Communicanda - 1985-1991   

 

COMMUNICANDA 4

Rom, den 30. März 1986
Gen. 121/86

EVANGELIZARE PAUPERIBUS
ET
A PAUPERIBUS EVANGELIZARI

Gedanken der Generalleitung
zum Hauptthema 1985-1991

Liebe Mitbrüder!

Während der letzten Wochen hat die Generalleitung einen Prozeß des Nachdenkens begonnen, der dem Hauptthema des Generalkapitels von 1985 gewidmet war. Wenn auch das Ergebnis unserer Überlegungen noch sehr unvollkommen ist, so möchten wir doch unsere Gedanken Euch allen vorlegen und Euch einladen, mit uns weiter nachzudenken.

1.    Das Wort Gottes

Am Anfang unserer Überlegungen stand die Besinnung auf das Wort Gottes. Wir sind von jenem Text des Lukasevangeliums ausgegangen, der in unserer Konstitution l zitiert ist:

"Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe." (Lk 4,18-19)

Wir Redemptoristen sollen dem Beispiel Jesu folgen. Darum müssen wir der Verkündigung Jesu in Bezug auf die Armen besondere Aufmerksamkeit schenken.

Ein weiterer wichtiger Text für uns waren die Seligpreisungen nach Lukas:

"Er schaute auf seine Jünger und sagte:

Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.

Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden.

Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.

Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.

Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.

Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern.

Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.

Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht." (Lk 6,20-26)

Wir mochten diese Schrifttexte nicht kommentieren, aber wir laden Euch ein, über diese und andere Texte zu beten und zu betrachten.

2.    Hintergründe bei der Wahl des Hauptthemas

2.1   Die Reform der Konstitutionen und Statuten 1963-1979

In den Jahren während und nach dem II. Vatikanischen Konzil ist in der Kongregation viel Energie auf die Neufassung der Konstitutionen und Statuten verwandt worden. Dies hatte zur Folge, daß man sich sehr viel mit den eigenen Problemen und Strukturen befassen mußte.

Möglicherweise ist deshalb der Adressat unserer Verkündigung nicht genügend in den Blick gekommen. Jedenfalls ist um die Definition des Adressaten der Verkündigung auf den Generalkapiteln weniger gerungen worden, als etwa um die ausdrückliche Verkündigung (Konst. 7-10) und das Leben und Arbeiten in Gemeinschaft (Konst. 21-22).

Dies hat seinen Niederschlag gefunden in der alle und alles umfassenden Beschreibung der "Menschen, an die sich unsere Verkündigung wendet" in den Statuten 09-015 und in gewisser Weise auch in der sehr großzügigen Beschreibung der "Formen der Missionsarbeit" in den Statuten 016-024.

2.2   Die Prioritätenplanung und die Erarbeitung der Provinzstatuten in den (V)Provinzen 1979-1985

Nach der Verabschiedung der Konstitutionen und Statuten durch das Generalkapitel 1979 mußten sich die Provinzen mit ihren eigenen Strukturen und Ordnungen auseinandersetzen, um die Provinzstatuten zu erarbeiten. In der gleichen Zeit mußte die vom Generalkapitel geforderte Prioritätenplanung erstellt werden. Beides erforderte eine intensive

Beschäftigung der Provinzen mit sich selbst. Insofern waren diese Überlegungen in den Provinzen eine Fortsetzung der vergangenen Generalkapitel.

Die Prioritätenplanung brachte jedoch notwendigerweise einen neuen Akzent mit sich: die Diskussion über die Adressaten und die Formen unserer Verkündigung konnten in den Provinzen nicht in der allgemeinen und kompromißhaften Weise geschehen, wie sie sich in den genannten Generalstatuten niedergeschlagen hat: In den Provinzen mußten Entscheidungen für oder gegen konkrete Formen der Tätigkeit gefällt werden.

Es wäre nun interessant zu wissen, welche Gründe bei dieser Prioritätenplanung eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben.

Man konnte fragen, ob nicht manchmal die eigenen personellen Möglichkeiten, die Traditionen und Erfahrungen der Provinz, die bisherigen Tätigkeiten, die Lage der Häuser, die Bedürfnisse der Mitbrüder und die Interessen der Ortskirche eine so große Rolle gespielt haben, daß die Diskussion um den Adressaten unserer Verkündigung teilweise ausgespart geblieben ist.

2.3   Die konkrete Konfrontation mit den Armen

In einigen Teilen der Kongregation geschieht eine direkte und konkrete Konfrontation der Mitbrüder mit Situationen der physischen Armut, der Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Für diese Mitbrüder scheint die Frage nach dem Adressaten eindeutig beantwortet zu sein, und die Formen ihres Apostolates werden von daher bestimmt.

Von ihnen werden nun mehr und mehr Fragen an die anderen Teile der Kongregation gestellt: Wie haltet ihr es mit dem "Evangelizare Pauperibus"? Diese Fragestellung ist auf dem Generalkapitel 1985 deutlich zu hören gewesen.

2.4   Schlußfolgerungen

Nimmt man dies alles zusammen, so wird deutlich, daß wir mit dem Hauptthema 1985-1991 begonnen haben, eine bisher ausgesparte Grundsatzdiskussion in der Kongregation nachzuholen. Eine Gemeinschaft, die sich die Verkündigung an die Armen zum Ziel gesetzt hat, kann auf die Dauer nicht die Frage umgehen, wer denn mit diesen Armen gemeint ist. So wird also die Beschäftigung mit dem Hauptthema zu einer grundlegenden Auseinandersetzung über unser Selbstverständnis.

3.    Mögliche Schwierigkeiten und
Ängste bei diesem Thema

3.1   Das Leben unserer Kongregation ist nicht so sehr gekennzeichnet durch die Beobachtung bestimmter Regeln als vielmehr durch unsere missionarische Dynamik, die uns ständig kreativ auf der Suche sein läßt, um den Menschen die Erlösung zu bringen. Das Thema des Kapitels soll diese Dynamik fordern. Manchmal wird diese Dynamik allerdings behindert oder sogar blockiert durch unsere Angst vor Änderungen; dies konnte auch beim Thema des Kapitels geschehen.

Man kann wohl sagen, daß es gerade bei den größeren und älteren Ordensgemeinschaften eine natürliche Tendenz zur Beibehaltung des Bestehenden gibt.

Dadurch scheint eine bestimmte physische, psychische und spirituelle Sicherheit gewährleistet zu sein. Darum ist die Furcht verständlich, daß all dies durch Veränderungen zerstört werden konnte. Diese Furcht birgt die Gefahr in sich, daß wir der eigenen Bekehrung und der damit verbundenen Veränderung aus dem Weg gehen und uns schon als bekehrt und gerettet ansehen.

3.2   Eine andere Schwierigkeit für den Erneuerungsprozeß konnte in unserem pastoralen Aktivismus begründet sein.

Tatsächlich kann uns die Fülle der Arbeit davon abhalten, überhaupt eine Notwendigkeit zu spüren, uns darauf zu besinnen, was wir eigentlich tun und was von uns heute erwartet wird.

Vielleicht steckt dahinter die Furcht, daß die Arbeit, die wir tun, dadurch in Frage gestellt werden konnte.

3.3   Es konnte hier und da auch angeführt werden, daß das Thema des Kapitels unsere eigene (V)Provinz überhaupt nicht mehr berührt, weil wir aufgrund des Mangels an Nachwuchs keine Hoffnung mehr für die Zukunft haben.

Aber vielleicht könnte die Besinnung auf dieses Thema eine Zeit der Gnade für uns sein, eine Gelegenheit unseren Glauben an die Zukunft wiederzubeleben, an eine Zukunft, die uns der Herr schenkt.

3.4   Weil das Thema sich mit den Armen und der Armut beschäftigt, könnten auch einige Widerstände in unserem persönlichen oder gemeinschaftlichen Lebensstil ihren Grund haben.

Diese Widerstände stellen eine besondere Gefahr dar, weil sie normalerweise nicht ausgesprochen und darum auch nicht angegangen werden können. Eine Besinnung gerade in dieser Richtung könnte uns zu persönlicher und gemeinschaftlicher Bekehrung führen.

4.    Unser Nachdenken über das Thema als ein Prozeß der ständigen persönlichen
und gemeinsamen Bekehrung

4.1   Jedes Nachdenken über ein Thema, das in unserem Leben und Arbeiten eine zentrale Bedeutung hat, wird uns zu der Erkenntnis führen, daß es dabei um unser Selbstverständnis als Kongregation und letztlich um den Sinn unserer persönlichen und gemeinsamen Berufung in dieser Zeit geht.

Es ist nicht immer leicht, sich auf die weitreichenden Konsequenzen einer so grundlegenden und herausfordernden Besinnung einzulassen. Manchmal stehen wir vielleicht erschreckt vor all den Hindernissen auf dem Weg zu jenem Leben, von dem wir fühlen, daß wir es eigentlich leben sollten. Vielleicht fürchten wir uns auch ganz einfach davor, wohin uns diese Besinnung führen könnte.

4.2   Wenn wir auch die Schwierigkeiten nicht unterschätzen, so müssen wir doch bei einer solchen Besinnung immer wieder neu auf den Ruf Gottes hören, oder, um ein Wort des hl. Alfons zu gebrauchen, dem Willen Gottes gehorchen.

Dabei wird der Geist in unserer Mitte gegenwärtig sein. Er wird uns beistehen, wenn wir versucht sind, bei der Suche nach dem, was Gott heute von unserer Kongregation verlangt, kleinmütig zu sein. Gott lädt uns einfach dazu ein, offen für jenen Anruf zur persönlichen und gemeinschaftlichen Bekehrung zu sein, der in unserem Thema enthalten ist.

4.3   Unsere Konstitutionen rufen uns ständig zur Bekehrung auf in Bezug auf unser Verhalten, unsere Lebensweise und unseren apostolischen Dienst:

-    Wenn für unser Apostolat "nicht so sehr bestimmte Formen der Tätigkeit als vielmehr die missionarische Dynamik" (Konst. 14) kennzeichnend sind, dann müssen wir immer wieder die Art und Weise unseres Dienstes an den Armen und Vernachlässigten im Volk Gottes überprüfen.

-    Von uns wird eine ständige Bekehrung des Herzens verlangt, gerade im Hinblick auf die Armutsfrage, wenn wir wirklich "frei und beweglich" bleiben wollen bei der Entscheidung für jene Gruppen, unter denen wir arbeiten wollen, und in Bezug auf die Methoden, wie wir unseren Auftrag erfüllen, (vgl. Konst. 15)

-    Es geht dabei nicht nur um persönliche Bekehrung, sondern die Gemeinschaft als solche muß sich um eine ständige innere Erneuerung bemühen, damit sie  dem  apostolischen Auftrag treu sein kann.(vgl. Konst. 40; 41.1)

4.4   Die Bekehrung des Herzens, zu der uns unsere Konstitutionen auffordern, ist sicher von wesentlicher Bedeutung, wenn wir uns im Sinne Christi mit dem Thema des Kapitels befassen wollen.

Nur dann haben wir das richtige Gespür für die Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, für die positiven und negativen Kräfte, die bei uns wirksam sind, und schließlich für die Eingebung des Geistes, wenn wir versuchen, das Thema des Kapitels in die konkrete Realität unseres Lebens und unseres Apostolates zu übersetzen.

5.    Die Armen in der redemptoristischen Tradition

5.1   Alfons von Liguori schrieb an Papst Benedikt XIV.:

"Da besagter Priester als Mitglied der an der Kathedrale zu Neapel errichteten Kongregation der Apostolischen Missionen sich mehrere Jahre lang an den heiligen Missionen beteiligt und dabei die Beobachtung gemacht hatte, daß sich in den ausgedehnten Ländern des Königreiches das arme Volk, besonders das Landvolk, in sehr großer geistlicher Verlassenheit befindet, so hat er sich schon im Jahre 1732 unter Leitung des nunmehr verstorbenen Bischof von Castellamare, Msgr. Falcoja, mit besagten Priestern, seinen Gefährten, verbunden, in der Absicht, den armen Landbewohnern, die der geistlichen Pflege am meisten beraubt sind, durch Missionen, Unterweisungen und andere übungen zu Hilfe zu kommen. Oftmals haben diese armen Landleute nicht einmal einen Priester, der ihnen die Sakramente spendet und das Wort Gottes verkündet, so daß aus Mangel an Seelsorgern viele von ihnen, ohne auch nur die notwendigsten Glaubensgeheimnisse zu kennen, sterben. Denn Priester, die sich eigens auf die geistliche Betreuung jener armen Landleute verlegen, gibt es nur wenige."(Supplex libellus vom 30.3.1748, Lettere di S. Alfonso, Roma 1887, I, 149-151)

5.2   Es gibt in der Kongregation keine einheitliche Tradition bezüglich der Adressaten unserer Tätigkeit. Die Verkündigung des Evangeliums an die Armen ist in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich interpretiert worden.

Dennoch lassen sich einige einheitliche Grundzüge feststellen:

-    Es gibt bei uns eine traditionelle Vorliebe für die "kleinen Leute". Die Beziehungen zur sogenannten Oberschicht der Gebildeten, Reichen und Einflußreichen ist bei uns, von Ausnahmen abgesehen, nie sonderlich gepflegt worden.

-    Im Zusammenhang damit steht eine gewisse Einfachheit und Volkstümlichkeit unserer Verkündigung, die bereits vom heiligen Alfons gefordert und in der Tradition im allgemeinen bewahrt worden ist. Diese Einfachheit reicht vom Predigtstil bis hin zu den von uns vermittelten Formen der Volksfrömmigkeit.

-    Es ist weiterhin bei uns Tradition, zu den Menschen zu gehen und sie nicht zu uns kommen zu lassen. Dabei ist kein Ort zu weit oder zu klein. Die alte Formel von den "am meisten verlassenen Seelen auf dem Lande" und die Form der Wanderpredigt sind für diese unsere Eigenart der Grund. Diese Eigenart zeigt sich übrigens auch in der Bereitwilligkeit, schwierige Missionsgebiete zu übernehmen.

-    In jüngerer Zeit hat sich in einigen Teilen der Kongregation ein zunehmendes Engagement für die sozial Armen und die Randgruppen entwickelt.

6.    Der besondere Auftrag
der Kongregation in der Kirche

Als Redemptoristen haben wir "Anteil am Sendungsauftrag der Kirche, welche als allumfassendes Sakrament des Heiles ihrem Wesen nach missionarisch ist" (Konst. 1).

Innerhalb dieses Sendungsauftrags der ganzen Kirche hat die Kongregation ihre besondere Sendung, die durch folgende Kennzeichen bestimmt ist:

-    die Verkündigung des Evangeliums im strengen Sinne: die ausdrückliche, prophetische und befreiende Verkündigung der Frohen Botschaft;

-    die Bevorzugung der pastoralen Notstände;

-    und innerhalb dieser pastoralen Notstände eine Bevorzugung der Armen, Kleinen und Unterdrückten.

Diese drei Kennzeichen zusammen "geben der Kongregation ihre Daseinsberechtigung innerhalb der Kirche und bilden den Prüfstein ihrer Treue zur empfangenen Berufung"(Konst. 5)

6.1   Die ausdrückliche Verkündigung des Evangeliums

"Die Redemptoristen haben in der Kirche den besonderen Auftrag, das Wort Gottes ausdrücklich zu verkünden, so daß es die grundlegende Umkehr bewirkt."(Konst. 10)

Das Generalkapitel von 1979 hat diesen Aspekt besonders betont und der Kongregation als Hauptthema für das Sexennium 1979-1985 gegeben: "Die ausdrückliche und besonders die außerordentliche Verkündigung des Gotteswortes."(Com. 41/1979)

Im Zusammenhang mit diesem Hauptthema stand der Auftrag für die ganze Kongregation, die pastoralen Prioritäten zu planen.

6.2   Die Bevorzugung der pastoralen Notstande

Die Redemptoristen konzentrieren ihre Tätigkeiten auf die "pastoralen Notstände" und die "verlassensten Menschen"(Konst. 1); die Kongregation ist gesandt zu den "Menschen, die geistliche Hilfe am meisten brauchen" (Konst. 4). "Die Vorliebe der Redemptoristen muß den seelsorglich am meisten vernachlässigten Menschen gelten." (St. 09)

"Die Menschen, zu denen die Kongregation in besonderer Weise gesandt ist, sind die am meisten verlassenen:

-    denen die Kirche die notwendigen Heilsmittel noch nicht geben konnte;

-   jene, welche die Botschaft der Kirche überhaupt noch nicht gehört oder zumindest nicht als Frohe Botschaft vernommen haben;

-   jene, die durch die Spaltung der Kirche Schaden erleiden." (Konst. 3)

6.3   Die Armen

"Unter diesen Menschen, die geistliche Hilfe am meisten brauchen, wenden sich die Redemptoristen mit Vorliebe den Armen, Kleinen und Unterdrückten zu." (Konst. 4)

Innerhalb der pastoralen Notstände und unter den verlassensten Menschen wendet sich die Kongregation besonders den Armen zu (vgl. Konst. 1).

So wird also die Bevorzugung der pastoralen Notstände noch genauer bestimmt durch "die Entscheidung für die Armen" (Konst. 5), "die Schwachen und Unterdrückten" (St. 09).

7.    Der Auftrag des XX. Generalkapitels 1985

Der Auftrag des XX. Generalkapitels an die ganze Kongregation lautet:

"Das Generalkapitel 1985 will den vom Kapitel 1979 gegebenen Auftrag bezüglich der pastoralen Schwerpunkte weiterführen.

Wir wollen jetzt den Akzent auf die ausdrückliche, prophetische und befreiende Verkündigung des Evangeliums an die Armen legen indem wir uns dabei von den Armen ansprechen und herausfordern lassen (EVANGELI-ZARE PAUPERIBUS ET A PAUPERIBUS EVANGELIZARI). Wir tun dies in Treue zum Charisma unserer Kongregation, wie es in den Konstitutionen l, 3, 4, 5 und in den Statuten 09 und 021 ausgedrückt ist."(Schlussdokument, n. 03)

"Das neue Thema soll jenes des voraufgegangenen Sexenniums weiterführen und fortsetzen. Hat das Kapitel 1979 die Betonung auf die ausdrückliche Verkündigung des Evangeliums gelegt (EVANGELIZARE), so wollen wir jetzt unser besonderes Augenmerk auf die Armen richten (PAUPERIBUS)." (Schlussdokument, n. 04)

Die zentrale Frage, die sich jetzt alle Teile der Kongregation stellen müssen lautet: Wer ist mit diesen "Armen" gemeint?

7.1   Situationen von Armut und Unterdrückung

Das Generalkapitel hat der Kongregation die Frage gestellt: "Welchen Zuständen von Armut und Unterdrückung wollen wir von unserem Hauptthema her eine besondere missionarische Aufmerksamkeit zuwenden?" (Schlussdokument, n. 09)

Die Mitbrüder leben und arbeiten in verschiedenen Ländern, unter verschiedenen sozialen, politischen und kirchlichen Bedingungen. Deshalb werden unsere Erfahrungen von Armut und Unterdrückung unterschiedlich sein.

Dennoch muß jeder von uns ein waches Empfinden haben für die Lage der Menschen und die Situation der Gesellschaft, in der wir leben, und wir müssen so jene Situationen von Armut und Unterdrückung entdecken, die unsere Antwort fordern.

Diese Sensibilität wird unterstrichen in St. 044: "Als Mitglieder einer Gemeinschaft, welche die Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen zum Ziel hat, sollen die Redemptoristen ein waches Empfinden haben für die Armut in der Welt und für die großen sozialen Probleme, die fast überall die Menschen bedrücken. Jede Art von Armut – materielle, sittliche und geistige – muß ihren apostolischen Eifer herausfordern. Die berechtigten Erwartungen der Armen machen sie zu ihren eigenen."

Damit werden wir aufgefordert, unser Bewußtsein für die tatsächlichen Verhältnisse, die uns umgeben, zu schärfen. Die Auseinandersetzung mit der Realität ist ein Teil unserer Spiritualität, weil durch sie Gott zu uns spricht.

Deshalb müssen wir "auf die Welt hin in solcher Weise offen sein, daß wir durch den Umgang mit den Menschen fähig werden, die Zeichen der Zeit und des Ortes zu erkennen und den Erfordernissen der Verkündigung besser zu entsprechen"(Konst. 43).

Oder, wie es in Konst. 19 heißt: "Die bedrückenden Fragen der Menschen suchen sie im mitmenschlichen Verstehen zu deuten und darin echte Zeichen von Gottes Gegenwart und Absicht zu entdecken."

7.2   "Die  Armen haben Gesichter und sind konkrete Menschen." (Schlußdokument 05)

Die Zustände von Armut und Unterdrückung bleiben abstrakt, wenn es uns nicht gelingt, darin den einzelnen Menschen zu sehen. Das Schlußdokument lädt uns dazu ein, dem Armen als dem konkreten Menschen zu begegnen.

Der folgende Text des Dokumentes von Puebla kann verdeutlichen, was hier gemeint ist:

"Diese äußerste allgemeine Armut nimmt im täglichen Leben sehr konkrete Züge an, in denen wir das Leidensantlitz Christi, unseres Herrn, erkennen sollten, der uns fragend und fordernd anspricht in

-    den Gesichtern der Kinder, die schon vor ihrer Geburt mit Armut geschlagen sind, die in den Möglichkeiten ihrer Selbstverwirklichung durch irreparable geistige und körperliche Schäden behindert werden und die in unseren Städten, oftmals ausgebeutet, als Produkt der Armut und des moralischen Zerfalls der Familien ein Vagabundendasein fristen;

-    den Gesichtern der jungen Menschen ohne Orientierung, da sie keinen Platz in der Gesellschaft finden und frustriert sind, insbesondere in ländlichen Gebieten und den Randzonen der Städte, da sie weder Ausbildung noch Beschäftigung finden;

-    den Gesichtern der Landbevölkerung, die als gesellschaftliche Gruppe fast auf dem ganzen Kontinent in der Verbannung lebt, die manchmal des Grund und Bodens beraubt Ist, sich in innerer und äußerer Abhängigkeit befindet und Vermarktungssystemen unterworfen ist, die sie ausbeuten;

-    den Gesichtern der Arbeiter, die häufig schlecht bezahlt sind und Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren und ihre Rechte zu verteidigen;

-    den Gesichtern der Unterbeschäftigten und Arbeitslosen, die aufgrund der harten Bedingungen von Wirtschaftskrisen und Entwicklungsmodellen entlassen wurden, welche die Arbeiter und ihre Familien von kaltem wirtschaftlichem Kalkül ab hängig machen;

-    den Gesichtern der Randgruppen der Gesellschaft und derer, die auf viel zu engem Raum leben, die unter dem doppelten Druck des Mangels an materiellen Gütern und dem sichtbaren Reichtum anderer Gesellschaftsschichten leiden;

-    den Gesichtern der Alten, deren Zahl ständig zunimmt, und die oft von der Fortschrittsgesellschaft ausgeschlossen werden, da man unproduktive Individuen nicht gebrauchen kann." (31-40)

Wenn wir unsere Umgebung in solcher Weise betrachten, werden wir diesen Gesichtern überall dort begegnen, wo wir leben. Unsere Frage nach den Armen wird nicht zu endlosen Diskussionen führen, sondern zur Entdeckung der verlassensten Menschen, besonders der Armen" (Konst. 1).

8.    "Von den Armen angesprochen
und herausgefordert"

Für viele von uns ist der erste Teil des Hauptthemas, nämlich die Betonung der Armen als der bevorzugten Adressaten unserer Verkündigung, bereits Herausforderung genug.

Der zweite Teil, EVANGELIZARI A PAUPERIBUS – von den Armen angesprochen und herausgefordert – stellt eine noch weitergehende Herausforderung dar.

8.1   Der missionarische Dialog

Zunächst stellt sich uns die Verkündigung ganz allgemein als ein Geben und Empfangen dar, "als missionarischer Dialog" (Konst. 19), in dem beide Teile sich gegenseitig bereichern. Dies ist ein heute allgemein angenommenes Gesetz in der Verkündigung, besonders im Bereich der Inkulturation und der Pastoralpsychologie.

Die meisten von uns haben wohl erfahren, daß sie bei den verschiedenen pastoralen Tätigkeiten durch die Menschen, unter denen wir arbeiten, bereichert worden sind.

Aber was ist mit den Armen (so, wie sie hier verstanden werden)? In welcher Weise "evangelisieren" sie uns? Wie sprechen sie uns an und fordern uns heraus? Und welche Antwort bewirkt das in uns?

8.2   Wirkungen des Dialogs

In verschiedenen Teilen der Welt haben sich Arme, Schwache und Unterdrückte an Priester und Ordensleute, darunter auch an unsere eigenen Mitbrüder, gewandt und sie um moralische Unterstützung für ihr Ringen um Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, um soziale Gerechtigkeit oder sogar um die Befreiung von politischer Unterdrückung und Tyrannei gebeten.

Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Bitte haben sich unsere Mitbrüder auf vielfältige Weise herausgefordert gefühlt.

Manche haben dabei festgestellt, daß ihre Theologie nicht mehr ausreichte, einschließlich ihrer Kenntnis der Heiligen Schrift. Viele pastorale Methoden konnten nicht mehr beibehalten werden, weil sie angesichts der sozialen Konflikte bedeutungslos wurden. Äußerungen der Volksfrömmigkeit dagegen, die man schon als überholt verspottet hatte, bekamen auf einmal soziale Bedeutung und wurden zum Ausdruck tiefen Glaubens.

Manche Haltungen, wie z.B. die Sorge für die eigene Sicherheit und die der Institution, mußten angesichts der Risikofreudigkeit der Armen in ihrem Kampf für die Gerechtigkeit geändert werden.

Einige haben begonnen, Zusammenhänge im Leben der Menschen zu entdecken, die sie in der Vergangenheit nicht genügend beachtet hatten, wie z.B. den Einfluß der Strukturen auf die Grundhaltungen, Werte und Verhaltensweisen der Menschen in der Gesellschaft, und die weltweite Dimension dieses Einflusses.

Es gibt Ordensgemeinschaften, die durch "den Schrei der Armen" zu einer grundlegenden Neubesinnung auf die Formen und Strukturen ihres Ordenslebens geführt worden sind.

In einigen Fallen hat das zu einer Wiederentdeckung des ursprünglichen Charismas des Gründers und zu einer größeren Treue zu diesem Charisma bei der Bestimmung der pastoralen Prioritäten und der Formen ihres Ordenslebens geführt. Dies hat auch ein Anwachsen der Berufe zur Folge gehabt. In einigen Länder haben unsere eigenen Mitbrüder diese Erfahrung gemacht.

8.3   Eine Theologie der "Armen"

Diese und andere Erfahrungen haben theologische Diskussionen über "das Geheimnis der Armen als heilbringende Kraft" hervorgerufen. Vorläufig handelt es sich nur um Gedankensplitter und Elemente einer Theologie und Spiritualität, die sich noch im Entwicklungsstadium befinden.

Als Beispiel dafür kann die Theologie der Befreiung dienen. Sie ist aus einer doppelten Erfahrung entstanden: aus der Erfahrung von Armut und Unterdrückung einerseits und der Glaubenserfahrung mit dem Gott der Geschichte andererseits.

Während einige noch über "gewisse Aspekte der Befreiungstheologie" debattieren, steht ihre grundsätzliche Geltung nicht mehr in Frage, wie Papst Johannes Paul II. unlängst bekräftigte. Es ist eine Theologie, die in der Dritten Welt geboren ^wurde und die sich inzwischen auch in anderen Ländern ausgebreitet hat.

8.4   Unser eigener Dialog mit den Armen

"Die Vorliebe der Redemptoristen muß den seelsorglich am meisten vernachlässigten Menschen gelten, besonders den Armen, Schwachen und Unterdrückten.....Die Redemptoristen dürfen den Schrei der Armen und Unterdrückten nicht überhören."(St. 09)

Vielleicht kann die Antwort auf die Fragen, die wir gestellt haben, nur aus der konkreten Erfahrung der Arbeit unter diesen Menschen kommen. So wenden wir uns an die Mitbrüder, die solche Erfahrungen bereits haben. Wir möchten von ihnen lernen, wie sie von den Armen angesprochen, herausgefordert und bereichert worden sind. Wir haben keinen Zweifel daran, da3 das, was sie uns sagen können, von größerer Tiefe ist, als unsere bruchstückhaften Gedanken.

9.    Fragen, die wir uns stellen sollten

9.1   Sensibilität und Bewußtseinsbildung

"Als Mitglieder einer Gemeinschaft, welche die Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen zum Ziel hat, sollen die Redemptoristen ein waches Empfinden haben für die Armut in der Welt und für die großen sozialen Probleme, die fast überall die Menschen bedrücken." (St. 044)

Die Überlegungen zum Hauptthema sollten uns sowohl zu einem wachen Empfinden für die weltweiten Probleme wie auch zu einer gründlicheren Kenntnis unserer eigenen Situation führen. Weil wir eine weltweite Kongregation sind, sollte auch unser Bewußtsein weltweit sein.

-    Was wissen wir über die Zustände von Armut und Unterdrückung in den verschiedenen Teilen der Welt? Sind wir wirklich daran interessiert, und wie informieren wir uns darüber?

-    Wer und was beeinflussen unsere politischen und kirchlichen Einstellungen zu politischen Sachverhalten und zur Lage der Kirche in den verschiedenen Ländern?

-    Was wissen wir über unsere eigenen Mitbrüder, die unter Armut, Unterdrückung oder sogar Verfolgung zu leiden haben? Wie zeigen wir unsere brüderliche Solidarität mit diesen Mitbrüdern?

9.2   Armut und Apostolat

"Die Redemptoristen dürfen den Schrei der Armen und Unterdrückten nicht überhören; vielmehr müssen sie Mittel und Wege suchen, um ihnen zu helfen." (St. 09) "Jede Art von Armut – materielle, sittliche und geistige – muß ihren apostolischen Eifer heraufordern." (St. 044)

Neben dem weltweiten Bewußtsein, von dem oben die Rede war, sollten wir ein besonders waches Empfinden für die Armut derer haben, unter denen wir leben und arbeiten. Als Redemptoristen dürfen wir nicht warten, bis die Armen zu uns kommen. Unser traditionelles Charisma fordert von uns, daß wir zu den Armen gehen und unser Apostolat auf ihre speziellen Bedürfnisse ausrichten.

-    Wer sind in unserem Bereich die Menschen, die in materieller, sittlicher oder geistiger Armut leben? Kennen wir sie? Haben wir Kontakt zu ihnen?

-    Welche des Menschen unwürdige und ihn unterdrückende Strukturen und Systeme gibt es in unserem Land? Haben wir Kontakt zu den Menschen, die darunter zu leiden haben?

-    Wer sind die von der Ortskirche am meisten verlassenen und vernachlässigten in unserem Land?

-    Welchen Platz nehmen alle diese Armen in unseren pastoralen Prioritäten ein?

-    Welchen Platz haben sie in unserem Gebetsleben und in unserer Verkündigung?

9.3   Gemeinschaftliches Leben und Solidarität mit den Armen

"Das gemeinschaftliche Leben soll den Gegebenheiten jeder Region angepaßt und zu einem wirksamen Zeugnis der Armut und der Solidarität mit den Armen werden."(St. 046.2)

Der Lebensstil unserer Gemeinschaft muß der Situation der Menschen, unter denen wir leben und arbeiten, entsprechen. Dies verlangt von uns auch eine Inkulturation.

Unsere Entscheidung für die Armen verlangt darüber hinaus eine Einfachheit im Lebensstil, die unsere Verkündigung unter den Armen glaubwürdig macht.

-    Ist unser Lebensstil ein Ausdruck der Solidarität mit den Armen, denen wir das Evangelium verkünden?

-    Sind unsere Kommunitäten für die Menschen,  zu denen wir gesandt sind, verständnisvoll und offen?

-    Sehen wir eine Möglichkeit, die konkrete Not und Unsicherheit der ärmeren Schichten tatsächlich zu teilen, wie es in St. 045 beschrieben wird?

-    Wie gehen wir mit dem Geld um (Erwerb, Anlagen, Ausgaben)?

-    Wie praktizieren wir die Solidarität mit den Armen innerhalb unserer eigenen Kongregation?

9.4   Aus- und Weiterbildung und unsere Entscheidung für die Armen

"Das Kapitel fordert, daß die Ausbildung der Studenten in Zusammenhang mit den pastoralen Schwerpunkten geschieht....

Das Kapitel fordert weiterhin die Verantwortlichen auf, für unsere Studenten einen Lebensstil und eine Ausbildung zu schaffen, die unserer Entscheidung für die Armen Rechnung tragen und die Studenten nicht vom Leben und den Problemen der Armen fernhalten. "(Schlußdokument, n. 13)

Neben der Ausbildung muß unsere Weiterbildung auf die Vertiefung einer Spiritualität gerichtet sein, die der Entscheidung für die Armen Rechnung trägt.

-    Welchen Platz nehmen die Armen in unseren Ausbildungsordnungen für die theologische, geistliche und menschliche Bildung ein?

-    Welche Beziehung besteht zwischen den Ausbildungsordnungen und den pastoralen Prioritäten?

-    Welche Maßnahmen werden im Weiterbildungsprogramm getroffen, um das Bewußtsein für unsere Entscheidung für die Armen weiterzuentwickeln?

10.  Schlußbemerkungen

Diese unsere Gedanken legen wir Euch, liebe Mitbrüder, vor und bitten Euch, diesen Prozeß des Nachdenkens in Euren Kommunitäten, Kapiteln und Provinzleitungen fortzusetzen.

Wir sind uns dessen bewußt, daß einige Fragen des Hauptthemas noch weiterer Studien bedürfen, z.B. die biblische Bedeutung der "Armen", die "Armen" in der Geschichte der Kongregation, die Analyse von Armut und Unterdrückung in den unterschiedlichen Situationen, die theologische Bedeutung des "Evangelizare pauperibus et a pauperibus evangelizari" usw.

Wir sind der Überzeugung, daß es in der Kongregation überall in der Welt genügend Fachleute gibt die zum vertieften Studium dieser Fragen beitragen können. Wir würden es begrüßen, wenn sie diesen ihren besonderen Beitrag leisten konnten.

Weil es sich hier um einen Prozeß handelt, in den die ganze Kongregation einbezogen ist, mochten wir gerne von Euch Antwort erhalten auf unsere ersten Überlegungen, die wir Euch in diesen Communicanda vorgelegt haben.

Mit brüderlichen Grüßen in Namen des Generalrates,

Juan M. Lasso de la Vega, C.Ss.R.
Generaloberer