Communicanda 2
Rom, 14. Januar 1994
Prot. N. 0007/94
Einheit
in der Vielfalt
Liebe Mitbrüder!
1. Mehr als
zwei Jahre sind seit dem XXL Generalkapitel
vergangen. In dieser Zeit haben wir im Generalrat
ebenso wie die gesamte Kongregation Überlegungen
zu den Schlußfolgerungen aus diesem bedeutenden
Ereignis angestellt. Wie Ihr so haben auch
wir uns bemüht, die Aussagen des Schlußdokuments
auf unseren Dienst an der Kongregation
anzuwenden, sowohl hier in Rom als auch bei
unseren Besuchen in den (Vize)Provinzen und
Regionen.
2. Wir haben
Euch bereits erste Gedanken zum Sechsjahresthema
Vorgelegt.
[1]
Während unserer Visitationen
haben wir von den Überlegungen in den einzelnen
(Vize)Provinzen der Kongregation gehört. Wir
selbst haben weiter darüber nachgedacht, welche
Konsequenzen das Thema für unser tägliches
gemeinsames Leben hier in Rom hat. Wir denken,
daß die Zeit reif ist, Euch erneut unsere
Gedanken mitzuteilen.
3. Wir beobachten,
daß in den letzten Jahrzehnten das Verständnis
für die großen Unterschiede im Leben unserer
Kongregation gewachsen ist. Die Dezentralisierung
der Leitung, die zunehmende Zusammenarbeit
auf regionaler Ebene sowie die Freiheit der
einzelnen (Vize)Provinzen, ihr Apostolat und
Gemeinschaftsleben an die Erfordernisse der
Menschen und Kulturen anzupassen, haben dazu
geführt, daß die Kongregation sich noch tiefer
in der jeweiligen Kirche und Gesellschaft
verwurzeln konnte.
4. Das Prinzip
der Inkulturation ist auf dein letzten Generalkapitel
(Schlußdokument 13-21) und in unserer
ersten Communicanda (3.1-3.9) deutlich
betont worden. Wir glauben, daß die Inkulturation
eine sinnvolle Antwort auf die Zeichen der
Zeit darstellt und zur Kreativität des Redemptoristenmissionars
von heute aufruft.
5. Wir fragen
uns aber, ob es nicht jetzt an der Zeit ist,
uns darauf zu besinnen, was uns Redemptoristen
jenseits aller Unterschiede der Kultur und
der Tätigkeiten verbindet. Die Frage nach
der Einheit der Kongregation ist uns bereits
vom letzten Generalkapitel gestellt worden:
"Wir fordern die Generalleitung auf,
auch weiterhin, den einheitstiftenden Charakter
unserer Verkündigung des Evangeliums herauszustellen
gleichzeitig aber die legitime Vielfalt der
Seelsorgsmethoden zu bejahen" (Schlußdokument
14).
6. Unsere Antwort
auf diesen Aufruf ist die Bejahung der Vielfalt
in unserer Kongregation. Wir wollen dabei
aber gleichzeitig die wesentlichen Elemente
unseres apostolischen Lebens unterstreichen
und die Einheit unserer Kongregation schützen
(Stat. 0120). Ohne eine bewußte Achtung vor
dem, was uns eint, laufen wir unbewußt Gefahr,
ein loser Verband selbständiger Provinzen
und unabhängiger Klöster zu werden. Wir würden
damit das kraftvolle Zeugnis einer weltweiten
Ordensgemeinschaft aufgeben, die ihre Einheit
in der Vielfalt bewahrt.
7. An den Anfang
unserer Überlegungen stellen wir einige Gedanken
zum Pluralismus in der Kongregation: wie er
positiv gesehen werden kann und welche Probleme
er birgt. Darm wollen wir über einige Elemente
jenes "einheitstiftenden Charakters unserer
Verkündigung des Evangeliums" sprechen,
die wir als Grundgedanken für unsere Leitung
der Kongregation betrachten.
Wir bitten Euch, diese Elemente ernsthaft zu bedenken,
weil dies der Impuls ist, den wir allen (Vize)Provinzen
geben möchten, und von dem wir überzeugt sind,
daß er zur weiteren Verdeutlichung unserer
Identität beitragen kann.
I. Pluralismus
in der Kongregation
8. Die Kongregation
ist in weiten Teilen der Erde und in vielen
und unterschiedlichen Kulturen verbreitet
(Schlußdokument 14). Praktisch in jedem
Monat dokumentieren die Ausgaben von Communicationes
und Informationes das weite Spektrum
kirchlicher, sozialer und politischer Situationen,
in denen wir Redemptoristen präsent sind.
Generalkapitel und andere internationale Treffen
lassen uns lebhaft die verschiedenen Teile
der Welt erfahren, in denen wir leben und
arbeiten.
9. Die Vielfalt
der Kulturen, die wir in der Kongregation
als solcher sehen, kann auch in ein und demselben
Land erfahren werden (Schlußdokument 14),
sogar in einer einzigen Provinz. Im selben
Land geht die Geburtenzahl einer Bevölkerungsgruppe
zurück, während sie bei anderen Gruppen dramatisch
zunimmt. Völkerwanderungen oder der Zustrom
von Flüchtlingen können plötzlich die Struktur
einer (Vize)Provinz der Kongregation verändern.
Mitbrüder derselben Provinz arbeiten in völlig
verschiedenen Kulturbereichen.
10. In den beiden
letzten Jahrzehnten haben auch die Bemühungen
um die Formulierung pastoraler Prioritäten
den Pluralismus in der Kongregation deutlich
widergespiegelt. Wir sind uns der Unterschiedlichkeit
und Vielfalt der gesellschaftlichen und kirchlichen
Bedingungen in den einzelnen Regionen bewußt
geworden (Schlußdokument 3). Wir erkennen,
daß wir durch die großen kulturellen und sozialen
Bewegungen unserer Zeit beeinflußt werden
(Schlußdokument 18). Es ist uns klar,
daß die so verschiedenen Situationen unterschiedliche
und kreative Antworten von uns verlangen.
P. General hat in seinem Bericht an das letzte
Generalkapitel festgestellt, daß der Pluralismus
pastoraler Notstände ein Grund zur Hoffnung
für das apostolische Leben der Kongregation
gewesen ist.
[2]
11. In der Vergangenheit
gab es eine beträchtliche Gleichförmigkeit
der Formen des Gemeinschaftslebens in der
ganzen Welt Dies hat sich grundlegend geändert:
die Tagesordnung, die Art sich zu kleiden,
die Form der gemeinsamen Gebete und ähnliche
Merkmale eines normalen Redemptoristenlebens
unterscheiden sich nun weitlich von einem
Teil der Welt zum ändern.
Pluralismus positiv gesehen
12. Unsere Konstitutionen
und Statuten ermutigen uns, in der Ausführung
unseres Auftrags beweglich zu sein. Die aktuellen
Umstände sollen unser Tun bestimmen: "Die
Redemptoristen werden aufmerksam prüfen, was
sie je nach den Umständen tun und sagen können"
(Konst. 8). Der Pluralismus wird bejaht, wo
es um die Menschen geht, an die sich unsere
Verkündigung wendet (Stat.-010-015), und um
die entsprechenden Formen des Apostolats (Stat.
016-024). Unsere Konstitutionen und Statuten
sehen für die unterschiedlichen Umstände eine
Vielzahl missionarischer Antworten als gültige,
ja notwendige Ausdrucksformen des redemptoristischen
Charismas vor.
13. Auch die
Struktur unserer Kommunitäten soll die Vielfalt
der redemptoristischen Welt bekunden: "Die
Normen (der Kommunität) müssen im Hinblick
auf den missionarischen Dienst ihrer Natur
nach anpassungsfähig sein, damit sie den Erfordernissen
der Kirche, den Verhältnissen von Ort und
Zeit und der Kultur und Eigenart der Völker
entsprechen" (Konst. 44; cf. Stat. 041).
Sogar die Art und Weise, wie wir unsere Gelübde
leben, soll den kulturellen Unterschieden
Rechnung tragen (Stat. 044-047, 048a).
14. Die allgemeinen
Grundsätze für die Leitung in 4er Kongregation
haben die allzu zentralistischen und vertikalen
Strukturen der Vergangenheit in der Hoffnung
abgebaut, "den in den Konstitutionen
und Statuten festgesetzten Normen menschlichen
und apostolischen Wert zu verleihen"
(Konst. 91). Die fünf grundlegenden Prinzipien
der Mitverantwortung, Dezentralisierung, Subsidiarität,
Solidarität und Beweglichkeit (Konst. 92-96)
lassen großen Spielraum für eine Vielfalt
von Ausdrucksformen des redemptoristischen
Charismas. Und noch ein weiteres Detail: das
Generalkapitel ist angewiesen, bei der Wahl
der Generalräte auf die Repräsentanz der verschiedenen
Regionen zu achten, so daß in der Generalleitung
irgendwie die ganze Kongregation vertreten
ist (Stat. 0124).
15. Der Pluralismus
im Leben und im Apostolat der Kongregation
ist auf den regionalen Vorbereitungstreffen
zum letzten Generalkapitel hervorgehoben worden.
Eine Region sah in der größeren Toleranz gegenüber
der Vielfalt und in der Bejahung eines Pluralismus
der Lebensweisen eine positive Entwicklung
im redemptoristischen Gemeinschaftsleben.
[3]
Einige Regionen sahen es
als wichtig an, daß sich die Eigenart ihres
Apostolats auch in der Art und Weise der Erstausbildung
niederschlägt.
[4]
16. Eine andere
Region sah den Pluralismus innerhalb der Kongregation
als eine Quelle der Bereicherung:
Wir müssen bei uns anerkennen, die Sendung, daß die Kirche,
die Mitarbeit der Laien, die Option für die
Armen usw. verschieden verstanden werden,
d.h. daß wir unter dem Einfluß verschiedener
Ekklesiologien oder Visionen von der Kirche
stehen. Dies könnte für uns selbst und unsere
Tätigkeit eine Bereicherung sein.
[5]
17. Dort, wo
das XXL Generalkapitel über seine Zielsetzung
spricht, bestätigt es den Wert des Pluralismus
in der Kongregation:
Das wichtigste Anliegen des Kapitels ist die Sorge für
das Wohl der ganzen Kongregation. Das Kapitel
will Anstöße zu den wesentlichen Fragen des
apostolischen Lebens geben, anerkennt aber
gleichzeitig die Verschiedenartigkeit und
Vielfalt der gesellschaftlichen und kirchlichen
Gegebenheiten in den einzelnen Regionen. (Schlußdokument
3)
Die Beachtung, die das Generalkapitel dem Prinzip der Inkulturation
geschenkt hat, setzt die Vielfalt der Situationen
voraus, in denen die Kongregation lebt, und
verlangt nach missionarischen Antworten, die
in besonderer Weise feinfühlig sind für die
jeweiligen Umstände (vgl. Schlußdokument
13-21).
Verschiedene Empfehlungen des Generalkapitels in zwei wichtigen
Bereichen, Jugendpastoral und Zusammenarbeit
mit den Laien, raten zu Einfühlungsvermögen
in die jeweilige Kultur (Schlußdokument
56d, 59d).
18. Das Generalkapitel
hat von der Vielfalt der Formen des Gemeinschaftslebens
gesprochen: "Entsprechend der gesellschaftlichen
Mannigfaltigkeit, in der die Kongregation
lebt, nimmt die redemptoristische Gemeinschaft
viele und unterschiedliche konkrete Formen
an" (Schlußdokument 29). Das Kapitel
hat weiterhin der ganzen Kongregation nachdrücklich
empfohlen, nach neuen Formen redemptoristischer
Spiritualität zu suchen, die im Einklang,
mit den sozialen und kirchlichen Gegebenheiten
der jeweiligen (Vize)Provinz stehen (Schlußdokument
34c).
19. In unserem
ersten Beitrag zum Schlußdokument haben
wir geschrieben:
Die Vielfalt der Kongregation in den verschiedenen Kontinenten,
die sich sogar in unterschiedlichen Riten
äußert, ist nicht nur gut, sondern notwendig.
Sie ist ein Zeichen dafür, daß wir wirklich
mit den Völkern mitleben, zu denen wir gehören.
Sie ist ein Widerschein der Katholizität der
Kirche, die in den verschiedenen Kulturen
präsent ist. Sie ist eine Einladung an jeden,
seinen Geist und sein Herz dem Geist zu öffnen,
der in allen Kontinenten gegenwärtig und am
Werk ist. (Communicanda 1, 4.1)
20. Wie hoch
wir die Bedeutung der Inkulturation für unsere
apostolische Tätigkeit, unser Gemeinschaftsleben
und unsere Spiritualität einschätzen, haben
wir in Communicanda 1 (3.1-3.9)
ausführlich gesagt.
21. Wir bejahen
die Vielfalt in der Kongregation aber nicht
nur in der Theorie. Wir selbst erfahren jeden
Tag Bereicherung und Anspruch, wenn wir uns
bemühen, unsere eigene apostolische Gemeinschaft
aufzubauen, deren Mitglieder aus verschiedenen
Kulturen kommen, eine unterschiedliche theologische
Ausbildung und eine Vielfalt pastoraler Erfahrungen
haben. Unser ständiges Bemühen, miteinander
in unserer redemptoristischen Berufung zu
wachsen, ist bereits eine Bejahung des Pluralismus
in der Kongregation.
Der Pluralismus stellt uns vor ernsthafte Aufgaben
22. Die Vielfalt der Umstände in unserer Kongregation und
die unterschiedlichen Antworten darauf geben
aber keinen Anlaß zu unbekümmerter Zufriedenheit.
Der Pluralismus in der Kongregation ist auch
Grund ernsthafter Besorgnis des Generalkapitels
gewesen und ist es ebenso für die Generalleitung.
Das Generalkapitel analysiert das Problems wie folgt:
Das Kapitel stellt fest, daß es im Verhältnis der Regionen
der Kongregation zueinander an gegenseitigem
Verstehen und gegenseitiger Wertschätzung
fehlt, vor allem, wenn es um die Diskussion
konkreter Fragen geht. So finden es z.B. einige
Regionen schwierig, die Beweggründe und Konsequenzen
der Option für die Armen zu verstehen, wogegen
andere kaum begreifen und nachvollziehen können,
was es in einer säkularisierten Welt bedeutet,
noch an das Evangelium zu glauben. Es ist
infolgedessen eine Tendenz zu beobachten,
daß eine Region über eine andere ohne ausreichendes
Verständnis Urteile fällt. (Schlußdokument
9)
23. Wir teilen
die Sorge unserer Vorgänger im Generalrat,
die vom Spalteffekt des letzten Sechsjahresthemas
bezüglich der verschiedenen Regionen der Kongregation
sprachen.
[6]
Einige Reaktionen auf das
Thema drohten den ideologischen Graben in
der Kongregation noch zu verbreitern.
24. Es gibt außerdem
in der Kongregation eine verbreitete Art des
Pluralismus, die wohl eher eine Dichotomie
ist, weil sie nämlich das Apostolat in Gegensatz
zum gemeinschaftlichen Leben bringt. P. General
sagte dazu auf dem letzten Generalkapitel:
Manchmal scheint mir, daß einige Modelle des Gemeinschaftslebens
der Welt von heute nichts zu sagen haben.
Die tägliche Verwirklichung unserer Taufweihe
als Sendung, das Verständnis unseres Ordenslebens
als ein Weg der Hingabe im Kontext unserer
heutigen Gesellschaft und die Entfaltung der
transzendentalen Dimension unseres ganzen
Lebens weisen noch erhebliche Schwächen auf...
Wir investieren mehr Energie in die Erneuerung unserer
Tätigkeiten als in die Erneuerung unserer
Gemeinschaft.
[7]
25. Eine Region
berichtete, daß der Pluralismus Probleme für
die Zusammenarbeit bereitete:
Es ist schwierig, gemeinsame Veranstaltungen verschiedener
(Vize)Provinzen zu organisieren wegen der
großen Entfernungen in unserer Region, aber
auch wegen der Verschiedenheit der Sprachen,
der Kulturen oder der politischen Systeme.
[8]
26. Natürlich
haben auch Spannungen innerhalb der Ortskirche
oder zwischen einzelnen Völkern Folgen für
die Kongregation.
[9]
Wenn es aber solche Spannungen
zwischen den (Vize)Provinzen derselben Region
gibt, kann dies lähmende Folgen haben:
Wir stellen unter uns Unterschiede im Verständnis unserer
Sendung, der Kirche, der Mitarbeit der Laien,
der Option für die Armen usw. fest. Die Tatsache,
daß wir nicht die geringste Übereinstimmung
in unserem Denken haben, führt zu isolierten
oder verdoppelten pastoralen Tätigkeiten,
die dem Reich Gottes eher Schaden zufügen
als es aufzubauen.
[10]
27. Das Zusammentreffen
verschiedener Kulturen in derselben Region
kann zu Verständnisschwierigkeiten führen:
Es gab einige Befürchtungen, die bei unserem Treffen gelegentlich
Unsicherheit hervorriefen, z.B. sahen einige
den Einfluß des Westens als negativ für das
religiöse Leben in Osteuropa an.
[11]
28. Schließlich
ist es kein Geheimnis, daß einige Regionen
Schwierigkeiten mit dem Verständnis des letzten
Sechsjahresthemas hatten. Eine Region drückte
dies so aus:
Fehlende Prägnanz im Sechsjahresthema war bei uns der Anlaß
für unterschiedliche Auslegungen. Und die
nichtendenwollende Diskussion zu dem Thema
"Wer sind die Armen?" hat noch zusätzliche
Verwirrung gestiftet. Zum Teil haben wir auch
deswegen Schwierigkeiten mit dem Verständnis
des Sechsjahresthemas gehabt, weil wir nicht
so viel unter den Armen und mit ihnen leben.
[12]
29. Unsere Kenntnis
der Kongregation lehrt uns, daß es oft die
unterschiedlichen Umstände, Verhaltensweisen
und Reaktionen in einzelnen Provinzen oder sogar Kommunitäten sind, die dann
zu Spannungen auf der regionalen Ebene führen.
Es kann tatsächlich verschiedene Kulturen
innerhalb einer Provinz geben.
Die Gründe dafür können in den verschiedenen Altersstufen,
in der theologischen Ausbildung, im unterschiedlichen
Verständnis von Kirche und Kongregation liegen.
Da ist z.B. die ständige Diskussion über die
Adressaten unserer Verkündigung oder über
die richtige Form dieser Verkündigung. Die
einen rufen nach neuen Initiativen in der
Pastoral, die anderen wollen an ihrer jetzigen
Arbeit festhalten. Und schließlich gibt es
die unterschiedlichsten Erwartungen in Bezug
auf das Gemeinschaftslebens, das Gebet und
die Formen der Mitverantwortung,
30. Ein besonderes
Problem ist der Pluralismus in seiner extremsten
Form, nämlich als Individualismus. Es soll
hier nicht die Achtung vor der Persönlichkeit
eines jeden Mitbruders oder die Förderung
der Reife und Verantwortung jedes einzelnen
Mitglieds (Konst. 36) in Frage gestellt werden.
Wir beziehen uns vielmehr auf die Tatsache,
daß in nicht wenigen (Vize)Provinzen eine
beachtliche Zahl von Mitbrüdern praktisch
autonom und nur den eigenen Vorstellungen
folgend lebt.
Die Folgen einer solche Haltung sind ruinös: die pastoralen
Prioritäten vieler (Vize)Provinzen können
nicht verwirklicht werden, unsere Häuser werden
zu Unterkünften, unsere Identität verblaßt
und junge Menschen können bei uns weder Einmütigkeit
noch ein gemeinsames Ziel entdecken.
II. Die Einheit
der Kongregation
31. Unsere bisherigen
Überlegungen galten dem Pluralismus unserer
apostolischen Gemeinschaft, die in den verschiedenen
Regionen der Welt verwurzelt ist. Wir fragen
uns nun: Gibt es auch gemeinsame Elemente,
die das Leben der Kongregation bestimmen?
Wir sind der Überzeugung, daß es sie gibt.
Wir wissen, daß es Eigenschaften gibt, die
uns Redemptoristen in aller Welt charakterisieren.
Es ist möglich, ein skizzenhaftes Porträt
des Redemptoristen schlechthin zu zeichnen,
in dem unser Stil der Pastoral, die Menschen,
die wir bevorzugen, unser Gemeinschaftsleben
und einige Züge unserer Spiritualität deutlich
werden.
Ein Porträt des Redemptoristen
32. Es ist das
Ziel unserer Kongregation, "das Beispiel
unseres Erlösers Jesus Christus weiterzuführen
indem wir den Armen das Evangelium verkünden"
(Konst. 1). Seit der Gründung ist die Verkündigung
des Wortes Gottes unser Markenzeichen gewesen,
und wir haben eifersüchtig über dieses Vermächtnis
gewacht. Ob es sich im konkreten Falle um
die Gemeindemission, um Exerzitien oder um
eine Sonntagspredigt handelt - der Eifer,
mit dem wir an die Aufgabe herangehen, und
der einfache Stil zeichnen uns Redemptoristen
in aller Welt aus. Bei der Suche nach neuen
und angemesseneren Methoden, Gottes Offenbarung
zu verkünden, sind wir ständig um Anpassungsfähigkeit
bemüht.
33. Redemptoristen
haben eine Vorliebe für die einfachen Leute,
besonders für jene, die wir traditionsgemäß
"die Armen und am meisten Verlassenen"
nennen. Wir sind immer noch bereit, dorthin
zu gehen, wohin die institutionelle Kirche
nicht gehen kann oder will. Wir sind bestrebt,
unseren Leuten nahe zu sein, und im allgemeinen
zeigen wir einen hohen Grad von Einfühlungsvermögen
für die volkstümlichen Formen, in denen sie
ihren Glauben zum Ausdruck bringen.
34. Das Gemeinschaftleben
steht bei uns in hohem Ansehen. Es ist für
uns mehr als nur eine Bestimmung in unseren
Konstitutionen (Konst. 21). Das Gemeinschaftsleben
ist so wesentlich für unser Selbstverständnis,
daß selbst dann, wenn es erhebliche Schwächen
aufweist oder völlig fehlt, wir beunruhigt
sind, weil uns etwas abgeht, das wir als absolut
vital für uns ansehen. Wir schätzen den familiären
Stil in unseren Kommunitäten, wir lieben unsere
Feiern, wir werden nicht müde Geschichten
zu erzählen, durch die eine Kommunität die
Verbindung zu jener größeren Gemeinschaft
von Mitbrüdern bewahrt, die uns vorausgegangen
sind.
35. Im allgemeinen
scheuen wir vor esoterischen oder geheimnisträchtigen
Formen der Spiritualität zurück. Wir bevorzugen
vielmehr Formen des persönlichen und gemeinsamen
Gebetes, die auch den Menschen, denen wir
dienen wollen, vertraut sind. Bei der Suche
nach einer Erneuerung unseres gemeinschaftlichen
Gebetes versuchen wir eine Spiritualität zu
bewahren, die Christus, den Erlöser, zur Mitte
hat ist; unsere besondere Liebe gilt der Mutter
des Herrn.
36. Dies sind
einige der Kennzeichen die wir Redemptoristen
von heute alle gemeinsam haben, gleich unter
welchen Umständen wir leben und arbeiten.
Wir verstehen sie als Vermächtnis aus dem
Gründungsverständnis des heiligen Alfons.
Wir haben allerdings das Gefühl, daß diese unsere Wesenseigenschaften
in Gefahr sind, zu verblassen oder sogar verloren
zu gehen, vielleicht unwiederbringlich. Wegen
der Gründe, die wir im ersten Teil dieser
Communicanda aufgeführt haben, und aus manchen
anderen Gründen glauben wir, daß diese vitalen
Kennzeichen unserer Identität als Redemptoristen
bedroht sind.
Das Sechsjahresthema und die Einheit unseres Lebens
37. Wir haben
den Eindruck, daß dieselbe Sorge die Mitglieder
des XXI. Generalkapitels bewegte, als sie
das Sechsjahresthema beschlossen. Wir haben
uns dazu entschieden, als Grundgedanken für
unsere Leitung der Kongregation die folgende
Interpretation dieses Themas zu wählen:
Entsprechend diesem Sechsjahresthema will das Kapitel
den inneren Zusammenhang zwischen dem Verkündigungsauftrag,
dem Gemeinschaftsleben und der unserer Kongregation
eigenen Spiritualität hervorheben. Ebenso
will es aber auch die Notwendigkeit betonen,
daß diese dreifache Dimension unseres Lebens
in geschichtlichen Formen in einer Weise Gestalt
annehmen muß, daß dadurch die Entscheidung
der Kongregation für die am meisten Verlassenen,
vor allem die Armen, deutlich wird. (Schlußdokument
12)
38. Ein Schlüsselwort
zum Verständnis des Sechsjahresthemas ist
für uns der Begriff innerer Zusammenhang.
Das Thema spricht von drei Grandelementen
unserer Identität als Redemptoristen und vom
inneren Zusammenhang zwischen ihnen. Oder
anders gesagt: Mögen wir auch noch so gute
Priester oder Ordensleute sein, das Fehlen
eines dieser Elemente zerstört unsere redemptoristische
Identität und wir wären nicht mehr unserem
Erbe treu. Wir sind davon überzeugt, daß der
Generalrat den Auftrag hat, diesen Zusammenhang
zwischen den drei Wesenselementen unserer
redemptoristischen Identität ins Bewußtsein
zu bringen. Wir laden aber auch die (Vize)Provinzen
und die Kommunitäten ein, diese unverzichtbare
Wechselbeziehung der dreifachen Dimension
unseres Lebens zum Inhalt ihrer Überlegungen
zu machen.
Unsere Sendung
39. Am Anfang
aller unserer Überlegungen steht die Sendung
der Kongregation. Wir sind "dazu
berufen, die Gegenwart Christi und seiner
Heilssendung in der Welt weiterzuführen"
(Konst. 23). Die Treue zu dieser Sendung fordert
von jeder (Vize)Provinz die Entscheidung für
pastorale Prioritäten und die Durchführung
dieser Entscheidung. Wir müssen jeweils vor
Ort eine Antwort auf jene pastoralen Notstände
suchen, die unserem Charisma entsprechen,
wie es in den Konstitutionen und Statuten
ausgedrückt ist (vgl. besonders Konst. 3-5).
40. Daraus folgt,
daß nicht jede pastorale Tätigkeit, mag sie
auch noch so lobenswert sein, als ein gültiger
Ausdruck unseres missionarischen Charismas
angesehen werden kann. Genausowenig kann die
Kategorie der "am meisten Verlassenen,
vor allem die Armen" so weit gedehnt
werden, daß sie jeden denkbaren pastoralen
Dienst einschließt. Wir Redemptoristen können
uns nicht davon dispensieren, eine oftmals
schmerzliche Auswahl zu treffen.
41. Die pastoralen
Prioritäten der (Vize)Provinzen müssen regelmäßig
überprüft und weiterentwickelt werden. Dies
verlangt von uns Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit
(vgl. Mk 1,38-39) und die Lösung (der alfonsianische
distacco] von den Erfolgen der Vergangenheit.
Das Festhalten an Einrichtungen oder Methoden,
die nicht mehr den heutigen Erfordernissen
entsprechen, läßt unsere Wirksamkeit stumpf
werden.
42. Die missionarische
Dynamik unserer Kongregation hat Vorrang vor
juristischen Strukturen, einschließlich der
derzeitigen Grenzen von Provinzen und Vizeprovinzen.
So können neue pastorale Initiativen durchaus
auch für alternde Provinzen mit geringem Nachwuchs
möglich sein, vorausgesetzt, sie sind bereit
zur Zusammenarbeit und offen für den Prozeß
der Umstrukturierung, von dem das Schlußdokument
(62) spricht.
Unser Gemeinschaftsleben
43. Es reicht
nicht aus, einfach unsere Arbeit zu erneuern
und sie in größeren Einklang mit unserem Charisma
zu bringen. Das Generalkapitel erinnert uns
daran, daß unser Gemeinschaftsleben und unsere
Spiritualität nicht Anhängsel unseres Apostolates,
sondern zusammen mit ihm unverzichtbare Bestandteile
unserer Sendung in der Kirche sind. Jede unserer
Kommunitäten muß sich dazu aufgerufen wissen,
als Gemeinschaft eine sichtbare Verkündigung
der Frohen Botschaft und eine deutliches Zeichen
der Gegenwart des Reiches Gottes unter den
Menschen zu sein (Schlußdokument 23).
44. Es gibt viele
Bemühungen, die zwischenmenschlichen Beziehungen
in unseren Kommunitäten zu verbessern. Wir
glauben jedoch, daß dies nicht das einzige
Kriterium für unser Gemeinschaftsleben sein
darf. Wir wissen, daß das Apostolat der ersten
Redemptoristen in besonderer Weise durch das
Zeugnis ihres Lebens unterstützt wurde. Die
Predigt des heiligen Alfons und seiner Gefährten
verdankte ihre Glaubwürdigkeit vor allem der
Einfachheit, dem Gebet, der Armut und der
Offenheit der ersten Redemptoristenkommunitäten.
Der innere Zusammenhang zwischen ihrem Apostolat
und ihrem Gemeinschaftsleben war sichtbar.
Wenn das Schlußdokument von der Kommunität
als einer "wirkmächtigen Gegenwart des
Reiches Gottes" spricht (23, 29), erinnert
es an diese wesentliche Beziehung zwischen
unserer Sendung und unserem Gemeinschaftsleben.
Unsere Spiritualität
45. Wenn das
Generalkapitel zur Einheit unseres Lebens
aufruft und dabei die Spiritualität einschließt,
warnt es damit gleichzeitig vor einem gefährlichen
Dualismus, 'der zu für uns unvertretbaren
Haltungen führen würde (Schlußdokument
35). Es fordert uns auf, jenen Einklang
in unser Leben zu bringen, der in der völligen
Integrierung unseres Glaubens und unseres
persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens
besteht. Es ist die Person Christi des Erlösers,
die unsere Spiritualität mit unserer Sendung
verbindet (Schlußdokument 36). Wir
sind zur Kreativität aufgefordert, "damit
die Spiritualität wahrhaft die Seele unserer
Kommunitäten wird" (Schlußdokument
41).
Zusammenfassung
46. Wir verstehen
den Pluralismus in unserer internationalen
Ordensgemeinschaft als eine unbedingt notwendige
Antwort auf die Zeichen der Zeit, gleichzeitig
aber auch als Anlaß zur Besorgnis. Wir fühlen,
daß die Suche nach einer Einheit, die sowohl
die besonderen menschlichen und kirchlichen
Lebensbedingungen der Redemptoristen von heute
berücksichtigt, als auch dem Erbe des heiligen
Alfons treu bleibt, beginnen und enden muß
mit dem wirklichen inneren Zusammenhang der
wesentlichen Elemente unserer Berufung: unserer
besonderen Sendung, unserem Gemeinschaftsleben
und unserer Spiritualität. In jenem Maße,
in dem die einzelnen Mitbrüder, die Kommunitäten
und die (Vize)Provinzen diesen inneren Zusammenhang
bei sich selbst finden, werden wir auch als
weltweite Ordensgemeinschaft eine Einheit
bleiben.
Schluß
47. Die Gedanken,
die wir angesprochen haben, bilden unsere
Antwort auf die Zeichen der Zeit. Wir haben
das, was wir in unserer Kongregation gesehen
und gehört haben, im Licht des Wortes Gottes,
unserer Konstitutionen und Statuten, der Aussagen
des letzten Generalkapitels und unserer Vorgänger
betrachtet. Wir sehen den Pluralismus in unserem
pastoralen Tun, in den Formen unseres Gemeinschaftslebens
und in unseren Wegen der Spiritualität. Wir
sehen darin das Werk des Geistes, der die
Quelle aller Gaben ist. Wir fühlten uns aber
auch verpflichtet, das hervorzuheben, was
alle Mitbrüder in der Welt einen sollte, die
Grundzüge jenes "einheitstiftenden Charakters
unserer Verkündigung des Evangeliums"
(Schlußdokument 14). Wir glauben, daß
dieser "einheitstiftende Charakter"
im Sechsjahresthema zu finden ist, besonders
dort, wo vom inneren Zusammenhang im Leben
des Redemptoristen von heute die Rede ist.
In unserer geistlichen Leitung der (Vize)Provinzen
möchten wir zusammen mit Euch nach dieser
Einheit suchen, die ein Ausdruck unserer Treue
zum Willen Gottes für unsere Kongregation
ist.
Im Namen des Generalrats,
Juan Manuel Lasso de la
Vega, C.Ss.R.
Generaloberer
Die englische Version
ist der offizielle Text dieser Communicanda.