Communicanda 1991-1997   

 

Communicanda 2


Rom, 14.
Januar 1994
Prot. N. 0007/94

Einheit in der Vielfalt

Liebe Mitbrüder!

1.     Mehr als zwei Jahre sind seit dem XXL Generalkapitel vergangen. In dieser Zeit haben wir im Generalrat ebenso wie die gesamte Kongregation Überlegungen zu den Schlußfolgerungen aus diesem bedeutenden Ereignis angestellt. Wie Ihr so haben auch wir uns bemüht, die Aussagen des Schlußdokuments auf unseren Dienst an der Kongregation anzuwenden, sowohl hier in Rom als auch bei unseren Besuchen in den (Vize)Provinzen und Regionen.

2.     Wir haben Euch bereits erste Gedanken zum Sechsjahresthema Vorgelegt. [1] Während unserer Visitationen haben wir von den Überlegungen in den einzelnen (Vize)Provinzen der Kongregation gehört. Wir selbst haben weiter darüber nachgedacht, welche Konsequenzen das Thema für unser tägliches gemeinsames Leben hier in Rom hat. Wir denken, daß die Zeit reif ist, Euch erneut unsere Gedanken mitzuteilen.

3.     Wir beobachten, daß in den letzten Jahrzehnten das Verständnis für die großen Unterschiede im Leben unserer Kongregation gewachsen ist. Die Dezentralisierung der Leitung, die zunehmende Zusammenarbeit auf regionaler Ebene sowie die Freiheit der einzelnen (Vize)Provinzen, ihr Apostolat und Gemeinschaftsleben an die Erfordernisse der Menschen und Kulturen anzupassen, haben dazu geführt, daß die Kongregation sich noch tiefer in der jeweiligen Kirche und Gesellschaft verwurzeln konnte.

4.     Das Prinzip der Inkulturation ist auf dein letzten Generalkapitel (Schlußdokument 13-21) und in unserer ersten Communicanda (3.1-3.9) deutlich betont worden. Wir glauben, daß die Inkulturation eine sinnvolle Antwort auf die Zeichen der Zeit darstellt und zur Kreativität des Redemptoristenmissionars von heute aufruft.

5.     Wir fragen uns aber, ob es nicht jetzt an der Zeit ist, uns darauf zu besinnen, was uns Redemptoristen jenseits aller Unterschiede der Kultur und der Tätigkeiten verbindet. Die Frage nach der Einheit der Kongregation ist uns bereits vom letzten Generalkapitel gestellt worden: "Wir fordern die Generalleitung auf, auch weiterhin, den einheitstiftenden Charakter unserer Verkündigung des Evangeliums herauszustellen gleichzeitig aber die legitime Vielfalt der Seelsorgsmethoden zu bejahen" (Schlußdokument 14).

6.     Unsere Antwort auf diesen Aufruf ist die Bejahung der Vielfalt in unserer Kongregation. Wir wollen dabei aber gleichzeitig die wesentlichen Elemente unseres apostolischen Lebens unterstreichen und die Einheit unserer Kongregation schützen (Stat. 0120). Ohne eine bewußte Achtung vor dem, was uns eint, laufen wir unbewußt Gefahr, ein loser Verband selbständiger Provinzen und unabhängiger Klöster zu werden. Wir würden damit das kraftvolle Zeugnis einer weltweiten Ordensgemeinschaft aufgeben, die ihre Einheit in der Vielfalt bewahrt.

7.     An den Anfang unserer Überlegungen stellen wir einige Gedanken zum Pluralismus in der Kongregation: wie er positiv gesehen werden kann und welche Probleme er birgt. Darm wollen wir über einige Elemente jenes "einheitstiftenden Charakters unserer Verkündigung des Evangeliums" sprechen, die wir als Grundgedanken für unsere Leitung der Kongregation betrachten.

Wir bitten Euch, diese Elemente ernsthaft zu bedenken, weil dies der Impuls ist, den wir allen (Vize)Provinzen geben möchten, und von dem wir überzeugt sind, daß er zur weiteren Verdeutlichung unserer Identität beitragen kann.

I.      Pluralismus in der Kongregation

8.     Die Kongregation ist in weiten Teilen der Erde und in vielen und unterschiedlichen Kulturen verbreitet (Schlußdokument 14). Praktisch in jedem Monat dokumentieren die Ausgaben von Communicationes und Informationes das weite Spektrum kirchlicher, sozialer und politischer Situationen, in denen wir Redemptoristen präsent sind. Generalkapitel und andere internationale Treffen lassen uns lebhaft die verschiedenen Teile der Welt erfahren, in denen wir leben und arbeiten.

9.     Die Vielfalt der Kulturen, die wir in der Kongregation als solcher sehen, kann auch in ein und demselben Land erfahren werden (Schlußdokument 14), sogar in einer einzigen Provinz. Im selben Land geht die Geburtenzahl einer Bevölkerungsgruppe zurück, während sie bei anderen Gruppen dramatisch zunimmt. Völkerwanderungen oder der Zustrom von Flüchtlingen können plötzlich die Struktur einer (Vize)Provinz der Kongregation verändern. Mitbrüder derselben Provinz arbeiten in völlig verschiedenen Kulturbereichen.

10.   In den beiden letzten Jahrzehnten haben auch die Bemühungen um die Formulierung pastoraler Prioritäten den Pluralismus in der Kongregation deutlich widergespiegelt. Wir sind uns der Unterschiedlichkeit und Vielfalt der gesellschaftlichen und kirchlichen Bedingungen in den einzelnen Regionen bewußt geworden (Schlußdokument 3). Wir erkennen, daß wir durch die großen kulturellen und sozialen Bewegungen unserer Zeit beeinflußt werden (Schlußdokument 18). Es ist uns klar, daß die so verschiedenen Situationen unterschiedliche und kreative Antworten von uns verlangen. P. General hat in seinem Bericht an das letzte Generalkapitel festgestellt, daß der Pluralismus pastoraler Notstände ein Grund zur Hoffnung für das apostolische Leben der Kongregation gewesen ist. [2]

11.   In der Vergangenheit gab es eine beträchtliche Gleichförmigkeit der Formen des Gemeinschaftslebens in der ganzen Welt Dies hat sich grundlegend geändert: die Tagesordnung, die Art sich zu kleiden, die Form der gemeinsamen Gebete und ähnliche Merkmale eines normalen Redemptoristenlebens unterscheiden sich nun weitlich von einem Teil der Welt zum ändern.

Pluralismus positiv gesehen

12.   Unsere Konstitutionen und Statuten ermutigen uns, in der Ausführung unseres Auftrags beweglich zu sein. Die aktuellen Umstände sollen unser Tun bestimmen: "Die Redemptoristen werden aufmerksam prüfen, was sie je nach den Umständen tun und sagen können" (Konst. 8). Der Pluralismus wird bejaht, wo es um die Menschen geht, an die sich unsere Verkündigung wendet (Stat.-010-015), und um die entsprechenden Formen des Apostolats (Stat. 016-024). Unsere Konstitutionen und Statuten sehen für die unterschiedlichen Umstände eine Vielzahl missionarischer Antworten als gültige, ja notwendige Ausdrucksformen des redemptoristischen Charismas vor.

13.   Auch die Struktur unserer Kommunitäten soll die Vielfalt der redemptoristischen Welt bekunden: "Die Normen (der Kommunität) müssen im Hinblick auf den missionarischen Dienst ihrer Natur nach anpassungsfähig sein, damit sie den Erfordernissen der Kirche, den Verhältnissen von Ort und Zeit und der Kultur und Eigenart der Völker entsprechen" (Konst. 44; cf. Stat. 041). Sogar die Art und Weise, wie wir unsere Gelübde leben, soll den kulturellen Unterschieden Rechnung tragen (Stat. 044-047, 048a).

14.   Die allgemeinen Grundsätze für die Leitung in 4er Kongregation haben die allzu zentralistischen und vertikalen Strukturen der Vergangenheit in der Hoffnung abgebaut, "den in den Konstitutionen und Statuten festgesetzten Normen menschlichen und apostolischen Wert zu verleihen" (Konst. 91). Die fünf grundlegenden Prinzipien der Mitverantwortung, Dezentralisierung, Subsidiarität, Solidarität und Beweglichkeit (Konst. 92-96) lassen großen Spielraum für eine Vielfalt von Ausdrucksformen des redemptoristischen Charismas. Und noch ein weiteres Detail: das Generalkapitel ist angewiesen, bei der Wahl der Generalräte auf die Repräsentanz der verschiedenen Regionen zu achten, so daß in der Generalleitung irgendwie die ganze Kongregation vertreten ist (Stat. 0124).

15.   Der Pluralismus im Leben und im Apostolat der Kongregation ist auf den regionalen Vorbereitungstreffen zum letzten Generalkapitel hervorgehoben worden. Eine Region sah in der größeren Toleranz gegenüber der Vielfalt und in der Bejahung eines Pluralismus der Lebensweisen eine positive Entwicklung im redemptoristischen Gemeinschaftsleben. [3] Einige Regionen sahen es als wichtig an, daß sich die Eigenart ihres Apostolats auch in der Art und Weise der Erstausbildung niederschlägt. [4]

16.   Eine andere Region sah den Pluralismus innerhalb der Kongregation als eine Quelle der Bereicherung:

Wir müssen bei uns anerkennen, die Sendung, daß die Kirche, die Mitarbeit der Laien, die Option für die Armen usw. verschieden verstanden werden, d.h. daß wir unter dem Einfluß verschiedener Ekklesiologien oder Visionen von der Kirche stehen. Dies könnte für uns selbst und unsere Tätigkeit eine Bereicherung sein. [5]

17.   Dort, wo das XXL Generalkapitel über seine Zielsetzung spricht, bestätigt es den Wert des Pluralismus in der Kongregation:

Das wichtigste Anliegen des Kapitels ist die Sorge für das Wohl der ganzen Kongregation. Das Kapitel will Anstöße zu den wesentlichen Fragen des apostolischen Lebens geben, anerkennt aber gleichzeitig die Verschiedenartigkeit und Vielfalt der gesellschaftlichen und kirchlichen Gegebenheiten in den einzelnen Regionen. (Schlußdokument 3)

Die Beachtung, die das Generalkapitel dem Prinzip der Inkulturation geschenkt hat, setzt die Vielfalt der Situationen voraus, in denen die Kongregation lebt, und verlangt nach missionarischen Antworten, die in besonderer Weise feinfühlig sind für die jeweiligen Umstände (vgl. Schlußdokument 13-21).

Verschiedene Empfehlungen des Generalkapitels in zwei wichtigen Bereichen, Jugendpastoral und Zusammenarbeit mit den Laien, raten zu Einfühlungsvermögen in die jeweilige Kultur (Schlußdokument 56d, 59d).

18.   Das Generalkapitel hat von der Vielfalt der Formen des Gemeinschaftslebens gesprochen: "Entsprechend der gesellschaftlichen Mannigfaltigkeit, in der die Kongregation lebt, nimmt die redemptoristische Gemeinschaft viele und unterschiedliche konkrete Formen an" (Schlußdokument 29). Das Kapitel hat weiterhin der ganzen Kongregation nachdrücklich empfohlen, nach neuen Formen redemptoristischer Spiritualität zu suchen, die im Einklang, mit den sozialen und kirchlichen Gegebenheiten der jeweiligen (Vize)Provinz stehen (Schlußdokument 34c).

19.   In unserem ersten Beitrag zum Schlußdokument haben wir geschrieben:

Die Vielfalt der Kongregation in den verschiedenen Kontinenten, die sich sogar in unterschiedlichen Riten äußert, ist nicht nur gut, sondern notwendig. Sie ist ein Zeichen dafür, daß wir wirklich mit den Völkern mitleben, zu denen wir gehören. Sie ist ein Widerschein der Katholizität der Kirche, die in den verschiedenen Kulturen präsent ist. Sie ist eine Einladung an jeden, seinen Geist und sein Herz dem Geist zu öffnen, der in allen Kontinenten gegenwärtig und am Werk ist. (Communicanda 1, 4.1)

20.   Wie hoch wir die Bedeutung der Inkulturation für unsere apostolische Tätigkeit, unser Gemeinschaftsleben und unsere Spiritualität einschätzen, haben wir in Communicanda 1 (3.1-3.9) ausführlich gesagt.

21.   Wir bejahen die Vielfalt in der Kongregation aber nicht nur in der Theorie. Wir selbst erfahren jeden Tag Bereicherung und Anspruch, wenn wir uns bemühen, unsere eigene apostolische Gemeinschaft aufzubauen, deren Mitglieder aus verschiedenen Kulturen kommen, eine unterschiedliche theologische Ausbildung und eine Vielfalt pastoraler Erfahrungen haben. Unser ständiges Bemühen, miteinander in unserer redemptoristischen Berufung zu wachsen, ist bereits eine Bejahung des Pluralismus in der Kongregation.

Der Pluralismus stellt uns vor ernsthafte Aufgaben

22.   Die Vielfalt der Umstände in unserer Kongregation und die unterschiedlichen Antworten darauf geben aber keinen Anlaß zu unbekümmerter Zufriedenheit. Der Pluralismus in der Kongregation ist auch Grund ernsthafter Besorgnis des Generalkapitels gewesen und ist es ebenso für die Generalleitung.

Das Generalkapitel analysiert das Problems wie folgt:

Das Kapitel stellt fest, daß es im Verhältnis der Regionen der Kongregation zueinander an gegenseitigem Verstehen und gegenseitiger Wertschätzung fehlt, vor allem, wenn es um die Diskussion konkreter Fragen geht. So finden es z.B. einige Regionen schwierig, die Beweggründe und Konsequenzen der Option für die Armen zu verstehen, wogegen andere kaum begreifen und nachvollziehen können, was es in einer säkularisierten Welt bedeutet, noch an das Evangelium zu glauben. Es ist infolgedessen eine Tendenz zu beobachten, daß eine Region über eine andere ohne ausreichendes Verständnis Urteile fällt. (Schlußdokument 9)

23.   Wir teilen die Sorge unserer Vorgänger im Generalrat, die vom Spalteffekt des letzten Sechsjahresthemas bezüglich der verschiedenen Regionen der Kongregation sprachen. [6] Einige Reaktionen auf das Thema drohten den ideologischen Graben in der Kongregation noch zu verbreitern.

24.   Es gibt außerdem in der Kongregation eine verbreitete Art des Pluralismus, die wohl eher eine Dichotomie ist, weil sie nämlich das Apostolat in Gegensatz zum gemeinschaftlichen Leben bringt. P. General sagte dazu auf dem letzten Generalkapitel:

Manchmal scheint mir, daß einige Modelle des Gemeinschaftslebens der Welt von heute nichts zu sagen haben. Die tägliche Verwirklichung unserer Taufweihe als Sendung, das Verständnis unseres Ordenslebens als ein Weg der Hingabe im Kontext unserer heutigen Gesellschaft und die Entfaltung der transzendentalen Dimension unseres ganzen Lebens weisen noch erhebliche Schwächen auf...

Wir investieren mehr Energie in die Erneuerung unserer Tätigkeiten als in die Erneuerung unserer Gemeinschaft. [7]

25.   Eine Region berichtete, daß der Pluralismus Probleme für die Zusammenarbeit bereitete:

Es ist schwierig, gemeinsame Veranstaltungen verschiedener (Vize)Provinzen zu organisieren wegen der großen Entfernungen in unserer Region, aber auch wegen der Verschiedenheit der Sprachen, der Kulturen oder der politischen Systeme. [8]

26.   Natürlich haben auch Spannungen innerhalb der Ortskirche oder zwischen einzelnen Völkern Folgen für die Kongregation. [9] Wenn es aber solche Spannungen zwischen den (Vize)Provinzen derselben Region gibt, kann dies lähmende Folgen haben:

Wir stellen unter uns Unterschiede im Verständnis unserer Sendung, der Kirche, der Mitarbeit der Laien, der Option für die Armen usw. fest. Die Tatsache, daß wir nicht die geringste Übereinstimmung in unserem Denken haben, führt zu isolierten oder verdoppelten pastoralen Tätigkeiten, die dem Reich Gottes eher Schaden zufügen als es aufzubauen. [10]

27.   Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen in derselben Region kann zu Verständnisschwierigkeiten führen:

Es gab einige Befürchtungen, die bei unserem Treffen gelegentlich Unsicherheit hervorriefen, z.B. sahen einige den Einfluß des Westens als negativ für das religiöse Leben in Osteuropa an. [11]

28.   Schließlich ist es kein Geheimnis, daß einige Regionen Schwierigkeiten mit dem Verständnis des letzten Sechsjahresthemas hatten. Eine Region drückte dies so aus:

Fehlende Prägnanz im Sechsjahresthema war bei uns der Anlaß für unterschiedliche Auslegungen. Und die nichtendenwollende Diskussion zu dem Thema "Wer sind die Armen?" hat noch zusätzliche Verwirrung gestiftet. Zum Teil haben wir auch deswegen Schwierigkeiten mit dem Verständnis des Sechsjahresthemas gehabt, weil wir nicht so viel unter den Armen und mit ihnen leben. [12]

29.   Unsere Kenntnis der Kongregation lehrt uns, daß es oft die unterschiedlichen Umstände, Verhaltensweisen und Reaktionen in einzelnen Provinzen oder sogar Kommunitäten sind, die dann zu Spannungen auf der regionalen Ebene führen. Es kann tatsächlich verschiedene Kulturen innerhalb einer Provinz geben.

Die Gründe dafür können in den verschiedenen Altersstufen, in der theologischen Ausbildung, im unterschiedlichen Verständnis von Kirche und Kongregation liegen. Da ist z.B. die ständige Diskussion über die Adressaten unserer Verkündigung oder über die richtige Form dieser Verkündigung. Die einen rufen nach neuen Initiativen in der Pastoral, die anderen wollen an ihrer jetzigen Arbeit festhalten. Und schließlich gibt es die unterschiedlichsten Erwartungen in Bezug auf das Gemeinschaftslebens, das Gebet und die Formen der Mitverantwortung,

30.   Ein besonderes Problem ist der Pluralismus in seiner extremsten Form, nämlich als Individualismus. Es soll hier nicht die Achtung vor der Persönlichkeit eines jeden Mitbruders oder die Förderung der Reife und Verantwortung jedes einzelnen Mitglieds (Konst. 36) in Frage gestellt werden. Wir beziehen uns vielmehr auf die Tatsache, daß in nicht wenigen (Vize)Provinzen eine beachtliche Zahl von Mitbrüdern praktisch autonom und nur den eigenen Vorstellungen folgend lebt.

Die Folgen einer solche Haltung sind ruinös: die pastoralen Prioritäten vieler (Vize)Provinzen können nicht verwirklicht werden, unsere Häuser werden zu Unterkünften, unsere Identität verblaßt und junge Menschen können bei uns weder Einmütigkeit noch ein gemeinsames Ziel entdecken.

II.     Die Einheit der Kongregation

31.   Unsere bisherigen Überlegungen galten dem Pluralismus unserer apostolischen Gemeinschaft, die in den verschiedenen Regionen der Welt verwurzelt ist. Wir fragen uns nun: Gibt es auch gemeinsame Elemente, die das Leben der Kongregation bestimmen? Wir sind der Überzeugung, daß es sie gibt. Wir wissen, daß es Eigenschaften gibt, die uns Redemptoristen in aller Welt charakterisieren. Es ist möglich, ein skizzenhaftes Porträt des Redemptoristen schlechthin zu zeichnen, in dem unser Stil der Pastoral, die Menschen, die wir bevorzugen, unser Gemeinschaftsleben und einige Züge unserer Spiritualität deutlich werden.

Ein Porträt des Redemptoristen

32.   Es ist das Ziel unserer Kongregation, "das Beispiel unseres Erlösers Jesus Christus weiterzuführen indem wir den Armen das Evangelium verkünden" (Konst. 1). Seit der Gründung ist die Verkündigung des Wortes Gottes unser Markenzeichen gewesen, und wir haben eifersüchtig über dieses Vermächtnis gewacht. Ob es sich im konkreten Falle um die Gemeindemission, um Exerzitien oder um eine Sonntagspredigt handelt - der Eifer, mit dem wir an die Aufgabe herangehen, und der einfache Stil zeichnen uns Redemptoristen in aller Welt aus. Bei der Suche nach neuen und angemesseneren Methoden, Gottes Offenbarung zu verkünden, sind wir ständig um Anpassungsfähigkeit bemüht.

33.   Redemptoristen haben eine Vorliebe für die einfachen Leute, besonders für jene, die wir traditionsgemäß "die Armen und am meisten Verlassenen" nennen. Wir sind immer noch bereit, dorthin zu gehen, wohin die institutionelle Kirche nicht gehen kann oder will. Wir sind bestrebt, unseren Leuten nahe zu sein, und im allgemeinen zeigen wir einen hohen Grad von Einfühlungsvermögen für die volkstümlichen Formen, in denen sie ihren Glauben zum Ausdruck bringen.

34.   Das Gemeinschaftleben steht bei uns in hohem Ansehen. Es ist für uns mehr als nur eine Bestimmung in unseren Konstitutionen (Konst. 21). Das Gemeinschaftsleben ist so wesentlich für unser Selbstverständnis, daß selbst dann, wenn es erhebliche Schwächen aufweist oder völlig fehlt, wir beunruhigt sind, weil uns etwas abgeht, das wir als absolut vital für uns ansehen. Wir schätzen den familiären Stil in unseren Kommunitäten, wir lieben unsere Feiern, wir werden nicht müde Geschichten zu erzählen, durch die eine Kommunität die Verbindung zu jener größeren Gemeinschaft von Mitbrüdern bewahrt, die uns vorausgegangen sind.

35.   Im allgemeinen scheuen wir vor esoterischen oder geheimnisträchtigen Formen der Spiritualität zurück. Wir bevorzugen vielmehr Formen des persönlichen und gemeinsamen Gebetes, die auch den Menschen, denen wir dienen wollen, vertraut sind. Bei der Suche nach einer Erneuerung unseres gemeinschaftlichen Gebetes versuchen wir eine Spiritualität zu bewahren, die Christus, den Erlöser, zur Mitte hat ist; unsere besondere Liebe gilt der Mutter des Herrn.

36.   Dies sind einige der Kennzeichen die wir Redemptoristen von heute alle gemeinsam haben, gleich unter welchen Umständen wir leben und arbeiten. Wir verstehen sie als Vermächtnis aus dem Gründungsverständnis des heiligen Alfons.

Wir haben allerdings das Gefühl, daß diese unsere Wesenseigenschaften in Gefahr sind, zu verblassen oder sogar verloren zu gehen, vielleicht unwiederbringlich. Wegen der Gründe, die wir im ersten Teil dieser Communicanda aufgeführt haben, und aus manchen anderen Gründen glauben wir, daß diese vitalen Kennzeichen unserer Identität als Redemptoristen bedroht sind.

Das Sechsjahresthema und die Einheit unseres Lebens

37.   Wir haben den Eindruck, daß dieselbe Sorge die Mitglieder des XXI. Generalkapitels bewegte, als sie das Sechsjahresthema beschlossen. Wir haben uns dazu entschieden, als Grundgedanken für unsere Leitung der Kongregation die folgende Interpretation dieses Themas zu wählen:

Entsprechend diesem Sechsjahresthema will das Kapitel den inneren Zusammenhang zwischen dem Verkündigungsauftrag, dem Gemeinschaftsleben und der unserer Kongregation eigenen Spiritualität hervorheben. Ebenso will es aber auch die Notwendigkeit betonen, daß diese dreifache Dimension unseres Lebens in geschichtlichen Formen in einer Weise Gestalt annehmen muß, daß dadurch die Entscheidung der Kongregation für die am meisten Verlassenen, vor allem die Armen, deutlich wird. (Schlußdokument 12)

38.   Ein Schlüsselwort zum Verständnis des Sechsjahresthemas ist für uns der Begriff innerer Zusammenhang. Das Thema spricht von drei Grandelementen unserer Identität als Redemptoristen und vom inneren Zusammenhang zwischen ihnen. Oder anders gesagt: Mögen wir auch noch so gute Priester oder Ordensleute sein, das Fehlen eines dieser Elemente zerstört unsere redemptoristische Identität und wir wären nicht mehr unserem Erbe treu. Wir sind davon überzeugt, daß der Generalrat den Auftrag hat, diesen Zusammenhang zwischen den drei Wesenselementen unserer redemptoristischen Identität ins Bewußtsein zu bringen. Wir laden aber auch die (Vize)Provinzen und die Kommunitäten ein, diese unverzichtbare Wechselbeziehung der dreifachen Dimension unseres Lebens zum Inhalt ihrer Überlegungen zu machen.

Unsere Sendung

39.   Am Anfang aller unserer Überlegungen steht die Sendung der Kongregation. Wir sind "dazu berufen, die Gegenwart Christi und seiner Heilssendung in der Welt weiterzuführen" (Konst. 23). Die Treue zu dieser Sendung fordert von jeder (Vize)Provinz die Entscheidung für pastorale Prioritäten und die Durchführung dieser Entscheidung. Wir müssen jeweils vor Ort eine Antwort auf jene pastoralen Notstände suchen, die unserem Charisma entsprechen, wie es in den Konstitutionen und Statuten ausgedrückt ist (vgl. besonders Konst. 3-5).

40.   Daraus folgt, daß nicht jede pastorale Tätigkeit, mag sie auch noch so lobenswert sein, als ein gültiger Ausdruck unseres missionarischen Charismas angesehen werden kann. Genausowenig kann die Kategorie der "am meisten Verlassenen, vor allem die Armen" so weit gedehnt werden, daß sie jeden denkbaren pastoralen Dienst einschließt. Wir Redemptoristen können uns nicht davon dispensieren, eine oftmals schmerzliche Auswahl zu treffen.

41.   Die pastoralen Prioritäten der (Vize)Provinzen müssen regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden. Dies verlangt von uns Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit (vgl. Mk 1,38-39) und die Lösung (der alfonsianische distacco] von den Erfolgen der Vergangenheit. Das Festhalten an Einrichtungen oder Methoden, die nicht mehr den heutigen Erfordernissen entsprechen, läßt unsere Wirksamkeit stumpf werden.

42.   Die missionarische Dynamik unserer Kongregation hat Vorrang vor juristischen Strukturen, einschließlich der derzeitigen Grenzen von Provinzen und Vizeprovinzen. So können neue pastorale Initiativen durchaus auch für alternde Provinzen mit geringem Nachwuchs möglich sein, vorausgesetzt, sie sind bereit zur Zusammenarbeit und offen für den Prozeß der Umstrukturierung, von dem das Schlußdokument (62) spricht.

Unser Gemeinschaftsleben

43.   Es reicht nicht aus, einfach unsere Arbeit zu erneuern und sie in größeren Einklang mit unserem Charisma zu bringen. Das Generalkapitel erinnert uns daran, daß unser Gemeinschaftsleben und unsere Spiritualität nicht Anhängsel unseres Apostolates, sondern zusammen mit ihm unverzichtbare Bestandteile unserer Sendung in der Kirche sind. Jede unserer Kommunitäten muß sich dazu aufgerufen wissen, als Gemeinschaft eine sichtbare Verkündigung der Frohen Botschaft und eine deutliches Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes unter den Menschen zu sein (Schlußdokument 23).

44.   Es gibt viele Bemühungen, die zwischenmenschlichen Beziehungen in unseren Kommunitäten zu verbessern. Wir glauben jedoch, daß dies nicht das einzige Kriterium für unser Gemeinschaftsleben sein darf. Wir wissen, daß das Apostolat der ersten Redemptoristen in besonderer Weise durch das Zeugnis ihres Lebens unterstützt wurde. Die Predigt des heiligen Alfons und seiner Gefährten verdankte ihre Glaubwürdigkeit vor allem der Einfachheit, dem Gebet, der Armut und der Offenheit der ersten Redemptoristenkommunitäten. Der innere Zusammenhang zwischen ihrem Apostolat und ihrem Gemeinschaftsleben war sichtbar. Wenn das Schlußdokument von der Kommunität als einer "wirkmächtigen Gegenwart des Reiches Gottes" spricht (23, 29), erinnert es an diese wesentliche Beziehung zwischen unserer Sendung und unserem Gemeinschaftsleben.

Unsere Spiritualität

45.   Wenn das Generalkapitel zur Einheit unseres Lebens aufruft und dabei die Spiritualität einschließt, warnt es damit gleichzeitig vor einem gefährlichen Dualismus, 'der zu für uns unvertretbaren Haltungen führen würde (Schlußdokument 35). Es fordert uns auf, jenen Einklang in unser Leben zu bringen, der in der völligen Integrierung unseres Glaubens und unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens besteht. Es ist die Person Christi des Erlösers, die unsere Spiritualität mit unserer Sendung verbindet (Schlußdokument 36). Wir sind zur Kreativität aufgefordert, "damit die Spiritualität wahrhaft die Seele unserer Kommunitäten wird" (Schlußdokument 41).

Zusammenfassung

46.   Wir verstehen den Pluralismus in unserer internationalen Ordensgemeinschaft als eine unbedingt notwendige Antwort auf die Zeichen der Zeit, gleichzeitig aber auch als Anlaß zur Besorgnis. Wir fühlen, daß die Suche nach einer Einheit, die sowohl die besonderen menschlichen und kirchlichen Lebensbedingungen der Redemptoristen von heute berücksichtigt, als auch dem Erbe des heiligen Alfons treu bleibt, beginnen und enden muß mit dem wirklichen inneren Zusammenhang der wesentlichen Elemente unserer Berufung: unserer besonderen Sendung, unserem Gemeinschaftsleben und unserer Spiritualität. In jenem Maße, in dem die einzelnen Mitbrüder, die Kommunitäten und die (Vize)Provinzen diesen inneren Zusammenhang bei sich selbst finden, werden wir auch als weltweite Ordensgemeinschaft eine Einheit bleiben.

Schluß

47.     Die Gedanken, die wir angesprochen haben, bilden unsere Antwort auf die Zeichen der Zeit. Wir haben das, was wir in unserer Kongregation gesehen und gehört haben, im Licht des Wortes Gottes, unserer Konstitutionen und Statuten, der Aussagen des letzten Generalkapitels und unserer Vorgänger betrachtet. Wir sehen den Pluralismus in unserem pastoralen Tun, in den Formen unseres Gemeinschaftslebens und in unseren Wegen der Spiritualität. Wir sehen darin das Werk des Geistes, der die Quelle aller Gaben ist. Wir fühlten uns aber auch verpflichtet, das hervorzuheben, was alle Mitbrüder in der Welt einen sollte, die Grundzüge jenes "einheitstiftenden Charakters unserer Verkündigung des Evangeliums" (Schlußdokument 14). Wir glauben, daß dieser "einheitstiftende Charakter" im Sechsjahresthema zu finden ist, besonders dort, wo vom inneren Zusammenhang im Leben des Redemptoristen von heute die Rede ist. In unserer geistlichen Leitung der (Vize)Provinzen möchten wir zusammen mit Euch nach dieser Einheit suchen, die ein Ausdruck unserer Treue zum Willen Gottes für unsere Kongregation ist.

Im Namen des Generalrats,

Juan Manuel Lasso de la Vega, C.Ss.R.
Generaloberer

Die englische Version ist der offizielle Text dieser Communicanda.



[1] Communicanda 1: Leben und Wachstum in unserem "Apostolischen Leben", Rom, 1. August 1992.

[2] Acta Integra Capituli Generalis XXI, (Roma: Curia Generalis C.Ss.R., 1992), p. 210.

[3] Meeting of the Asia-Oceania Region, 1.2.1e, in XXI Capitulum Generale: Reports of Regional Meetings, (Roma: Curia Generalis C.Ss.R., 1 June 1991), p. 8.

[4] Asia-Oceania Region, 2.3.3, Reports of Regional Meetings, p. 13; North American Region, 1.2.3.c, Reports of Regional Meetings, p. 17.

[5] Latin American Region, 2.2.6, Reports of Regional Meetings, p. 25.

[6] Generalrat Bericht über den Stand der Kongregation für das XXI. Generalkapitel 1991, (Roma; Curia Generalis C.Ss.R., 1990), 2.3.10.1-2.3.10.2, S. 71.

[7] Acta Integra Capituli Generaiis XXI, (Roma; Curia Generalis C.Ss.R., 1992), p. 197-198.

[8] Asia-Oceania Region, 1.4.2a, Reports of Regional Meetings, p. 10.

[9] Latin American Region, 1,5.j, Reports of Regional Meetings, p. 23.

[10] Latin American Region, 2.2.6, Reports of Regional Meetings, p. 25.

[11] Europe-North Region, 1.1.5, Reports of Regional Meetings, p. 40.

[12] Europe-North Region, 1.2.2e, Reports of Regional Meetings, p. 41.