Communicanda - 1985-1991   

 

COMMUNICANDA 11

Rom, 25. Dezember 1988
Gen. 476/88

DIE APOSTOLISCHE GEMEINSCHAFT DER
REDEMPTORISTEN:
IN SICH SELBST EINE PROPHETISCHE UND BEFREIENDE
VERKÜNDIGUNG DES EVANDELIUMS

Liebe Mitbrüder!

I.      DER ZWECK DIESES RUNDSCHREIBENS

1.     Wenn wir von "Verkündigung des Evangeliums" sprechen, neigen wir für gewöhnlich dazu, an die Predigt und an andere apostolische Tätigkeiten zu denken. Wir haben eine Tradition, in welcher der pastoralen Tätigkeit absoluter Vorrang eingeräumt wird Diese pastorale Tätigkeit ist in erster Linie als sakramentaler Dienst, Predigt und Katechese verstanden worden. Alles sollte in den Dienst dieser Arbeit gestellt werden. Daher wurde auch unser Leben in Gemeinschaft nur im Hinblick auf die Bedürfnisse des Apostolates gesehen.

In den vergangenen Jahren haben wir jedoch immer mehr entdeckt, daß unser Gemeinschaftsleben in sich selbst ein evangelisches Zeugnis ist und als solches ein wesentlicher Bestandteil unserer Sendung, das Evangelium zu verkünden.

Unsere Konstitutionen messen dem Gemeinschaftsleben große Bedeutung bei: das Leben in Gemeinschaft ist einer der Grundwerte unserer Kongregation – neben der ausdrücklichen Verkündigung und der Zuwendung zu den Armen. "Die entscheidende Lebensnorm der Redemptoristen ist…in Gemeinschaft leben und die apostolische Aufgabe durch die Gemeinschaft erfüllen." (Konst. 21)

2.     Wir sprechen oft von einer Spaltung zwischen unserem "Ordensleben" und unserem "Apostolat" – einer Spaltung, vor der wir schon in der allerersten Konstitution gewarnt werden: Die Kongregation "folgt dem Beispiel Christi durch das apostolische Leben, welches beides umfaßt: sowohl das in besonderer Weise Gott geweihte Leben als auch das missionarische Wirken der Redemptoristen". Ein Grund, warum wir diese Spaltung fühlen, liegt darin, daß wir einen Punkt unserer missionarischen Predigt selbst übersehen: "Jedes missionarische Wirken" muß "dahin zielen, solche Gemeinden zu wecken und zu bilden, die würdig ihrer Berufung leben und jene Aufgaben, die Gott ihnen anvertraut hat, erfüllen, nämlich den priesterlichen, prophetischen und königlichen Auftrag" (Konst. 12). Wenn wir diese Botschaft an die verlassenen Armen weitergeben wollen, müssen wir sie dann nicht zuerst zu Hause leben?

3.     Das letzte Generalkapitel hat bei der Festlegung des Hauptthemas für dieses Sexennium die Menschen genannt, zu denen wir gesandt sind: die "Armen" ("evangelizare pauperibus"); und hat eine bedeutsame Hinzufügung gemacht, nämlich daß wir uns von diesen Armen ansprechen und herausfordern lassen müssen ("a pauperibus evangelizari"). Wir denken, daß beide Teile dieses Auftrags nicht nur für unsere pastorale Tätigkeit, sondern auch für unser Leben als apostolische Gemeinschaft von unmittelbarer Bedeutung sind Es stellt uns die Aufgabe, von neuem die wahren Grundlagen unseres Gemeinschaftslebens zu suchen, das Evangelium als Maßstab für den Umgang miteinander zu nehmen und zu verstehen, welches Zeugnis unsere apostolische Gemeinschaft für unsere moderne Welt sein kann (vgl. Schlußdokument, Nr. 9–12).

4.     Um diese Entwicklung in unserer Kongregation zu befördern, schreiben wir diesen Brief. Diese Überlegungen wollen keine umfassende Abhandlung über alle Bereiche unserer apostolischen Gemeinschaft sein – unsere Konstitutionen sprechen darüber, besonders im 2 Kapitel Was wir möchten, ist: nachdenken über unser Zusammenleben und Zusammenarbeiten als eine apostolische Gemeinschaft, u.zw. im Lichte des Hauptthemas unseres letzten Generalkapitels: evangelizare pauperibus et a pauperibus evangelizari.

Daher laden wir euch alle, unsere Mitbrüder, ein mit uns eine ernsthafte Überlegung über unsere apostolische Gemeinschaft anzustellen, um einen Schritt zusetzen m Richtung auf die Erneuerung der Kongregation.

II.     DIE GEGENWÄRTIGE SITUATION
IN UNSERER KONGREGATION

5.     Dem Herrn sei's gedankt: unsere Kommunitäten weisen große Marken und Leistungen auf. Wir sollten uns nicht zu schnell über unsere Kommunitäten beklagen; auch wenn sie nicht vollkommen sind, haben sie große Verdienste.

Das "Sekretariat für das Gemeinschaftsleben" hat Erhebungen angestellt über den Zustand des Gemeinschaftslebens in der Kongregation. Trotz der verschiedenen Kulturen finden wir, daß wir als Redemptoristen viele gemeinsame Erfahrungen haben.

*       Unsere apostolische Sendung wird mehr und mehr als eine Aufgabe verstanden, welche unsere Mitbrüder als Gemeinschaft in Zusammenarbeit zu erfüllen haben. Die Anstrengungen, die gemacht wurden, um die pastoralen Prioritäten festzulegen, sind ein Beweis dafür.

*       Die überwältigende Mehrheit unserer Kommunitäten sind für ihre Freundlichkeit und Gastlichkeit bekannt. Es besteht Einfachheit und Ungezwungenheit im Umgang miteinander, welche falsche Hindernisse aus dem Weg schafft. Großzügig helfen wir uns gegenseitig bei unserer Arbeit und bei unseren Aufgaben.

*       Wir stellen eine wachsende Offenheit fest, in unseren Häusern jene willkommen zu heißen, die mit uns in unserer pastoralen Tätigkeit verbunden sind, sowie jene, die über ihre Berufung nachdenken.

*       Nach den Krisen der Vergangenheit gibt es in den meisten Kommunitäten eine gemeinsame Anstrengung, neue Formen von Gemeinschaftsleben zu entdecken.

6.     Wir haben jedoch auch den Eindruck, daß einige Mitbrüder nicht an die Möglichkeit glauben, das Ideal des Gemeinschaftslebens verwirklichen zu können. Sie mögen in der Vergangenheit einiges erlebt haben, was es ihnen schwer gemacht hat, mit anderen als Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten. Nach einigen solchen Erfahrungen mögen manche sich sagen, daß es nicht die Mühe lohnt, Zusammenarbeit zu versuchen; statt dessen versuchen sie, etwas zu finden, das sie für sich allein tun können.

Die erste Gemeinschaft mag daher für einige Mitbrüder nicht ihre eigene Kommunität sein. Dafür suchen sie Freunde und Gruppen, die ihnen helfen, die Schwierigkeiten zu tragen und anzunehmen, die sie in der Gemeinschaft finden; oder sie suchen Sinn und Glück in dem, was sie für sich machen.

7.     Ein Problem ist für Mitbrüder in einigen Kommunitäten der Mangel an Erfahrung von Zuneigung. Einige halten an dem alten Ideal von Gemeinschaftsleben fest, das hauptsächlich auf Regel und Disziplin beruht/ und haben kein Interesse an brüderlicher Gemeinschaft. Es gibt aber auch einige Kommunitäten, die alle Strukturen des Gemeinschaftslebens in der Vergangenheit fallen gelassen haben, ohne daß es ihnen gelungen wäre, irgendwelche neue Strukturen zu schaffen. Dies hat ein Gefühl der Leere und Frustration hervorgerufen.

Einige Kommunitäten entdecken daher mehr und mehr die Notwendigkeit, der Affektivität in den Beziehungen in der Kommunität und zu den anderen Menschen den ihr gebührenden Platz zu geben.

8.     Wir sind daher immer noch auf dem Weg; wir suchen noch immer nach neuen Formen des Gemeinschaftslebens; Formen, die angepaßt sind den verschiedenen Kulturen und Traditionen, den verschiedenen Arten von Kommunitäten….

Wir erleben diese Herausforderung auch in der Kommunität des Generalrates; die Herausforderung: wie können wir unser Gemeinschaftsleben so gestalten, daß es ein ständiges Fortschreiten ist in der Erfahrung, im Urteilen und Abwägen, in der Bekehrung? Wie alle unsere Kommunitäten müssen wir im Generalrat stets von neuem den Weg suchen, wie wir Gemeinschaft dem, Evangelium gemäß in der Sendung der Kongregation leben und bezeugen können.

III.    DIE GRUNDLAGEN DER APOSTOLISCHEN GEMEINSCHAFT

9.     Wenn unsere Konstitutionen von "apostolischer Gemeinschaft" sprechen, verweisen sie immer auf die erste apostolische Gemeinschaft: Jesus und seine Apostel: "Das gemeinsame Leben führt dahin, daß die Mitglieder, nach dem Beispiel der Apostel (vgl. Mk 3,14; Apg 2,42-45; 4,32), in brüderlicher Verbundenheit ihre Gebete und Überlegungen, ihre Arbeiten und Sorgen, Erfolge und Mißerfolge und auch die zeitlichen Güter zusammenlegen, um dem Evangelium zu dienen." (Konst. 22)

10.   Daher müssen wir zuerst den Blick auf diese erste apostolische Gemeinschaft richten:

"Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten." (Mk 3,13-14).

Im Leben dieser apostolischen Gemeinschaft gibt es drei wesentliche Elemente:

-    von Jesus gerufen sein

-        mit Jesus sein

-        von Jesus ausgesandt werden.

11.   Wir sind als Gemeinschaft zusammengekommen nicht auf Grund unseres eigenen Entschlusses; auch nicht um der pastoralen Leistungsfähigkeit willen, oder um füreinander Stütze zu sein. Vielmehr glauben wir, daß wir vom Herrn gerufen wurden, mit ihm zu sein. Dieser Ruf ist es, der uns zu einer Gemeinschaft macht, nicht die Bande des Blutes, der Freundschaft, der gemeinsamen Überzeugungen oder der Nationalität. Dieser Ruf ermächtigt uns, eine Weiterführung der apostolischen Gemeinschaft zu sein, "Zeichen ... vor den Menschen und Zeugen der Kraft seiner Auferstehung", die "das neue und ewige Leben ankündigen" (Konst. 51).

12.   Jesus rief die Apostel, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende. Er begründete damit nicht nur diese besondere Gemeinschaft, sondern schuf auch eine neue Art von Beziehung zwischen jenen, die dieser Gemeinschaft angehört haben:

"Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe" (Joh 15,15-16).

Diese Erfahrung von Gemeinschaft (von Freundschaft) mit Jesus hat es den Aposteln ermöglicht, die Botschaft vom Reich Gottes zu hören und zu verstehen, wie Jesus sie gelebt und ausgerufen hat:

"Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Ihr aber seid selig; denn eure Augen sehen und Ohren hören." (Mt 13,13-16)

13.   Ihre Beziehung zu Jesus bringt auch eine neue Beziehung zwischen den Aposteln und Gott und eine neue Beziehung untereinander zutage.

*    Sie lernen, Gott "Vater" zu nennen: "Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat. Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater ..." (Lk 11,1-2).

*    Weil es aber nur einen Vater gibt, können sie untereinander nur Brüder sein: "lhr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel." (Mt 23,8-9).

14.   Deshalb lebt diese Gemeinschaft nach neuen Gesetzen, die völlig verschieden sind von den Gesetzen dieser Welt:

Jesus "rief sie zu sich und sagte: Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Volker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." (Mk 10,42-44).

15.   Durch diese neue Art des Zusammenlebens ist das Reich Gottes schon gegenwärtig in dieser Welt. Und die Brüderlichkeit dieser Gemeinschaft ist das Zeugnis, das die Menschen befähigt, an dieses Reich Gottes zu glauben: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (Joh 17,21).

16.   Dieser neue Stil menschlicher Gemeinschaft muß lebendig gehalten und bezeugt werden in dieser Welt von allen, die an Jesus Christus glauben: von der ganzen Kirche und von jeder christlichen Gemeinschaft in dieser Kirche.

Die besondere Aufgabe einer Ordensgemeinschaft ist es, ein prophetisches Zeichen der Lebensfähigkeit und Gültigkeit des Reiches Gottes innerhalb der Kirche und unter den Menschen zu sein. Und dieses Zeugnis geht jeder Art von ausdrücklicher Verkündigung voraus Die Erfahrung von Erlösung in Fülle, die Erfahrung" vom Vater geliebt zu werden, sollte zuerst in der Ordensgemeinschaft selber erlebt werden. Ohne diese persönliche Erfahrung würde es ziemlich schwer (wenn nicht unmöglich) sein, diese Liebe draußen zu predigen.

"Alle Redemptoristen haben die Pflicht, dem Lehramt der Kirche folgend, bescheiden und mutig unter den Menschen dem Evangelium unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus zu dienen. Er ist ja Urgrund und Urbild der neuen Menschheit. Der Kern dieser Heilsbotschaft ist die Copiosa Redemptio, die überreiche Erlösung nämlich die Liebe Gottes des Vaters, 'der uns zuerst geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat' (1Joh 4,10); durch den Heiligen Geist schenkt er allen, die an ihn glauben, das Leben" (Konst. 6).

17.   Das Leben nach den Ordensgelübden hat in sich selbst eine evangelische Kraft, wenn es anderen außerhalb unserer Gemeinschaft gegenübertritt; denn es stellt die Ideale der Welt in Frage: Ist die Gesellschaft auf Selbstbehauptung und Anhäufung von Gütern aus gelten demgegenüber in der apostolischen Gemeinschaft der Redemptoristen Mitbestimmung und Teilen aller Güter. Wird in der Gesellschaft Gewalt ausgeübt und die menschliche Würde verletzt, legt die apostolische Gemeinschaft der Redemptoristen Zeugnis ab von der bedingungslosen Achtung vor allen Mitbrüdern: sie haben alle die gleiche Würde und sind Brüder

18.   Unsere Konstitutionen sprechen ziemlich oft vom Zeugnisgeben: Als "Zeugen des Evangeliums von der Gnade Gottes" verkünden wir "vor allem die hohe Berufung des Menschen und der ganzen Menschheit" (Konst. 7).

"Die Redemptoristen werden aufmerksam prüfen, was sie je nach den Umständen tun und sagen können: ob sie Christus offen verkünden oder ihn mindestens in brüderlicher Nähe bei den Menschen schweigend bezeugen" (Konst. 8).

"Die Missionare" müssen "mit Geduld und Klugheit, aber auch mit großem Vertrauen, die Liebe Christi bezeugen und nach Kräften den Mitmenschen brüderlich nahe sein. Ihre Liebe wird sich zeigen im Beten, im aufrichtigen Dienst für die anderen und im vielfältigen Zeugnis des Lebens." (Konst. 9).

"Das Zeugnis des Lebens und der Liebe wird ... zum Zeugnis des Wortes führen" (Konst. 10).

19.   Dieses Zeugnis des Lebens und der Liebe ist für jeden von uns möglich. Und darum sind, so sagen unsere Konstitutionen, "alle Redemptoristen Missionare im vollen Sinn: ob sie in den verschiedenen Aufgaben des apostolischen Dienstes tätig sind oder ob sie daran gehindert sind ..." (Konst. 55)

"Durch diese ganze Hingabe an Christi Sendung nehmen die Redemptoristen teil an der Selbstentäußerung bis zum Kreuz des Herrn, an der ungeteilten Freiheit seines Herzens, an seiner äußersten Verfügbarkeit für das Leben der Welt. Deshalb sollen sie selbst Zeichen sein vor den Menschen und Zeugen der Kraft seiner Auferstehung, da sie das neue und ewige Leben ankündigen." (Konst. 51)

20.   Deshalb ist die apostolische Gemeinschaft, in der wir zusammenleben und zusammenarbeiten, selbst Teil des Inhalts unserer prophetischen und befreienden Verkündigung des Wortes Gottes an die Verlassenen, besonders an die Armen. Unsere apostolische Gemeinschaft ist die Tatsache, die Zeugnis gibt von der Wahrheit unserer Verkündigung. Sie ist in der Tat das grundlegende Mittel, das uns zur Verfügung steht, unsere Aufgabe zu erfüllen, uns "mit den Armen zu verbinden und ihre Grundrechte in Freiheit und Gerechtigkeit zu fördern" (Konst. 5); dehn indem wir Gemeinschaften bilden, die die Rechte und die Freiheit der Mitbrüder sorgfältig achten, geben wir unserem Predigen von Gerechtigkeit und Frieden die Grundlage,

IV.   WIE MAN DIESES PROPHETISCHE
UND BEFREIENDE ZEUGNIS LEBT

IV.1    "Wahre Brüderlichkeit begründen" (Konst. 36)

IV.1.1    Allem voran eine brüderliche Haltung

21.   Damit unsere apostolische Gemeinschaft Zeugnis ablegen kann von dieser Vision des Evangeliums, müssen wir – noch bevor wir beginnen, an Strukturen oder Organisation zu denken - eine Gemeinschaft bilden, die ihre Grundlage in christlicher Brüderlichkeit hat; eine Gemeinschaft, gegründet auf die Haltung des Teilgebens und Teilnehmens, die uns Jesus durch sein Wort und Beispiel hinterlassen hat: "Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe" (Joh 15, 12). Dieses Ideal brüderlicher Liebe, das uns Jesus gegeben hat, gewinnt im Zusammenhang unserer redemptoristischen Spiritualität eine besondere Bedeutung: unsere Liebe ist eine Fortführung der Anwesenheit des Heiligsten Erlösers für das Wohl der Menschen (Konst. 1).

22.   Unsere Gelübde legen den Grundstein für diese Haltung der Brüderlichkeit:

Gehorsam ist die Absage an jede Form von Beherrschung des einen durch den ändern; er macht geneigt, in Freiheit zu dienen (Mk 10, 42 - 45), und nimmt persönlichen Verlust hin, um das gemeinsame Gut zu sichern.

Keuschheit, der Verzicht auf das Recht auf eine eng begrenzte Welt der Zuneigung, macht offen, vielen Liebe entgegenzubringen als Antwort auf die Erfahrung, vom Herrn geliebt zu sein. Ein sorgfältig gepflegtes Leben in Keuschheit läßt in uns eine Einstellung entstehen, andere Menschen anzunehmen, ihnen zuzuhören, ihnen ohne Vorurteil und ohne Ablehnung zu begegnen, ihnen nahe zu sein, ohne sie zu besitzen, und eine tiefe Freundschaft aufzubauen.

Armut befähigt, "in jenem Geist zu leben, der die Gemeinschaft der Apostel prägte. Dadurch werden sie zum Zeichen brüderlicher Liebe der Jünger Christi" (Konst. 62).

23.   Diese tiefe christliche Freundschaft innerhalb unserer Gemeinschaft verwirklichen, ist der erste und grundlegende Schritt in der Verkündigung des befreienden Evangeliums von Frieden und Gerechtigkeit. Wir müssen aus Erfahrung und mit dem Hintergrund einer wahren christlichen Gemeinschaft sprechen können, wollen wir irgendeine Hoffnung haben, andere zu diesen sozialen Einstellungen zu bekehren, durch welche Gerechtigkeit und Frieden in unserer modernen Welt möglich werden.

24.   Ein Schlüsselbegriff in unseren Konstitutionen, der diese Haltung der Brüderlichkeit beschreibt, ist "miteinander teilen":

''Gemeinschaft bedeutet ... nicht nur rein äußeres Zusammenwohnen der Mitglieder, sondern zugleich Gemeinschaft des Geistes und der Brüderlichkeit" (Konst. 21).

"Das gemeinsame Leben führt dahin, daß die Mitglieder, nach dem Beispiel der Apostel (vgl. Mk 3,14; Apg 2, 42-45; 4,32), in brüderlicher Verbundenheit ihre Gebete und Überlegungen, ihre Arbeiten und Sorgen, Erfolge und Mißerfolge und auch die zeitlichen Güter zusammenlegen, um dem Evangelium zu dienen." (Konst. 22).

25.   Eine grundlegende (unverzichtbare) Bedingung für Brüderlichkeit, Freundschaft und Teilen ist die Anerkennung und Wertschätzung der Person di s einzelnen mit seinen Werten und Fähigkeiten (vgl. Konst. 36). "In Mitverantwortung tragen alle, jeder auf seine Weise, das Leben und die Sendung, zu denen sie berufen sind" (Konst. 35). Nur die Annahme der Mitbrüder wie sie sind öffnet den Weg zum Teilen, zur Brüderlichkeit und sogar zur Freundschaft; und führt dazu, "daß die Reife und Verantwortung aller Mitglieder gefördert werden, indem sie die Möglichkeit zu persönlichen Entscheidungen erhalten" (Konst. 36),

IV.1.2    Praktische Mittel zur Förderung dieses
christlichen Teilgebens und Teilnehmens

- Alle Mitglieder sind gleich

26.   Die erste Konsequenz, die sich aus dem Wesen einer apostolischen Gemeinschaft ergibt, ist, daß nur einer Vater ist, und daß alle Brüder sind (vgl. Mc 23,8-9), Unsere Konstitutionen sprechen das klar aus; "In der Gemeinschaft" sind "alle Mitglieder grundsätzlich gleich" (Konst. 35). Sicher gibt es in unseren redemptoristischen Kommunitäten verschiedene Aufgaben und Dienste. Aber dies ändert nichts an der Tatsache, daß wir untereinander "Brüder" sind Wenn man die Geschichte und Tradition unserer Kongregation betrachtet, müssen wir sagen, daß wir Redemptoristen in dieser Hinsicht eine tiefgehende Umkehr brauchen.

An dieser Stelle ist es wichtig darauf zu achten, wie unsere apostolische Gemeinschaft jenen einen Platz einräumt, die nicht zum priesterlichen Dienst berufen sind oder ihn nicht aktiv ausüben können: den Brüdern, den Älteren und Kranken, den jungen Mitbrüdern. Wenn wir in Wahrheit eine apostolische Gemeinschaft sein wollen, muß in unserem Umgang mit ihnen die Überzeugung zutage treten, daß wir als Redemptoristen alle gleich sind und daß alle Missionare sind (vgl. Konst. 55).

27.   Die redemptoristische Gemeinschaft anerkennt, daß jeder Mitbruder Missionar ist, und betraut ihn mit einem bestimmten Auftrag; mit der ausdrücklichen Verkündigung, dem Laienapostolat oder mit einer Aufgabe im Dienst der Gemeinschaft.

Im Hinblick auf unsere Brüder müssen wir bekennen, daß wir in der Kongregation noch immer einige Kommunitäten finden, die sie nicht als Mitbrüder behandeln, sondern als Diener. Daß jemand nicht berufen ist, zu predigen oder liturgische Feiern zu leiten, bedeutet nicht, daß er ein geringeres Recht zum Mitreden in der Gemeinschaft hat. Die Brüder haben ein Recht darauf, in ihrer Rolle anerkannt zu werden und eine Ausbildung zu erhalten, die es ihnen ermöglicht, ihre persönliche und pastorale Mission verantwortlich zu übernehmen; dieses Recht muß respektiert und sichergestellt werden. Die* Gemeinschaft sollte den Brüdern, die dazu die Fähigkeit haben, die Möglichkeit geben, eine pastorale Tätigkeit auszuüben; sie soll ihnen nach entsprechender Vorbereitung Verantwortung übertragen für pastorale Dienste, die keine Weihe erfordern.

28.   Die Achtung, Annahme und Fürsorge, die wir den älteren und kranken Mitbrüdern entgegenbringen, ist ein konkretes Zeugnis für die brüderliche Liebe im Angesicht einer Gesellschaft, die gewohnt ist, die Älteren und Gebrechlichen an den Rand des normalen Lebens zu stellen.

Da die Zahl der älteren Mitbrüder in vielen (Vize-) Provinzen zunimmt, ist es wichtig, daß jede (Vize-)Provinz den besten Weg findet, für diese Mitbrüder entsprechend vorzusorgen. Auf der einen Seite muß man darauf sehen, daß für die leiblichen und seelischen Bedürfnisse dieser Mitbrüder Vorsorge getroffen wird und sie nicht sich selbst überlassen bleiben. Auf der anderen Seite kann man von kleinen Kommunitäten mit pastoralen Verpflichtungen nicht verlangen, daß sie selber manche kranke oder ältere Mitbrüder in entsprechender Weise pflegen. Jede (Vize-)Provinz muß dieses Problem ins Auge fassen und planen, wie man einerseits Mitbrüder vorbereitet, daß sie mit den unvermeidlichen Einschränkungen, die mit Alter und Krankheit gegeben sind, zurechtkommen; und wie man anderseits für die vorhersehbaren Bedürfnisse dieser Mitbrüder Vorsorge trifft.

29.   Junge Mitbrüder, die eben erst die Profeß abgelegt haben und noch in der Ausbildung stehen, müssen ebenso mit Respekt behandelt werden. Es muß ihnen gestattet werden, am apostolischen Leben und am Gemeinschaftsleben der (Vize-)Provinz teilzunehmen in der Art und Weise, wie es im Ausbildungsprogramm festgelegt ist.

Von den jungen Mitbrüdern erfordert die Haltung christlicher Brüderlichkeit, daß sie den älteren Mitbrüdern Achtung und Offenheit entgegenbringen und bereit sind, aus deren Erfahrung zu lernen, und die Überheblichkeit zu vermeiden, die im Mangel an Erfahrung und an langer harter Arbeit ihren Grund hat. Von der Gemeinschaft her muß die Bereitschaft gegeben sein, durch das Beispiel zu lehren, neue Formen des Betens und der Mitwirkung zu bejahen und den nötigen Spielraum für Versuche und Initiativen zu geben.

Die jungen Mitbrüder, die in unsere Arbeit eintreten, können nicht als bloße Ersatzmänner betrachtet werden, die fortzuführen und zu wiederholen haben, was bisher getan wurde. Eine Erneuerung der Pastoral und der Gemeinschaft ist nicht möglich ohne die Verschmelzung der Erfahrung der Älteren mit der Kreativität und Energie der Jüngeren. Wenn wir eine Kongregation wollen, die sich ständig erneuert, müssen wir alle Mitbrüder ermutigen, offen zu sein für die neuen pastoralen Nöte und für neue Wege der Evangelisierung.

-  Zusammen sein

30.   Eine Gemeinschaft des brüderlichen Teilens erfordert, daß wir Zeit haben zusammenzusein. Jede Kommunität sollte günstige Gelegenheiten ausfindig machen, wann sich wenigstens die Mehrheit der Kommunität treffen kann. Dies sollte regelmäßig geschehen: jeden Tag in Häusern, wo die Kommunität zusammenlebt; jede Woche oder jeden Monat in Kommunitäten, wo die Mitbrüder getrennt leben müssen. Mahlzeiten sind gegebene Momente für das brüderliche Zusammensein. Ein gemeinsames Mahl ist das natürlichste Zeichen von Freundschaft: die das Brot miteinander teilen, teilen die grundlegenden Mittel zum Leben. Jede Gemeinschaft sollte große Anstrengungen machen, regelmäßig zum gemeinsamen Mahl zusammenzukommen. Ebenso wichtig sind Zeiten für die gemeinsame Erholung, sei es täglich, sei es bei besonderen Festen, wie z.B. ein "Gaudeamus", ein gemeinsamer Ausflug oder ähnliches.

31.   Ein zweiter Schritt von großer Bedeutung sind die regelmäßigen Zusammenkünfte der Kommunität. Damit meinen wir nicht Treffen zur Besprechung von Angelegenheiten und Vorhaben, zur Erstellung des Haushaltsplanes usw. – solche Treffen sind in jeder Kommunität notwendig. Von weitaus größerer Bedeutung für unser Thema aber sind die Zusammenkünfte, in denen ein Austausch von Einstellungen, theologischen Auffassungen, von Sorgen und Ängsten stattfindet.

Viele Provinzen haben ein einfaches Programm für Zusammenkünfte entwickelt, die eine Lebensprüfung zum Ziel haben und alle 3-4 Monate stattfinden. Im Mittelpunkt solcher Zusammenkünfte steht das Lesen der Heiligen Schrift oder der Konstitutionen; danach ist Zeit für persönliches Nachdenken und Beten; darauf folgt ein Austausch der Überlegungen. In diesen Momenten erfahren wir von einander, was uns im Innern bewegt: etwas von den Empfindungen, Bedürfnissen, Freuden und Leiden; und dies ist Voraussetzung dafür, daß wir einander verstehen und einander einfühlsam begegnen. Damit fangen wir an, die Hindernisse aus dem Weg zu räumer, die uns davon abhalten, die menschliche Begrenztheit und Schwäche des anderen zu sehen; und wir können beginnen, die Hilfen zu geben, die wir für das Leben brauchen.

32.   Schließlich dürfen wir nicht übersehen, was für diese christliche Brüderlichkeit grundlegend wichtig ist: die Sehnsucht nach Bekehrung und das Gebet in diesem Anliegen. Wir müssen den Herrn bitten um das Geschenk, einen Sinn zu bekommen für die grundsätzliche Gleichheit aller Mitbrüder; und um die Bereitschaft, unsere missionarische Aufgabe gemeinsam zu verwirklichen. Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Gnade der Bekehrung, der Demut, des Hungers nach Gerechtigkeit. Von daher ergibt sich die Notwendigkeit, dem Gemeinschaftsgebet neu Beachtung zu schenken und es zu pflegen.

33.   Eine unverzichtbare Aufgabe für alle christlichen Gemeinschaften, die wie die unsere das Evangelium brüderlich leben wollen, ist das gemeinsame Sichaneignen des Wortes Gottes. Eine Gemeinschaft, die nicht gemeinsam beten kann, kann auch keine Gemeinschaft christlicher Brüderlichkeit sein.

Das Miteinander-Teilen des Wortes Gottes muß Licht bringen in die Ereignisse und Vorgänge, die die Gemeinschaft betreffen und die Menschen, denen wir dienen, und konkrete Verpflichtungen zu Gerechtigkeit und Frieden zur Folge haben.

Die genaue Einhaltung der Zeiten des gemeinsamen Gebetes kann diese Möglichkeit schaffen. Jede Kommunität sollte regelmäßig zur Feier der Eucharistie und/ oder des Stundengebetes zusammenkommen; Homilie und Austausch von Überlegungen sollten darin einen Platz haben; so könnte die Kommunität dahin kommen, das Evangelium Jesu als ihre Mitte und als Quelle der Inspiration zu erfahren. Gemeinsames Bittgebet, das sich unserer evangelischen Sendung bewußt ist, weiß: "Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten" (Mt 18,19). Daher ist das Zusammenkommen zum Gebet, sei es zu Hause oder während der Zeit der Missionsarbeit, ein Beweis für unsere Überzeugung, daß unsere Gemeinschaft aus dem Evangelium lebt.

IV.2    "Ein der Sache und dem Geiste
nach armes Leben" (Konst. 68)

34.   Das evangelische Zeugnis unseres Gemeinschaftslebens und "die missionarische Liebe" verlangen "von den Redemptoristen, daß sie ein wirklich armes Leben führen, das den Lebensbedingungen der Armen, denen sie das Evangelium verkünden, entspricht. Auf diese Weise bekunden sie Solidarität mit den Armen und werden für sie zu einem Zeichen der Hoffnung." (Konst. 65).

35.   Der gegenwärtige Skandal, daß einige immer reicher werden und zwei Drittel der Menschheit immer mehr verarmen - und dies zweitausend Jahre nachdem Jesus die Gute Nachricht verkündet hat –, muß uns zu einer gründlichen Überprüfung der Armut bewegen, zu der wir uns verpflichtet haben. Wir müssen zugeben, daß unsere Armutspraxis stark angeschlagen ist durch Verweltlichung und Konsumdenken; dies hat dazu geführt, daß ein Abstand besteht zwischen unserem Lebensstandard und dem der Mehrheit der Menschen, und daß wir das Gespür für soziale Ungerechtigkeit verloren haben.

36.   Wenn wir uns von den Armen ansprechen und herausfordern lassen (a pauperibus evangelizari), bedeutet das zweifellos, daß wir als Gemeinschaft uns der sozialen Ungerechtigkeit in der Welt bewußt werden und die Möglichkeit eines Lebens anderer Art bezeugen. Dazu brauchen wir die Gnade; und den Willen, ungeeignete Gesinnungen und Haltungen zu ändern, um den Weisungen Jesu wieder die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

37.   Viele Dimensionen der Erfahrung und der Botschaft des heiligen Alfons hinsichtlich der Armut der Redemptoristen müssen mit großem Ernst wieder aufgegriffen werden, wenn wir aus dem Hauptthema (des Generalkapitels) die konkreten Folgerungen für uns ziehen wollen. Die folgenden vier Gesichtspunkte erscheinen uns als die wichtigsten:

IV.2.1    Teilen der Güter

38.   Wie immer wir Armut verstehen – Tatsache ist, daß die Praxis der Armut in den redemptoristischen Kommunitäten immer bedeutet hat: "ein gemeinsames Leben führen", das heißt: unsere Güter teilen (vgl. Konst. 64). Wir glauben, daß dieses tägliche Teilen mit all seinen Konsequenzen heute vielleicht der einzige Gesichtspunkt ist, den wir angeben können, um diesem Gelübde für uns und für andere einen Sinn zu geben. "Die Güter teilen" heißt: jeder erhält, was notwendig ist; niemand ist auf Geschenke von Außenstehenden angewiesen; keiner sucht etwas Besseres, als der andere hat; alle sind bereit, ihre Einnahmen und ihre Arbeiten beizusteuern. Eine solche Gemeinschaft der Güter ist für die Welt ein Zeichen der Hoffnung. "Das freiwillige Zusammenlegen aller Güter in der Gemeinschaft fördert in besonderer Weise den Willen zur Einheit und zum Teilen, besonders mit den Kleinen und Armen. Denn nach dem Beispiel Christi, der uns alles geschenkt hat, gehört zur Armut das Teilen mit anderen." (Stat. 044)

39.   Das Teilen der Güter innerhalb unserer Kommunität und innerhalb unserer Kongregation legt Zeugnis ab von einer Gesellschaftsform, die eine Alternative darstellt zu denen der kapitalistischen und der sozialistischen Welt. Das Zusammenlegen all unserer Güter und Einnahmen im Interesse des gemeinsamen Wohls und zugunsten unseres Apostolates bringt effektive ausgleichende Gerechtigkeit hervor.

40.   Die Güter teilen mit den Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft ist uns ebenfalls Verpflichtung. Es besagt: wir vermeiden wirtschaftliche Bereicherung der Gemeinschaft; wir zeigen so unsere Solidarität mit der großen Mehrheit der Menschen, die bar jeden Reichtums sind. Wenn privates persönliches Eigentum innerhalb unser Kongregation unzuläßlich ist, dann muß privates Eigentum der Gemeinschaft ebenfalls immer Gegenstand der Überprüfung sein. Angesichts der ungestillten fundamentalen Bedürfnisse so vieler Armer werden vielleicht manche Pläne für Häuser, Autos, Einrichtungsgegenstände usw. sündhaft extravagant. Wir glauben, daß eine vernünftige Finanzplanung Sorge tragen sollte für die jetzige Generation, ohne für die nächste einen gefährlichen Reichtum zu schaffen.

IV.2.2    Loslösung

41.   Der Geist des Teilens, der oben skizziert wurde, ist aber nicht möglich ohne die Grundhaltung des Losgelöstseins, die ein Kennzeichen der Geistigkeit des heiligen Alfons war (distacco). Sie bringt eine geistige, manchmal sogar eine räumliche Distanz zur materialistischen und Konsumorientierten Gesellschaft, in der wir uns selbst befinden: wir sind in der Welt, aber ohne dem Bösen ihres Systems anzugehören (Joh 17,14-15).

Wenn das Verlangen nach immer mehr Besitz und die Bindung an materielle Güter (Haltungen, die tatsächlich "Zeichen unserer Zeit" sind) in unseren Kommunitäten Eingang finden, dann werden wir in unserem persönlichen Leben, im Leben unserer Kommunitäten und (Vize-)Provinzen das "Haben" über das "Sein" stellen und zu Agenten der gegenwärtigen Ungerechtigkeit werden. Es erscheint wichtig, daß wir in unseren Kommunitäten Fragen überlegen wie: die Geldreserven, die wir für die Zukunft anlegen; der persönliche Gebrauch von Geld und Geschenken; Komfort und Standard von Autos, Unterhaltung usw.; die Länge und Häufigkeit unserer Ferien usw. Es gibt keine leichten Antworten auf diese heiklen Fragen; noch gibt es rasche Zustimmung und Einmütigkeit. Solche Entscheidungen können nur erreicht werden durch ein tiefes Verlangen nach Bekehrung zürn Herrn, der reich war und unsertwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2Kor 8,9).

Dieses Gespür für die Notwendigkeit der Loslösung ist ein wichtiges Zeichen, das unsere brüderliche Gemeinschaft unserer Zeit geben kann und einer Welt, die nicht zum Teilen bereit ist, sondern nur absichern will, was sie hat.

IV.2.3    Genügsamkeit

42.   Das gemeinsame Teilen kann nur gelebt werden, wenn jeder seine Sehnsüchte in Grenzen zu halten sucht und "falschen Bedürfnissen" entgegentritt, die dahin wirken, daß was bloß nützlich ist, "unentbehrlich" wird, und was tatsächlich überflüssig ist, "notwendig" wird. Genügsamkeit bedeutet: zufrieden sein mit dem, was für unser Leben notwendig ist: ausreichende Nahrung, dezente Wohnung, hinreichende Gesundheit, entsprechende Aus- und Weiterbildung, notwendige technische Geräte für die pastorale Tätigkeit und geeignete Möglichkeiten für Erholung und Entspannung. Das Nein zur Anhäufung überflüssiger Güter, oder wichtiger: zur Schaffung künstlicher Bedürfnisse, kommt aus einem sozialen Empfinden, das seine Wurzeln im Evangelium hat. Es ist eine Antwort der Gemeinschaft auf den Ruf Christi, ihn in den Armen zu sehen, die in unserer Umgebung leben, und in so vielen anderen Menschen in Not. Wir können überflüssige Ausgaben für uns selbst, unser Häuser, unsere Provinzen nicht rechtfertigen, wenn man damit bezahlen kann, was für andere Menschen zum Überleben notwendig ist. "Als Mitglieder einer Gemeinschaft, welche die Verkündigung der frohen Botschaft an die Armen zum Ziel hat, sollen die Redemptoristen ein waches Empfinden haben für die Armut in der Welt und für die großen sozialen Probleme, die fast überall die Menschen bedrücken." (Stat. 044).

IV.2.4    Unsere Häuser

43.   Bei der Planung von zukünftigen Gründungen sollten wir ernsthaft die Handlungsweise des heiligen Alfons aufgreifen, die er bezüglich des Standortes unserer Häuser verfolgt hat: daß nämlich die Häuser inmitten der Menschen gegründet werden, denen zu dienen wir verpflichtet sind, um für sie immer verfügbar zu sein. Soziologische Untersuchungen haben erbracht, daß der gesellschaftliche Platz Bewußtsein und Einstellung des Menschen bestimmt, der dort lebt. Der Standort unserer Häuser hat daher Einfluß auf die dort lebende Kommunität. Wir wurden gegründet, um besonders den Armen die frohe Botschaft zu verkünden; wir sollten daher dort leben, wo sie sind.

Eines der großen Ärgernisse in der Kongregation ist, daß viele (Vize-)Provinzen an Gründungen festhalten aus der irregeleiteten Vorstellung, man müsse die Tätigkeit an diesem Ort unbedingt weiterführen, weil die Kongregation dort einst eine Gründung errichtet hat. Das Festhalten an Gründungen, in denen die Anwesenheit der Redemptoristen ihre Berechtigung verloren hat, und die genausogut von anderen betreut werden könnten, widerspricht einem der grundlegendsten Kennzeichen redemptoristischer Loslösung: "Auch die Bedingungen eines Lebens, das sie vielleicht von einem Ort zum ändern ruft, sollen sie gern auf sich nehmen. So können sie im Geist der Selbstverleugnung zu einem Leben in evangelischer Freiheit gelangen" (Konst. 67). In vielen Fallen verhindert ein solches Festhalten die Übernahme von Arbeiten, die den Verlassenen und besonders den Armen besser dienlich wären.

IV.3       Die offene Gemeinschaft

44.   Den Armen das Evangelium verkünden und uns von den Armen ansprechen und herausfordern lassen bedeutet: als Gemeinschaft den Menschen nahe sein. Dies war ein fester Brauch von der Gründung der Kongregation an; und wir finden es von neuem in unseren Konstitutionen ausgesprochen.

"Soll sich eine erfolgreiche Missionsarbeit entwickeln, sind neben der Zusammenarbeit in der Kirche eine angemessene Kenntnis und Erfahrung der Welt unerläßlich. Darum werden die Redemptoristen zuversichtlich den missionarischen Dialog mit der Welt pflegen. Die bedrückenden Fragen der Menschen suchen sie in mitmenschlichem Verstehen zu deuten und darin echte Zeichen von Gottes Gegenwart und Absicht zu entdecken." (Konst. 19).

Die Ordensgemeinschaft "soll auf die Welt hin in solcher Weise offen sein, daß sie durch den Umgang mit den Menschen fähig wird, die Zeichen der Zeit und des Ortes zu erkennen und den Erfordernissen der Verkündigung zu entsprechen." (Konst. 43).

45.        Eine der großen Traditionen unserer Kongregation in ihren Anfängen war die sogenannte "immerwährende Mission", begonnen vom heiligen Alfons selbst. Ein Teil dieser Mission war das Gebet mit dem Volk: zweimal am Tag machte die Kommunität ihre Betrachtung zusammen mit dem Volk in unseren Kirchen, ebenso die Besuchung des allerheiligsten Sakramentes. Die Tradition ging verloren, als wir das Gemeinschaftsgebet in unsere Hauskapellen verlegten.

Das Gebet gibt unserem Glauben Ausdruck und wird eine Predigt, wenn wir es mit dem Volk zusammen verrichten. Die Einladung zu unserem Gemeinschaftsgebet und die Ermöglichung der Teilnahme daran ist ein Gesichtspunkt alfonsianischer Spiritualität, den wiederzubeleben der Mühe wert ist.

46.   Das letzte Generalkapitel hat die Zusammenarbeit mit den Laien stark betont. Wir sollten dies aber nicht nur auf Zusammenarbeit im Apostolat beschränken. Wenn es für uns entscheidende Lebensnorm ist, in Gemeinschaft zu leben und die apostolische Aufgabe durch die Gemeinschaft zu erfüllen, (vgl. Konst. 2l), bringt dies mit sich, daß wir unsere Laienmitarbeiter auch auf irgendeine Weise in unser Gemeinschaftsleben miteinbeziehen sollten. Wenn man die Mitarbeit der Laien so versteht, könnte dies unserem eher sterilen Konzept der Oblaten neues Leben geben.

Wir möchten die Provinzen, die neue Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenschlusses mit Laien begonnen haben, ermutigen, diese Anstrengungen fortzusetzen und ihre Erfahrungen ändern mitzuteilen.

47.   Unsere Kommunitäten haben jungen Menschen gegenüber eine besondere Sendung. Viele junge Menschen sind auf der Suche nach einer Erfahrung von freundlicher Aufnahme, von Gemeinschaft und von Miteinander-Teilen, in der sie Sinn und Richtung für ihr Leben entdecken können. Unsere Kommunitäten könnten diesen Platz zur Verfügung stellen.

In ihrer Botschaft an die Redemptoristen nach dem Treffen in Pagani sagten die jungen Menschen: "Ein Geschenk, das verstärkt angeboten werden müßte, ist, für junge Menschen die Möglichkeit offenzuhalten, Christus begegnen zu können. Dazu ist notwendig, daß ihr eure Häuser als Orte der Begegnung und des Gebetes für Laien öffnet, besonders für junge Menschen, die die neuen Armen in der Welt sind. ...Habt keine Angst, die Spiritualität des heiligen Alfons und seine Lebensumstände mit uns zu teilen."

48.   "In manchen Fällen können sich Mitbrüder veranlaßt sehen, mit Zustimmung der Gemeinschaft die Not und Unsicherheit der ärmeren Schichten auch tatsächlich zu teilen" (Stat. 045). Jede redemptoristische Kommunität sollte nahe bei den Menschen sein, aber nicht jede Kommunität kann im Volk sein im Sinne dieses Statuts,

In einigen Provinzen, besonders in der Dritten Welt, folgen einige Kommunitäten den Empfehlungen dieses Statuts und leben mitten im Volk (als "inserted communities"); das heißt; diese Kommunitäten nehmen den Lebensstil der Armen an, in deren Mitte sie leben, und arbeiten mit ihnen an der Verwirklichung der Befreiung. Wir haben große Hochachtung vor diesen Kommunitäten und den Mitbrüdern, die dort leben.

Das Leben in diesen Kommunitäten kann jedoch ziemlich schwer sein und setzt die Mitbrüder manchmal großem psychischem Druck aus, Sie brauchen daher die volle Unterstützung ihrer Provinz. Die Provinzleitung sollte Sorge tragen, daß die Mitbrüder Raum und Zeit haben, als wahre redemptoristische Gemeinschaft zu leben, damit die Gefahr vermieden wird, daß sie sich verausgaben.

49.   Viele Provinzen haben Schwierigkeiten, den zweiten Teil des Hauptthemas (des Generalkapitels) zu verstehen und in die Tat umzusetzen: "uns von den Armen ansprechen und herausfordern lassen".

Ein Weg, die Bedeutung dieses Auftrags zu verstehen, könnte sein, unsere Häuser mehr für die Menschen zu öffnen, ihnen zuzuhören, den Glauben, das Gebet, die Einsicht und die Arbeit mit ihnen zu teilen - auf eine Weise, die die notwendige Privatsphäre der Mitbrüder beachtet.

Wir sind überzeugt, daß eine Bekehrung im Hinblick auf die Art und Weise, wie wir die Gemeinschaft sehen und leben, und auch im Hinblick auf unser persönliches Leben in Gang kommen könnte durch eine offenere Haltung in unserem Gemeinschaftsleben.

V.    SCHLUSSÜBERLEGUNG

50.   Am Ende unseres ersten Rundschreibens über den Auftrag des Generalkapitels haben wir einige Fragen zum Nachdenken vorgelegt; darunter waren auch Fragen über "gemeinschaftliches Leben und Solidarität mit den Armen" (vgl. Communicanda 4, Nr. 9.3).

Wir möchten sie hier noch einmal anführen:

'"Das gemeinschaftliche Leben soll den Gegebenheiten jeder Region angepaßt sein und zu einem wirksamen Zeugnis der Armut und der Solidarität mit den Armen werden' (Stat. 046.2).

Der Lebensstil unserer Gemeinschaft muß der Situation der Menschen, unter denen wir leben und arbeiten, entsprechen. Dies verlangt von uns auch eine Inkulturation. Unsere Entscheidung für die Armen verlangt darüber hinaus eine Einfachheit im Lebensstil, die unsere Verkündigung unter den Armen glaubwürdig macht.

-        Ist unser Lebensstil ein Ausdruck der Solidarität mit den Armen, denen wir das Evangelium verkünden?

-        Sind unsere Kommunitäten für die Menschen, zu denen wir gesandt sind, verständnisvoll und offen?

-        Sehen wir eine Möglichkeit, die konkrete Not und Unsicherheit der ärmeren Schichten tatsächlich zuteilen, wie es in Stat. 045 beschrieben wird?

-        Wie gehen wir mit dem Geld um (Erwerb, Anlagen, Ausgaben)?

-        Wie praktizieren wir die Solidarität mit den Armen innerhalb unserer eigenen Kongregation? "

51.   Soviele Menschen auf der Welt sind allein, entfremdet, bar jeder Hoffnung. Sie suchen nach einer Alternative zu ihrer täglichen Erfahrung in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Menschen müssen die frohe Botschaft hören und erfahren; die frohe Botschaft, die Erlösung in Fülle und Befreiung ist. Wir versuchen, diese Alternative in unseren Kommunitäten zu leben als eine prophetische und befreiende Verkündigung der frohen Botschaft.

Aber "wenn die Stunde kommt, da der Herr ihnen die Tür des Wortes öffnet (vgl. Kol 4,3), müssen die Redemptoristen jederzeit bereit sein, von der in ihnen lebenden Hoffnung Zeugnis abzulegen (vgl. 1Pet 3,15)."

Unsere ausdrückliche Verkündigung des Wortes ergänzt "das stille Zeugnis brüderlicher Nähe", indem wir "freimütig und beharrlich das Geheimnis Christi predigen" (Konst. 10).

Mit brüderlichen Grüßen,

Juan M. Lasso de la Vega, C.Ss.R.
Generaloberer