Communicanda
1
Rom,
1. August 1992
0000 0230/92
Leben und Wachstum
in unserem „Apostolischen
Leben“
Liebe
Mitbrüder!
Während der vergangenen Monate hat der
Generalrat gemeinsam über einige Themen nachgedacht,
die im Schlußdokument angesprochen werden.
Wir möchten Euch nunmehr die Ergebnisse unserer
Reflexion vorlegen; gleichzeitig mit unseren
Grüßen möchten wir unseren Wunsch ausdrücken,
sowohl diese Communicanda
als auch das Schlußdokument
selbst mögen Gegenstand der Reflexion auch
in Euren Kommunitäten werden.
0. Einführung
Ein Generalkapitel muß es sich angelegen
sein lassen, unsere gegenseitige Verbundenheit
zu stärken und uns geeigneter dafür zu machen,
den Nöten der Menschen unserer Zeit entgegenzukommen.
Das ist der Kern der Botschaft, die uns das
XXI. Generalkapitel zukommen ließ, das 1991
in Itaici/Brasilien stattfand. Diese Botschaft
weiß sich zutiefst verbunden:
0.1. mit dem Leben der Welt, in der die Redemptoristen präsent sind.
Wir sind unübersehbar von den Problemen dieser
Welt geprägt: von den Spannungen zwischen
den Völkern und innerhalb einzelner Länder;
vom Fehlen echter Demokratie, vom zunehmenden
Abstand zwischen Reichen und Armen, von Hungersnöten,
erzwungenen Bevölkerungsbewegungen, und sozialer
Ungerechtigkeit, der Situation der Frau, Krisen
des Gesundheitswesens, dem Gespenst AIDS,
von Ausländerfeindlichkeit und Zerstörung
der Natur. Aber wir haben auch Anteil an den
Hoffnungen: wenn die Menschenrechte mehr respektiert
werden, wenn vor allem die Schwächsten ihren
Platz in der Gesellschaft finden: Kinder,
alte Menschen, Arbeitslose, und wenn Freiheit
und Demokratie neue Geltung erhalten, kurz:
wenn „Huld und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit
und Friede sich küssen“ (Ps. 85,11).
0.2. mit dem Leben der Kirche, zu der wir gehören Die Kirche ist ja das
universelle Sakrament der Erlösung und sie
ist unterwegs zum Reich Gottes. Indem wir
auf Weltebene wie auch in den Ortskirchen
an ihrer Sendung teilhaben, haben wir sowohl
Anteil an ihrem prophetischen und wegweisenden
Auftrag, als auch an ihren Schwächen und Mehrdeutigkeiten.
Es bildet für uns eine ständige Herausforderung,
die konkrete Art und Weise zu finden, wie
wir auf spezifische Weise in schwierigen Zeiten
und in ganz bestimmten, geprägten Situationen
zum Leben der Kirche beitragen können. Wir
werden jedoch in dem Maß im Stande sein, das
Leben der Kirche zu bereichern, wie wir dem
Charisma des hl. Alfons und dem Erbe unserer
Kongregation treu sein werden. Dies werden
die Kraftquellen für unsere Kreativität sein.
0.3. mit dem Leben der Kongregation in ihren Kommunitäten und (V)Provinzen.
Schatten und Licht begegnen einander in unserem
Leben. Fortschritte und manchmal Rückschritte,
Überdruß und Entmutigung, neue Anfänge in
der Hoffnung vermischen sich miteinander,
wie dies auch im Leben der Männer und Frauen
der Fall ist, denen wir nahe sind. Wir atmen
die gleiche Luft wie unsere Zeitgenossen.
Wir sind von der Daseinserfahrung geprägt,
die das zu Ende gehende 20. Jahrhundert kennzeichnet.
Aber wir sind auch in einer Vergangenheit
und in einer Tradition mit ihren Reichtümern
und mit ihrer Last verwurzelt. Andererseits
ist es für uns eine Freude, Herausforderungen
und Hoffnungen mit der großen missionarischen
Gemeinschaft von 6000 Mitbrüdern zu teilen,
die aus fast 60 Nationalitäten besteht und
in 68 Ländern der Erde präsent ist.
0.4. In dieser Situation möchte der Generalrat jedem Mitbruder und jeder
Kommunität und (V)Provinz einige Überlegungen
dazu vorlegen, was ihm der Kern des Schlußdokuments
des letzten Generalkapitels zu sein scheint.
Es geht hier also um ein erstes vertiefendes
Bekanntmachen, das sich nicht zum Ziel setzt,
alle Punkte anzusprechen, von denen im Dokument
die Rede ist. Zuerst wollen wir das Sechsjahresthema
genauer bedenken (1). Sodann wollen wir zum
Ausdruck bringen, wie wir den Wunsch und die
Notwendigkeit sehen, die innere Einheit unseres
„apostolischen Lebens“ zu vertiefen (2). Sodann
möchten wir aufweisen, wie unser Gesandtsein
zu den Verlassenen, besonders den Armen, unser
ganzes Leben zu einer Einheit werden läßt,
und wie diese es ermöglicht, unser Leben in
angemessenen konkreten Formen zu gestalten
und so „Inkulturation“ zu leben (3).
1. Das Sechsjahresthema
(die Kontinuität zwischen den Themen
der letzten drei Kapitel)
1.1. Das XXL Generalkapitel bedeutet keinerlei Bruch auf unserem gemeinsamen
Weg. Ausdrücklich versteht es sich als in
Kontinuität befindlich, denn wir „sind uns
der einheitsstiftenden Kraft und der apostolischen
Wegweisung bewußt geworden, die das letzte
Sechsjahresthema in der Kongregation ... bewirkt
hat“ (Schlußdokument [SD] 6). Das Generalkapitel hat uns geholfen,
besser die Treue zu unserer Berufung zu leben
und gemeinsam Fortschritte zu machen. Die
in den (V)Provinzen und in den Regionen gemachte
Auswertung hat es den Kapitularen möglich
gemacht, die Positiva besser in den Blick
zu bekommen, besonders bezüglich der Festlegung
der pastoralen Prioritäten, und im Hinblick
auf die vorrangigen Adressaten unserer Verkündigung,
d.h. der Armen sowie bezüglich des Anteils,
den diese an unserer eigenen Bekehrung haben.
Andererseits hat das Generalkapitel auch die
Schatten in unserem Leben gesehen, das Schlußdokument
sagt dies in Nr. 8 ausdrücklich. Insgesamt
bedeutet dies für uns die Aufgabe, die Reflexionen
und Aktionen weiterzuführen, die es während
des letzten Sexenniums auf so engagierte Weise
gegeben hat. Unterscheidung und Vertiefung
werden es uns möglich machen, weitere Schritte
zu tun, um die Herausforderungen auszumachen,
die an uns heute ergehen.
1.2. Es scheint uns sehr wichtig zu sein, deutlich herauszustellen, was
der Kern des Schlußdokuments ist, von dem
aus der ganze Text gedeutet werden muß. Es
war die Absicht der Kapitulare, vor allem
das herauszustellen, was in den Nr. 11 und
12 gesagt ist. „Wir wollen jetzt den Akzent
auf die ausdrückliche, prophetische und befreiende
Verkündigung des Evangeliums an die Armen
legen, indem wir uns dabei von den Armen ansprechen
und herausfordern lassen (evangelizare pauperibus et a pauperibus evangelizari).“ Damit dieses Thema in unserem
persönlichen und gemeinschaftlichen Leben
Gestalt annehme, „sehen wir es als notwendig
an, die inneren Zusammenhang zwischen unserer
der jeweiligen Kultur gemäßen Verkündigung,
unserem Gemeinschaftsleben und unserer Spiritualität
stärker zu betonen“.
Diese Absicht, unserem Leben innere Einheit
zu geben, drängt danach, auf so konkrete Weise
Gestalt anzunehmen, „daß dadurch die Entscheidung
der Kongregation für die am meisten Verlassenen,
vor allem die Armen, deutlich wird“.
1.3. So hat das Kapitel unseren Ort in der Kirche bestätigen wollen,
der durch unser Charisma bestimmt ist, wie
es in Konst. 5 umschrieben ist: „Das Bevorzugen
der pastoralen Notstände, die eigentliche
Verkündigung und die Entscheidung für die
Armen geben der Kongregation ihre Daseinsberechtigung
in der Kirche und bilden den Prüfstein ihrer
Treue zur empfangenen Berufung. Der Auftrag
der Kongregation, nämlich die Evangelisation
der Armen, zielt auf die Befreiung und Erlösung
des ganzen Menschen hin. Die Aufgabe der Redemptoristen
besteht also darin, ausdrücklich das Evangelium
zu verkünden, sich mit den Armen zu verbinden
und ihre Grundrechte in Freiheit und Gerechtigkeit
zu fördern“. Dies ist die Richtung, in die
fortzuschreiten uns das Kapitel auffordert.
Wenn uns also jemand, etwa ein junger Mann,
fragt: „Wer seid ihr Redemptoristen?“, müssen
wir imstande sein, ihm auf glaubwürdige Weise
unsere Identität deutlich zu machen, die so
deutlich in diesen Texten umrissen ist. Das
ist, wie gesagt, unsere Daseinsberechtigung
und der Prüfstein für unsere Treue.
1.4. Als Redemptoristen und als Missionare des Evangeliums bei den Verlassenen,
besonders bei den Ärmsten, sind wir auch dadurch
in Pflicht genommen, daß Johannes Paul II.
in allen Kontinenten besonderen Nachdruck
auf die „Neuevangelisierung“ legt. Immer wieder
kommt der Papst ja auf eine neue Qualität
der Evangelisierung zu sprechen, die den tiefgreifenden
Veränderungen unserer Welt Rechnung trägt.
In seiner Zeit hat bereits der hl. Klemens
davon gesprochen, „das Evangelium neu zu verkünden“.
Heute wie gestern ist es also unser Auftrag,
auf die Note der Menschen zu antworten: „Die
bedrückenden Fragen der Menschen suchen sie
in mitmenschlichem Verstehen zu deuten und
darin echte Zeichen von Gottes Gegen wart
und Absicht zu entdecken“ (Konst. 19). Wo
nun finden wir die bedrückenden Fragen unserer
Zeit? Sind es nicht oft die jungen Menschen,
die armen Bewohner der großen säkularisierten
Städte, wie auch der ländlichen Gegenden,
und all die Verlassenen, die, welche eine
Verkündigung des Evangeliums, die zu Jesus
dem Lebendigen führt, dringend brauchten?
Aber „wie sollen sie an den glauben, von dem
sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören,
wenn niemand verkündigt?“ (Rom 10,14f). Geben
wir unsren Zeitgenossen diesen Durst nach
Gott und verkündigen wir diese Frohe Botschaft.
1.5. Wir leben im Zeitalter der Kommunikation. Unsere Welt ist dabei,
ein „großes Dorf“ zu werden, wo Nachrichten
sich beinah sofort überallhin verbreiten.
Gleichzeitig stellen wir eine größer werden
Kluft zwischen Reich und Arm fest; unser Weg
führt uns an Einsamkeit und an Verzweiflung
vorbei, die in künstlichen Paradiesen zu vergessen
versucht. Umso dringender ist unsere Sendung,
Sendboten jener Guten Nachricht zu sein, die
von Jesus aus an alle Menschen ergeht, um
sie mit einer umfassenden Entfaltung zu beschenken.
Nochmals: der Gott der Christen ist ein
Gott, der die Nähe der Menschen aufsucht.
Er ist um unsertwillen in unsere Mitte gekommen.
Er ist ein Gott, der uns zuerst geliebt hat:
„Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott
geliebt haben, sondern daß er uns geliebt
und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden
gesandt hat“ (l Jo 4,10). Ob gelegen oder
ungelegen, immer wieder muß wiederholt werden,
daß der Gott Jesu ein guter und barmherziger
Gott ist: „der Vater der Erbarmungen und der
Gott allen Trostes“ (2 Ko 1,3). Es ist ein
Gott, der jeden von uns an je seinem Platz
in die Verantwortung ruft: „Wir wollen nicht
mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat
und Wahrheit“ (l Jo 3,18). Der Gott Jesu ist
ein Gott der Gemeinschaft: Vater, Sohn und
Geist. Jeder kann mit ihm Gemeinschaft finden
in Gebet und in der Verbundenheit mit den
anderen: „wir wollen einander lieben, denn
die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt,
stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht
liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist
die Liebe“ (l Jo 4,7f).
1.6. Diese Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen ist unsere
Weise, Christus nachzufolgen; sie drückt sich
aus in einem Leben, das den Armen nahe ist;
in einer Liebe, die mit ihnen geteilt wird;
in einer Würde, deren sie wieder bewußt werden,
in einer Befreiung, die sich Bahn bricht.
An diesem Leben der Kirche möchten wir Anteil
haben, denn „die Kirche auf der ganzen Welt...
will die Kirche der Armen sein. Sie will die
ganze Wahrheit ausschöpfen, die m den Seligpreisungen
enthalten ist... Die jungen Kirchen leben
meist unter Völkern, die von ziemlich verbreiteter
Armut geplagt sind, und bringen diese Sorge
oft als den bestimmenden Teil ihrer Mission
zum Ausdruck“ (Johannes Paul II., Redemptoris Missio [RM] 60).
Die Redemptoristen, die in der Dritten
Welt leben, rufen uns eben dadurch die Dringlichkeit
einer Haltung der grundsätzlichen Konsequenz
in Erinnerung. Sie regen uns an, wie es Johannes
Paul II in Redemptoris Missio getan hat: „Die Kirche, in Treue zum
Geist der Seligpreisungen, ist auch gerufen,
mit den Armen und Unterdrückten aller Art
zu teilen. Ich rufe daher alle Jünger Christi
und all christlichen Gemeinschaften – von
den Familien bis zu den Diözesen von den Pfarren
bis zu den Ordensgemeinschaften – dazu auf
ihr Leben im Sinne der Solidarität mit den
Armen aufrichtig umzugestalten“ (RM 60).
1.7. Unsere Solidarität mit den Verlassensten, besonders mit den Armen,
bringt uns in die Nähe des Jesus der Seligpreisungen.
Und so verstehen wir nun auch, daß die Armen
mehr sind als nur die Adressaten unserer Evangeliumsverkündigung.
In Jesus hat Gott das Gesicht eines Armen
angenommen. Seit seiner Geburt ist er unter
den Ausgegrenzten, unter denen, die keinen
Ort haben, der ihnen zukäme. Jesus, „der reich
war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine
Armut reich zu machen“ (2 Ko 8,9; vgl. den
Kommentar, den der hl. Alfons in seiner Weihnachtsnovene,
Erwägung VIII zu der Stelle gibt). Die Armen
sind die Ungeliebten, die geliebt und evangelisiert
werden müssen. Dieser evangelische Ruf ist
durchaus keine Verherrlichung des Elends;
dieses muß immer bekämpft werden. Andererseits
soll der Arme nicht reich, sondern „anders“
werden - er soll sich bekehren. Das Evangelium
zielt nicht darauf ab, eine Gesellschaft der
Befriedigungen zu bauen, die sich in ihrer
Selbstgenügsamkeit wohlfühlt. Es will vielmehr
bewirken, daß wir uns alle nach einer freudigen
Hoffnung und einer Freiheit ausstrecken und
uns auf den Weg zum Wesentlichen machen.
1.8. Rufen wir uns nur einmal die drei entscheidenden Begegnungen des
hl. Alfons ins Gedächtnis, die sein bisheriges
Leben grundlegend verändert und ihn in ein
Leben des Apostolats geführt haben: mit 19
Jahren mit den „incurabili“, später mit 32 Jahren mit den Stadtstreichern der Capelle Serotine, schließlich, als er 35 Jahre alt war,
mit den Hirten von Scala. Im Gefolge des hl.
Alfons schließt unsere Option für die Armen,
für die von der Kirche vernachlässigten und
Verlassenen menschliche Begegnungen ein; sie
bedeutet Verfügbarkeit, Infragestellung unserer
zu großen Sicherheiten, Solidarität, Bekehrung,
und Exodus.
1.9. Wir wissen sehr wohl, daß die Armen nicht vollkommen sind; wir wissen
das umso besser, je mehr wir ihnen nahe sind.
Aber oft sind wir überrascht, bei ihnen evangelische
Werte zu entdecken: Großzügigkeit, Bereitschaft
zum Teilen, obwohl sie so wenig haben; Freude
trotz ihrer harten Lebensumstände; Hoffnung
und Durchhaltevermögen noch dort, wo andere
schon längst das Vertrauen verloren hätten...
Es sind die Werte, aus denen sie leben, die
uns evangelisieren. Auf diese Weise laden
uns die Armen dazu ein, unser Verhalten zu
ändern. Die bevorzugte Verbindung mit ihnen
kann unsere Betrachtungsweise, unser Herz,
unsere Art, zu reden und zu leben verändern.
So wird uns ihr Leben dazu anregen, unsere
Einstellung und unser Verhalten in unserer
übertriebenen Suche nach Sicherheit, unsere
starken Bindungen an unsere Strukturen und
unsere Furcht vor dem Risiko zu verändern.
„Evangelizare pauperibus et a pauperibus evangelizari“. Die Armen lassen uns Christus in
unserem eigenen Leben begegnen (Mt 25,31),
und dies sowohl als Einzelpersonen als auch
als Gemeinschaften. „Die Gemeinschaft kann
nicht das Evangelium verkünden, wenn sie nicht
gleichzeitig bereit ist, sich das Evangelium
verkünden zu lassen. Diese Verkündigung geschieht
... von jenen, zu denen die Kongregation gesandt
ist, besonders von den Armen“ (SD 24). Mit ihnen zusammen lesen wir das Wort Gottes und gemeinsam
sind wir wollen wir Christus nachfolgen.
2.
Unser „apostolisches Leben“: seine
Einheit
und sein innerer Zusammenhang
2.1. Unsere Kongregation „folgt dem Beispiel Christi durch das apostolische
Leben, welches beides umfaßt: sowohl das in
besonderer Weise Gott geweihte Leben als auch
das missionarische Wirken der Redemptoristen“
(Konst. 1). Daher ist es „allen Redemptoristen...
aufgegeben, von apostolischem Geist geleitet
und vom Eifer ihres Gründers beseelt, sowohl
auf die Tradition ihrer Gemeinschaft als auch
auf die Zeichen der Zeit zu achten. Als Gefährten
und Gehilfen im großen Erlösungswerk Jesu
Christi verkünden sie den Armen das Wort des
Heiles und bilden eine apostolische Gemeinschaft,
welche in besonderer Weise dem Herrn geweiht
ist“ (Konst. 2). Diese zwei Konstitutionen
bilden die Eingangspforte zum Haus unserer
Lebensweise; sie haben unser Sechsjahresthema
inspiriert und bereichert, das uns seinerseits
helfen soll, uns die tiefe Einheit unseres apostolischen Lebens innerlich zu eigen
zu machen. Sehr deutlich wird dies auch in
Nr. 11 des Schlußdokumentes gesagt. „Wir bitten
die Kongregation, dieses Thema weiterzuführen
durch eine Vertiefung unseres apostolischen
Lebens in Gemeinschaft als einer prophetischen
Kraft, die neue Wege zu einer menschennahen
Erfüllung unserer Sendung eröffnet. Um dies
zu erreichen, sehen wir es als notwendig an,
den inneren Zusammenhang zwischen unserer
der jeweiligen Kultur gemäßen Verkündigung,
unserem Gemeinschaftsleben und unserer Spiritualität
stärker zu betonen“.
2.2. Heute spüren wir stärker als früher, wie notwendig die Einheit ist
zwischen dem, was wir sind und dem, was wir
tun; zwischen unserem ganz Gott gehörigen
Leben und unserer missionarischen Tätigkeit;
zwischen unserer geistlichen Erfahrung, die
eine Geschichte hat, und der Notwendigkeit,
diese Erfahrung mit anderen zu teilen. Denn
soll sie nicht zur Illusion werden, muß diese
geistliche Erfahrung in Gemeinschaft mit anderen
Gestalt annehmen, und dies in einer Gemeinschaft
von Aposteln. Denn der evangelische Ruf, den
jeder von uns vernommen hat, wird zuerst in
der Gemeinschaft von Weggefährten gelebt und
geteilt: zusammen mit Brüdern, die wir uns
nicht ausgesucht haben, die aber wie wir vom
Herr erwählt wurden. Dieses gemeinsame Leben
nach Art der Apostel ist eine Kraft - eine
prophetische Kraft; es ist entschieden mehr
als die Summe der Individuen, es ist eine
Dynamik der Liebe, die in der konkreten Kommunität
Wirklichkeit wird. Dieses gemeinsame Leben
macht es möglich, Gotteserfahrung zu leben
(SD 13), und dies nicht auf theoretische Weise, sondern in der
Konkretheit des Alltags. Jeder ist dazu gerufen,
von seinen Mitbrüdern evangelisiert zu werden
und soll seinerseits für sie zum geistlichen
Anreger werden. „Die Mitbrüder sind für einander
Verkünder des Evangeliums“ und so werden sie
gegenseitig durch die jeweils anderen evangelisiert
(SD 24).
2.3. Niemals dürfen wir vergessen: das Leben in Gemeinschaft hat Christus
den Erlöser als Mitte (SD
8). Von dieser Wurzel her wird es
für unsere Zeitgenossen zur wirksamen Gegenwart
des Reiches Gottes werden können (SD 23). Die Kreativität wird es uns möglich
machen, „geeignete Formen und Strukturen für
das Gespräch über unseren Glauben und über
unsere Freuden und Sorgen bei der Verkündigung“
(SD 24) zu suchen und zu finden.
Nach dem Beispiel der Apostel und als
Jünger des hl. Alfons, des Apostels des Gebets,
hören wir mit neuer Aufmerksamkeit die Aufforderung
der Konst. 26 bis 33 zu einer Gemeinschaft
im Gebet, um die Leere zu überwinden, von
der die Nr. 33 des Schlußdokuments spricht.
Um Christus, dem Erlöser zu folgen und seine
befreiende Praxis weiterzuführen, meditieren
wir insbesondere die Geheimnisse der Menschwerdung,
der Passion und Auferstehung und feiern sie
in der Eucharistie (SD 36). Wir teilen als „Männer des Gebetes... unser Gebet auch
mit dem christlichen Volk in einer recht geleiteten
Volksfrömmigkeit“ (SD 41 a) und gehen so gemeinsam den Weg unseres Glaubens.
2.4. Die gegenseitige und gemeinschaftliche Umkehr in einer zuvorkommenden
und brüderlichen Liebe ist als solche bereits
Predigt, Zeugnis, Gestaltwerdung unserer Sendung
und Zusammenhang zwischen dem, was wir im
Tiefsten sind und dem, was wir den anderen
sagen und mit ihnen leben, besonders mit den
Armen. Das Schlußdokument sagt in Nr. 23,
das Gemeinschaftsleben sei „das erste sichtbare
Zeichen dafür, daß wir Verkünder des Evangeliums
sind“. Es ist „wirkmächtige Gegenwart des
Reiches Gottes mitten unter den Menschen,
unter unseren Brüdern und Schwestern, die
uns hinwiederum auf ihre Weise Gottes Antlitz
enthüllen“. Dieses Gemeinschaftsleben unter
dem Evangelium ist die Konkretisierung dessen,
„daß Gott uns zusammenruft und daß der Geist
Jesu uns eint und immer tiefer mit einander
verbindet“ (SD 26). Indem sie den Menschen nahe ist, wird jede Kommunität
von Redemptoristen danach streben, „Kraft
des gemeinsamen Zeugnisses... Zeichen der
Gegenwart des Reiches Gottes“ zu werden (SD
29).
2.5. Wir wissen um die Schwierigkeiten, denen sich die Redemptoristen
in manchen Ländern in den letzten Jahren konfrontiert
sahen. So hat z.B. die Tatsache, daß von der
Ortskirche keine Initiativen zu einem gemeinsamen
missionarischen Wirken ausgingen, oft zur
Folge gehabt, daß die örtlichen Kommunitäten
auseinanderfielen. Manchmal ging ein jeder
seiner Wege, um auf seine Art die Seelsorgstätigkeit
eines Diözesanpriesters auszuüben. Andere
haben sich einer Aufgabe verschrieben, die
sie in größere Nähe zu den Armen geführt hat,
bei der sie aber nicht die Unterstützung und
Mitarbeit einer örtlichen Kommunität hatten.
Wieder andere machten sich die Werte der umgebenden
Gesellschaft zu eigen, wie etwa individuelle
Selbstentfaltung; ihre pastoralen Optionen
erfolgten allein nach diesem Maßstab, wobei
das „grundlegende Gesetz“ vergessen wurde,
von dem Konst. 21 spricht. In anderen Ländern
haben Mitbrüder wegen der herrschenden religiösen
Unfreiheit, oft unter Gefahrdung ihrer Freiheit,
auf persönliche Weise ihren Weg dadurch gesucht,
daß sie in Verbindung mit dem jeweiligen Bischof
den Personalmangel lindern halfen, der in
der Ortskirche herrschte. Schließlich konnte
es geschehen, daß alle Aspekte des gemeinschaftlichen
Lebens sich im Laufe der Jahre verflüchtigten:
das Charisma, das Gebet, die brüderliche Freundschaft,
die apostolische Aufgabe, die gemeinsame materielle
Lebensgrundlage. Was übrigblieb, waren lediglich
Gemeinsamkeiten, die zwar in der gemeinsamen
Geschichte begründet waren, die aber in der
Gegenwart nicht neu belebt wurden. Dies zu
sagen bedeutet nicht ein Werturteil, wohl
aber eine Beschreibung dessen, was tatsächlich
hier und dort in der Kongregation gelebt wurde.
Es wäre gut, wenn heute jede (V)Provinz sich
dessen neu bewußt würde, daß „die redemptoristische
Gemeinschaft ... das erste sichtbare Zeichen
dafür sein [soll], daß wir Verkünder des Evangeliums
sind“ (SD 23).
2.6. Allerdings hat es eigentlich überall in der Kongregation seit einigen
Jahren den entschlossenen Versuch gegeben,
die Einheit unseres Lebens tiefer zu verstehen.
Heute wie zu Zeiten unseres Gründers müssen
wir gegen die Gefahr des Dualismus kämpfen
(Vgl. Alfons, Avisi
sulla vocazione religiosa, Consid. XIII). „In unserem Leben gibt es eine unauflösliche
Wechselbeziehung: einerseits wächst unser
Apostolat aus der persönlichen und gemeinschaftlichen
Verwirklichung unserer Ordensprofeß, andererseits
besteht aber gerade in der Verkündigung unsere
Art und Weise, die evangelischen Räte zu leben“
(SD
35), Das Gemeinschaftsleben hilft
uns mit seinem Realismus, diesen Dualismus
zwischen Apostolat und Spiritualität zu vermeiden.
2.7. Überall müssen wir stets von neuem unsere pastoralen Prioritäten
festsetzen, indem wir die pastoralen Notwendigkeiten
des Landes oder der Region erforschen, wo
wir leben. Um dies zu gewährleisten, müssen
wir die Orte wählen, die am besten mit unserem
Charisma übereinstimmen, Vor allem aber ist
es uns aufgetragen, kreativ zu sein, damit
wir unser Gemeinschaftsleben erneuern und
damit wir „nach neuen Modellen des Gemeinschaftslebens
suchen“ (SD 28).
Das Gemeinschaftsleben selbst wird es
uns möglich machen, in Überlegung und Gebet
die Orte und Zielgruppen auszumachen, zu denen
wir gehen sollen. Zweierlei wird uns bei dieser
Entscheidungsfindung helfen: die Nähe zu den
Menschen und die Kraft des Zeugnisses, das
die Gemeinschaft selbst gibt (vgl. SD 29).
2.8. Diese gemeinsame Suche erfolgt immer mit dem Blick auf eine „prophetische
und befreiende Verkündigung der Frohen Botschaft“.
Eine missionarische Gemeinschaft muß inmitten
einer Ortskirche immer etwas sein, das deren
missionarischen Geist anspornt – sie muß etwas
von einer Avantgarde haben. Dann wird unsere
Verkündigung wirklich menschengerecht und
vom Gebet geprägt sein, und so wird sie zum
Zeichen der Hoffnung für junge Menschen, die
nach einem gemeinschaftlichen Leben Ausschau
halten und die nach einer Alternative zu den
Mechanismen des Habens und der Macht suchen
(SD 31).
3.
Das ganzheitliche apostolische Leben
muß situationsgerecht (inkulturiert)
sein
3.1. Redemptoristen sind durch verschiedene Lebenswelten und Kulturen
geprägt. Dort müssen sie leben und die Frohe
Botschaft verkünden. Aus diesem Grund ergeht
seitens des Generalkapitels an uns die dringende
und anspruchsvolle Aufforderung: „Um unsere
Sendung in der Geschichte konkret werden zu
lassen (sie zu „inkarnieren“), müssen wir
sie immer wieder der jeweiligen Kultur aussetzen
(Inkulturation). Auf diese Weise wird ein
Wesenszug des großen Geheimnisses der Menschwerdung
verwirklicht“, heißt es in Nr. 13 des Schlußdokuments.
3.2. Die Inkulturation hat ihre tiefste Wurzel in der Inkarnation des
Wortes Gottes, Weil sie umfassend und konkret
war, war die Menschwerdung des Sohnes Gottes
eine Inkarnation in die Kultur hinein. Wir
können beobachten, wie die erste Verkündigung
des Evangeliums eine Antwort auf die Kulturen
ihrer Zeit war. Die Evangelisten sind Menschen,
die von der Lebenswelt geprägt sind, in der
ihre jeweiligen Gemeinden lebten. In der jungen
Kirche stellte sich das gleiche Problem...
Jedes Volk, jede Sprache, die es auf Erden
gibt, sind dazu berufen, in ihrer eigenen
Ausdrucksweise (vgl. Apg 2,8) das Evangelium
vom Heil zu bekennen und auszudrücken. „Bei
ihrer Mission unter den Völkern trifft die
Kirche auf verschiedene Kulturen und wird
in den Prozeß der Inkulturation eingebunden.
Diese hat als Erfordernis den gesamten geschichtlichen
Weg der Kirche geprägt, ist aber heute besonders
wichtig und dringlich“‚(RM 52).
3.3. Diese Inkulturation ist ein tiefgreifender Prozeß, der Zeit braucht
und nicht nur eine einfache Anpassung bedeutet.
Auch dürfte es hilfreich sein, zwei Wirklichkeiten
gut zu unterscheiden, die einander ergänzen,
und die man mit zwei verschiedenen Begriffen
fassen kann, „Akkulturation“ und „Inkulturation“.
„Akkulturation“ geschieht vor allem durch
das Lernen der Sprache, die Kenntnis der Lebensformen,
die Anpassung an die Lebensweise eines Volkes.
Es ist dies nicht selten eine schwierige Aufgabe
für einen Missionar, der in ein anderes Land
geht oder sich in eine andere Lebenswelt begibt
als die seine. Die Akkulturation ist eine
Notwendigkeit dieser Zeit, in der sich der
Austausch zwischen den Kontinenten und den
verschiedenen Kulturbereichen intensiviert.
Etwas anderes jedoch ist die Inkulturation,
3.4. Inkulturation ist die Inkarnation christlichen Lebens und christlichen
Glaubens in eine konkrete Kultur hinein. Indem
sich das Evangelium mit Hilfe von Elementen
einer Kultur Ausdruck schafft, verändert und
erneuert es diese. Der Begriff enthält also
die Vorstellung, daß Personen und Gruppen
durch die Begegnung des Evangeliums mit einer
bestimmten soziokulturellen Lebenswelt wachsen
und bereichert werden. Wir meinen damit nicht,
daß Inkulturation die Verabsolutierung einer
vergangenen Kultur sei. Sie ist vielmehr Suche
nach Samenkörnern des Wortes; sie ist Wachstum
und Befruchtung der Gegenwart eines Volkes
in allen seinen Dimensionen, die soziale und
politische eingeschlossen, mit Spannungen,
Konflikten, Konfrontationen. Denn die Kultur
eines Volkes ist etwas, das lebt.
Also muß unsere Evangelisierung sich
in den Prozeß hineinbegeben, der es einem
Volk möglich macht, sein Selbstbewusstsein
für das Heute auf offene und dynamische Weise
zu finden. Das Evangelium und die Kultur begegnen
sich, sehen sich einander gegenüber, fordern
sich gegenseitig heraus wie das Gold und das
Feuer im Schmelztiegel des Schmieds. Die Inkulturation
läßt Christus die Mitte des Lebens einer Kultur
erreichen und gibt diesem Leben in Christus
eine neue Qualität. So werden in bestimmten
kulturellen Traditionen neue und ursprüngliche
Lebensäußerungen, neue Formen des Feierns
und neue Weisen christlichen Denkens entstehen.
Das Leben der Kirche wird aus alledem verändert
und bereichert hervorgehen.
3.5. Diese Begegnung des Evangeliums mit einer Kultur ist eine Bereicherung
für die Gesamtkirche, da die christliche Botschaft
sich in neuen Formen Ausdruck verschafft.
Die zentrale Rolle bei diesem Inkulturationsprozeß
kommt freilich nicht dem einzelnen Missionar
zu, sondern der jeweiligen Ortskirche, geht
es doch um eine Inkulturation der Kirche,
bei der alle Anstrengungen der ganzen Gemeinschaft
nötig sind. Diese Integration der Erfahrungen
einer Ortskirche in die Kultur des jeweiligen
Volkes hinein bildet eine Kraft, welche die
jeweilige Kultur ebenso belebt und erneuert
wie sie die Gesamtkirche bereichert. Die zugrunde
liegende biblische Bildvorstellung ist nicht
die einer Transplantation, sondern die der
Aussaat, die des Wachsens der christlichen
Botschaft im inneren einer Kultur, was für
sie zugleich ihren Tod und ihre Auferstehung
bedeutet. Diesem Prozeß der Inkulturation
müssen sich sowohl die alten Kirchen stellen,
die sich auf besondere Weise der Modernität
und der Säkularisierung gegenüber sehen wie
die jüngsten Teilkirchen, die in einer stärkeren
„religiösen“ Atmosphäre leben.
3.6. Wir Redemptoristen leben weltweit auch in Kulturen, die von anderen
religiösen Traditionen als dem Christentum
geprägt sind, etwa durch den Islam, den Buddhismus,
den Hinduismus... Wir wollen diesen Gemeinschaften
von Gläubigen gegenüber hörbereit sein, um
anzuerkennen, „was in den religiösen Traditionen
des Buddhismus, des Hinduismus und des Islam
wahr und heilig ist - Widerspiegelungen jener
Wahrheit, die alle Menschen erleuchtet...“
(RM 55). Allerdings: die Christen aus Ländern, in denen diese Religionen
wichtig sind, leben und atmen eine Atmosphäre
und eine Kultur, die dem Christentum oft sehr
fremd sind. Es erscheint uns sehr wichtig,
in einen Dialog, besonders in einen Dialog
des gelebten Lebens mit den Anhängern anderer
Religionen einzutreten. Dieser Dialog wird
für uns zur Quelle der Bereicherung werden,
aber auch zur Läuterung und zum Ruf nach einer
inneren Umkehr. Dies ist der Sinn von Nr.
41 e des Schlußdokuments, das uns dazu auffordert,
„uns jenen Werten zu öffnen, die in nicht-christlichen
geistlichen Traditionen lebendig sind“.
Dieser Dialog wird uns helfen, sehr reale
Schwierigkeiten, aber auch Mangel an Verständnis,
ja sogar manchmal Verfolgungen zu überwinden.
In der Kongregation sollte weltweit hierauf
viel Nachdruck gelegt werden, denn bisher
haben wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen
auf diesem Aufgabenfeld wenig beigetragen.
Große Aufgaben stehen in Asien, in Afrika
und anderen Kontinenten an, da wir heute Zeugen
davon sind, wie Völker und Rassen rasch in
Bewegung geraten.
3.7. Wir müssen also gemeinsam und mit anderen nach Wegen suchen, wie
wir konkret unserem evangelisatorischen Auftrag,
unserem Gemeinschaftsleben und unserer Spiritualität
eine inkulturierte Gestalt so verleihen können,
daß sie die Option der Kongregation für die
Verlassensten und besonders für die Armen
zum Ausdruck bringt. Sicherlich werden uns
unsere Erfahrungen mit dem Austausch in kleinen
Gruppen, in Basisgemeinschaften eine Hilfe
sein (RM 51). Dieses Bemühen muß auf der Ebene der Ortskirche ausgeweitet
werden auf Laien, Priester, Ordensfrauen und
Ordensmänner, denn „wir sind uns des Aufrufs
zu einer neuen Verkündigung des Evangeliums
bewußt (als) einer Herausforderung für die
ganze Kirche“ (SD 79), Um die Inkulturation unserer Verkündigung zu ermöglichen,
gibt es hier und dort in unseren jeweiligen
Kirchen bemerkenswerte Versuche. Es ist von
großer Wichtigkeit, sie zu kennen und uns
entsprechend unserem Charisma daran zu beteiligen.
3.8. Was das Gemeinschaftsleben betrifft, sagt das Generalkapitel, es
sei „notwendig, nach strukturierten Ausdrucksformen
zu suchen, die dem apostolischen Leben in
Gemeinschaft angemessen sind“ (SD 30) um „nach neuen Formen zu suchen, ... die unsere Spiritualität
konkrete Gestalt und unserem apostolischen
Leben gemein schaftlichen Ausdruck verleihen“
(SD 34). Wir sollten uns dort, wo wir leben,
gemeinsam mit anderen Ordensgemeinschaften,
die uns nahestehen, auf diese Suche machen.
Das Kapitel gibt uns einige Wegrichtungen
vor, wenn es sagt: „Unser Entscheidung für
die am meisten Verlassenen, vor allem die
Armen, verlangt von uns, daß wir uns auf jene
örtlichen, sozialen, kulturellen und kirchlichen
Gegebenheiten einlassen und in sie hineinwachsen,
die unserem besonderen Auftrag entsprechen“
(SD 27). Das ist auch ein Aufruf, im Provinzkapitel
Entscheidungen zu treffen und Prioritäten
festzulegen und dabei der Eigenart unseres
Charismas Rechnung zu tragen.
3.9. Allerdings ist das apostolische Ordensleben im allgemeinen stark
von seinen europäischen Ursprüngen her geprägt.
Was unsere Kongregation betrifft, ist dies
der Fall. Wollen wir unser Hingabe in unserem
gemeinsamen Apostolat auf eine Weise leben,
die den verschiedenen Kulturen der Welt gerecht
wird, wird es notwendig sein, die Art und
Weise, wie diese Hingabe gelebt werden soll,
gründlich zu bedenken.
Können wir uns zusammen mit anderen
Ordensleuten des jeweiligen Landes oder Kontinentes
auf die Suche danach machen wie m der jeweiligen
Kultur die Gelübde der Ehelosigkeit, des Gehorsams
und der Armut konkret zu leben sind? Wieder
stehen wir vor der Aufgabe, zugleich kreativ
zu sein und tief aus dem Alten und Neuen zu
schöpfen, aus der gegenwärtigen Wirklichkeit,
aus lebendigen Traditionen unserer Völker
und aus dem immer neu lebendigen Evangelium.
4. Zusammenfassung
4.1. Die Vielfalt der Kongregation über die Kontinente hin, die sich
sogar in verschiedenen Riten äußert, ist nicht
nur gut sondern notwendig. Sie ist ein Zeichen
dafür, daß wir wirklich mit den Völkern mitleben,
zu denen wir gehören. Sie ist ein Widerschein
der Katholizität der Kirche, die in den verschiedenen
Kulturen präsent ist. Sie ist eine Einladung
an jeden, seinen Geist und sein Herz dem Geist
zu öffnen, der in allen Kontinenten gegenwärtig
und am Werk ist. Die Frohe Botschaft wird
auf den verschiedenen Straßen der Menschheit
aufgenommen: in Afrika, in Asien, in Ozeanien,
in Amerika und in Europa. Manchmal tun sich
auf dem gleichen Kontinent, im gleichen Land,
mitten in der gleichen (V)Provinz, verschiedene
Zugangswege auf. Aber was uns eint, ist das
Evangelium Jesu des Herrn. Es hinterfragt
und reinigt unsere verschiedenen Kulturen.
Immer neu lädt es uns ein zu einer Haltung
der Brüderlichkeit und der Offenheit gegenüber
dem anderen, der anders ist als wir und zu
einem Dialog, der immer neu zur Reinigung
und zur Quelle von Bereicherung wird.
4.2. Die Grundlinien der Botschaft des XXI. Generalkapitels sind ein
Aufruf zur Vertiefung unserer Umkehr. Wir
werden dazu eingeladen, m diesen sechs Jahren
einen weiteren Schritt zu tun, um „echtere“
und „wagemutigere“ Apostel zu werden. „Wir
wünschten uns, daß diese Keime der Hoffnung“,
die wir über die Kontinente hin wahrnehmen,
heranwachsen. Immer mehr sind wir davon überzeugt
daß unser alfonsianisches Charisma ein Geschenk
für das Gottesvolk ist (vgl. SD 6). Wir möchten es mit der ganzen
Kirche teilen. Mögen wir in den Fußstapfen
des hl. Alfons von Leidenschaft für das Evangelium
erfüllt werden, um den Verlassensten, besonders
den Armen, diese gute Nachricht zuzurufen:
„Gott liebt euch!“
Am Ende dieser Überlegungen wünschen
wir euch auch, daß Maria, die erste Jüngerin
des Erlösers, euch auf dem Weg der stets größeren
Verbundenheit mit Christus dem Erlöser geleite.
Sie ist ja „das vollkommene Bild der Freiheit
und Befreiung“, die wir als überreiche Erlösung
in die Welt hineinzutragen gerufen sind.
Mit
unseren brüderlichen Grüßen im Namen des Generalrates,
Juan M. Lasso de la Vega, C.Ss.R.
Generaloberer
Der
französische Text ist der Originaltext.