uns. Aber die Leute merken, wie wir leben. Das ist ein Bereich, wo wir gezwungen sind irgendwie Zeugnis zu geben. Wenn wir unseren Bedürfnissen gestatten sich zu vermehren, dann, so vermute ich, werden wir unbeweglich, lustlos, neue Risiken auf uns zu nehmen, und immer weiter von den verlassenen Armen entfernt. Ist es übertrieben fromm, zu bemerken, dass wenn unsere Hände gierig greifen oder schon voll sind, sie nichts mehr von Gott empfangen können und sich auch nicht anderen in selbstloser Liebe entgegenstrecken lassen?

"Daheim Karthäuser, draußen Apostel"?

28.       Ich muss zugeben, dass ich Schwierigkeiten hatte mit der überlieferten Formel, nach der wir "daheim wie Karthäuser, draußen wie Apostel” leben sollten. Ich würde sagen, dass wir beiderorts und auch noch dazwischen Redemptoristen sein müssen. Es ist kein Zweifel, dass unsere Kommunitäten Orte sein müssen, wo man miteinander und allein beten kann, wo wir studieren und uns besinnen können. Doch gehören diese Aspekte unseres Lebens zur vita apostolica, die für unsere Kongregation typisch sein sollte. Unser Haus ist nicht einfach ein Ort um ”unsere Batterien aufzuladen”, damit wir sie dann in apostolischer Tätigkeit entladen können, noch weniger ein Ort, um sich anderen oder unseren Verpflichtungen zu entziehen. Unser Gemeinschaftsleben an sich ist Sendung und Zeugnis. Es sollte auch der Ort sein, wo wir einander ermuntern als Brüder, die dazu berufen sind, die Gegenwart und Sendung Christi in der Welt weiterzuführen. Unsere sowohl in der Gemeinschaft als auch in der missionarischen Tätigkeit gelebte vita apostolica ist der Ort, wo wir Missionare sind und wo wir heilig werden.

29.       Wir wissen zwar, dass die Verkündigung bei uns gediegene Ausbildung in theologischen und profanen Wissenschaften veraussetzt, aber wir müssen auch zugeben, dass akademische und pastorale Weiterbildung nicht genügt. ”Man wird erst Missionar, wenn man sich auf den Weg der Heiligkeit begibt (Redemptoris Missio, 90). Aber es ist nicht so, dass wir zuerst heilig werden und dann Missionare; noch sind wir wegen unserer Schwachheit disqualifiziert. Die meisten von uns haben sich vermutlich die verzweifelten Worte des Petrus zu eigen gemacht: ”Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch”. Vernehmen wir aber auch die Aufforderung zur Sendung: ”Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen” (Luk. 5, 8-10). Vollkommenheit ist nicht die Voraussetzung; gefordert wird das Fortschreiten im missionarischen Leben. Alfonsus übernimmt in seinem Kommentar zur Begegnung des auferstandenen Herrn mit Petrus am See von Tiberias (Jo 21, 15-17) die Erklärung des Johannes Chrysostomus und hebt hervor, dass Jesus vom reumütigen Petrus nicht Busse oder Gebete verlangt, sondern den pastoralen Dienst: ”Weide meine Lämmer”.

Missionarischer Mut

Wir fragten uns, auf welche praktische Weise unser Engagement  für die Armen Ausdruck unserer Spiritualität ist, und auf welche Weise dieses Engagement uns hilft, eine echtere Spiritualität zu entwickeln (Botschaft, 8).

30.              Wenn ich bedenke, wie wichtig es ist, dass wir uns für die Armen entscheiden, sofern wir eine echtere Spiritualität entwickeln wollen, dann kommt mir der große Leitsatz des Generalkapitels von 1985 in den Sinn: Evangelizare pauperibus et a pauperibus evangelizari. Ich erinnere mich, dass dieser Grundsatz nicht ohne weiteres in allen Regionen der Kongregation verstanden wurde, aber sicher wurde er diskutiert! Einige Mitbrüder fanden es besonders schwierig, den zweiten Teil der Aussage zu verstehen: a pauperibus evangelizari. Missionare waren bis jetzt diejenigen, welche geistliche Güter weitergaben. Verkündigung war Einbahnverkehr. Wie konnten wir also beschenkt werden, besonders wenn die Geschenke von den Armen kommen sollten? Jeder Redemptorist, der den Armen die Frohe Botschaft verkündet hat, sollte im Stande sein, diese Frage ausgiebig zu beantworten. 

31.              Das Thema des Generalkapitels von 1985 führte zu Konsequenzen in der Praxis. Mehr als eine Provinz überprüfte ihr apostolisches Schwerpunktprogramm im Licht dieses Grundsatzes und fasste darauf schmerzende Beschlüsse. In manchen Fällen übergaben sie der Diözese ihre attraktivsten Pfarreien, um neue Verpflichtungen unter den verlassenen Armen einzugehen. Andere Provinzen übernahmen neue Missionen in fernen Ländern, sogar unter großem Aufwand. Diese Beispiele sollten die ganze Kongregation ermuntern, denn sie zeigen, dass es möglich ist, die Richtung zu ändern, wenn die Änderung stärkere Treue zur "Daseinsberechtigung in der Kirche” (Konstitution 5) bedeutet.

32.              Von den ersten Begegnungen der Redemptoristen mit den Armen im Königreich Neapel an wurde die Geschichte der Kongregation durch den Mut vieler ihrer Mitglieder geprägt. Meine Hoffnung geht dahin, dass die frühere und heutige Zuwendung zu den Armen uns den Mut gibt, auch die Zukunft zu bewältigen. Wird die Kongregation den Mut aufbringen, um das  Evangelium unter die verlassenen Armen in den überfüllten Elendsvierteln der Großstädte des Südens wie Mexiko City, Bogotá, Lagos, São Paulo, Manila, Johannesburg, Calcutta, Lima, usw. zu tragen? Können Redemptoristen stärker unter den neuen Armen in Europa präsent sein: unter den Auswanderern, Flüchtlingen und Asylsuchenden? Welches Zeugnis gibt die Kongregation in der sich nun rasch verändernden Landschaft Osteuropas? Was heißt es, das Evangelium zu verkünden im Westen, wo Spiritualität immer weniger mit Religion zu tun hat und wo die Armen sich immer mehr am Rand der Gesellschaft und der Kirche befinden? Können Redemptoristen weiterhin als Gesandte Christi eine glaubhafte Botschaft der Versöhnung in einigen Regionen Afrikas, wo Bürgerkrieg herrscht, verkünden? Was hat die Verkündigung des Evangeliums für eine Zukunft in Asien, wo das Christentum großen Weltreligionen gegenübersteht? Was hat die Kongregation zu sagen gegenüber der globalen Kultur, die immer weniger Verständnis für die rettende Liebe Gottes aufbringt und folglich weniger interessiert ist an der Solidarität unter Gottes Töchtern und Söhnen?

33.              All diese Situationen haben etwas Gemeinsames an sich, nämlich dass sie von den Redemptoristen mutigen Glauben fordern. Oft besteht dieser mutige Glaube in der Bereitschaft, Vertrautes aufzugeben: meine Kultur, meine Sprache und Lebensweise, um auf wirkliche pastorale Notstände einzugehen. Manchmal könnte der Geist eine Provinz dazu rufen, ihre erfolgreichsten und beliebtesten Tätigkeiten anderen zu überlassen, um sich dort einzusetzen, wo niemand hingehen will. Ich meine, dass solcher Mut nicht nur Quelle künftiger missionarischer Initiativen ist, sondern auch die Frucht einer "Wolke von Zeugen", die unsere Kongregation umgibt: alle Redemptoristen aus Vergangenheit und Gegenwart, die ihre eigenen Interessen aufgegeben haben, aber auch die Provinzen, die aus Liebe zu Christus und seiner Sendung heroische Opfer gebracht haben.

Missionarische Kontemplation

34.              Quelle und Frucht unserer apostolischen Tätigkeit ist der Geist der Kontemplation. ”Wenn der Missionar nicht kontemplativ ist, kann er Christus nicht auf glaubwürdige Weise verkünden” (Redemptoris Missio, 91). Wie verstehen wir Redemptoristen den Geist der Kontemplation? – Es ist eine geistliche Haltung, die uns erlaubt, so zu lieben, wie Jesus liebt "damit wir Anteil erhalten an der Liebe des Sohnes zum Vater und zu den Menschen” (Konstitution 24).

35.              Das Evangelium ohne kontemplative Einstellung verkünden zu wollen, ist so viel wie diesen Brief zu lesen, indem man ihn gegen die Nase drückt. Solche Nähe macht das Lesen der Botschaft schwer oder gar schmerzhaft, auch wenn jemand kurzsichtig ist. Es braucht eine gewisse Distanz zwischen uns und dem Papier, wenn wir lesen wollen. In der Kontemplation machen wir uns frei vom Äußeren dieser Welt, unseres Lebens und Wirkens, damit wir Gott in den Menschen und in den täglichen Ereignissen erkennen. Wir bemühen uns, "Gottes Heilsplan im rechten Licht zu sehen und schließlich die Wirklichkeit von den Illusionen zu unterscheiden”. Diese Worte der Konstitution 24 könnten den Stoff liefern für die nächsten Communicanda! Aber Sie sehen, dass der Geist der inneren Erkenntnis heute wichtiger ist als je, besonders wenn wir Vorgänge beobachten wie die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen, das tägliche und tiefgehende Eindringen einer globalen Kultur und die Kurzlebigkeit mancher Modeströmung.

36.              Es gibt noch einen weiteren Grund, den Geist der Kontemplation zu pflegen. Es hat zu tun mit einer besonderen Forderung des Christentums, die zuerst vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgesprochen wurde und dann in unsere Konstitutionen einging: dass die Menschen in der Begegnung mit Christus das Geheimnis ihres eigenen Lebens entdecken (Gaudium et Spes, 22; Konstitution 19). Neuestens kam dieser Gedanke wieder in der Bulle zur Ansage des Grossen Jubiläums 2000 zum Ausdruck: ”...Gottes Freundschaft und Gnade, das übernatürliche Leben, das allein die tiefste Sehnsucht des menschlichen Herzens erfüllen kann (Incarnationis Mysterium, 2). Das Gegenteil geschieht in der weltweit verbreiteten Neigung zum Konsumieren, welcher der Wahn zu Grunde liegt, man werde glücklich durch das, was man erwirbt oder verbraucht. Das ist das radikale Gegenteil vom Evangelium, aber es kommt an. Nun könnte man versucht sein, gegen die verschiedenen "...ismen” unserer Zeit anzukämpfen – Säkularismus, Materialismus, Individualismus, Konsumismus usw. – ohne die Gründe ihrer Popularität zu erfassen. Kontemplation sollte in uns ”den Geist brüderlichen Mitgefühls” wecken, der uns auf die Menschen horchen lässt, indem wir ihre bedrückenden Fragen in menschlichem Verstehen zu deuten suchen und darin echte Zeichen von Gottes Wirken und Wollen entdecken (Konstitution 19).

Missionarische Geduld

37.              Als ich schon die letzte Hand an diese Communicanda gelegt hatte, wurde ich zum Mitglied der Synode der Bischöfe Ozeaniens berufen. Ein herausragender Beitrag während dieser dreiwöchigen Tagung wurde von einem Bischof von Mauritius geboten, der besonderer Delegierter war. Er wies auf die Begebenheit hin, wo die Jünger die Größe und Pracht des Tempels bewunderten (Luk. 21, 5f). Es ist Ihnen bekannt, wie Jesus die baldige, vollständige Zerstörung dieses großen Baues voraussagte. Der Bischof bat die Synode, an die Probleme zu denken, die in so vielen Ländern auf die Kirche zugekommen sind. Wir könnten dabei an unsere Kongregation denken. Dann bemerkte er: wenn die Dinge rings um mich herum einstürzen, so ist es vielleicht deshalb, weil der Tempel nicht so solid war, wie er aussah. Vielleicht müssten wir unser Gewissen erforschen und fragen, wie wir Gemeinschaft aufgebaut haben (vgl. 1 Kor 3, 10-15).

38.              Das Errichten eines Bauwerkes dient in der Bibel als Bild für die Verkündigung, aber noch klarer spricht für unsere Zeit das Bild vom Sämann und vom Samen. Der Samen, der ausgesät wird, ist das Wort Gottes. Es kommt vor dem Belehren und Moralisieren, vor dem Gesetz und der Disziplin. Das Wort Gottes kommt vorher, weil  es so erhaben ist, dass es Stütze und Kraft der Kirche bleibt (Dei Verbum, 21). Das Bild vom Sämann und dem Samen ist besonders eindrücklich in einer Zeit, die für sofortigen Erfolg schwärmt. Das Wort, das wir verkünden, rät uns, geduldig zu sein, auch wenn wir nicht sofort Früchte sehen (Jak. 5, 7). Gott gibt das Gedeihen (1 Kor. 3, 6; Ad Gentes, 24-25).

Missionarischer Optimismus: Berufeförderung

39.       Unsere Sendung beeinflusst unsere Spiritualität auch im Bestreben, andere dafür zu gewinnen, unsere Lebensweise ganz zu teilen. Können wir alle dem Grundsatz der Konstitution 79 zustimmen: ”Die Stärke der Kongregation bei der Erfüllung ihrer apostolischen Aufgabe hängt von der Zahl und Qualität derer ab, die sich der Gemeinschaft der Redemptoristen anschließen wollen”? Wenn wir damit einverstanden sind, sollte auch jeder von uns seine Verantwortung für Berufeförderung wahrnehmen, besonders durch unseren persönlichen Eifer, das Beispiel unseres Lebens und das beharrliche Gebet (Konstitution 80).

40.       Ob wir uns einsetzen für neue Berufungen oder nicht, ist meines Erachtens eine Frage des Geistes, denn es geht um unseren Glauben an die Absichten Gottes mit unserer Kongregation und deren Platz in der Kirche. Es gibt Mitbrüder, die wohlmeinend zum Schluss gekommen sind, dass der Gott geweihte Leben, unsere Kongregation inbegriffen, am Erlöschen ist. Zu untersuchen, warum die Kongregation in manchen Teilen der Welt keine Kandidaten mehr anzieht, ist nicht einfach und liegt nicht im Rahmen dieses Briefes. Immerhin wird die Kongregation nicht auf die zunehmende Zusammenarbeit mit Laien verzichten. Aber da das Kapitel mit solchem Nachdruck verlangte, dass wir ”den zentralen Gehalt unserer Spiritualität ins Licht rücken, nämlich die Frage, wie wir unsere Glaubensbeziehung zu Jesus stärken und ausdrücken", ist es wohl sinnvoll, dass wir beherzigen, was das Apostolische Schreiben Vita Consecrata uns nahelegt: ”Die Berufungspastoral setzt sich zum Ziel, nach dem Beispiel der Gründer und Gründerinnen den Glanz der Person des Herrn Jesus und die Schönheit der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums zu zeigen” (Nr. 64).

Alle sind Missionare

41.       Die Kongregation steht vor einer Tatsache, die es in ihrer Geschichte noch nie gegeben hat. Ich meine die große Zahl von betagten Mitbrüdern, das so genannte "dritte Alter”. Eine Besinnung über unsere missionarische Spiritualität muss auch diese Gruppe einbeziehen. Während ich an einen späteren Brief denke, den ich ausschließlich den geistlichen Erfordernissen des dritten Alters widmen möchte, können wir uns auf die Konstitution 55 besinnen, die sagt, dass wir alle auf Grund unserer Profess Missionare sind. Das gründet auf unserer Teilnahme an der Sendung Christi und zwar unser Leben lang, ob wir im apostolischen Dienst tätig sind oder daran gehindert sind. Und wie diese besondere Konstitution es durchblicken lässt, erreichen wir unsere volle missionarische Identität erst "wenn wir unser Leiden und Sterben annehmen für das Heil der Welt”.

Die Frage der Umstrukturierung

42.       Das Erfassen und Bejahen der "Daseinsberechtigung der Kongregation  in der Kirche” wird Fragen aufwerfen, namentlich wenn zu entscheiden ist, ob man an einem Ort bleiben oder weiterziehen soll. Wann sagen Redemptoristen: ”Lasst uns anderswohin gehen, in Städte und Dörfer” (Mk. 1, 38)? Wie weit geht unsere Bereitschaft”den Staub von unseren Füssen zu schütteln” (Luk. 5, 9)? Wann erfordert "der neue Wein neue Schläuche” (Luk. 5, 38)? Die letzte Frage betrifft nicht nur unsere missionarischen Methoden, sondern die Art uns einzurichten. Wir müssen weiterhin dafür sorgen, dass die Einrichtungen unserer Leitung und Verwaltung stets im Dienst unserer Sendung sind. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss die Einrichtung geändert werden, damit die Sendung weiter erfüllt wird.

Ein "kahler Strauch"...eine "lärmende Pauke"

Eine Sendung, die nicht Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit Christus ist, ist  zum Scheitern verurteilt (Botschaft 6).

43.              Ein Redemptorist, für den die Mission nicht Ausdruck seiner ernsten Hingabe an Christus ist, was ist er eigentlich? Wie tönt er? – Er ist wie "ein kahler Strauch, der nie einen Regen kommen sieht; er steht auf glühendem Wüstenboden in salziger Erde”(Jer. 17,5-6). Ein Mitbruder schreibt uns: ”ausgebrannt zu sein kommt nicht nur von einem Übermaß an Arbeit, sondern von der inneren Leere und dem  Mangel an Überzeugung in seinem Leben, wenn das Geistliche fehlt”. Könnte das "Ausbrennen” ein geistliches Problem sein? Könnten dessen schmerzliche Symptome nicht den Durst nach "lebendigem Wasser” (Jo. 7, 37-38) verdecken?

44.              Wenn wir von Ihm sprechen, ohne Ihn zu kennen, tönen wir hohl und oberflächlich: ”dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke” (1 Kor. 13,1). Missionar zu sein bedeutet nicht bloß dem Volk nahe zu sein und sich für die Armen einzusetzen; wir sollten Erfahrung haben, damit wir mit ihnen teilen können: ”Was wir gehört haben, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, was wir betrachtet und was unsere Hände angefasst haben - das verkünden wir: das Wort des Lebens. (1 Jo 1,1).

Fragen ohne Antwort oder ”brennende Herzen”?

45.              Getrennt vom Herrn, stehen wir vor vielen Fragen ohne Hoffnung auf Antwort. ”Wo sollen wir in dieser Wüste so viel Brot hernehmen, um so viele Menschen satt zu machen? (Mt. 15, 33). ”Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?” (Mt. 19, 27). ”Wahrheit! Was ist das?” (Jo. 18,38).

46.              Wenn die Person Christi zur Mitte unseres Lebens und zum Herzen unserer Gemeinschaft geworden ist, so will das nicht heißen, dass wir von Zweifel oder Angst verschont bleiben. Aber wenn wir untereinander und vor Ihm unser Herz ausschütten, hören wir zu. Dann entbrennen unsere Herzen, und wir fühlen uns gedrängt, anderen zu berichten: wie Er uns auf dem Weg begegnet ist und wie wir Ihn erkannt haben.

Schlusswort

47.       Lassen Sie mich die wichtigsten Punkte dieses Briefes zusammenfassen. Spiritualität wirft tief gehende, oft verwirrende Fragen über unsere Identität und den Sinn unseres Lebens auf. Für Redemptoristen muss Spiritualität eng mit Sendung verbunden sein: mit der "Daseinsberichtigung der Kongregation in der Kirche”. Diese enge Verbindung bedeutet, dass wir bei allem Christus als Mitte wählen, dass Zeugnis von entscheidender Bedeutung  und Kontemplation eine unabdingbare Voraussetzung sine qua non für missionarisches Leben ist. Das heißt, dass wir darum ringen müssen, um so mutig, so geduldig und voller Hoffnung zu sein,  dass wir andere dazu einladen, voll und ganz unser Leben zu teilen. Schließlich darf  Spiritualität nicht Theorie bleiben: wir müssen sie leben. Sie muss praktische Folgen in unserem Leben haben.

Die Kongregation und das Grosse Jubiläum

48.       Es ist schon praktisch eine Floskel zu sagen, dass wir auf der Schwelle eines neuen Jahrtausends stehen. Doch glaube ich, wir sollten das außerordentliche Zeichen der Zeit, das Grosse Jubiläum,  nicht  übersehen. Haben Sie die verschiedenen Themen beachtet, die der Heilige Vater zu dieser Feier vorlegt? Sie klingen vertraut: Bekehrung, Veränderung, Busse, Versöhnung, Erlösung, das Ostergeheimnis. Lauter Themen, die in das Herz unserer Sendung treffen.

49.       Ist es sinnvoll, dass alle Provinzen und Vizeprovinzen ein besonderes Missionsprojekt als Teil der Feier des Grossen Jubiläums vorsehen?  Ich weiß, dass einige Projekte wie Stadtmissionen oder Wallfahrten geplant sind. Aber es stimmt auch, dass Mitglieder einiger (V)Provinzen – besonders jene in der Leitung – müde und entmutigt sich fragen, ob ihre Mitbrüder sich dafür einsetzen werden. Doch möchte ich jede (V)Provinz bitten, das neue Millennium mit einem besonderen Projekt zu beginnen, das der "Daseinsberechtigung der Kongregation innerhalb der Kirche" und dem "Prüfstein ihrer Treue zur empfangenen Berufung” (Konstitution 5) entspricht.

50.       Möge die Unbefleckte Jungfrau Maria, die nach Jesus Christus die wichtigste Beschützerin unseres heiligen Institutes ist, das ja besonders unter ihrem Schutz geboren wurde, uns helfen, dass wir ihren Sohn lieben und dazu beitragen, dass er geliebt wird.

Im Namen des Generalrates,

Joseph W. Tobin, C.Ss.R.
Generaloberer


(Der ursprüngliche Text ist englisch.)