Communicanda - 1991-1997   

 

Communicanda 3

Rom, 8. September 1994
Prot. N. 0000 0237/94

Die Zeichen der Zeit verstehen

0.    Einleitung

0.1   Anlässlich unserer Visitationen in den Provinzen, wurden den Mitgliedern des Generalrates immer wieder Fragen gestellt über den Stand der Kongregation. Welche Provinzen oder Vizeprovinzen gedeihen am besten? Was tut man, um jenen Provinzen zu helfen, die zusehen müssen, wie die Zahl ihrer Mitglieder abnimmt und die Überalterung zunimmt? Wie sieht der Generalrat die Zukunft der Kongregation auf der ganzen Welt? Wir nehmen solche Fragen dankbar entgegen als Zeichen der Verbundenheit mit uns allen. Aber wir halten es für dringend, nun weiter zu gehen als die gelegentlichen Antworten bei den Visitationen. Wir wollen eine tiefere Analyse des jetzigen Standes der Kongregation vorlegen und unsere Gedanken mit den Brüdern in einer gründlicheren Darstellung austauschen.

0.2   Der Generalrat hat sich viel Zeit genommen, um aus den Statistiken das Bild der Kongregation in der heutigen Welt zu erfassen. Wir versuchten, die Entwicklung der Kongregation in den grösseren Zusammenhang der Veränderungen in Kirche und Gesellschaft zu stellen, mit denen die Redemptoristen leben. Zu unserer Analyse trugen wir unsere persönlichen Erkenntnisse aus den Visitationen bei. All das führte unter uns manchmal zu sehr lebhaften Gesprächen. In diesen Communincanda möchten wir die ersten Ergebnisse unseres Bemühens darstellen.

0.3   Wir glauben, dass der jetzige Stand der Kongregation uns Redemptoristen alle dazu aufruft, den Willen Gottes für uns heute wahrzunehmen. Als Kongregation von Missionaren sollten wir nicht so sehr fragen, wo wir stehen, als vielmehr, wo war hinwollen. Wir sollten Fragen stellen wie diese: "Was sehen wir am Horizont?" "Haben wir die richtige Zielsetzung?" "Bewegen wir uns überhaupt?" Dies zu klären, ist eine sehr ernste Aufgabe, die der Generalrat wohl nicht allein lösen kann. Darum wollen wir die Überlegung in weiteren Kreisen der Kongregation anregen.

Wir richten diese Communincanda besonders an die Räte der Provinzen, Vizeprovinzen und Regionen. Dabei erwarten wir, dass jeder Rat alle Mitbrüder auf seinem Gebiet zum Mitdenken auffordert. Zudem bitten wir, dass jeder Provinz- oder Vizeprovinzrat selber eine Antwort auf diese Communincanda verfasst und sie dem Generalrat vor dem 1. Juni 1995 zukommen lässt.

Erster Teil: Statistik

1.    Kurze Übersicht über die Entwicklung
von 1963 bis 1994 und
den jetzigen Stand der Kongregation

Die verschiedene Entwicklung der Provinzen im Lauf der dreissig letzten Jahre lässt uns unter ihnen vier Gruppen unterscheiden. (Siehe Anhang: Tabellen 1-4)

1.1   Die erste Gruppe (Tabelle 1) umfasst die 22 Provinzen oder Vizeprovinzen, die in den 30 letzten Jahren ständig gewachsen sind. Mitgerechnet sind einige Vizeprovinzen, die nach 1963 errichtet wurden. Zusammen ergeben sie nur 29% (1.688) der Gesamtzahl der Redemptoristen aber 52% (343) der Studenten. Geographisch geordnet sind es:

-    Europa:

Bratislava (1603), Michalovce (1604), Warszawa (1700),

Lviv (4200)

-    Nordamerika:

Extra Patriam (3401)

-    Lateinamerika:

Asunción (0705), Fortaleza (1304), San Salvador (1506), Resistencia (1701), Bahia (1702), Perú-Sur (2201), São Paulo (2300), Brasília (2302), Bogotá (2800), Porto Alegre (3500)

-    Asien-Ozeanien

Kagoshima (0802), Weetebula (1003), Bangkok (1204),

Ipoh (2103), Bangalore (3800)

-    Afrika:

Luanda (3301), Niamey (0404)

1.2   Die Lage in den 14 Provinzen oder Vizeprovinzen der zweiten Gruppe ist weniger klar (Tabelle 2). Die meisten von ihnen haben zwar im gesamten Zeitabschnitt der 30 Jahre eindeutig abgenommen, aber sie können in den letzten Jahren einbescheidenes Wachstum verzeichnen. Sie stellen 14% (824) der Redemptoristen und haben 24% (156) von den Studenten. In geographischer Ordnung sind es:

-    Lateinamerika:

Manaus (1202), Caracas (1502), Perú-Norte (1507), Buenos Aires (2200), Rio de Janeiro (2600), Santiago (3000), México (3600), San Juan (3900)

-    Asien–Ozeanien:

Cebu (1302), Tokyo (1902), Việt Nam (3400)

-    Afrika:

Matadi (0603), Fada N'Gourma (1402), South Africa (4000)

1.3   Die dritte Gruppe (Tabelle 3) stellt die Regionen und Missionen der Kongregation dar. Sie sind voneinander verschieden. Die meisten sind Neugründungen. Einige davon sind im Wachsen begriffen. Zusammen stellen sie 2,8% (163) unserer Mitglieder und haben miteinander 6,7% (44) Studenten.

-    Lateinamerika:

Pilar (0101), Tupiza (1703), Haïti (1904), Reyes (2501), Propriá (3201)

-    Asien– Ozeanien:

Korea (0058), Colombo (3801), Alwaye (3802)

-    Afrika:

Zimbabwe (l 103), Nigeria (2702)

1.4   Die vierte Gruppe (Tabelle 4) umfasst die 35 Provinzen oder Vizeprovinzen, deren Mitgliederzahl in den letzten 30 Jahren ständig abnahm. Sie weisen zwar 54% (3.151) der Mitglieder auf, aber haben nur 16,8% (l 10) der Studenten.

-    Europa:

Roma (0100). Napoli (0200), Palermo (0300), Lyon (0400) Wien (0500), København (0502). Noordbelgië (0600) München (0800), Amsterdam (0900), Köln (1000), London (1100), Dublin (1300), Paris (1400), Madrid (1500), Praha (1600), Strasbourg (1800). Helvetica (2500), Bruxelles-Sud (3200), Lisboa (3300)

-    Nordamerika:

Baltimore (0700), Richmond (0704), Saint Louis (1200), New Orleans (1203), Sainte-Anne de Beaupré (1900), Toronto (2000), Oakland (2700), Edmonton (2900), Yorkton (3100)

-    Lateinamerika:

Recife (0903), La Paz (1801), Quito (2400), Campo Grande (4100)

-    Asien–Ozeanien:

Canberra (2100), Manila (2101), Wellington (3700)

Es sind keine Anzeichen dafür vorhanden, dass diese Entwicklung sich in der nächsten Zeit wenden wird. Wieviel nötig wäre, um das Schrumpfen aufzuhalten oder umzukehren, kann man am Beispiel einiger Provinzen ersehn:

Die Zahlen in der ersten Kolonne zeigen den durchschnittlichen Verlust an Mitbrüdern in der Zeit zwischen 1981 und 1993; die Zahlen in der zweiten Kolonne geben den Jahresdurchschnitt der ersten Professen im selben Zeitabschnitt.

1981-1993             Verlust pro Jahr           Erste Professen
                           (Tod oder Dispens)              pro Jahr

Baltimore                      18.6                               5.61

Saint Louis                     8.7                               2.69

Köln                                7.5                               1.92

Madrid                            7.4                               1.92

Saint Anne                      6.3                               1.76

Canberra                        6.1                               1.38

Dublin                             5.9                               2.76

München                        53                                1.61

London                           4.5                               1.76

Napoli                             4.5                               2.23

Toronto                          3.7                               1.38

Roma                              3.1                               0.15

Strasbourg                     2.9                               0.23

Eine Provinz kann ihren Personenstand nur halten, wenn die Zahl der ersten Professen die jährlichen Verluste ausgleicht. Und wenn sich eine Provinz von ihrer Schrumpfung erholen will, müssen in den nächsten Jahren die ersten Professen zahlreicher sein als die Verluste.

2.    Die Altersverteilung in der Kongregation
am 1. August 1994

Die graphische Darstellung der Altersverteilung gibt uns ein weiteres Bild vom Stand der Kongregation auf der Welt:

Kongregation

80 -    502
70-79 968
60-69 1133
50-59 1046
40-49 706
30-39 869
    -29 602

25,2% (1.470) der Mitglieder sind 70 Jahre alt oder älter; weitere 19,4% (1.133) haben ein Alter, das zwischen 60 und 70 liegt; insgesamt sind es 44,6% (2.603). Dieser Stand wird mindestens in den nächsten zehn Jahren so bleiben, weil eine weitere zahlreiche Gruppe auf die höchste Alterstufe nachrücken wird.

Nie zuvor hat es in der Kongregation so viele betagte Mitbrüder gegeben. Dafür bestehen vor allem zwei Gründe; zunächst die grosse Zahl von Redemptoristen, die zwischen 1930 und 1950 in die Provinzen Europas und Nordamerikas eingetreten sind, sodann die längere Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt.

Mehr als zwei Drittel (68,7%) der Betagten sind in der ersten Welt, wie man heute zu sagen pflegt, nämlich in Nordamerika, Australien und Neuseeland, sowie im Westen und Süden Europas: 1.114 (von insgesamt 1.470) sind mehr als 70 Jahre alt, und 674 (von insgesamt 1.133) haben ein Alter zwischen 60 und 70.

Zugleich haben gerade diese (V)Provinzen relativ wenig Nachwuchs:

558 Mitbrüder sind 50 oder weniger Jahre alt:

Südeuropa: 129
West- und Nordeuropa: 157
Nordamerika: 253
Australien und Neuseeland: 19

3.    Wendepunkte in der Geschichte der Redemptoristen

Um die Zusammenhänge dieser statistischen Bestandesaufnahme wahrzunehmen und unsere Antwort darauf besser würdigen zu können, muss man wohl dieses Zahlenmaterial im weiteren Umfeld der Ereignisse betrachten, die sich während der letzten dreissig Jahre in der Kongregation, der Kirche und der Welt abgespielt haben. Hier nun einige Hinweise, die uns erwähnenswert scheinen im Hinblick auf unsere jüngste Vergangenheit.

3.1   Demokratisierung und Dezentralisierung (1969)

Der Einfluss der Generalleitung war beträchtlich vermindert in der Zeit, die hier statistisch dargestellt ist. Denn 1969 wählten die Provinzen und Vizeprovinzen zum ersten Mal in der Geschichte der Kongregation ihre höheren Obern und ihre Räte selber. Diese Leitungsgremien ernannten dann in den Provinzen und Vizeprovinzen die Hausobern, was eine weitere Neuerung in der Geschichte der Redemptoristen darstellt,

Das führte zu grösserer Selbständigkeit der Provinzen und förderte den Pluralismus in der Kongregation, wie wir ihn in den Communicanda 2, Nr. 14 erwähnt haben samt den Gefahren und Herausforderungen, die dort in den Nummern 22ff beschrieben sind.

3.2   Die erneuerten Konstitutionen und Statuten

Zur Zeit, wo der Wandel in der Kirche nach dem Konzil in vollem Gang war, erneuerten wir unsere Ordensregel. Als die alte Regel nicht mehr massgebend war, und die neuen Konstitutionen noch nicht recht wirkten, konnte eine ganze Generation von Redemptoristen ohne grundlegende Richtlinienen für ihre Identität als Ordensleute heranwachsen. Beim letzten Generalkapitel bedauerte man allgemein, dass die Konstitutionen und Statuten den meisten Mitbrüdern kaum bekannt waren.

3.3   Neue Provinzen, Vizeprovinzen und Missionen

-    Einige Vizeprovinzen wurden zu Provinzen: Việtnam (1964), Porto Alegre (1964), México (1966), Wellington (1970), Bangalore (1972), San Juan (1984), South Africa (1989), Campo Grande (1989), Lviv (1989), Brasília (1994).

-    Neue Missionen oder Vizeprovinzen wurden errichtet in: Propriá (1963), Reyes (1970), Extra Patriam (1984), Tupiza (1984), Nigeria (1987), Hong Kong (1989), Kenya (1990), Korea (1991), Côte d’Ivoire (1993), Ghana (1994).

3.4   Die Krise der Volksmissionen Ende der Sechzigerjahre

In der Zeit nach dem 2.Vatikanischen Konzil kamen unsere traditionellen Volksmissionen zum Stillstand. Einigen Provinzen gelang es, Inhalt und Form der Volksmissionen zu erneuern; andere aber gaben das Predigen von Volksmissionen völlig auf. Für einige Provinzen, wo die Arbeit fast ausschliesslich im Predigen von Missionen bestand, löste das Aufgeben dieser Tätigkeit auch das Selbstverständnis der Redemptoristen auf.

3.5   Die Schliessung der meisten unserer Ausbildungshäuser

In den letzten 30 Jahren wurden die folgenden Priesterseminare (Studentate) geschlossen:

Cortona (Roma)                                        Sousceyrac (Lyon)

Mautern (Wien)                                         Leuven (Noordbelgië)

Esopus, Suffield (Baltimore)                      Gars (München)

Wittern (Amsterdam)                                 Hawkstone (London)

Oconomowoc (Saint Louis)                       Galway (Dublin)

Waterford (Saint Louis)                             Windsor (Toronto)

Beauplateau (Bruxelles Sud)                    Valladolid (Madrid)

Echternach, Ostwald (Strasbourg)            Aylmer (Sainte-Anne)

Floresta (Rio de Janeiro)                          Ballarat (Canberra)

Villa Allende (Buenos Aires)                      Dreux (Paris)

Zur gleichen Zeit wurden fast alle kleinen Seminarien (Juvenate) aufgegeben.

3.6   Schrumpfen des Personenbestandes zwischen 1964 und 1973:

-    Die Erstprofessen gingen von 325 in 1964 auf 88 in 1973herunter und erreichten nie wieder den Stand der Jahre kurz vor dem 2.Vatikanischen Konzil.

-    2.332 Mitglieder, die Profess abgelegt hatten, verliessen die Kongregation, darunter mehr als 500 Priester. (In den 10Jahren vorher waren es 565, darunter 60 Priester.)

3.7   Laut folgender Statistik sind wir nicht die einzigen Ordensleute mit solchen Verlusten in den letzten Jahrzehnten:

                                                            1966          1992

Societas Jesu (S.J.)                             35.919       23.570       -34%

Ordo Fratrum Minorum (OFM)             25.272       18.558       -26%

Salesiani Don Bosco (SDB)                 22.726       17.497       -23%

Fratres Minori Cap. (OFM Cap)           15.710       11.676       -26%

Confoederatio Benedictina (OSB)       11.963         8,738       -27%

Ordo Praedicatorum (OP)                      9.946         6.561       -34%

C.Ss.R.                                                  9.052         6.052       -33%

Oblati Mariae Immac. (OMI)                   7.890          5273       -33%

Congregatio Missionis (CM)                  6.230         3.668       -41%

Congregatio Spiritus Sancti (CSSp)      5.137         3.280       -36%

(Quelle: Annuario Pontificio, Città del Vaticano, 1968, 1994; die Zahlen schliessen die Novizen ein)

4.    Das kirchliche Umfeld dieser Entwicklung

4.1   Die Lehre des 2. Vatikanischen Konzils hat tiefgreifende Veränderungen in der gesamten Kirche bewirkt, und dieser Vorgang hat sich unwiderruflich in die letzten Jahrzehnte der Geschichte unserer Kongregation geprägt. Das erneuerte Kirchenverständnis des Konzils, besonders die Einsicht, dass jedermann zu einem heiligen Lebenswandel berufen ist, hat den Laienstand in der Kirche aufgewertet und gewissermassen die Theorie vom Ordensleben als "besseren" oder "höheren" Weg zur Heiligkeit in Frage gestellt. Das Konzil anerkannte richtig die Bedeutung der Laien und wies ihnen eine grössere Rolle im Sendungsbereich der Kirche zu. Doch hat dieses gestärkte Selbstbewusstsein der Kirche beigetragen zur Identitätskrise von Ordensleuten und von Priestern.

4.2   Das Konzil erweiterte auch die Auffassung vom Erlösungswerk, indem es nahelegte, dass die erlösende Kraft Gottes auch in anderen religiösen Traditionen wirkt, sogar in Menschen, die nie etwas von Jesus Christus gewusst haben. Der engere Sinn des Satzes extra Ecclesiam nulla salus wurde aufgegeben. Die grosszügigere Auffassung vom Heilswirken Gottes und das gleichzeitige Nachlassen der Sorge um die "Rettung der Seelen" haben die missionarische Begeisterung der Kongregation für Volksmissionen und auswärtige Missionen stark gedämpft.

4.3   Neben der Geisteserneurung des Konzils ging die zunehmende Säkularisierung einher, besonders in der sogenannten ersten Welt, wo die Kirche als Institution weiterhin an Einfluss verliert im Bereich des öffentlichen Lebens, wie auch an Sinn für die Einzelnen und die Familien.

5.    Hinweise auf die Weltgeschichte
in den letzten 30 Jahren

5.1   Der jetzige Stand der Kongregation wurde beeinflusst durch Umstände, die unabhängig sind von uns und der Kirche. Es gibt wohl keine Faktoren, die für alle Kulturen gelten, in denen die Redemptoristen leben, und jeder Teil der Kongregation sollte die neueste Entwicklung seines eigenen Kulturkreises verfolgen. Kenntnis von den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen ist unbedingte Voraussetzung, um die gegenwärtige Lage zu verstehen.

5.2   Man muss zwar die Entwicklung jeder Provinz an sich verfolgen, aber es fällt doch auf, dass manch schrumpfende Provinz durch kulturelle Vorgänge getroffen wurde, wie die Studentenunruhen in Europa 1968, den Vietnamkrieg (1963-75), die feministische Bewegung, die Betonung des Sexuellen und den Geburtenrückgang. In den meisten Ländern der Welt hat eine bessere Allgemeinbildung zu grösserer Beweglichkeit der Gesellschaft und somit zu ungeahnten Möglichkeiten für die Jugend geführt. Selbstverwirklichung und persönliche Erfüllung wurden zum Ideal. Eine lebenslängliche Verpflichtung irgendeiner Art wird immer mehr als etwas Unrealistisches empfunden. Die Zwänge des modernen Lebensstils überfordern das Durchhaltevermögen vieler junger Menschen.

5.3   Ein wellweiter Vorgang, der auch in Zukunft seinen Schatten auf die Redemptoristen wirft, ist der immer tiefere Graben zwischen den Reichen und den Armen. Diese Tatsache hat nicht nur die Wahl von Schwerpunkten auf dem Wirkungsfeld eines grössen Teils der Kongregation bestimmt, sondern auch zu Auseinandersetzungen innerhalb der Provinzen. Vizeprovinzen und Regionen geführt (siehe Schlussdokument Nr. 9).

Zwar dürfte es nun klar sein, dass die Kongregation sich nie im luftleeren Raum entwickelt hat, quasi abgeschirmt vor den kulturellen Einflüssen, denen sie in Leben und Werken ausgesetzt war. Um die gegenwärtige Lage der Kongregation zu verstehen, muss man sicher das Umfeld im Auge behalten; aber die Kenntnis dieses wirkungsvollen Kräftespiels darf die Kongregation nicht im Geringsten davon abhalten, mit eigener Verantwortung zu handeln.

Zweiter Teil: Versuch, die Zeichen
                  der Zeit zu verstehen

6.    Was will Gott uns klar machen?

Gottes Wort erreicht die Seinen in den Ereignissen ihrer eigenen Geschichte. Die Hebräer verstanden, dass Gott sich ihnen im Verlauf ihres Auszuges aus Ägypten und ihres Einzugs in das Gelobte Land offenbarte (siehe das ganze Buch Deuteronomium); ebenso im Elend der Babylonischen Gefangenschaft (Jer. 13,18-19) und darauf in der Heimkehr (Is. 40,l ff). Die Predigt Jesu, besonders auch manches seiner Gleichnisse, ermahnt die Jünger zur Wachsamkeit und zum scharfen Beobachten der Ereignisse um sie herum (vergl. Mt. 24; Mt. 25,1-13, 14-30, 31-41; Mk. 13,28-29). Er tadelt sie, weil sie zwar die Zeichen der Natur deuten können, aber nicht imstande sind, aus den Ereignissen zu erkennen, was Gott in ihrem Leben mit ihnen vorhat (Lk. 12,54-55). Unsere Konstitutionen fordern nachdrücklich alle Redemptoristen dazu auf, den Plan Gottes in der Zeitgeschichte suchen (Konst. 2, 43, 73.1, 83). Denn Gott spricht "durch Menschen und die Zeichen der Zeit" (Konst. 73.1).

Die Frage, die wir uns selber grossherzig stellen sollen, lautet: Was will Gott uns klar machen in den gegenwärtigen Verhältnissen der Kongregation?

6.1   Manche Mitbrüder ersehen aus dem statistischen Bild der Kongregation eine Krise, die sich verschärft. Aber eine Krise ist nicht unbedingt ein Unglück, denn Gott spricht zu uns gerade in der Krise. Doch um auf Gott zu hören, müssen wir zuerst die Situation wahrnehmen, aber weder mit der Resignation von Gescheiterten, noch mit hilflos verzweifeltem Warten auf ein Wunder oder eine allzu einfache Lösung. Der erste Schritt zur Einsicht besteht darin, die Dinge zu betrachten, wie sie sind. Nur so werden wir fähig, auf Gott zu hören, seinen Aufruf zum ehrlichen Nachdenken zu vernehmen und mit Vertrauen darauf einzugehen.

6.2   Will Gott etwa sagen, dass unser besonderes Charisma nicht mehr nötig ist für die Kirche und dass wir am besten verschwinden? Ist die Krise so vieler Ordensgemeinschaften das für den Vorzeichen Untergang des Ordenslebens? Wir dürfen nicht voreilig auf diese Grundfragen antworten. Weil sie so wichtig sind, verlangen sie eine äusserst ernste Überlegung und fordern in der gegenwärtigen Situation unsere eigene Verantwortung heraus.

6.3   Will Gott uns sagen, dass wir das ursprüngliche Charisma der Kongregation, sein ureigenes Geschenk an die Kirche, verwirkt haben? Liegt es etwa daran, dass wir nicht wissen, wie wir unser Charisma den heutigen Verhältnissen anzupassen haben? Oder, falls wir ahnen, was Gott von uns verlangt, verweigern wir das Opfer, das mit einer solchen Erneuerung verbunden wäre?

6.4   Will Gott uns nicht sagen, dass wir offen und ehrlich die Aussagekraft unseres missionarischen Lebens überprüfen sollen? Haben wir etwa unsere ursprüngliche Eigenart ganzer Hingabe an Gott verloren und unsere Rolle als Wegbereiter der Kirche aufgegeben? Ist es etwa so, dass wir vor lauter Modernisierung unserer Lebensweise, vergessen haben, dass wir gerade als Redemptoristen einen alternativen Lebensstil vorweisen sollten?

6.5   Will Gott uns sagen, dass wir mehr um uns selbst, unser Recht und unser Ansehen besorgt waren als um den Aufbau seines Reiches? Lag uns mehr daran, einen Turm von Babel (Gen. 11,4) zu bauen als das Reich Gottes?

7.    Überlegungen des Generalrates

Wir haben nicht die Absicht, nun selber diese Fragen so zu beantworten, wie sie sich aus unserer Besinnung über die gegenwärtige Krise der Kongregation ergeben haben. Vielmehr müssen wir miteinander herausfinden, was Gott mit uns vorhat, indem wir uns fragen, was "die Zeichen der Zeit und der Orte" von uns fordern. So wollen wir nun einige unserer Gedanken unterbreiten und alle Mitbrüder in der Kongregation einladen, sich dem Generalrat beim Suchen nach Gottes Willen in den heutigen Verhältnissen anzuschliessen.

Unser Sinn für gemeinsame Verantwortung sollte allen Provinzen und Vizeprovinzen Ansporn sein zum regen Mitdenken. Es könnte wohl sein, dass man schon nichts mehr tun kann, um das Fortbestehen der Kongregation in gewissen Teilen Westeuropas oder Nordamerikas, abzusichern, wenigstens nicht im bisherigen Rahmen der Provinzen. Doch wäre es ein fataler Irrtum, wenn die Mitbrüder in jenen Provinzen, die noch gut dastehen, nichts lernen würden von jenen Teilen der Kongregation, die überaltert sind und immer weniger Mitglieder haben.

7.1   Wie wir schon in Nr. 4 und 5 erwähnten, haben die dramatischen Veränderungen in Kirche und Gesellschaft in den letzten 30 Jahren die Kongregation arg hergenommen. Wir erlebten einen scharfen Bruch mit unserer Vergangenheit und konnten die grundlegenden Werte der Kongregation nicht in die Gegenwart herüberretten. Man könnte meinen, dass die erneuerten Konstitutionen und Statuten, sowie die Geschichte der Kongregation meistens keinen Einfluss haben auf das Leben und die Entscheidungen der Einzelnen und der Gemeinschaften. Wir befürchten, dass Mitbrüder mancherorts auf der Welt sich nicht identifizieren mit dem, was es heisst, Redemptorist zu sein. Und noch schlimmer als das ist die offensichtliche Weigerung, miteinander zu suchen, worin unsere Identität als Redemptoristen heute bestehen soll.

7.2   Wenn unsere Grundwerte unklar sind und in Wirklichkeit keinen Einfluss haben auf unser Verhalten und unsere Entscheidungen, sind wir verunsichert auf dem Weg in eine veränderte Welt. Solche Unsicherheit führt verständlicherweise zu Angst und befangener Abwehrhaltung. So droht dann, dass wir uns versteifen auf unsere hergebrachten Tätigkeiten. Unter Umständen können wir uns noch einigen über gemeinsame Einsätze, aber ohne gemeinsame Vision und Zielsetzung.

7.3   Wenn wir schon im Zweifel sind über unsere gemeinsame Sendung, dann ist es nicht überraschend, dass auch unser Gemeinschaftsleben ins Wanken gerät (Konstitution 21). Unser gemeinschaftliches Gebet, unser Lebensstil, unsere Gelübde und unsere Art, Entscheidungen zu treffen, sind oft unverständlich für die Welt, die Kirche und, ehrlich gesagt, für uns selber. Es besteht die Gefahr, dass unsere Spiritualität zur persönlichen, privaten Angelegenheit eines jeden wird.

7.4   Der Verlust unserer missionarischen Identität löst nicht nur unser Gemeinschaftsleben auf, sondern wirkt sich verheerend auf die Gewinnung neuer Mitglieder aus und auf die Grundausbildung unserer Kandidaten und Studenten, Auf welche Missionstätigkeit können wir sie vorbereiten, wenn es nicht klar ist, was wir als Redemptoristen für eine Aufgabe haben? Und wie können wir an den Idealismus der Jungen appellieren, wenn unser gegenwärtiges Gemeinschaftsleben ein schwaches Zeugnis ist für die begeisterten Zielvorstellungen des hl. AIfonsus?

7.5   Vielleicht liegt an der Wurzel dieser weitverbreiteten Unsicherheit ein grundsätzlicher Zweifel an unserer Zukunft und der des Ordenslebens überhaupt. Wir haben den Eindruck, dass manche Mitbrüder nichts unternehmen, um Berufe zu fördern. Das ist vielleicht aus Mangel am Vertrauen, dass unsere Lebensform immer noch ein Ideal sein kann, das verdient, dass man sich ganz dafür einsetzt. Es gibt auch Mitbrüder, die zwar die Kongregation sicher nicht verlassen werden, aber sich von jeglicher Verantwortung für das Leben und die Zukunft ihrer Hausgemeinde und ihrer Provinz dispensieren. Solches Verhalten muss sich auf die Brüder negativ auswirken.

7.6   Wir sind sehr besorgt um die wenigen Jungen, die in eine alternde, niedergehende Provinz eingetreten sind. Die kleine Zahl der Jungen und oft auch die Versteifung der Mitbrüdermachen es ihnen unmöglich, etwas Neues zu probieren in der Seelsorge oder im Gemeinschaftsleben. Dieser jungen Redemptoristen sind wenige und dazu sind sie noch so weit auseinander, dass sie kaum mitreden können über die Zukunft ihrer Provinz und keine Unterstützung von gleichaltrigen Redemptoristen haben.

7.7   Die Provinzen wenden zwar meistens viel Personal und Geld auf für die Grundausbildung ihrer Mitglieder, aber oft fehlt es an der besonderen Begleitung der jungen Redemptoristen in den ersten Jahren ihrer seelsorgerischen Tätigkeit. Ist dieser Mangel an Zuwendung nicht ein Grund, dass so viele unserer jungen Mitbrüder die Kongregation nach kurzer Zeitverlassen?

7.8   Manche (V)Provinzen haben bei der stets wachsenden Zahl älterer Mitbrüder bewundernswerte Massnahmen für die entsprechende Altersfürsorge und Krankenersicherung getroffen. Wie lobenswert diese Massnahmen auch sind, das letzte Wortdürfen sie nicht sein. Im Alter soll ein Redemptorist sich als gottgeweihter Missionar bewähren. Werden in gewissen Provinzen die Betagten wirklich aufgefordert, die frohe Botschaft weiter zu verkünden durch ihre Teilnahme am Leben der Ordensgemeinde?

7.9     Es gibt unseres Erachtens verschiedene Antworten auf die Krise in der Kongregation. Jeder kann sie finden, erst recht die Verantwortlichen und namentlich unser eigener Rat. Manche erschrecken vor der Statistik. Andere wollen den Ernst der Krise und ihre schweren Folgen nicht wahr haben. Wieder andere meinen, die Krise sei ein Problem, das nur Westeuropa und Nordamerika betreffe. Doch die schlimmste Haltung, die dem Evangelium am wenigsten entspricht, besteht wohl darin, sich der Krise zu ergeben und einfach hinzunehmen, dass die Kongregation aus mehreren Teilen der Welt verschwindet. Die wirkliche Krise liegt nicht an der Statistik sondern an der Passivität. Kapitel und Provinzräte laufen Gefahr, sich nur mitkurzfristigen Angelegenheiten zu befassen und der schwereren Frage nach der Identität der Redemptoristen auszuweichen. Es ist wohl leichter, mit den laufenden Finanzgeschäften und Personalproblemen fertig zu werden, als nach den "Zeichen der Zeit" zu suchen und ehrlich die Stichhaltigkeit unserer Antwort zu prüfen.

7.10 Man kann auch die Meinung hören, die gegenwärtige Lage sei nur die Frucht unverantwortlicher Experimente, die unter dem Namen "Erneuerung" gemacht wurden, und darum müsse man zu den vergangenen Strukturen der Kongregation zurückkehren. Dabei beruft man sich auf den scheinbaren Erfolg von religiösen Bewegungen mit traditionalistischem Einschlag. Wir unsererseits glauben nicht, dass Gott von uns verlangt, dass wir eiligst zurückkehren zu den Strukturen, Bräuchen und Übungen der Vergangenheit. Hingegen lässt die gegenwärtige Krise mancher Provinz und die drohende Gefahr, die auf weitere, momentan noch starke Provinzen lauert, das Drängen Gotteshören, dass wir uns neu auf den Ernst unserer Ordensgelübde unter veränderten Verhältnissen besinnen.

7.11 Dieses Drängen des Herrn ist nichts anderes als sein Aufruf zur Bekehrung. Und zwar geht dieser Ruf nicht global undifferenziert an die Allgemeinheit der Redemptoristen, sondern ist mit Spannung auf den persönlichen Entscheid eines jeden Mitbruders gerichtet. Und was er meint, ist nicht kompliziert, sondern in einem einzigen Wort zugegen. Die jetzige Situation der Kongregation, das ist der Herr, der uns in die Wüste führt und jedem "zu Herzen reden will" (Os. 2,16). Eine Wüste, wo die Kongregation dasteht ohne jeglichen falschen Verlass und ohne Traum von ständigem Wachstum, eine Wüste, wo wirk eine andere Wahl haben, als uns ganz auf Gott und aufeinander zu verlassen, eine Situation, wo der Herr uns wirklich "zu Herzen reden kann" und jeden drängt, sich ganz Jesus Christus, unserm Erlöser, anzuschliessen.

7.12 Aber nur zu lauschen auf die Stimme unseres Erlöser, wäre zu wenig. Wir müssen antworten. Allerdings könnte man einwenden, was der Herr verlange, sei hart oder gar unerträglich(Jo 6,60). Man könnte die Einladung auch ausser acht lassen und vorgeben, dass man im Moment zuviel andere Sorgenhabe, (Mt. 22,5). Oder man könnte "traurig weggehen", weil das Opfer einfach zu gross ist (Lk. 18,23). Wir können aber auch zum Schluss kommen, dass es nichts besseres gibt, als bei demjenigen auszuharren, der Worte des ewigen Lebens hat"(Jo. 6,68). Diese Einsicht leuchtet im Gebet auf, und wir erfahren sie dann nicht etwa in einer reinen Theorie, sondern als "praxis amandi" in einem Leben voll selbstloser Liebe.

Im Namen des Generalrates,